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Sonnabend, den 21. Juli.

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Erstes Blatt.

* Die preußischen Landtagswahlen, welche Ende Oktober stattfinden dürften, werden diesmal für alle Parteien von hoher Bedeutung sein, für die Centrumspartei aber ganz be­sonders, weil dieselbe nicht bloß eine politische, sondern auch eine konfessionelle Aufgabe hat. Inner­halb kürzester Frist hat sich zweimal ein Thron­wechsel vollzogen, und daß dieser Umstand auf die allgemeine Politik rückwirkend sein muß, ist un­verkennbar. Der neue Herrscher sieht zum ersten Male unter seiner Regierung das Volk, allerdings nach dem höchst unvollkommenen Dreiklaffensystem, sein politisches Urtheil abgeben; wir hoffen, daß dies, dem von Kaiser Friedrich so entschieden erklärten Willen entsprechend, in voller Freiheit geschehen wird; denn nur so wird die Entschei­dung des Volkes über seine Vertretung für Herr­scher und Beherrschte von Werth sein. Jedenfalls werden sich alle Parteien bemühen, gerade unter den gegenwärtigen Zeitumständen ihre volle Kraft zu entfalten; das muß und wird auch die Cen­trumspartei thun.

Dieselbe ist in ihrer streng monarchischen Ge­sinnung stets mit vollem Ernste für die Rechte der Krone, das wirkliche, nicht das Schatten- königthum, eingetreten, diesem Streben wird sie auch fernerhin treu bleiben. Der König selbst hat aber ausgesprochen, daß die gegenwärtigen Kron­rechte dem Königthume genügten, er hat somit feierlich erklärt, daß er eine Erweiterung der per­sönlichen Macht des Königs über die Grenze der Verfaffung hinaus nicht erstrebe, darin liegt die Achtung vor den Volks recht en unverkennbar ausgesprochen. Diese Rechte des Volkes, die Be­stimmungen der Verfaffung, der vollen und ganzen, nicht der im Kulturkämpfe verstümmelten, wird das Centrum, wie es stets bei ihm der Fall war, auf das Entschiedenste vertheidigen und jedem An­sturm gegen dieselben, von welcher Seite er auch versucht werde, seine festeste Abwehr entgegenstellen.

In der letzten Zeit nahmen die Versuche der Mittelparteiler, eine auf alle Fälle der je­weiligen Regierung ergebene „freiwillig gouverne- mentale" Knobloch-Partei zu stiften, an Eifer zu; das Centrnm wird sich kraft unferer Grundsätze niemals zu folchem Regime herbeilaffen; nicht zum Kopfnicken ist die Volkvertretung da, sondern als

Des Pfarrers Bild.

Novelle von I. v. Dirking.

(7. Fortsetzung.)

„Der Name Stephan scheint hier wohl sehr verbreitet", hüstelt Schönheim, in die Schüffel spähend. Sie ist leer, und gereizt wirft er den Löffel auf seinen leeren Teller, daß es klirrt. Die Frau zuckt zusammen.

„Ich will mich zur Ruhe begeben, Lina! stößt Schönheim heraus, sich schwerfällig von seinem Stuhl erhebend. Sofort ist Frau Lina an seiner Seite; seinen Arm erfaffend, geleitete sie ihn in die anstoßende Kammer. — Da öffnet sich die in den Hausflur führende Thür und Peter Vilius, der Nachbar, schiebt seinen grauen, spitzen, borstigen Kopf durch den Spalt.

„Oho, schon wieder da, Wilhelm»-? Guten Abend, allzumal!" ruft er heiter, und trippelt, die Hände aneinander reibend, näher. „Nun, wie schaut'» aus, Jüngelchen Victoria?" witzelt er, unter absichtlichen Grimaffen, die dem kleinen Patienten stets ein heiteres Lächeln abgewinnen, denn Peter ist fein Abgott, er muß heute seinen Weinberg bewundern. Und während das Kind

gesetzgeberischer Faktor soll sie nach Pflicht und Ge- wiffen die Vorlagen der Regierung beurthetlen, jede sogen. Opportunitätspolitik muß ausgeschloffen blieben. Alle Mittelpartei -Bestrebungen, die sich notorisch mit dem ServilismuS decken, müssen vom katholischen Volke, das sich die Selbständig­keit seiner Meinung nicht verkümmern laffen will, ohne Gnade niedergestimmt werden. Das Ceutrum hat sich stets als feste Burg der Ver­fassung bewiesen; daß es dies auch fernerhin fein kann, dafür werden die Wähler sorgen müffsn.

Die kirchliche Frage wird bei den Wahlen eine sehr hervorragende Rolle spielen, um so mehr, als die Mittelparteiler, welche im Herzen noch die alten Kulturkämpfer sind, die Absicht haben, den offenen Kulturkampf in einem fchleichenden fortzusetzen. In den Organen der Mittelparteien kann man tagtäglich sehen, wie gut die Katho­liken es gegenwärtig hätten, wie a I I e ihre Wünsche über das Maß erfüllt seien, wie es sogar eine Auflehnung gegen den hl. Vater sei, noch weitere Rechte für die Kirche zu verlangen! Die Gegner operiren von ihrem Standpunkte aus nicht unge­schickt: gelingt es ihnen, das katholische Volk ein­zulullen, es vom Centrum abzuziehen, dann haben sie bald gewonnenes Spiel und werden uns, um mit Barbaren zu reden, statt wie bis­her mit Ruthen, demnächst mit Scorpionen peit­schen. Der Centrumsfraktion mit ihrem uner- fchütterlichen Festhalten an den kirchlichen Rechten verdanken wir die bisherigen nicht unbedeutenden Erfolge; diefelben werden aber um so mehr an ihrem Werths verlieren, als die parlamentarische Fraktion gefchwächt wird, welche sie vertheidigt und neue zu erringen sucht. Es ist wahrlich noch viel zu erringen — das weiß jeder Leser und der Aufruf der Fraktion wird gewiß nicht ver­fehlen, darauf aufmerksam zu machen — ganze, nicht halbe Arbeit muß gemacht werden, das hat das katholische Volk stet» mit Begeisterung und Entschiedenheit verlangt, und daß es das auch fernerhin verlangen wird, dafür müffen die Wahlen ein fo eclatantes Zeugniß geben, wie nie zuvor.

Daß die preußischen Katholiken mit vollem Muths dem Wahlkampfe entgegen gehen, wie groß auch die Zahl ihrer offenen und geheimen Gegner fein möge, kann für einen Katholiken gar keinem Zweifel unterliegen. Ihre Kraft gibt ihnen den Siegesmuth, dem Siegesmuthe aber muß der Sieg folgen. Das Centrum ist gewohnt, sich auf feine

plaudert, gleiten Peter'» Augen mit einem traurigen Blick in dem dürftig ausgestatteten Raum umher. Leere Wände, ein paar wackelige Stühle, mühsam zusammengekleisterte Feustervorhänge und ein kahler vor Feuchtigkeit glitzernder Fußboden, es ist ein klägliches, elendes Heim.

„Nun, wie stehen unsere Aktien, junger Herr ?" fragt Peter nach einer Weile, während Wilhelm eilfertig die paar Teller in den Brodkorb vom Tische geräumt hat.

„Ich werde morgen wieder nach Herbeck müffen, Peter!" Sie wechseln Angesichts des Kleinen, der gespannt aufhorcht, einen vielsagenden Blick, dann schnellt Peter empor.

„Komm, Wilhelm! Der Abend ist wonnig, laß uns ein wenig durch die Straßen unserer Musen­stadt promeriren, damit uns ein Biffel frische Luft um die Nase weht, komm! Du hast Fiasko gemacht, mein Sohn, ich sehe es Dir an," sagte Peter, al» Beide sich in» Freie gerettet haben. — Der Andere seufzt.

„Hoho, wer läßt denn gleich die Flügel hängen?!" schillt Peter mit verstelltem Zorn, „aber fitzt er­zähle mir, guter Freund, wie hat e» Dir bei unseren Landpropheten gefallen? Hier zu Hause

aus den Grundsätzen entspringende Stärke zu ver- laffen, e» geht ohne Regierungsstütze und ohne „Verbündete" in den Wahlkampf, seine eigene ungebrochene Kraft wird es erproben. Mit welcher Partei sollte es auch gehen?

Mit den Konservativen? Die haben sich als eine schwächliche Regierungspart.i erwiesen, die Interessen des Volkes, insbesondere des steuer­zahlenden Volkes treten für sie hinter ein von oben her gegebenes Machtwort zurück; in kirchlichen Dingen sind sie den Katholiken, einige Ausnahmen abgerechnet, nicht günstig, und wie bei ihnen die Verfaffung aufgehoben ist, das hat sich noch dies Jahr gezeigt. Oder mit den Freikonser­vativen? Eine Partei mit so klaren Zielen, wie die Centrumspartei, hat es von jeher abgelehnt, mit einer Gesellschaft, die aus kulturkämpferischem Mischmasch ohne Prinzipien besteht, sich irgendwie einzulaffen. Mit den Nationalliberalen, die sich von den Fceikonservativen schon gar nicht mehr unterscheiden, können wir uns ebensowenig befaffen, beide Parteien müffsn überall und rücksichtslos niedergestimmt werden, sie haben mit dem Centrum nicht das Geringste gemein und werden es nie haben. Die freisinnige Partei wird deßhalb nothwendiger Weise für das Cen­trum sehr in Betracht kommen. Die „freisinnig­klerikale Allianz" ist trotzdem Fabel; wo wir die Freisinnigen etwa unterstützen, was, wenn wir ausschlaggebend sind, gegenüber einem Freikonser­vativen oder Nationalliberalen stets der Fall sein wird, können wir ihnen zurufen: „Wir thaten's aus Haß der Mittelpartei und nicht um euren Dank."

Für die Centrumspartei liegen somit die Ver- hältniffe ganz klar. Sie weiß, was sie will, thut, was ihre Pflicht ist, und wird der alten, ruhm­bedeckten Fahne treu bleiben, auf der gefchrieben steht: Wahrheit, Freiheit, Recht!

Deutsches Reich.

Berlin, 20. Juli.

* Ueber die bekannte Schrift des Geh. Rathe» Hinzpet er (des früheren Erziehers Kaiser Wil­helms II.) schreibt der katholische ,Wests. Merk.': ES ist ein eigenartiges Bild, das uns Hinzprter von dem jugendlichen Herrscher entwirft: eine stark ausgeprägte Individualität, die sich äußeren Einflüffen, auch den mächtigsten, nicht gern unter­

kommen wir ganz hübsch mit dem Krähwinkeler Landsturm voran, weißt Du. Die Leute lieben es nicht, ihr eigene» Konterfei im Bilde zu be­trachten. Aber was gab'» in der Herbecker Pfarre, von dort hast Du ja das Obst mitgebracht."

Wilhelm erzählte.

„Also morgen nimmst Du die Camera für Moment-Aufnahme gleich mit"' sagte Peter, „gut so, dann werde ich Dich ebenfalls begleiten, und wir wollen doch sehen, ob mit dem alten Herrn wirklich kein vernünftiges Wörtlein zu reden ist."

„Du warst im Psarrhause, mein Sohn?" fragte die Mutter, als Wilhelm ihr noch spät am Abend beim trübseligen Schein der Lampe gegenübersaß. Er an seinem Zeichenbrett, sie an einer Weiß­stickerei für eine Handlung, die ihr aus Mitleid eine Arbeit hatte zukommen laffen. Ach, ihr Fleiß, der sie Nächte hindurch wachen ließ, erzielte fo wenig, so bitter wenig Verdienst; .aber sie klagte niemals, sie erschien dem Sohne als ein Engel der Geduld; nur heute ist sie fieberhaft erregt und traurig. Sie zu zerstreuen schildert Wilhelm alle Einzelheiten seines Ausfluges; — aber selt­sam, die Mutter interefsirt sich nur für da» Pfarr­haus und erschöpft sich in Fragen. „Nicht wahr,