JM 174. Dienstag, den 31. Juli. 1888
Jiliter M Icitmg.
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*** Politische Brunnenvergifter.
Als im vorigen Jahre die »Freisinnige Zeitung' eine sehr lange Liste von Zeitungm jeder Troße brachte, welche regelmäßig aus dem Berliner Preßbureau ihre Leitartikeln ic. beziehen, wunderte man sich anfangs über die große Zahl der „Reptilienblätter" in weiten Kreisen des Publikums nicht wenig. Auch mancher Redakteur eines unabhängigen Blattes mag anfangs gestaunt haben, aber sobald er in seiner nähern Umgebung den Kreisblättern und den an allen Ecken und Kanten auftauchenden Winkelorganen näher in den Text sah, als er sonst bei bedeutungslosen Organen zu thun gewohnt ist, wird er di« Erfahrung gemacht haben, daß Eugen Richter'» Liste noch sehr unvollständig war, sie würde sich wahrscheinlich bei einiger Bemühung verdoppeln lassen, in der That hat auch die .Freisinnige Zeitung' dies Jahr derselben einen nicht unBebeutenben Nachtrag Beigefügt.
Die Reptile bieses Kalibers sinb eine Bisher noch gar wenig gewürbigte SpezieS. Ihre Aufgabe ist, bie „Anschauungen ber Regierung", wie bie reptilistischen Tintenritter ihre Probukte nennen, auf bas glatte Lanb, in bie entferntesten Adern des Volkes zu tragen, den Leuten, bie alles glauben, „weil es gebrückt ist", bas Tollste munbgerechter zu machen, bas Unbequeme zu verschweigen, unb wenn das nicht geht, eS zu bemänteln.
Hält man bei solchen kleinen offiziösen Blättern — bie kleinen unb kleinsten bilben bie Mehr- zahl — Umschau, so findet man sosort, daß „zwei Seelen in ihrer Brust wohnen". Vorn prangt ein Leitartikel, z. B. über die Rüppigkeit des Eugen Richter, ober über bie Welfität des Abg. Windthorst ober über bie Segnungen ber lanbräthlichen Wahlbekehrungen, ober über bie Ueberflüssigkeit einer bestimmten Parteieinrichtung; solche Artikel sinb vielfach nicht ohne Geschick geschrieben, hie unb ba schlagen sie sogar einen recht volksthümlichen Ton an, aber jeber Satz ist tenbenziös, jebe Zeile zweckbewußt, ben Schluß bildet entweder eine moralische Entrüstung über die Schlechtigkeit der Opposition oder über bie bebauernswerthe Verkennung ber Regierungsabsichten. — Dann kommt ber „politische Theil", halb Arbeit bes Preßbureau's, halb Scheerenarbeit ber „Rebaktion", ersterer von Tendenz, letzterer von Ungeschick zeugend. — In ber Parlamentszeit wirb ber Parlamentsbericht „kurz unb bünbig" gegeben, aber stets so, daß die unbequemen Reden ganz übergangen oder ihre Worte harmlos gemacht bezw. entstellt werden.
Damit hört das „Berliner Fabrikat" auf. Der unpolitische Theil ist „Redaktionsarbeit", eine Sammlung von Zeitungsabschnitten provinziellen oder vermischten Charakters, möglichst farblos und möglichst „pikant", bie „Original-Artikel" sinb meist derart, baß ber Kenner sofort herausfinbet, wie wenig ber sogenannte „Re- bakteur" im Staube war, einen eingesanbten Bericht auch nur Halbwegs bruckfähig zu machen. Nur eines versteht man in solchen Kreisen: Vereinslob Hubelei unb Personenkultus.
Ein „bequemes" Berfahren, nicht wahr? Dasselbe hat sich in bet That soweit ausgebildet, daß es bei den kleinen Reptilienblättern zur Regel geworden ist. Die Herstellung einer „Zeitung" ist auf diese Weise sehr billig: ber politische Theil wirb gratis unb franko geliefert, bie amtlichen Inserate werden gut bezahlt, eine Anzahl Abonnenten findet sich in dem arbeitslosen Theile des Publikums ebenfalls — mein Herz, was willst du noch mehr?
Auf diese Weise wird die Arbeit des Preßbureaus bis in die Hütten getragen, bas Publikum wirb Woche für Woche „bearbeitet", ohne eine Ahnung bavon zu haben, unb kommt bann bie Zeit bet Wahlen heran, so ist basselbe sowett vorbereitet, baß eS berbere Kost vertragen kann; bie Reptile arbeiten bann mit Hochdruck unb erreichen vielfach mehr, als man ahnen sollte. —
Dem katholischen Lesepublikum darf man es zur
Ehre nachsagen, daß es so politisch geschult ist, daß es Reptllien-Fabrikatm sehr wenig Geschmack abgewinnen kann. Aber auf eine immer drohender werdende Gefahr müssen wir doch wieder unb wieder aufmerksam machen: auf die seit der „Friedensaera" mehr und mehr austauchenden sogenannten „gut katholischen" Blätter. Bis vor einigen Jahren kannte man sie nicht, vielmehr thaten sich die Reptilien-Organe in katholischen Gegenden durch besondere Virtuosität im Schimpfen auf bie „Ultramontanen" hervor, bie Folge war, daß sie meist so lange florirten, bis sie am Abonnentenschwund eines langsamen Todes starben. Inder letzten Zeit scheint man im „Reptilien» Preßbureau eingesehen zu haben, daß man mit solchem Vorgehen „die Pferde scheu machte", deshalb ist jetzt das entgegengesetzte beliebt worden: „parteilos" heißt bie Firma jetzt, wo bie Bevölkerung konfessionell gemischt ist, „gut katholisch" beziehungsweise „katholisch", wo sie katholisch ist. Wir glauben bie Beobachtung gemacht zu haben, baß im offiziösen Bureau eine eigene „kathol. Abtheilung" existirt, bie zwar noch mit ziemlich ungeschickten Persönlichkeiten besetzt ist, aber bie „hübscheste Versumpfung" verspricht. Es gibt ein sehr klares Kennzeichen „gut katholischer" Blätter, nämlich, baß dieselben niemals sagen, sie vertteten ben Standpunkt des Cen, trums. Fehlt das Wort „Centrum" in der Abonnements - Ankündigung, bann ist bie Sache bei neubegrünbeten „ katho lischen" Blättern faul. Ich selbst hatte vor nicht langer Zeit Gelegenhett, eine solche Erfahrung zu machen. Es tauchte ein Winkelblättchen auf, welches sich „katholisch" nannte. Der Inhalt schien mir baS sehr »tmig zu bestätigen, weshalb ich in einem mir befteunbeten Centrumsblatte meine Zweifel aussprach, zunächst ganz allgemein. Die Antwort bes Blättchens war eine hochrührsame Betreuerung seines Katholizismus. Well, bachte ich, gehen wir benn jetzt „auf s Ganze", wie ber Berliner sagt: ich fragte bas Blatt, ob es politisch auf bem Centrumspunkte stehe. Antwort: „Kein Konkurrenz-Organ (!) hat das Recht, uns vor die heilige Inquisition zu stellen, wir haben Leser, die selbst urtheilen können." Jetzt wußte ich genug, erfuhr aber noch nachträglich, daß 1) das betreff. Blatt auswärts bei einem Protestanten gedruckt wurde, 2) daß der Satz desselben, die Leitartikel eingeschlossen, aus einem anerkannten Reptilienblatte zusammengestoppelt war, 3) daß bie Erwiebemngen gegen mich einen Protestanten zum Verfasser hatten!
Aehnliches wirb mehrfach Vorkommen, beshalb halten wir es für unsere Pflicht, bas katholische Publikum, namentlich bas preußische, angesichts ber Lanbtagswahlen zu ersuchen, boch sehr vorsichtig in ber Wahl seiner Zeitung zu sein. Der Feinb hat feine Netze weit ausgespannt, es ist Sache ber Leser selbst, barauf zu achten unb ihnen aus bem Wege zu gehen.
Deutsches Reich.
Berlin, 30. Juli.
• Die ,RH. Wests. Ztg.' ließ fich bekanntlich melden, Excellenz Windthorst sei ernstlich leidend und zwar herzleidend; die Aerzte seien, zumal bei seinem hohen Alter von 77 Jahren, sehr besorgt um ihn; zwei Hannoversche Aerzte hätten ihm entschieden verboten, wieder nach Berlin zu reisen und in die Parlamente einzutreten. Windthorst habe darauf geantwortet, wenn er er „noch eben könnte", wolle er er doch noch versuchen. — Darauf erwidert der .Nassauer Bote': Offenbar hat der Schreiber diese» die kleine Excellenz nicht gesehen, wie ste vor einigen Tagen hier in Limburg war. Drei längere Reden hat seine Excellenz hier fast hintereinander gehalten, eine im engeren Kreise seiner Freunde und hernach zwei in der Constantia, jedesmal mit volltönender, kräftiger, im hintersten Winkel de» großen Vereinssaale» verständlicher Stimme, und mit
einer Klarheit in Entwickelung ernster politischer Gedanken, und mit einem Humor und einer Schlag- :ertigkeit bei der Behandlung heiteren Stoffe», wie ste eben nur unserem Windthorst zu Gebote stehen- Wenn die Excellenz von ihrem „Herzleiden" hört, wird ste demselben jedenfalls eine sehr heitere Deutung geben. Eine Krankheit hat Windthorst, das sind seine 77 Jahre — aber kein Mensch merkt sie ihm an, und glücklicher Weise er selbst auch nicht, denn er hat sich bei seinem letzten Hiersein 2 von den berühmten Limburger Leberwürsten mitgenommen, während er früher nur 1 brauchte. Gott geseg'n e» ihm!
* Der Abgeordnete Eugen Richter, der Führer der deutschfteifinnigen Partei, feiert heute seinen fünfzigsten Geburtstag. Es wurde ihm, um diesen Tag zu ehren, von seinen Parteigenossen, ein Kapital von 100,000 Mark überwiesen, da» zu Parteizwecken verwendet werden soll. Au» diesem Anlaß schreibt die .Germania' u. A.: Al» Sohn eine» hohen Militärarztes in Düsseldorf am 30. Juli 1838 geboren, studirte Eugen Richter Rechtsund Staat-Wissenschaften zu Bonn, Heidelberg und Berlin, widmete sich nach abgelegten Prüfungen dem Verwaltungsfach, fungtrte von 1859 bis 1864 bei der Bezirksregierung zu Düsseldorf als Regierungs-Referendar, beziehungsweise Regierungsassessor, hatte auch ein Landrathsamt interimini- stifch zu verwalten, und wurde im Juli 1864 zum Bürgermeister in Neuwied gewählt, von der Regierung aber nicht bestätigt. Als er nun gegen seinen Willen nach Bromberg versetzt werden sollte, trat Richter au» dem Staatsdienst und siedelte nach Berlin über. Im Jahre 1867 wurde er int Kreise Nordhausen in den konstituirenden norddeutschen Rt ichstag gewählt, 1871 vom Fürsten- thum Schwarzburg-Ruldolstadt in den deutschen Reichstag, dem er früher ununterbrochen angehört. In da« preußische Abgeordnetenhaus trat er im Jahre 1869 ein. Als Parlamentarier, Parteiführer, Wahl-Letter, Agitator und Publizist ist, Alle» in Allem genommen, Richter allmählich in der Fortschritts- und seit der Fusion von 1884 auch in der deutschfreisinnigen Partei da» wichtigste Mitglied geworden — ein Wort, welche» wir darum zunächst zur Charakterifirung wählen, weil dasselbe allgemein zugegeben werden muß. Auch darüber wird kaum Abweichung im Urthelle selbst der verschiedensten Parteien bestehen, daß Richter einen überaus scharfen Verstand, große Schlagfertigkeit und Gewandtheit der Rede, ein umfassendes und gründliche» Wissen auf sehr vielen Gebieten der Tagesfragen, eine gewaltig große und unermüdliche Arbeitskraft mit grenzenloser Hingebung au seine Thätigkeit und einen durchaus selbständigen und entschiedenen Charakter besitzt. Das Urtheil beginnt, wie selbstverständlich, ein je nach der Parteistellung verschiedene» zu werden, sobald die Grundsätze und die Richtung seine» polüischen Wirken» auf den zahlreichen Gebieten, auf denen Richter hervorragend thätig ist, in Betracht gezogen werden, und seine Methode, Taktik und dergleichen finden manchmal auch unter den Parteigenossen nicht nur Zweifler, sondern auch Kritiker.....
In einer charakterlosen Zeit hat er nie Gesinnungslosigkeit bewiesen, in einer haltlosen Zeit niemals gewankt, gegenüber kriechendem Streber- t hum hat er schonungslos feine kräftigen Streiche geführt. Und er durfte es, weil er selbst nicht dazu gehörte 1 Wir haben ihn ost als Gegner gehabt und oft gemeinschaftlich mit ihm gekämpft und mußten da oft Freunde „mit Vorbehalt" und auch Gegner „mit Anerkennung ' fein, aber au» unserem öffentlichen Leben möchten wir Eugen Richter durchaus nicht missen!"