1888
Dienstag, den 24. Juli.
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Deutsches Reich.
Berlin, 23. Juli.
• Für die politische Bedeutung der Kaiserzusammenkunft spricht der Umstand, daß, während der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Graf Herbert Bismarck, den deutschen Kaiser auf seiner Meerfahrt nach St. Petersburg begleitete, der russische Botschafter am Berliner Hofe, Graf Schuwaloff; von Karlsbad nach St. Petersburg berufen wurde, wohin auch der Leiter der Auswärtigen Politik Rußlands, Hr. v. Giers, befchieden wurde. Selbstverständlich wurde auch der deutsche Botschafter in St. Petersburg dort des Kaiserdefuches wegen zurückgehalten. Diese Zuziehung der zunächst beteiligten beiderseitigen Diplomaten zur Kaiser - Entrevue hat offenbar einen weitergehenden Zweck als den, den Glanz der Repräsentation zu verstärken. Rach dieser Richtung hin ist ferner eine Mittheilung der Pol. Korr.' aus St. Petersburg bemerkenswerth, wonach Graf Schuwaloff vor der Kaiserbegegnung mit Hrn. v. Giers eine zweistündige Unterredung gehabt habe, worauf dann Letzterer dem Czaren über die politische Lage Bericht erstattet habe. Graf Schuwaloff soll nämlich, St. Petersburger Andeutungen zufolge, nicht blos über die Zustände in Deutschland berichtet, sondern sich auch angelegentlich mit den schwebenden politischen Fragen beschäftigt und privatim eine Art Plan zur Lösung der bulgarischen Frage, den er auch dem Fürsten Bismarck vorlegte, ausgearbeitet haben. Auf betartige Gerüchte ist jedoch wenig zu geben. Beachtenswerth bleibt aber die weitere Thatfache, daß schon bei der Begegnung der beiden Kaiser im Hafen von Kronstadt die beiderseitigen Diplo- malen zugezogen waren und sich mit den Mo- narchen unterhielten, worauf diese allem sich zurückzogen. Heute wird aus St. Petersburg ge-
Des Pfarrers Bild.
Novelle von I. v. Dirk in g.
(9. Fortsetzung.)
Peter fühlt den Angstschweiß auf der Stirn; da« Herz steht ihm fast still, kaum hat er noch den Muth, auf seinem Schwindelpfad zu be= harren — da tritt da« Bild der beklagen«- werthen Familie an seine Seele — und er fährt trotz aller Gewissenrbiffe lächelnd fort: „Man ist darüber hinaus, unfern Bischof ein Album mit den Bildern seine» Klerus zu verehren. Wir find gekommen, uns Ihre Photographie zu holen, Herr Pfarrer!"
Minutenlang steht der Pfarrer still und nach- denklich. Einmal fährt der Verdacht: ob e« mcht vielleicht eine Finte seiner Verwandten fein könne, wie ein Blitzstrahl durch seine Seele. Allein, wie wäre da» möglich, da Mamsell seine Ver- aanaenheit kennt und Marie einer Jntrigue nicht fähig ist. Rein, nein! Und Peter, dieser harmlose Tropf, dieser Simpel, ist ebenfalls keines Schelmenstreiche» fähig, wenn er nur richtig im Kopfe ist?
„Ich habe den Photographen bei mir", sagte
meldet, daß Graf Bismarck gestern in Krasnojs- Selo in den Kaiser-Pavillon befohlen worden fei. Hervorzuheben ist endlich, daß die Stimmung in Rußland gegenüber Deutschland von Tag zu Tag freundlicher geworden zu sein scheint, daß sich nach den Berichten au» St. Petersburg in allen Schichten der Bevölkerung die lebhaftesten Sym- pathieen für Kaiser Wilhelm kundgeben. Das kann aber wohl mehr eine „Festtagsstimmung" fein, die nicht viel länger dauert, als die Be- friedigung der Neugierde durch die Pracht der Kaisertage in St. Petersburg. Erst die Zukunft wird lehren, ob der Kaiserbesuch auf bte Stimmung der Ruffen eine nachhalt i g e Wirkung auszuüben im Stande gewesen ist. Die bisherigen Gesinnungen in Rußland Deutschland gegenüber laffen dahin gehende Hoffnungen schlecht aufkommen. ,
♦ Die in Beuthen abgehaltene General-Versammlung der Katholiken Schlesiens nahm u. A. noch folgende Resolutionen einstimmig und ohne wesentliche Debatte an: „1. Die XI. Generalversammlung der Katholiken Schlesiens spricht ihre vollständige Usbereinstimmung mit dem von der Centrumsfraktion des Abgeordnetenhauses am 27. Februar 1888 im Landtage angebrachten Schul-Antrage aus. 2. Die XI. Generalversammlung der Katholiken Schlesiens spricht ihre Ueberzengung dahin aus, daß ein jedes Volk ein natürliches Recht auf seine Muttersprache hat und daß insbesondere der Religionsunterricht in der Muttersprache zu ertheilen ist. 3. Die XI. Generalversammlung der Katho- liken Schlesiens spricht ihre Freude aus über die Rückkehr der Geistlichen L-Hrorden und erklärt es für eine Ehrenpflicht der Katholiken, die Wiedereinrichtung der Lehranstalten dieser Orden nach besten Kräften zu unterstützen." In der Sektion für Soziales gelangte folgender Antrag einstimmig zur Annahme: „Die XI. Generalversammlung der Katholiken Schlesiens erkennt bte Erhaltung und Hebung des Handwerkerstandes als unbedingt nothwendig an und erblickt in der Befestigung und Stärkung des Jnnungswesens durch Beitrittszwang, wenigstens aber durch Verleihung von Vorrechten, sowie in der Erbringung des Befähigungsnachweise» als Vorbedingung zum selbstständigen Gewerbebetriebe die richtigen Mittel hierzu. Sie spricht der Centrumsfraktion des
Peter, um die letzten Zweifel an feiner Zurechnungsfähigkeit im Pfarrer zu vernichten.
„Seltsam", murmelte der Pfarrer, indem er sich ein Glas Wrffer einschenkte. „Welchem Kopfe die kuriose Idee mit dem Album wohl entsprungen ist?! Es kommt doch alle Tage was Neues auf!" seufzte er, die Fingernägel dicht unter die Augen führend. Dann nahe an Peter herantretend:
„Wenn es nun einmal so ist, dann laßt den Mann hereinkommen, Peter! Ich will Euch nicht aufhalten. Nachher sollt Ihr Euch eine Er- frischung zu Gemüthe führen.
Wie auf Flügeln eilte Peter hinaus und schrie im Thürrahmen mit Stentorstimme nach Wilhelm.
„Gottlob, der Pfarrer ist kurzsichtig", denkt Mamsell, al» Peter ihr triumphirend seinen Sieg gemeldet hat; „er ist kurzsichtig, sonst würde der Anblick de» Photographen ihn ebenso gut ver- stören, al» er mich gestern beunruhigt hat."
Da» Ziel ist erreicht, da» Bild aufgenommen; aber Peter nimmt sich keine Zeit, dem substantiellen Frühstück, da» auf Befehl de» Herrn Pfarrer» bereit steht, zuzusprechen; wie mit der Peitsche gehetzt, eilte er mit Wilhelm von bannen.
Reichstages für ihr bisherige» Wirken in diesem Sinne Dank und Anerkennung au» mit der Bitte, auch fernerhin diese Bestrebungen mit Eifer zu verfolgen und trotz allen Anfeindungen seitens der Gegner nicht zu ermüden." (Die auf der Versammlung gehaltene vortreffliche Rede be» Freiherrn v. Hüne werden wir unseren Lesern in den nächsten Nummern ds. Bl. möglichst wortgetreu mittheilen. D. R.)
» Die Frage nach der Grenze dc« den Lehrern zustehenden Züchtigungsrechtes ist,wie er innerlich, durch neuere Gerichts-Entscheidungen in einer dies Recht einschränkenden Weise entschieden worden. Hierdurch ist der Kultusminister veranlaßt worden, an die Provinzial-Regierungen und Schul-Kollegien folgende Verfügung zu erlaffen:
Die Gerichtshöfe, welche mit der Entscheidung über die von den Verwaltungs-Behörden erhobenen, durch vermeintliche Ueberschreitung des dem Lehrer zustehenden Züchtigungsrechtcs veranlaßten Konflikte befaßt waren bezw. befaßt find, haben bis in die neuere Zeit die Praxis befolgt, rechtliches Gehör gegen Lehrer, welche aus diesem Anlaß gerichtlich in Anspruch genommen wurden, nur nur dann zu gewähren, wenn eine Ueberschreitung der durch das Gesetz selbst vorgezeichneten Grenzen des Züchtigungsrechtes vorlag. Diese Praxis ist neuerdings in mehrern Erkenntniffen des königlichen Oberverwaltungsgerichts verlaffen worden, aus deren Zahl ich das in einer Vrtvatklage H. contra E. am 26. November v, 3- ergangene Uithetl in einem Druck-Exemplare beilege. Aus der Begründung dieses Urtheils wird die königliche Regierung re. ersehen, daß der Gerichtshof jeden Verstoß der Lehrer gegen die Anweisungen, welche ihnen von Seiten ihrer vorgesetzten Behörden über die Ausübung des Züchtigungsrechts in präsumtiver Form ertheilt worden sind, für ein* A«-t-üb-rschrr>iznng im b«a 8 11 des Einführungsgesetzes zum Gerichts-Verfaffungsgesetze erachtet, woraus alsdann weiter folgt, daß überall, wo diese Voraussetzung zutrifft, die gerichtliche Verfolgung zugelassen wird, gleichviel, ob der Lehrer sich einer Ueberschreitung der gesetzlichen Grenzen des Züchtigungsrechts schuldig gemacht hat oder mcht. Hiermit ist für die Unterrichts-Verwaltung eine Lage geschaffen, welche im Interesse der Schule wie des Lehrerstandes emer A b- hilfe dringend bedarf. Wird ohne Rücksicht auf das Vorhandensein eines strafrechtlichen Thatbestandes bte gerichtliche Verfolgung der Lehrer wegen Ausübung der Schulzucht blos deßhalb zugelaffen, weil der Lehrer gegen eine behördliche Anweisung gefehlt hat, welche gar mcht m der Absicht ergangen ist, die Grenzen der strafrechtlichen Verantwortlichkeit zu verrücken, so wird, da em pädagogischer Mißgriff für sich allein strafrechtlich nicht ,n Betracht kommt, die Zahl der Prozeffe, zu denen bte Ausübung beS Züchtigungsrechts bet Lehrer Anlaß gibt, tn erheblichem Maße durch eine Reihe von Fällen vermehrt, welche nothwendig mit Freisprechung endigen müssen. Auf diese Weise wird der Zweck, welchen die Institution der Kon-
Mit einer Art scheuer Bewunberung schaut tiefer zu seinem Begleiter empor. Weich' ein munberbare« Eceigniß hatte Peter zu Stanbe gebracht? Wie kam tiefer einfältige alte ©onber- ling zu dem mächtigen Einfluß auf den alten unzugänglichen Herrn? Er schien ihm em Rathiel, unb Wilhelm wagt eine bescheidene Frage: auf welche Weise das Kunststück gelungen sei. Aber da kommt er schön an. Peter scheint zuerst ver- dutzt unb gibt bann barsch, ja grob zu verstehen, da« wäre seine Sache. Allerbings, em Kniff wäre ba'iei, jawohl! Und bann lacht er luftig auf, aber es ist ein gezwungenes Lachen: wie ein Alpdrücken schnürt ihm die Angst vot den Folgen seiner Schwinbelei bie Brust em. Ec zieht bte Mütze tiefer in bie Stirn unb grüßt überaus beflissen Alles was ihm in den Weg lauft.
Aber Wilhelm ist viel zu sehr nut der eigenen Angelegenheit beschäftigt, um von Peter » seltsamer fieberhafter Aufregung Notiz zu nehmen.
Genau, wie bie Schulzm gesagt, trifft es ein ojebe« Häuschen, so klein es ist, will da» Blldniß de» geliebten Seelsorgers besitzen. ^^Bestellungen häufen sich; ja selbst Peter hat sich die Wirkung seine» G.mieftrriche» so großartig nicht vorgestellt.
Ganz zerknirscht schaut Frau Lina m die Züge