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* Die Ueberfüllung des juristischen Standes.

Wie gerechtfertigt die seit Jahren laut gewor­benen Klagen über die Ueberfüllung des Juristen­standes, insbesondere in Preußen, sind, beweist das einschlägige ziffermäßige Material, welche« die ,Stat. Korrespondenz' bezüglich des Königreich- Preußen in ihrer letzten Nummer veröffentlicht. Allerdings hat das Studium der Rechtrwiffenschast auf den neun preußischen Universitäten in den letzten Jahren etwas abgenommen, nachdem in den letzten zwanzig Jahren die Frequenz der ju­ristischen Fakultät sich verdoppelt hatte. Während nämlich die Jurisprudenz in den Jahren 1861 bi» 1866 durchschnittlich von 1207 Studenten betrieben wurde, zählte man im Wintersemester 1882/83 nicht weniger als 2645 Juristen auf den preußischen Universitäten. Von da ab stellte sich ein Abfallen der Hochfluth ein; die Semester von 1886/87 zählten durchschnittlich nur noch 2063 Studenten. Diesem Rückgänge entsprechend sehen wir auch die Zahl der im Vorbereitungs­dienst bei den Justizbehörden beschäftigten Refe­rendare in den letzten Jahren langsam fallen. Dieselbe betrug 1869 und 1870 durchschnittlich nur 1540, stieg dann aber bis zum Jahre 1885 auf 3883. um 1886/87 wieder auf 3554 zu finken. Nach diesen Ziffern ist in den nächsten Jahren zwar eine weitere Verminderung der Zahl der Referendare zu erwarten, während mit Rück­sicht darauf, daß das Referendariat mit Einschluß der großen Staatsprüfung reichlich fünf Jahre dauert, die Zahl der Assessoren natürlich vor­erst noch steigen muß. Im Jahre 1887 haben nicht weniger al« 704 Gerichtsreferendare — die höchste je in Preußen erreichte Ziffer — da« Assessorexamen bestanden, während 1871 nur 157 diese Prüfung durchmachten. Tritt fchon in tie­fen Ziffern ein übermäßiger und ungesunder An­drang zur richterlichen und Rechtsanwalts-Lauf­bahn zu Tage, so zeigt sich die Ueberfüllung des Juristenstandes um so deutlicher, wenn man die Amtsstellen in der Justiz dazu in Betracht zieht. Im Jahre 1887 gab es in Preußen 4234 Richter und Staatsanwälte und 3068 Rechtsan­wälte und Notare. Die Zahl der letzteren betrug 1878 nur 2148, ein deutliches Zeichen dafür, daß

die Ueberfüllung des Juristenstandes zunächst in der freien Advokatur einen Ausweg gesucht hat. Das rapide Wachsen der Zahl der Rechtsanwälte binnen zehn Jahren hat notorisch in der Rechts­anwaltschaft bereits zu einer Ueberfüllung ge­führt , die für den Stand selbst wie für den Erwerb schwere Gefahren in sich birgt. In der Staatsverwaltung, alle Betriebsverwaltungen mit­eingerechnet, finden wir 1887 im Ganzen 1865 juristisch vorgebildete Beamte, in der Kommunal­verwaltung etwa 400. Im Ganzen kann man wohl an Amtsstellen für juristisch gebildete Be­amte (Richter, Staatsanwälte, Rechtsanwälte, Verwaltungsbeamte, Kommunalbeamte) die Ziffer 9500 annehmen. Danach kamen auf je 100 Stellen für Juristen 1878 4,3 Assessoren, 1887 dagegen 8,4. Und wie viel Stellen werden nun alljährlich für diesen reichlichen Nachwuchs frei? Im Jahre 1887 find 154 Richter und Staats­anwälte erstmalig angestellt, was bei 4234 vor­handenen Stellen für solche eine durchschnittliche Dienstdauer von 27*/g Jahren ergibt. Die,Stat. Korr.' rechnet das Weitere aus, daß bei einer Anzahl von fast 2000 Assessoren und 320—340 jährlichen Vakanzen (für alle Stellen) jetzt jeder Assessor als durchschnittlich sechs Jahre auf An­stellung warten muß. Der Jurist steht also vom bestandenen Abiturienten-Examen bi« zur Anstellung mindesten» 15 Jahre ver­gehen; gewiß keine verlockende Aussicht I Da ist wohl die Mahnung berechtigt, daß ein Jeder, der vor die Wahl eines Berufes gestellt ist, mit sorg­samster Ueberlegung und Gewissenhaftigkeit zu Werke gehen möge, bevor er sich zur juristischen Laufbahn entschließt; die Wege sind nicht mehr so eben und gefahrlos, die ihn zu dem erstrebten hohen Ziele führen sollen. Uebrigen« weist die Gegenwart fast in allen Berufsklassen mit akade­mischer Blldnng, den Theologenstand allein aus­genommen, einen Ueberfluß an Kräften auf. Der Mediziner, der die Praxis beginnen will, klagt gleichermaßen wie der Philologe, der sehnsüchtig auf die staatliche Anstellung wartet. Gerade be­züglich dieser beiden Karrieren hat der Kultus­minister Dr. v. Goßler noch in der letzten Session de« Abgeordnetenhauses ziffermäßige» Material ge­geben, das leider auch hier in gleichem Maße, wie beim Juristenstande die Kalamität der Ueber­

füllung in einer Beforgniß erregender Weise her­vortreten läßt.

Deutsches Reich.

Berlin, 31. Juli.

• Wenn die europäischen Parlamente in die Ferien und die Herrscher auf Reisen gegangen find, soll für die Verfasser und die Leser der Zeitungen die sogen, „stille Zeit" fein. Diesmal werden wir zu keiner rechten Stille kommen, da die Wahlbewegung fortwährend neuen Stoff besorgt, obschon uns roch drei Monate vom Wahl­termine trennen. Es klagen freilich Viele über das „öde, langweilige Kartellgezänk", aber es kommen doch stets wieder Zwischenfälle in dem­selben vor, die beachtet werden müssen. Die Sache spitzt sich immer mehr dahin zu, daß der rechte Flügel der Konservativen in die Reihe der „Reichsfeinde" geschoben, bei den Wahlen mög­lichst geschwächt und im Nothfalle sogar von den übrigen sogen. Konservativen ab gesprengt wer­den soll. Nicht allein die Mittelparteiler und die Offiziösen, sondern sogar die „Konservative Korre­spondenz", das eigene „Parteiorgan", greift Herrn v. Rauch Haupt und Genossen an, und gewisse Anzeichen deuten darauf hin, daß ein häuslicher Streit zwischen den selbständigen und bismarckischen Konservativen entbrennen wird. Etwas Gutes kann diese Gährung haben. Der konservativen Partei werden jetzt so ungeheuerliche Zumuchungen der Selbsterniedrigung gemacht, daß fich nun endlich zeigen muß, wie viel Weizen neben der Spreu in dieser Fraktion noch vorhanden ist. Wenn wirklich eine kleine, aber tapfere Schaar von muthigen, selbständigen Konservativen fich abtrennen und als eigene Partei konstituiren sollte, so wäre das vielleicht ein glücklicher Anfang zur Gesundung unserer Parteiverhältniffe, welche durch den außer­gewöhnlichen Einfluß de» Fürsten Bismarck in arge Verwirrung gerathen sind. Es steht in der That wie Undank aus, daß man die Konservativen, denen es gewiß am guten Willen der Regierung gegenüber weniger gefehlt hat, als an der klaren Einsicht in Betreff ihrer Sage, so ohne Weiteres zum alten Eisen wirst und als „Reichsfeinde" be­handelt; aber wenn bei irgend einer Partei, so gilt es bei den Konservativen: tu l’as voulu

Moordrüke.

Novelle von I. v. Dir link.

(Nachdruck verboten.)

„Dar Bruch", so nennen die Leute in M., einem westfälischen Städtchen nahe der holländischen Grenze ein unübersehbares Sumpfgebiet, wo der Torfgräber, das Grabscheit in der Hand, den schwankenden Boden unter den Füßen, mit ange­strengtester Kraft bemüht ist, dem zähen, faserigen Erdreich das nothwendige Brennmaterial abzuge­winnen.

Wie ein Ocean des Morastes erscheint diese braune Wüste dem Auge, das bei ihrem Anblick ermüdet, während die erdrückende Oede und melan­cholische Stille d<e Brust einschnürt, und ein mit Grausen vermischte» Gefühl der Verlassenhett die Seele beschleicht.

Aber dennoch hinterläßt diese» Stück Urnatur, dieser umoirthbare Punkt der Erde, einen mäch­tigen Eindruck in dem Wanderer und wäre er selbst mit der majestätischen Schönheit und gigan­tischen Ruhe der Pußta, der Pampa» und Prairien Amerika» vertraut. Und auch de» idyllischen Reize» entbehrt da» Moor so wenig wie die Haide; ob­gleich dort wie hier kein Baum noch Strauch grünt, kein Singvogel sein Lied ertönen läßt, son­

dern nur die Brut der Sümpfe ein traumhafte» Dasein fristet und Unkenruf und Eulenschrei die kriechenden Nebel durchfährt.

Wie die Zelte eine» fremden Nomadenstammes, der hier fein Lager aufgeschlagen, so dämmern die Kuppeln und Thürme und Pyramiden der Torfmaffen herüber; und so oft sich die Sonne in den Wasserlachen und schilfumhegten Tümpeln spiegelt, blitzt und flimmert e» auf dem tobten Grunde wie leuchtendes Geschmeide, da» an einem Sarkophage funkelt.

Aber wenn der Frühling in’» Land zieht, dann erglüht auch diese» Stiefkind der Natur unter seinem Kusse, und webt emsig an seinem Braut- gewanbe, unb schlingt taufenb liebliche Blümchen und Kräuter und Gräser und Algen zu Sträußen, und stickt Jri« und Seerosen in seinen dunklen, von Ginster mit goldenen Fransen besetzten Mantel, über den der Abendsonnenschein purpurnen Schimmer verbreitet.

Eingang« diese« Moore» erhebt sich, von einem verkrüppelten Geschlecht der Birken und Wachholder umrauscht, eine zerfallene Lehmhütte mit modrigem Holzwerk, an dem der Nordost spottend zerrt und rüttelt, so oft er pfeifend und johlend über da» Moor dahinstürmt.

Hier hauste Moordrüke, seitdem sie ihre Enkelin

Gettrud in einen städtischen Dienst gegeben, mutter» seelen allein. Groß, hager, knochig, erinnerte sie an die naturfarbigen Holzstguren altdeutscher Schnitzereien, denn fünfzig im Torfbruch verlebte Jahre hatten sie in eine athmende Mumie ver­wandelt; Gram, Sorge und Arrnuth hatte ihre Züge durchfurcht, chr Haupt tief gebeugt, da» sie in der Jugend, al» Tochter eine» Großbauern, gar hoch getragen hatte.

Gewiß hätte e» für einen Maler, der darauf erpicht gewesen, ein düstere» Gemälde zu schaffen, keinen dankbareren Vorwurf gegeben, al» die Er­scheinung der Greisin im Rahmen der braunen Moorwüste, während diese, im geisterhaften Licht der halb verschleietten Mondsichel flimmernd, einen märchenhaften Hintergrund für die Gestalt einer Sibylle geboten hätte, ober während das Moor von Nebelschleiern umwogt, au« den phantastischen Gebilden der grauen Wolkenmassen, die reckenhafte Erscheinung der einsamen Wanderin al« Norne hätte hervortreten lassen.

Nicht selten ist e« die Noch ober tue Schult», welche ben Menschen zum Ansiebler in tiefem Sumpfgebiete macht.

Moordrüke hatte da« Schicksal wie versteint, und der Eirpanzer, der ihr Herz umschloß und ihrem nordischen Phlegma da« Gepräge starrer

Mittwoch, dm 1. August. 1888

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