1888
Sonnabend, den 28. Juli.
Zeitung
Fulimr
♦ Zur Kaiserfahrt.
An die Petersburger Kaiserreise schließt sich bekanntlich ein Besuch der Kaisers Wilhelm bei den Königen von Schweden und Dänemark an, und wenn auch diese Ausflüge nach Stockholm und Kopenhagen in Bezug auf ihre Wichtigkeit zu der Begegnung mit dem Zaren in keinem Verhältniß stehen, so ist denselben, und insbesondere der Fahrt nach Dänemark, eine politische Bedeutung doch nicht abzusprechen. Ja, man darf die letztere sogar al» eine Ergänzung der Petersburger Zusammenkunst ansehen; sie soll und kann nicht blos dazu beitragen, das enger zu knüpfende Freundschaftsband zwischen dem deutschen Kaiser und dem Zaren unzerreißbar zu machen, sondern auch den Rest von Sympathie, welcher in Europa noch für Frankreich vorhanden ist, zu vertilgen. In Schweden ist seit den Tagen der Königin Christine, preußisches Wesen nicht beliebt und seit der Thronbesteigung Bernadotte'- ein lebhaftes Gefühl der Bewunderung für fran- zösische Cultur und Sitte verbreitet; in Dänemark hat man den Prager Frieden lange nicht vergessen können, und die Neigung zur Revanche wurde genährt durch die auf Frankreich gesetzten Hoffnungen. Der empfindliche Stoß, welchen die Petersburger Begegnung den französischen Bündniß-Jllufionen versetzt, wird dadurch noch fühlbarer, daß auch die Höfe von Stockholm und in den Bannkreis der Freundschaft gezogen werden, welche zwischen Wilhelm H. und Alexander DI. aufgerichtet wird. Der Besuch de» deutschen Kaiser» bei dem Könige Oskar von Schweden wird als ein Akt der Courtoisie vielfach betrachtet werden. König Orkar war der letzte fürstliche Gast, der in Friedrichskron an dem Lager des sterbenden Kaisers Friedrich weilte, und er ist durch die Vermählung seines Sohne» mit der Ecbprinzessin von Baden, der Koustne de» Kaiser» Wilhelm, in ein nahe» verwandtschaftliche» Verhältniß zu dem Berliner Hofe getreten. Wenn aber die Fahrt nach Stockholm zum Theile auch als ein Akt der Höflichkeit angesehen werden kann, so springt bei dem Ausflugs nach Kopenhagen der fast ausschließlich politische Charakter desto wahrnehmbarer in die Augen. Der alte König Christian ist kein Verwandter des Berliner Hofes, seinem Herzen hat vielmehr die deutsche Politik manche Wunde geschlagen. Der Herr-
x Ein Wort.
Original-Skizze von I. v. Dir link.
(1. Fortsetzung.)
„Dürthen, wie früher, wenn ich bitten darf," stammelte sie und führte un» an den Seitentisch, mit dem Blick auf den Garten.
„Sie wollen bei uns bleiben? Wie mich das freut," sagte Dürthen nach einer Weile, als der neue Gast seinen Wunsch kundgegeben hatte. Nach und nach erholte fich unsere Wirthin von dem jähen Schrecken, der fie beim unverhofften Anblick des Ankömmlings überwältigt hatte. Der General bewohnte von nun an da« eleganteste Zimmer des Hauses.
Dürthen erschim mir von Tag zu Tag schweigsamer, sinnender. Ich ertappte fie einige Male in Thränen sogar. Offenbar lag sie mit schweren Gedanken im Kampfe. Der General lächelte, so ost ich ihm meine Ansicht aursprach. Da kam eine» Abends, im Dämmern, da« Gespräch auf die Wittwe de« kürzlich verstorbenen Herrn Sander«, und Dürthen erzählte un« eine lange traurige Geschichte, wie sehr da« arme Weib gelitten und wie tief verschuldet da« Gütchen sei, da» ihr zum Leben»-
schaftsbereich der dänischen Krone ist verkleinert und die dänische Armee von den Preußen geschlagen worden. Dadurch ist die Stimmung im Schlöffe Amalienborg dauernd zu Ungunsten de» deutschen Nachbarorte» beeinflußt worden, und man schaute nach Frankreich, dort den Retter der dä- Nischen Ehre suchend. Doch König Christian ist der Schwiegervater de» Czar», und nicht gering ist der Schimmer, der von der russischen Krone auf seine eigene fällt. Ehedem galt auch die Czarin, seine Tochter Dagmar, nicht al» Freundm Deutschland», und e» gab eine Version, welche ihrem Einflüsse die Entfremdung Alexanders HI. von den verwandten Hohenzollern zuschrieb. Jetzt kommt Kaiser Wilhelm al» Gast zu dem Czaren, er bietet demselben die Hand zur Freundschaft und will da» gute Verhältniß, deffen Wiederherstellung er anzubahnen im Begriffe ist, auch auf den Schwiegervater de» Czar» ausdehnen._______
Deutsches Reich.
Berlin, 27. Juli.
♦ Es würde wohl Niemand, wenn er gefragt würde, worin die Erbweirheit des preußischen Königthum» besteht, auf die Antwort verfallen: „Rußland nie zu verletzen." Eine angebliche Aeuße- rung, die Kaiser Wilhelm in den letzten Stunden vor seinem Tode, nicht wie e» jetzt heißt, zu seinem Enkel, dem jetzigen Kaiser, sondern, wie sofort berichtet wurde, zum Reichskanzler, den er allerdings mit dem Prinzen Wilhelm zu verwechseln schien, gethan hat, genügt in Verbindung mit dem jetzigen Besuch des Kaisers in Petersburg dem hiesigen Organ der Nationalliberalen, um das Zartgefühl gegen Rußland als eine Ecbweisheit des preußischen Königthum« zu proklamiren. Noch vor wenigen Monaten, als der Theil der „nationalen" Preffe, der der Regierung besonders nahe steht, in jeder Nummer gegen das Moskowiter- thum loszog, würde man übel angekommen und mindestens dem Makel der Reichsfeindfchaft verfallen sein, wenn man die zarte Behandlung Rußlands als traditionelle Weisheit der preußischen Könige in'» Treffen geführt hätte. Merkwürdig, wie sehr damals die Stützen des Königthum» diese Ecbweisheit verkannt und ihr ent- entgegengearbeitet haben! Vielleicht wird nächstens an die Wandlungsfähigkeit deutscher Patrioten das Ansinnen gestellt, den Krieg gegen die russischen Finanzen für eine Maßregel zu halten, die unterhalt geblieben. „Aber," setzte Dürthen hinzu, bei allem Unglück, das Marga von Sander» durchgemacht, hat sie viel Glück mit ihren beiden Kindern. Der Sohn ist srüh in der Kreuzesschule zu einem ernsten Charakter gereift und die Tochter bewährt fich als eine edle, tüchtige Natur. Sie, Marga selbst, aber ist wie echte» Gold aus dem Feuerofen der Prüfung hervorgegangen. Doch ich, Herr General, habe Ihnen eine Beichte abzulegen," rief Dürthen und hob die gefalteten Hände bittend zu ihm empor.
„Oho, Dürthen," erwiderte der General, „Sre träumen; was sollten Sie mir denn zu beichten haben?" — Ec verstummte. Ein Schluchzen quoll au» der Brust der Frau, ich erhob mich; diese» Bekenntniß ertrug gewiß keinen Zeugen. Allein ehe ich e» mich versah, hatte Dürthen meine Hand
Sitte, Herr Doktor, bleiben Sie! Ich wollte Sie schon lange zum Ritwiffer meiner Schuld machen ; denn Sie schätzen mich zu hoch; ich verdiene diese Achtung sicher nicht. Späte Reue tilgt nimmer die Folgen der Schuld, die Folgen, die durch ein lose» Wort heraufbeschworen find."
Dürthen begann: „Im Sommer vor 20 Iah
Rußland nicht verletzt. Daffelbe nationalliberale Blatt meint, e» fei selten ein junger Herrscher in so verzehrtem Bilde dem Auslände vorgeführt worden, wie dies methodisch während langer Monate unserem Kaiser begegnete. E« sei in Farben gemalt worden, die schon von vornherein ihn dem Mißtrauen und der Abneigung Europas empfehlen sollten. Eine schändlichere und rosolutere Preßverschwörung habe man selten erlebt, als die zu jenem Zwecke geschloffen war. Das Blatt meint hoffentlich nur die Preffe des Auslandes; denn in nennenswerthen deutschen Blättenl ist uns nichts aufgestoßen, was eine derartige Charak- terisirung verdiente.
• Unter Reserve theilt die .Nationalzeitung' eine ihr zugegangene Meldung mit, wonach die Antrittsbesuche, die Kaiser Wilhelm dm besreun- beten Höfen abstatte, durch eine gemeinsame Monarchenzusammenkunft auf deutschem Boden erwidert werden würde.
* Die Kaiserin ist vergangene Nacht V82 Uhr von einem gesunden Prinzen plötzlich entbunden worden. Die Kaiserin und der neugeborene Prinz erfreuen sich der besten Wohlsein». Anwesend waren Oberhofmarschall von Liebmau und Stabsarzt Dr. Ebmeier. Dem Kaiser wurde das freudige Ereigniß sofort telegraphisch nach Stockholm gemeldet. In Berlin verbreitete fich die frohe Kunde erst Mittags, nachdem vom Lustgarten aus der Ehrensalut abgegeben worden war. Das Ereigniß war erst im August erwartet worden.
* Der Minister v. Maybach, v. Scholz, v. Goßler und Graf Bismarck werden mit Beginn des kommenden Monats, Minister Dr. Frhr. v. Lucius Mitte August ihren Sommerurlaub antreten. Minister v. Bötticher ist bereits auf Urlaub abwesend.
• In der vielerwähnten und daher bekannten leidigen Zahlmeister-Affaire ist seitens des Kriegsministeriums nunmehr das endgiltige Ur- theil ergangen. Danach ist der Zahlmeister Frei- schmidt au» Münster freigesprochen worden, während der Zahlmeisier S. zu einem Jahre Gefäng- niß verurtheilt und bereits in die Haft abgeführt wurde. Ein dritter Zahlmeister ist bereit« vor einiger Zeit zu 3 Jahren Zuchthaus und Zahlung von 7100 Mark verurtheilt worden. Wie die ,Westd. Zig/ hört, sind im ganzen Heere durch diese letztinstanzliche kriegsgerichtliche Verurtheilung 42 Zahlmeister betroffen.
ren war es, die Luft war heiß und drückend, und ich Halle unter dieser brütenden Julihitze schwer zu leiden. Diese» sage ich zu meiner Entschuldigung." Denn Sie, Herr Doktor! haben mir neulich erklärt, daß e» Konstitutionen gibt, die reizbar, nervös und lebensmüde im heißen Klima werden, während andere Naturen die größte Hitze ganz gut ertragen können. Marga Hille, die einzige Tochter eines in Slavonim reich gewordenen Holzhändlers, wohnte hier im Dorse und war meine beste Freundin. Ihr Vater besaß da» schönste Haus, dazu ein Landgut und hielt seiner Tochter sogar eine Gesellschafterin. Wir waren zusammen in einem klösterlichen Pensionat gewesen; aber während ich nach Hause zurückkehrte, um in der Wirthschaft eine Stütze zu werden, bildete Maria sich weiter au» in einem vornehmen, städtischen Institut.
Al» sie heimkehrte, erschien sie al» eine vollen- bete Dame, ben äußeren Manieren nach. JmHer- zen war sie ba» urwüchsige, lebensfrische Kind geblieben. Nur ein bischen selbstbewußt war sie geworben unb bei ihrer Offenherzigkeit unvorsichtig im Gespräch, so baß mich ihre Neckereien, im Umgang mit ihr, oft tief kränkten und verwundeten. ’ Sie war wunderschön und sehr geschickt in jeglicher