JV 177.
Freitag, den 3. August.
1888
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§ Eine „Salonkirche"
hat vor Kurzem ein Berliner Blatt den Katholizismus in Frankreich genannt. In dem schärfsten oder schärferen Sinne genommen, ist der Ausdruck unrichtig und gegen die katholische Kirche in Frankreich ungerecht, aber daß die Beztichnung in gewissem Sinne ihre Berechtigung hat, läßt sich nicht abstreiten. Wollten wir den Katholizismus in Frankreich nach den Spenden für wohlthätige Zwecke, den Gaben für den hl. Vater, die Missionen rc. taxiren, so würde z. B. der deutsche Katholizismus tief unter ihm stehen, nehmen wir aber einen andern Vergleichspunkt, z. B. den Kirchenbesuch, so stellt sich die Sache wesentlich ander« und zu Ungunsten Frankreichs. Ein deutscher Katholik, der etwas auf seine Religion hält, und das darf man doch getrost von 19 Zwanzigstel behaupten, würde sich schämen, zu gestehen, daß er an einem Sonntage die hl. Mesie versäumt habe; in Frankreich gibt es sehr viele Gegenden, auch auf dem platten Lande, wo der Kirchenbefuch der erwachsenen Männer, und theilweise auch der Frauen, eine Ausnahme ist. Nach hohen Festtagen kann man da nicht rechnen, denn an diesen ist es „guter
Ton", in der Kirche zu erscheinen und in seinem „Parvissien“ zu beten — solche Leute würden es sehr übel nehmen, wenn man sie schlechte Katholiken schälte, Gott bewahre, schlechte Katholiken find in ihren Augen die „Prussiens“, die, mögen sie auch noch so eifrig sein, in den Augen Wr vieler Franzosen |itt» yuqie
Protestanten bleiben, während der Franzose, auch wenn er nur dreimal im Jahre und vielleicht noch seltener die Kirche von Innen sieht, stets „bon catholique“ bleibt. Da haben wir ein Stück „Salonkirche". „ . .
Geht der Klingelbeutel für gute Zwecke um, so gibt der Franzose gern und reichlich, er wird darin nur von dem nordamerckamschen Katholiken übertroffen — es ist ebenso Mode, man muß be- weisen, daß man „bon catholique* ifi. In Deutschland ist man im Geben ost ein wenig knauserig, in der Beziehung möchte man wünschen, daß man sich bet un» etwa» mehr von der „Salonkirche ""lvaß^in Deutschland die Achtung und Verehrung sür den Priester eine sehr große ist, läßt sich nicht bestreiten, wir haben es in den KulturkampfS-Jah-
Moordrüke.
Novelle von I. v. Dir link.
(2. Fortsetzung.)
„Flucht nicht!" rief er heiser, „aber Himmel- schrÄend ist es, daß Ihr nicht Vernunft annehmen wollt, und doch" — unterbrach er sich, „wenn ich es recht bedenke, ist es nur ein Vorurtheil von Euch, dem Ihr das Kind opfern wollt, und ich müßte ein rechter Narr und kein praktischer Arne- rikaner sein, wenn ich nicht meinen eigenen Weg einschlagen und so zum Ziele kommen würde. Ja wohl, alte Frau! Und nun AdM auch! Ich gehe direkt von hier zu Gertrud; sie ist alt genug, selbst zu entscheiden; denn mit dem vorgeblichen Trennungsschmerz ist es nicht weit her bei Euch, sonst hättet Ihr das Mädel nicht von Euch n einen Dienst gegeben. Damit gut! Lebt wohl! rief er, seinen Hut aufstülpend und sich zum Gehen wendend.
Fluchend stampfte er in den Nebel hinein; der Schnee knirschte unter seinen Füßen und klebte an seinen Sohlen, und die eisig kalte Feuchte in der Luft schnitt ihm scharf in's Gesicht, hing sich wre mit tausend spitzen Nadeln in Bart und Haar und breitete sich wie ein Flor vor seinen Augen
reit gesehen und erfahren. An Sittenreinheit und Frömmigkeit steht der französische Klerus dem deutschen durchaus nicht nach, derselbe verdient die größte Hochachtung, aber was ihm fehlt, ist die innige Berührung mit dem Volke. Bei uns steht der Priester mitten im Volke, er ist mit ihm verwachsen und in Folge befielt vertraut; in Frankreich steht er vielfach über oder gar neben dem Volke, deshalb vermag er seinen priesterlichen Beruf oft bei Weitem nicht in so allseitiger, intensiver Weise geltend zu machen, wie es bei uns der Fall ist — wieder ein Stück Salonkirche.
Kommt man in eine französische Kirche, so sieht man sehr oft eine auffallende Rangordnung der Plätze, die an die verschieden bezahlten Sitze im Theater erinnert, da hat die reiche Marquise oder Fabrikantenfrau ihre sammetgepolsterten Sitze, welche Wappen oder Namen in prunkvoller Weise tragen; andere Plätze sind einfacher, aber stets noch exklusiv ausgestattet, statt der Bänke findet man vielfach Stühle, die Knieschemel und Sitz zugleich find. Wer nicht auf einen solchen „abonnirt", muß für die Benützung während des Gottesdienstes so und so viele Sou» zahlen, die während der hl. Messe oder Predigt von einem Kirchendiener eingesammelt werden. Wer nicht zahlen kann oder will, muß stehen. Im Allgemeinen gilt in Deutsch« lanb für da» Gotteshaus diese Rangordnung nicht, und das ist ein Segen, denn das französische System erinnert uns stark an die, ^Sal§Ak,ixchL". nicht vor, daß wir den Pharisäer'spielten und den Franzosen als Zöllner sehen möchten. Nicht um uns zu überheben, haben wir auf Obiges That- sächliche aufmerksam gemacht, wir haben vor unserer eigenen Thüre genug zu kehren, e« würde uns in manchen Punkten gut anstehen, an unsere Zöllnerbrust zu schlagen, aber zur Kennzeichnung der Mißstände und zur heilsamen Warnung ist eine Vergleichung nöthig. Arbeiten wir, Geistliche rote Laien, eifrig an der Abstellung der bei uns vorhandenen Schäden, hüten wir uns vor dem Eindringen neuer, daun dürfen wir auch wünschen, daß in Frankreich der gleiche Eifer entstehe. Es wird in der That hohe Zeit dazu; der Liberalismus und die Loge arbeiten mit vollem Dampfe an der Entchristlichung und Revolutionirung des Landes, das der katholischen Kirche so unendlich viel verdankt, und wenn die Bevölkerung nicht zu
au» wie mächtige, riesenhafte Leichentücher, die über ihm zusammenwallend, ihm die Brust beengten.
„Eine nichtsnutzige Einöde," murmelte er, zornig bett Boden stampfend und mit seinem Stocke nach einer Schaar Krähen zielend, die sein wuchtiger Schritt au» dem Wachholder-Gestrüpp aufgescheucht hatte und die nun schwerfällig mit hei- serem Gekrächze an ihm vorüberschoß. „Und welche infame Erdhöhle! Zu diesem Dohlen- und Raben- qezüchte und sonstigem Nachtgefieder, dazu paßt die alte Unke in der Moorhütte, aber nicht meine muntere Lerche," knurrte er ingrimmig. „Ach, meine Schwester war auch so ein muntere», leichtlebige» Ding, wer weiß, wie man sie hier mißhandelt hat, bevor sie in ihre Heimath zurückge- kehrt ist. Denn ohne Grund hätte, durfte sie ihren braven Hendrik nicht verlassen."
Unterdeß kauerte Drüke den Kopf auf die Hand gestützt, noch immer am Herde. Eine quälende Unruhe folterte sie, denn die Drohung be» Fremden beschwor alle Dämonen ber Furcht vor ihre Seele. Wenn Gertrud, durch die Vorspiegelungen de» Fremden verführt, schwankend wurde, ihm Gehör gab und Diejenige schmachvoll verließ, die ihre Kindheit behütet, und wa» noch mehr war, mit dem bösen Feinde, dem ihr eingeborenen Erblaster,
der Erkenntniß gebracht wird, daß ein „bon catho- lique“ auch nach den christlichen Pflichten sich strengstens richten muß, kann in der That die Gefahr eintreten, daß einem Volke, welches sich de» Lichtes des Glaubens unwürdig erweist, mit dem Glaubenslichte auch feine Bedeutung, feilte Größe, fein Glück genommen wird.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. August.
* Die .Kreuzzeitung' warnt die Antisemiten im sechsten Berliner Wahlkreise, einen Kandidaten Böckel'scher Richtung aufzustellen. Der Antisemitismus dieses Herrn sei weiter nichts, als eine mit judenfeindlichen Fetzen drapirte Abart der Sozialdemokratie; „niemals, schreibt das genannte Blatt, wird die konservative Partei für einen Kandidaten dieser Sorte auch nur eine Stimme zur Verfügung stellen. Dagegen darf m»t Sicherheit darauf gerechnet werden, daß zwischen den vernünftigen, der Stöcker'schen Richtung nahestehenden Antisemiten und bett Konservativen eine Kooperation nicht nur in Berlin sich unschwer wirb anbahnen lassen. Die Wahrnehmungen ber jüngsten Zeit haben bte Ueberzeu- gung von ber Nothwenbigkeit be« energischen Zu- :ückdrängens jüdischen Uebermuthe» und ber Un- chädlichmachung des jüdischen Terrorismus in weiten Kreisen be«
hin können, dieser sich steigernden berechtigten Be- roegung im deutschen Volke erhöhte Beachtung zu schenken, wenn anders dieselbe nicht in ebenso unfruchtbare wie unheilvolle Bahnen einlenken soll. Der konservative Antisemitismus wird neben der Beseitigung des roirthschaftlichen Druckes, den das Judenthum auf da» deutsche Volk ausübt, vor Allem zu erstreben haben, daß unserem Staatsund Volksleben die unschätzbaren Güter der christlichen Ehe, der christlichen Schule und der christ- lichen Obrigkeit erhalten bleiben, beziehungsweise wiedergewonnen werden." So die .Kreuzzeitung'. — Ob die Konservativen in ihrer Gesammtheit diese Auffassung auch praktisch betätigen werden, ist freilich eine andere Frage, denn sie find ersten» im Kartell, wo man bekanntlich ziemlich judenfreundlich sein muß. zweiten» haben die Juden Geld, Geld, Geld, da« Andere sehr oft nicht haben.
um ihre Seele gerungen hatte? Nie zuvor war der Gedanke an die Möglichkeit, daß ein Angehöriger der leichtfertigen Frau jemal» Ansprüche an da» Kind erheben könne, in ihr aufgestiegen. Und nun sprang e» unerwartet au» dem Erdboden vor ihr auf, da» Unglück einer Trennung von dem Kinde.
Gertrud glich dem Aeußeren nach ihrem Vater, aber von Wefen und Natur war fle da» Ebenbild ber Mutter, eine Erkenntniß, bte Drüke jetzt wahre Angstschauer burch die Glieder trieb; denn Treue, die ihr viel mehr al» alle Liebe und Anhänglichkeit galt. Treue lag Geyrud nicht im Blute; wa» nun, wenn da» lebenslustige Dmg vor eine Wahl gestellt wurde, die erprobte Grund- sätze erschüttern konnte? . ,
Während der alten Frau diese Gedanken durch den Sinn zogen, war ihr zu Muthe, als gähne ein Abgrund zu ihren Füßen, der sie verschlingen werde: ber Abgrunb einer endlosen, ununterbrochenen Einsamkeit, wie er ihr in bem Riefen- „rabe ber tobten Moorwüste bisher zwar auch entgegengestarrt hatte, aber burch die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit dem Kinde, durch da» Bewußtsein der Zusammengehörigkeit mit ihm, und daß die Trennung willkürlich sei, wie mit