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1888

Mittwoch, den 25. Juli.

169.

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* Rede des Abg Frhrn. v. Hrrene

auf der General-Versammlung der Katholiken Schlesiens.

Die Versammlung der schlesischen Katholiken hat von neuem vor aller Welt Zeugniß davon abgelegt, daß wir einig sind (Bravo!), einig im innigen kindlichen Gehor­sam gegen unfern hl. Vater, gegen unsere heilige Kirche (Bravo!), einig in unverbrüchlicher Treue gegen unfern königlichen Herrn, den Kaiser (Bravo!), einig in der Be­reitwilligkeit, jedes Recht anzuerkennen und zu schützen (Bravo!), einig aber auch in dem festen Entschlüsse, das Recht unserer heiligen Kirche und damit unser eigenes heiliges Recht bis zu unserem letzten Athemzuge zu ver- theidigen. (Bravo!) Es ist ja recht schön, daß die Ver­sammlung von all' diesen Dingen Zeugniß abgelegt hat, es kommt aber demnächst eine Gelegenheit, die Gesinnungen, die Sie eben im freudigen Zurufe kundgegeben haben, auch zu bethätigen: es sind das die Wahlen zum Preußischen Landtage. Da wird es gelten, daß Jeder seine Stimme so abgibt, wie er es vor Gott und seinem Gewissen rechtfertigen kann (Bravo!), und daß keinerlei Nebenrücksichten, keinerlei Trägheit, keinerlei Indolenz ihn davon abhalten darf, seine Pflicht auszuüben. (Beifall.) Daß wir gerade in dem Augenblicke tagen, wo diese Gelegenheit sich bieten wird, gibt mir Veran­lassung, über einzelne polittsche Fragen zum Schluffe unserer Versammlung zu Ihnen zu sprechen. Sie wiffen, daß diejenige Fraktion, welche in dem gesetzgebenden Körper des preußischen Vaterlandes die Anschauungen vertritt, die auch in unfern Versammlungen die Grundlage all' unserer Wünsche bilden, die Fraktion des Centrums ist. Als Mitglied dieser Fraktion möchte ich nun vor Ihnen in einzelnen Zügen Rechenschaft ablegen über die Art und Weise, wie wir uns bemüht haben, die Jntereffen des katholischen Volkes, die Interessen unseres preußischen Vaterlandes zu vertreten. Ich wähle auS dem großen Kreise heraus zwei einzelne Fragen. Ich werde einige Worte sprechen über die Haltung des Eentrums zu dem Bolksschullasten-Gesetz und werde sprechen über den Antrag Windthorst,den das Centrum als ganze Fraktion mitgestellt hat, über die Schulfrage. Das eine ist ein Gesetz, welches bereits publizirt ist, das andere ist ein Antrag, der noch nicht zur Verhandlung gekommen ist, der aber, das kann ich Ihnen versichern, nicht von der Tagesordnung verschwinden darf! (Br.vo!) Das eine Gesetz gibt mir Gelegenheit auf Gebiete zu streifen, die von allgemeinerm Interesse sind; die andere Frage gibt

Des Pfarrers Bild.

Novelle von I. v. Dirking.

(10. Fortsetzung.)

Der Pfarrer starrt auf sein Bild und wird bleich. Während die Schulzin voll innerer Genugthuung über die offenbar so gelungene Ueberraschung in einem fort plaudert und sich als die Urheberin de» gelungenen Planes, für den ihr sogar das ganze Kirchspiel dankbar sein muß, recht in die Brust wirft, rauschen ihre Worte wie das Brausen eines Wasserfalles an dem Ohre des Pfarrers vorüber. Er ist bestürzt, erzürnt, starr vor pein­licher Verwunderung. — Aber er ist ein Mann der Selbstbeherrschung. Tapfer hält er an sich und drängt mit Gewalt das strenge Wort zurück, da» ihm auf der Zunge schwebt. Nur Ein» brennt sich mit flammender Schrift in sein Herz: „Man hat mich belogen!" Doch bald darauf gewinnt seine milde Gesinnung wieder die Oberhand.

Lag e» nicht vielmehr an seiner eigenen Acht­losigkeit, indem er e» versäumt hatte, den Photo grophen vor Vervielfältigung feine» Bilde» zu warnen? Aber Peter — hätte Peter ihn daran nicht erinnern müssen?

mir Gelegenheit einzudringen in den eigentlichen Kern- punkt dessen, wus uns als Katholiken in der jetzigen Lage unserer Gesetzgebung noch am Herzen liegt.

Das Volksschullasten-Gesetz hat mit der Lehrerwelt nichts zu thun. Dieser Jrrthum tauchte immer wieder auf, er ist immer wieder widerlegt worden; ich mochte aber auch heute es noch hervorheben, daß irgend eine weitere Beziehung der reicheren Dottrung der einzelnen Lehrstellen dabei gar nicht in Frage ist; also das Interesse der Volksschullehrer als solches scheidet vollständig aus bei der Besprechung dieses Gesetzes. Es handelt sich um ein Gesetz, welches bestimmt ist, den Gemeinden ihre Lasten gegenüber den Volksschulen zu erleichtern, und als solche» wird es ja thatsächlich zunächst wirken. Der Staat hat es übernommen, für jede Lehrerstelle gewisse Zahlungen an die Gemeindekaffe bezw. an diejenigen Kassen zu leisten, welchen die Unterhaltung der Volksschule obliegt. Das wäre ja von Anfang an sehr freundlich zu begrüßen ge­wesen, wenn man nicht gewisse Bedenken prinzipieller Art hätte haben müssen; und diese Bedenken haben wir auch im Abgeordnetenhause offen ausgesprochen. Das Haupt- bedenken liegt darin, daß dieses Gesetz ein wesentlicher Schritt ist in der Richtung der Verstaatlichung der Schule (sehr richtig), daß das Verhältniß der Schule zur Ge­meinde und Kirchs dadurch wesentlich lockerer gemacht wird, wenn der Staat die materielle Sorge für die Schule in dem Umfange übernimmt, wie es hier angebahnt worden ist. Es war aber noch ein zweiter prinzipieller Grund, welcher uns abhielt, sofort in die Berathung mit Freuden einzugehen. Das Centrum hat von jeher das Bestreben gehabt, die Steuerlast des Volkes nach Möglich- leit zu erleichtern. Wir sind nicht in der Lage, die Be­willigung von Steuern zu verweigern, die nun einmal nöthig sind für das Ansehen und die Sicherheit des Staates, aber wir haben immer das Bestreben gehabt, zu helfen, wo zu helfen war. Wir mußten uns also fragen, ist denn diese Art zu helfen, wie es das Gesetz bezweckt, eine richtige Art? Wir haben die Frage nicht bejahen können; wir zehen von der Anschauung au8, daß allerdings der Staat, nachdem er beinahe alle ©teuer, quellen für sich in Anspruch genommen hat, verpflichtet ist, den Gemeinden bei den immer mehr wachsenden Lasten uttb bei den immer mehr den Gemeinden neu auf et legten Abgaben zu helfen, sie zu erleichtern. Aber wir sind der Ansicht, daß dies geschehen sollte in einer W-ise, daß wir den Gemeinden neue Quellen ihrer Einnahme eröffnen, nicht aber, daß man ihnen bestimmte Summen gibt mit einem bestimmten Zahlungs- und Verwendungs-Anweis. Wir meinen: eine Gemeinde ist ein Institut, welches keiner staatlichen Bevormundung bedarf, wenn es eine verständige Verwendung der Gelder vornehmen wird, die man ihm überweist. In diesem Sinne der Unabhängig­keit, der Freiheit der Gemeinden haben wir unsere Be­denken geäußert. Es ist aus der Mitte der Fraktion da­mals darauf hingewiesen worden, daß man mit den Mitteln, die in der That zur Zett zur Verfügung stehen, wohl daran denken könnte, den Gemeinden, den kommu­nalen Verbänden die Grund - und Gewerbe-Steuer als Kommunal-Steuer bezw. als für die Gemein­den einzunehmende zu überweisen, und daß eine Gemeinde vollauf die Mittel finden würde, auch ihre Schullasten leichter zu tragen.

Nicht» war ihm mehr ein Greuel al» die fatale Schaustellung mit seinem Bild; es schien ihm ein Aurfluß der Eitelkeit zu sein — und obendrein die trüben Erinnerungen, welche das Bild in ihm wachrief, alte wohl schlummernde, aber nie ver­wischte Erinnerungen. Kein Geldopfer wäre ihm zu groß gewesen, derselben vorzubeugen.

Seine Einsilbigkeit gibt der Schulzin zu denken. Aber da» sollte nicht pure Bescheidenheit sein? — Sie leitet da» Gespräch auf ihr Lieblingsthema, auf da» junge Fohlen und die schwarzbunten Kälber und andere Dinge, nach denen sich der Pfarrer sonst thetlnehmend zu erkundigen pflegte. Heute aber fruchtet selbst der eingehendste Bericht über ihre ökonomischen Fortschritte nicht», den Gast zu ermuntern. Kaum hat er sich Zeit ge­nommen, den von Rosinen strotzenden Napfkuchen zu probiren — als er, die Uhr ziehend, schon wieder aufbricht.

Sinnend schaut ihm die Schulzin nach, als er rüstig, die Mütze mit dem geradeausstehenden Schirm in's Gestcht gezogen, den Spazierstock in der Hand, von dannen schreitet. „Er wird den Kopf zu voll haben, wegen der Festfeier," meinte sie dann in Anbetracht seiner Eile und ferne»

Das Volksschullastengesetz hatte sich nun zwei Ziele gesetzt: das eine war die Erleichterung der Gemeinden, das andere die Aufhebung des Schulgeldes. Diese beiden Ziele — und darin bestand eine Hauptschwierigkeit des ganzen Gesetzes — schließen sich gegenseittz aus; denn die Gemeinden, nicht hier, aber in andern Provinzen und in andern Theilen der Provinz Schlesien, haben durch das Schulgeld einen wesentlichen Theil ihrer Schullasten bis­her aufgebracht; indem man ihnen also auf der einen Seite die Schulgeld-Erhebungen entzieht, auf der andern Seite ihnen diese Beiträge für Lehrer bietet, so fragt es sich, wie stehen denn die Gemeinden dabei? Hier in Ober­schlesien, im ganzen Bezirk Oppeln ist thatsächlich das Verhältniß so, daß Schulgeld nicht erhoben wird, und daß dadurch der Bezirk Oppeln nach meiner Berechnung Über 800,000 M. erhalten wird. In Liegnitz stehen die Dinge so, daß, wenn das Gesetz in der Form angenommen worden wäre, wie es vorgelegt worden war, das Gesetz dem Bezirk Liegnitz 100,000 M. mehr Lasten aufgelegt haben würde, indem man ihm viel mehr entzieht, als man ihm gibt. Das war eine der Fragen, die uns zu beschäftigen hatte. Nachdem wir erkennen mußten, daß wir mtt unserem prinzipiellen Widerstand nicht durch­dringen konnten, haben wir unä bemüht, eine Milderung herbeizuführen. Dies ist im großen Ganzen auch gelungen, und wir waren also in der Sage, in der ersten Berathung im Abgeordnetenhause für das Gesetz zu stimmen, nachdem eine wichtige Frage erledigt war. Über die ich jetzt noch einige Worte sprechen muß. Unsere Verfassung spricht es in ihrem Artikel 25 aus: „Die Mittel zur Errichtung und Erhaltung und Erweiterung der öffentlichen Volks­schulen werden von den Gemeinden und int Falle des nachgewiesenen Unvermögens ergänzungsweise vom Staate aufgebracht." Wir haben uns sagen muffen, daß dies Gesetz diesem Paragraphen nicht entspricht, da hier ohne jede Frage nach dem Vermögen ober Unv-rmögen der Gemeinde den Gemeinden ein Zuschuß zur Unterhaltung der Schule gewahrt worden ist. Ein Paragraph, welcher also diese Abänderung der Verfassung über dies Gesetz unter klarer Bezeichnung des Grundes aussprach, ist im Abgeordnetenhause angenommen worden bei der Be­rathung in zweiter und dritter Lesung. Dann kam das Herrenhaus. Im Herrenhaus hat die kzl. Staatsregierung gerade gegen diese Bestimmung die erheblichsten Bedenken ausgesprochen, und im Herrenhause wurde der Paragraph über die Verfaffungsänderung abgelehnt. Das Gesetz kam zurück an uns ohne diesen Paragraphen, und da hat das Centrum sich genöthigt gesehen, schließlich gegen das ganze Gesetz zu stimmen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil wir uns sagen mußten: solche materielle Vortheile, die etwa unfern Gemeinden, die uns gewählt haben, zu Theil werden, können und dürfen den Abge­ordneten niemals bewegen, gegen feine Ueberzeuzung zu stimmen. (Bravo!) Und ich sage Ihnen ganz offen, wenn Sie aus solcher Abstimmung Grund nehmen wollten — ich weiß ja, es wird nicht geschehen — ihre Abgeord­neten nicht mehr zu wählen, dann müssen Sie sich eben andere wählen; die Leute im Centrum werden nie und nimmermehr wegen materieller Vortheile gegen ihr Ge­wissen und ihre Ueberzeugung stimmen. (Lebhafter Bet­fall.) Ein solches Verfahren, daß, wenn die Staats­regierung sagt: „hier gibt's Geld, nun stimmt!" daß man schweigsamen Verhalten». „Wie gut, daß man sein Bild hat. — Er war ordentlich gerührt davon, und die Hände zitterten ihm vor Aufregung. E» war ein guter Einfall von mir, e» ihm nur gleich zu zeigen."

Mit einem wahren Sturm in der Seele eilt der Pfarrer indessen weiter. In der Nähe seines Hauses begegnet ihm der Vikar. Mißtrauisch blickt der Pfarrer ihn an und glaubt ein ver­schmitztes Lächeln in dessen Gesicht zu gewahren. Im Vorzimmer seines Hauses tritt ihm seine Nichte in den Weg; sie verbirgt schnell etwas unter ihrer weiten Schürze. Ohne Gruß schreitet der Pfarrer an ihr vorüber, und als sie bestürzt ihm nacheilen und um Aufklärung bitten will, ver­schwindet er in seinem Stndirzimmer.

In dem Theile de» Pfarrhauses, wo Mamsell regiert, herrscht an diesem Abende heillose Ver­wirrung. Die Frauen stecken die Köpfe zusammen; selbst der Vikar nimmt Anlh.il an der geheimen Konferenz. Es ist sonnenklar: mit dem Photo­graphen ist da« Unheil heraufbeschworen.

„Und diese» ist erst der Anfang vom Ende", prophezeit Mamsell im klagenden Tone. Wer aber beschreibt ihr Erstaunen, al« der Pfarrer