1888
Montag, den 30. Juli.
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X Ein Wort.
Original-Skizze von I. v. Dir link.
(Schluß.)
Ich verstummte und brach in Thränen aus. Marga sagte immer noch kein Wort. Ich wollte sie um Verzeihung bitten. Sie schüttelte den Kopf. Nach einer Pause fragte sie mit vornehmer Ruhe:
„Hast Du die Wahrheit gesprochen, Dürthen?"
Ich kämpfte. War es nicht besser zu verneinen, als ihr den Dolch jetzt noch immer tiefer in die Seele zu bohren. Doch nein, nein! Ich nickte.
„Noch ein«, liebe Dürthen," preßte sie, heiseren Tones, hervor. „Kennst Du den Namen des Offiziers, der um mich werben soll?"
Während ich, von Reue und tiefer Seelerqual gefoltert, überlegte, ob ich nicht besser wildfremde Namen nennen und das arme Kind von feiner Sorge befreien sollte, indem sie dem Träger dieses Namens ja nie begegnen würde, wollte es das Unglück, daß Sie, Herr General, an unferm Fenster vorübergingen. Sie waren damals noch ein blutjunger Offizier und blond.
Ihr Name von Zinkenau fiel mir plötzlich wie Blei auf die Seele. Ich fühlte, wie mein Herz«
Deutsches Reich.
Berlin, 28. Juli.
♦ Die Landtagswahlen sollen, wie verlautet, in den ersten Tagen de» November stattfinden. Da die Urwahlen im Jahre 1885 am 29. Oktober erfolgten, so laufen die Mandate der Abgeordneten an demselben Tage diese» Jahre» ab, und e» ist eine Auflösung de» Hause» vorher nicht nothwendig.
• Der Nachricht, daß im Herbste in Berlin eine Monarchen - Zusammenkunft stattfinden werde, wird von informirter Seite auf da» Bestimmteste widersprochen; ebenso der Meldung, daß der Kaiser von Rußland eine Erwiderung de« Besuche» unsere» Kaiser» im Herbste in stchere Stus» ficht gestellt habe.
♦ Zur Superreoifion bei neuen Jnfanterie- exerzierreglement» tritt hier demnächst eine Kommission höherer Offiziere zusammen.
* Der Herr Erzbischof Dr. Dinder, welcher bekanntlich zu seiner Erholung und Kräftigung gegenwärttg in Berchtesgaden Milt, beabfichtigt, wie nach Posener Blättern verlautet, nach Beendigung seiner Kur sich nach Rom zu begeben, um daselbst mit dem Papste verschiedene, die Gnesen-Posener Erzdiözese betreffenden Angelegenheiten zu besprechen.
• au«©olingen, 27.Juli, schreibt man der .Köln. Bolksztg.': Die hiesige evangelische Kirche war heute Abend der Schauplatz schlimmer ©eenen, herovrgerufen durch den Fanatismus des Predigers THümmel. Nachdem der Solinger Schützenverein dem Evangelischen Bunde die geräumige Schützenburg zur Abhaltung des Vortrages verweigert hatte, sollte der letztere, wie mitgetheilt, am Montag Abend im Vereinshause stattsinden; er wurde jedoch noch im letzten Augenblicke abgesagt, da die Behörde, böse Dinge ahnend, die Abhaltung des Vortrages untersagt hatte. Heute Abend ging der
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Bürgermeister, welcher mit dem Polizeikommissa- bie Versammlung als Vertreter ber Polizei über wachte (in ber Kirche!), erklärte bie Versammlung für aufgelöst. Thümmel wollte weiter sprechen, würbe jedoch barmt gehindert und gezwungen, da« Rednerpult zu verlassen. Der Tumult steigerte sich mehr und mehr, Alle« stieg auf bie Kirchenstühle, unb wenn Jemand etwa« sagen wollte, wurde „Bravo!" gebrüllt. Die Situation wurde immer beängstigender, Niemandem fiel e« ein, die Kirche zu verlassen. Da sprang Pastor Gisecke vor und erklärte auch seinerseits die Versammlung für geschlossen. Von Seiten ber Geistlichkeit wollte man noch das Lied: „Ein' feste Burg ist unser Gott" anstimmen, bie Orgel hatte bereit« eingesetzt und auch das Volk sang mit, al« die« durch die ordnungsliebenden Elemente verhindert wurde; in den Gesang hinein ertönte das Geschrei: „Ruhe, Ruhe!" und erschollen Bravo-Rufe. (Man darf nicht den Schauplatz, die evangelische Kirche, vergessen.) Als die Räumung der Kirche nicht zu bewerkstelligen war, mußte die Polizei und die Gendarmerie einrücken und die Anwesenden gewaltsam au» der Kirche hinaustreiben. So endete das erste Debüt Thümmel's in der Solinger Kirche. Die Aufregung ist allenthalben eine gewaltige. — Anläßlich dieses Thümmel • Skandals erfährt die .Köln. Ztg.' „von einflußreichen Mitgliedern", e» geschehe „ber großen Mehrheit de« Evangelischen Bunde« burchaus kein Gefallen bamit, daß eine Art bet Agitation, wie Hr. Thümmel ste betreibt, in Zweige des Bunbes hineingetragen wird." Wir begreifen, baß Herr Thümmel dem Evangelischen Bunde fürchterlich zu werden beginnt. Von ernstlichen Bemühungen, denselben abzuschütteln, haben wir aber bisher noch wenig gehört.
* Aachen, 28. Juli, lieber die Verschließung der Heiligthümer schreibt das ,Aach. Echo' Folgendes: Zuerst wurden dieselben in Seide eingewickelt, unb zwar bas Kleib ber Mutter Gottes in weiße, bie Winbeln Jesu Christi in gelbe, ba« Enthauptungstuch des hl. Johanne» in blaßrothe unb ba» Lenbentuch bei Heilandes in dunkelrothe Selbe. Alsdann wurde jede» in ein kostbare», mit echten Perlen reich besetztes Tuch gelegt, Geschenke der Infantin von Spanien Isabella, Klara, Eugenie (f 1629). Hiernach ward jedes in eine mit Knöpfen verschließbare Tasche und darnach in eine Burse eingeschoben, welche mit Hilfe von 4 wurde ruhig. Die Hochzeit folgte der Verlobung recht bald. Kurz darauf brach für mich die Zeit der ttefsten Seelerqual, der unfruchtbarsten R ue an. Eine» Tage» erschien wieder der Kronenwirth bei un». Er hielt förmlich um meine Hand an.
Schon stand ich im Begriffe ihm mein Jawort zu geben, da sagte er, „Frl. Hille hat ihrem Schicksal ja doch nicht entgehen können. In Herrn v. Sander» hat sie jenen blonden Offizier geheirathet, dem sie durch'» Loo» zugesallen ist." Al» ob ich einen Schlag mit einem Fallbeil erhalten hätte, so stürzte ich zusammen. Den Kronenwirth hätte ich in diesem Momente tödten können, so haßte ich den fatalen Mensch«-».
Mein Unglück war grenzenlos. Denn war ich nicht die Ursache, daß Marga sich blindlings in den Abgrund gestürzt hatte? Wenn ich geschwiegen, wäre dann nicht vielleicht Alle» ganz anders gekommen ?
Mir fiel es wie Schuppen von den Augen, weshalb sie damals beim Anblick des Herrn von Zinkenau ohnmächtig geworden. Hatte sie ihn vielleicht geliebt? Ec war ebenso plötzlich aus unserem Dorfe verschwunden, wie Marga abgereist war. Schreckliche Tage und Nächte, voll Folter-
Thümmel - Skandal nunmehr in der evangelischen Kirche in Scene. Zuerst erwähnte Thümmel die Helligthumsfahrt nach Trier vom Jahre 1844 zum heiligen Rock, den er unter Citirung Martin Luther'» „den größten Betrug" nannte, welcher vom Satan in die Welt gesetzt worden sei. In dieser Tonart ging e» weiter, bi» Thümmel zum eigentlichen Thema kam, der Helligthumsfahrt nach Aachen, die er als eine Vorfeier der im Jahre 1889 zu feiernden Heiligthumsfahrt nach Trier bezeichnete, welch' letztere er als sicher bevorstehend annahm. Th. ging dann auf die Reliquien-Ver- ehrung int Allgemeinen ein, die er in höhnender Welfe in’» Lächerliche zog. So sagte er u. A., daß jeder Altar jeder kathol. Kirche und Kapelle eine Reliquie enthalten müsse; wo aber sollten alle die heiligen Selber Herkommen, von denen man eine Reliquie nehmen könne? Man müsse sich da wohl entschließen, auch unheilige Selber aurzugraben. Auch die bekannte Segenbe von ber Auffindung de» Kreuze» Christi mußte al» Zielpunkt der Ironie Thümmel'» gelten, der überhaupt nicht» ungeschoren liefe, wa» der katholischen Kirche heilig ist. Dann kamen die großen Aachener Heiligthümer an die Reihe, bereit Echtheit Thümmel in Zweifel zog. In welcher Slit er über bie Heiligthümer her fiel, mag au» folgenbetn Beispiel erhellen: Unter den Heiligtümern befinde sich auch eine» vom hl. Del in GrSsrath. Diese» Oel, sagt er, rührt von einem in ber dortigen katholischen Kirche aufbe# wahrten Knochen der heiligen Katharina her, der bie Kraft habe, heilkräftige« Oel in großen Mengen auszuschwitzen. Für unsere Industriereiche Gegend, so fuhr ber Hetzprebiger fort, könnte unter Umstänben eine solch' ergiebige Desquelle von großem Vortheil sein! Derartigen Bemerkungen folgte jede» Mal ein durch bie Kirche hallende» Gelächter; e» fehlte nur noch, daß man in die Hände geklatscht hätte. So ging es weiter, bis Thümmel nach etwa einstündiger Rede die Heiligtumsverehrung für Gotteslästerung, und alle Diejenige, welche dieselbe unterstützen, als Gotteslästerer erklärte. Und darum — so sprach Thümmel mit Pathos und theatralischer Geberde — klage ich hier von dieser Stelle au« (er stand an einem Rednerpult vor dem Altar) den Erzbischof Krementz von Köln, den Bischof Korum von Trier der Gotteslästerung hiermit an! Es erhob sich nun ein fürchterlicher Tumult. Der schlag stockte und alle» Blut mir zu Kopfe stieg. Marga hatte mich scharf beobachtet. Ihr Blick folgte dem meinen. Sie sah Sie vorübergehen und stieß einen dumpfen Schrei au». Dann brach sie ohnmächtig zusammen. Sie wurde krank. Nicht lange. Aber als sie genesen, reiste sie ohne Abschied von mir mit ihrem Vater in ein Seebad. Von dort kehrte ste, nach einem halben Jahre, al« die Braut des Herrn v. Sanders heim. Sie erschien als eine sehr glückliche Braut. Und die Hauptsache war, ste hatte mir Alles vom Herzen verziehen. Wir verkehrten wieder miteinander wie früher.
„Ach,Dürthen", rief sie oft, „wie glücklich bin ich, daß Dskar mich nur um meiner selbst willen gewählt hat. Denn wir haben auf Sylt als rechte Diplomaten gehandelt und uns für vermögenslose Seute ausgegeben. Trotzdem war Dskar, vom ersten Moment unserer Bekanntschaft an, mein treuer Verehrer."
Während seines Besuche« im Dorfe verkehrte Herr v. Sander« täglich in unserem Hause. Mir war der Herr garnicht sympathisch. Vater meinte auch, er fei ein lässiger Zahler feiner Schulden. — Aber Marga war glücklich in dem Wahne, daß er sie ihrer selbst wegen gewählt, und ich