1888
Donnerstag, den 2. August.
176.
Zeitung
Muer
Die «Fuldaer Zeitung- erscheint täglich., Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonn-m-ntspreis ohn-Bringerl°hnund Bestellgeld: 1 M. 50 Pf.« mit der belletristischen Wochenbeilage Stern« und Blumen m Fu^a 1 M. 70 Pt-, auswärts I M 75 Pf.
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Deutsches Reich.
Berlin, 1. August.
♦ Das Kanzlerblatt, die ,Nordd. Allg. Ztg.' findet bei den Blättern des Freisinns, z. B. bei der .Voffischen' und freisinnigen Zeitung', fteundliches Entgegenkommen, den Ritt gegen die neuen, die deutschkonservativen „Reichsfeinde" an der Seite der ,Norddeutschen', der .Kölnischen Zeitung' und der .Post' mitzumachen. Und das hat die Angst vor der Verkirchlichung der Schule fertig gebracht! Wie sich doch so rasch die Zeiten ändern! Herr Eugen Richter, der gestern auf der von den Wogen der Ostsee umbrandetea Insel Rügen, in Saßnitz, seinen 50. Geburtstag feierte, hat neben einem fortschrittlichen „Eugen-Richter- Fond»" im Betrage von 100,000 M. jedenfalls auch zahlreiche Glückwünsche bekommen, aber weder das eine noch das andere mag heute sein Herz so erfreut haben, als wie die sichere Aussicht, bei den nächsten Landtagswahlen Arm in Arm mit den Nationalliberalen und unter dem Schutze der Regierung gegen die Confervativen in den Wahlkampf ziehen zu können. Ja, ja, die ,Nordd. Allg. Ztg.'! Wie wird Eugen Richter seinen früheren Gegner Pindter freundlich umhalsen, wenn er aus der Sommerfrische von Saßnitz nach Berlin zurückkehrt!
*Die Gesammtkosten des öffentlichen Unterrichts in Preußen werden in einer neuerlich ausgestellten Statistik auf nahezu 211 Millionen angegeben, so daß an Auf- Wendungen für Unterricktszwecke auf den Kopf der Bevölkerung ca. 7,4 M. jährlich entfallen. Von dieser Summe werden verwendet: Für Universitäten 15,8 Millionen, für höhere Lehranstalten 29 1, für dar Elementar-UnterrichtSwesen 156,9 und für die Fachschulen 8,9 Millionen Mark. Diese Summen werden nach jener Statistik zu 31,05 Prozent aus Staatsmitteln, zu 46,19 Prozent durch die Kommunalverbände und zu 22,76 Prozent durch eigene Einnahmen, Sttftungen, Zuwendungen rc. aufgebracht.
* Spandau. 1. Aug. Der Kaiser traf um 4 Uhr 16 Min. hier ein und fuhr ohne Aufenthalt zum Landungsplatz, von da mit dem Dampfer „Alexandria" nach Potsdam.
• Im Koburger Familienrathe ist eine
Moordrüke.
Novelle von I. v. Dirkink.
(1. Fortsetzung.)
„Mein Name ist Fritz Mangel." rief der Fremde mit überlauter Stimme, als ob Drüke, deren unbeweglichen Zügen die Neugierde Spannung verlieh, stocktaub gewesen wäre. Während er seinen runden lacktrten Hut auf den Tisch und sich selbst auf den schwarzen wackeligen Binsenstuhl an der Heerdmauer warf, bewegte sich Drüke, die verklommenen Hände an der blauleinenen Schürze abreibend, langsam näher, indeß ein fliegende» Roth über die broncenen Züge hinlief und da» graue, mit einer Kattunhaube bedeckte Haupt leise zu zittern begann.
„Ich bin von Geburt ein Schwabe," fuhr der Fremde fort, „wohne aber seit zwanzig Jahren in Amerika. Staat M'siouri, Neuengelberg, und komme einzig her, um Euere Enkelin, meine Nichte kennen zu lernen."
Wieder nickte Drüke wortlos und sank an der Heerdstelle nieder, schob mit der Feuerzange die glimmenden Törfe näher zusammen, blies die Gluth an und begann ihre Hände daran zu erwärmen.
Einigung nicht erzielt worden. Die Prinzessin Clementine will, daß ihr Sohn unter allen Umständen in Bulgarien bleibe. Der Herzog von Montpenfier verlangte dagegen, daß Prinz Ferdinand das bulgarische „Abenteuer" aufgebe. Die orleanistischen Bestrebungen würden dadurch umsoweniger Schaden erleiden, al» Prinz Waldemar von Dänemarck, der dann doch die meisten Aussichten hätte, auf Bulgarien« Thron zu kommen, mit dem Orleans verschwägert sei. Herzog Ernst von Sachsen-Koburg, der Senior der Familie Ko- burg, war von vornherein ein Gegner des bulgarischen Unternehmens, für das er auch im Verlaufe desselben keine Sympathien erlangt hat.
* Au» Görlitz wird gemeldet, daß mehrere Ortschaften der Umgegend von Wanderheuschrecken heimgesucht wurden. Viele Felder find kahl ge- fltfien.
• Bei dem gestrigen Festzuge in München haben nach j tzt vorliegender offiziöser Meldung durch Ausbrechen von vier Elephanten zwei Frauen ihren Tod gefunden. zwei Herren erlitten Arm- brüche, ferner fanden 11 Verletzungen weniger gefährlicher Art statt. Eine Elephantenreiterin wurde beim Herabspringen von diesem getreten und trug einen Rippenbruch davon.
Ausland.
* Wien, 30. Juli. Der österreichische Katholikentag wird in den letzten Tagen de» November (etwa 27: bis 30. November) im großen Mufik-Vereinssaale hierselbsi abgehalten werden. Ein großes Komilv, welches sich in Sektionen für katholische Vereinsthätigkeit, Preffe, Schule, So- ziales und Formalien gegliedert hat, ist mit den Vorbereitungsarbeiten beschäftigt. Die Gesammt- leitung ruht in den Händen des kaiserl. könrgl. Legationsraths a. D. Grafen Anton Pergen.
♦ Die serbische Ehescheidungsaffaire hat bis jetzt nur ein negatives Ergebniß gehabt. Das Konsistorium, bei dem König Milan die Scheidungsklage einreichte, hat ablehnend entschieden. Ueber die Verhandlungen, welche der Schwager der Königin Natalie, Fürst Ghika, mit dem Czaren gepflogen, verlautet noch nichts zuverlässtge». Fürst Ghika begibt sich von Petersburg aus zu seiner Schwägerin nach Scheveningen. König Milan trifft in den ersten Augusttagen in Wien
„Seht, alte Frau!" erhob er von Neuem seine Stimme, „mein erster Gang war zu Eurem Pfarrer, weil ich, Goddam! keine Ahnung von Eurer eigentlichen Residenz und auch nicht ein bischen Wissenschaft von Euren Familienverhält- nisten besaß. So erfuhr ich, daß meine Nichte beim Doktor Behrnsen im Dienste steht und darauf war mein zweiter Gang zu ihr. Was ich an dem Kinde fand, hat meine kühnsten Erwartungen übertroffen. Jawohl, das hat's!" bekräfttgte er, mit dem Stock an die Stiefelschäfte schlagend. „Eine prächttge Gestalt hat's Mädel uvd die blauen, treuen Augen von der Mutter, meiner einzigen Schwester, Kathi, Gott hab' sie selig."
Ec fuhr sich mit dem Rücken der Hand über die Augen, während ein Ausdruck verbistenen Ingrimms Drüke'» Züge verschärfte.
„In den Augm liegt da» Herz, nicht wahr, Mutter Drüke?" fragte er scheinbar arglo»; „deshalb liebe ich meine Nichte auf den ersten Blick schon, denn sie hat'» goldne Herz der Kathli und ich hab' goldene Pläne für'» Mädel und deshalb ist mein dritter Gang zu Euch! Denn da ich Gertrud an Kindesstatt annehmen möchte, so muß sie mir in meine neue Heimath folgen, natürlich! Ohne Euere Einwilligung geht va» aber wohl schwerlich; bedenkt nun: ich bin an Geld und
ein und begibt sich von dort au» nach dem Bayerischen Hochlande, wobei er auch den Prinzregenten von Bayern zu besuchen gedenkt.
* Den Beschluß de» Pariser Munizipalrath», den strikenden Erdarbeitern eine Unterstützung au» dem Stadtsäckel nicht zu gewähren, hat auf den Strike keinen Einfluß gehabt. Die Zahl der Strikenden ist auf etwa 10,000 angeschwollen. Die Strikenden durchziehen in starken Trupp» die Straßen und suchen die noch arbeitenden Genoffen zur Niederlegung der Arbeit zu bewegen. Würden die Letzteren nicht durch Polizei und Milttär geschützt, so gebe e» Mord und Todtschlag. Die aufgestellten starken Militärposten sollen mit scharfen Patronen versehen sein.
* Der Kronprinz von Italien, der sich auf der Reise nach Deutschland befindet, hat in der Schweiz nicht Aufenthalt genommen. Es ist möglich, daß derselbe direkt nach Berlin kommt und sich erst später an den sächsischen Hof begiebt, um so mehr als das sächsische Königspaar zur Zeit noch in Skandinavien weilt.
* Rom, 28. Juli. Gegen die von der Regierung und dem Panlamente beschloffene Aufhebung der in einigen Landestheilen noch bestehenden Zehnten an die Geistlichkeit ist vom päpstlichen Stuhle Verwahrung erhoben worden. Einige geistliche Behörden haben demgemäß in besondern Erlaffen die Fortdauer der Verpflichtung zur Entrichtung jener Zehnten verkündet. Neuerdings sind nun einige Pfarrer, welche solche Erlaffe verbreiteten, wegen Auflehnung gegen Gesetz und Obrigkeit unter Anklage gestellt worden. Offenbar geschieht ihnen Unrecht, da e» dem Staate genügen muß, seinen Arm nicht mehr zur Beitreibung jener Zehnten herzuleihen, es ihn aber nicht zu kümmern braucht, wenn die früheru Zehntpflichtigen bestimmt werden, die Zehnten freiwillig weiter zu leisten.
— Nach dem ,Temp»' wäre der Besuch de» Kaiser» Wilhelm wie folgt angeregt worden. Auf dem Bahnhofe der ewigen Stadt würde Kaiser Wilhelm n. von König Humbert abgeholt werden. Von da au» begäbe fich dann der deutsche Kaiser direkt in den Vatikan, bevor er dem Quirinal einen Besuch abstattete. (Wir nehmen diese Nachricht mit recht großem Mißtrauen auf, noch mehr aber eine Wiener Meldung desselben Blatte», daß
Gut ein reicher Mann, aber an Liebe arm, denn meine Ehe ist kinderlos", seufzte er.
„So," räusperte sich Drüke und netzte die Lippen mit der Zunge. „Und justement weil Ihr reich seid, meint Ihr, muß ich Euch das Kind geben, das ich mühselig auferzogen hab'? Und meine Verlaffenheit rechnet Ihr für nichts und ich stehe mit einem Fuß im Grabe?" sagte Drüke in th fiter Tonlage mit zitternder Stimme.
Ein längere Pause erfolgte.
„Ach so," rief Mangel, wie nach einigem Bedenken, „für Euch ist auch Platz auf meiner Besitzung. Ich habe drüben nämlich eine prächtige Farm, ein sogenanntes Erbe, mit dem sich die Höfe Euerer Großbauern hier nicht meffen können."
„Und wenn dem so wäre," knurrte Drücke mit einem stechenden Blick voll Mißtrauens auf ihr Gegenüber, „wer sagt Euch, daß ich mich von „meiner Besitzung" trennen will. Jede Mutter liebt ihre Butter. Keine zehn Pferde können mich von meinem Anwesen ziehen. Nein, die Sonne wirb eher dort aufgehen, wo sie untergeht, bevor ich mich anders besinne," betonte sie grollend, durch das spöttische Lächeln de» Andern gereizt, auf den da« Wott: „meine Besitzung" in ihrem Munde angesichts dieser jammervollen Umgebung geradezu komisch wirken wußte. Und während seine Augen