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1888

Freitag, den 20. Juli.

M 165

>itag

Fustier

Des Pfarrers Bild.

Novelle von I. v. Dirling.

(6. Fortsetzung.)

Unter solchen Gedanken fühlte ich einen grim­migen Haß auf Lina, und Segenssprüche habe ich ihr sicher nicht nachgebetet. Und vergiften konnte man sie auch nicht; ich brauchte nur unseres guten Herrn gebeugtes Haupt anzusehen, das über Nacht ergraut war. Sein Auge schien immer wie um­flort und die sonst so kräftige Stimme hatte auch fast keinen Klang, keinen rechten Nachdruck mehr. Und Kläre?! Sie, die früher die Seele eine» Hause» gewesen, wo e»wie in einem Taubenschlage ein- und aurflog, war fast menschenscheu geworden. Unsere guten Freunde aber schienen vom Teufel der Neugierde wie besessen.

Wie wir den Schicksalsschlag wohl ertrügen? Wie e» so gekommen? Und zum Schluß, wenn sie un» wie eine Citrone ausgepreßt hatten, ver­ließen sie un» mit dem Trostspruch, daß e» hätte so kommen müssen. Man habe da» längst vorau»- gesehen, so ein Vagabundenblut könne nimmer gut thun, und wie die erbaulichen Sprüchwörter weiter hießen, und da» Herz vollend» zu brechen.

Da kam der Umzug. Kläre arbeitete fieberhaft, al» wolle sie den trüben Gedanken entfliehen; al»

* Kaiser Wilhelm II.

Der Erzieher de» Kaiser», Geh. Rath Dr^G. Hinzpeter, hat unter dem Titel „Kaiser Wil- heim II. Eine Skizze nach der Natur gezeichnet , ein Charakterbild de» Kaiser» in einer kleinen Schrift geliefert, der wir Folgende» entnehmen:

Nie ist wohl eine menschliche Seele stärker ergriffen gewesen von den Gefühlen der Ehrfurcht, Verehrung und Dankbarkeit, wie die des jungen Prinzen, als er, reifer geworden, nach positiver politischer Nahrung verlangend, seinem Großvater, seinem Vater und dem gewalttgen Kanz­ler sich näherte, und diese ihn einweihten m ihre Ideen und Pläne, oder gar ihn bei beten Ausführung verwen­deten. Hinzpeter geht dann auf die Erziehung unbbie innerhalb derselben sich naturgemäß äußernden Einflüsse über und sagt: Von der so eminent künstlerisch begabten und beschäftigten Mutter hat er wohl etne gewisse Freude an der Ausübung des eigenen ererbten Talents und etne warme Begeisterung für alle Schöpfungen der Kunst, von dem bürgerlich liberalen Vater die volle Freiheit von aller Kastenbefangenheit und Standesüberhebung; von dem philosophisch raisonnirenden Erzieher etne gewisse Neigung zum Diskutiren und Argumentiren übernommen, aber überwältigend ist die Einwirkung auch dieser höchsten Auto­ritäten nicht gewesen; keine hat dem spröden Material ihr Gepräge zu geben vermocht. Die Kirchenlehre wurde ihm geraume Zeit von einem liberalen und dann nach plötzlichem Wechsel von einem streng orthodoxen Leistlichen vorgetragen. Die gefürchtete Verwirrung der Begriffe trat keineswegs ein; die eig-nthümliche Fähigkeit dieses in seinem Wege unbeirrbaren Geistes, überall das zu nehmen, was ihm zusagt, ließ ihn auch seine religiösen Vorstellungen aus dem gebotenen Matertal mit eigener Arbeit zu persönlichem Gebrauch zusammenstellen. Zum obersten Bischof der Kirche ist er dadurch sehr wohl geeignet, zum Parteihaupt sehr wenig. Obgleich der Prinz in den Kreisen der Potsdamer Offiziere sich außerordentlich wohl fühlte, beherrschten ihn keines­wegs deren Ideen. Die Antipathie derselben gegen die zur gleichberechtigten Rivalin sich emporarbeitende Manne störte seine früh erwachte Sympathie für diese so wenig, daß er es im Gegentheil unternahm, seine Kameraden durch öffent­liche Vorträge über die Flotte zu seinen Anschauungen hinüberzuziehen. Mit lebhaftem Jntereffe, oft mit warmer Begeisterung pflegte er an dem Leben und Streben der Kreise theilzunehmen, in welche er während der verschie­denen Phasen seiner Entwicklung gestellt wurde, ,m Ge­fühl der Solidität der eigenen Persönlichkeit von allem falschen Hochmuth frei; aber nie ist er ganz barm aufge- qanaen, immer hat er seine Selbststänbigkeü rm Empsinben und Urtheilen bewahrt und bewiesen. Durch eme Ver­letzung bei her Geburt, welche eine unheilbare Schwäche bes linken Armes zur Folge gehabt, war seiner Entwickelung ein ganz eigentümliches Hlnbermß bereitet, welches zu beseitigen alle Kunst unb Sorgfalt un­fähig bleiben mußten, wenn nicht das Kmd schon m un- gewöhnlicher Energie des Willens dabei mitwrrkte. Es galt, das natürliche Gefühl körperlicher Unbeholfenheit und

und Gerechtigkeit find für ihn nicht blos theoretische Tugenden, sondern seiner ganzen Natur entsprechende^ ein Streben und Handeln bestimmende Eigenschaften. Seine bekamüe Campagne gegen die seinem in allen Ge­nüssen maßvollen Wesen so anthipathischen und seiner langen Lebensauffassung so widerstrebende Spielpassion >er vornehmen jungen Welt, welche vor seinen Augen blühende Existenz vernichtet und dadurch feine tieffte Entrüstung hervorgerufen hatte, konnte erfolgreich nur sein, weil sie in weiser Mäßigung in den seiner da­maligen Stellung als Regimentskommandeur entsprechen­den Schranken geführt wurde. Gerade diese kluge Be- chränkung trug ihm auch die besonders freudig empfun» jene Genugtuung des rückhaltlosen Beifalles des sonst so streng kritistrenden Vaters ein. Den Kampf gegen >ie Leidenschaft, den er hierbei für andere unternahm, hat er mit unerbittlicher Strenge in sich selbst geführt und das Maßhalten sich zurn Lebensprinzip ge­macht. Selbst seine Familie ist für ihn wohl die unent­behrliche Basis seines Lebens, das Zusammensein mit Frau und Kindern ist ihm unabweisbares Bedürfniß; ihre Zuneigung erhellt fein Leben, und die Sorge um sie erwärmt fein Her,; aber auch diese Gefühle sollen ferne Kraft nicht verzehren, sondern mehren. Nur em Gefühl beherrscht sein ganzes Leben und Streben, treibt zur An­spannung aller Kräfte und wenn nöthig, zum kühnsten Wagen. Das ist das Pflichtgefühl, stets bte stärkste und wirksamste Triebfeber in allen Gliedern ferner Raffe. Es wird ihn als ersten Diener des Staates, als welchen er sich selbst einführt, stets das Allgemeinwohl über alle einzelnen, namentlich über alle persönlichen Interessen zu stellen, für das Heil des über alles ge­liebten Vaterlandes das eigene Behagen, den eigenen Vorteil, das eigene Leben unbedenklich zu opfern, treiben und befähigen.

Diese Broschüre Hintzpeter'» über Kaiser Wil­helm ist ihre» rückhaltlosen und offenen Tone» halber von verschiedenen Seiten bemängelt worden. Wie die ,Nat.-Ztg.' von gutunter­richteter Seite hört, hat die Broschüre vor ihrer Veröffentlichung Kaiser Wilhelm vorgelegen, und hat derselbe die Veröffentlichung gestattet. Der Ton der Broschüre findet dadurch allerdings seine Entschuldigung. Uebrigen» wurde ja auch schon durch den .Reichsanz.' berichtet, daß Herrn Hintz­peter der Rothe-Adler-Orden zweiter Klaffe mit Eichenlaub verliehen worden sei.

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Deutsches Reich.

Berlin, 19. Juli.

• Die Zusammenkunft Kaiser Wilhelms mit dem Kaiser Alexander ton Rußland hat heute Nach­mittag 3 Uhr bei Kronstadt stattgefunden. Ein von halb 2 Uhr Nachmittag» datirtes Telegramm zu vergleichen war. Der üppige Weinstock, welcher die südliche Front de» Hause» bedeckte, rahmte da» einzige Fenster wie mit einer kunstvollen Draperie ein. Die Aussicht ist hier unbeschränkt und der Vikar macht seinen Gast darauf aufmerksam. Aber plötzlich, al» ahne er, daß der Jüngling heute noch keinen Bissen über die Lippen gebracht hat, langt er sein Taschenmesser hervor und schneidet einige der köstlichsten Trauben ab, die er in eine mit Obst gefüllte Schale legt; und, den Gast zum Kosten ermunternd, sofort mit gutem Beispiel vorangeht. Da» Gebahren des gastfreien Geistlichen, sein mun­tere» antheilvolle» Geplauder, da»,regen Kunstsinn und humane Gesinnung verräth, bezaubern Wil­helm und erschließen sein Herz. Er weiht den Vikar in seine Sorgen und Kümmernisse ein; er er­bittet seinen Rath, seine Fürsprache bei dem Pfarrer.

Aber plötzlich werden die Züge des Geistlichen ernst, er schaut sinnend vor sich nieder. Wilhelm'» Augen hängen flehend an seinen Lippen.

„Frau Schulze Dalberg hat Recht, sagte der Vikar nach einer Weile; „der Herr Pfarrer ist sehr beliebt, sein Bild würde große Verbreitung finden und Sie genügend empfehlen. Ich glaube auch wohl, daß hier auf die Dauer der rechte Boden für Ihr Geschäft ist, wenn Sie fich nur erst eine Zeit lang behaupten können. E» kommt nun darauf

der bamit unvermeiblich o«6unbenen Zagheit zu überwin­den. Es war für ihn eine eminente moralische Leistung, ein ausgezeichneter Schütze, Schwimmer unb Setter bet kühne, unerschrockene Mann zu werben, der letzt für den nicht unwahrscheinlichen Fall eines Attentats vor Allem den einen Wunsch hegt, baß ihm noch genug Kraft bleibe um ben Mürber zu packen unb abzustrafen. Nie ist m bte preußische Armee ein junger Mann eingetreten, der phy­sisch so wenig geeignet erschien, ein brillanter »nb schnei­diger Reiterosfizier zu werben, als bet junge Prinz Wil. Helm. Als er es aber geworben war, als er fern Husaren- Regiment seinem scharf kritisir-nb-n Großvater vorg-stellt, unb von seinem als kavalleristische Autorität so gefürch­teten Onkel bas bezeichnenbe, fast einer Abbitte Sleichlau- tenbe Lob geerntet: „Du hast es gut gemacht! Ich hatte es nie geglaubt!« ba hatte er sich burch reblich-, bas ge­wöhnliche Maß weit überfteigenbe Arbeit an sich selbst ben Anspruch auf eine über sein Alter hinausgehenbe gebietende Stellung erworben. DerAnblickbes Kultur! a m p f es mit feinen trübseligen Folgen stärkte seinen natürlichen Sinn für Billigkeit unb religio fe Dulbsarnkeit. Eine genauere persönliche Einsicht m bte harte unb hoffnungsarme Existenz ber Arbeiterbevölkerung wie ber refleftirenbe Vergleich berselben mit ber eigenen materiellen Behaglichkeit unb Sorgenfreiheit, roie bte -m- gehenbe Beschäftigung mit ben sozialen Fragen berGJegerv wart machten für seinen burch unb burch gerechten Sinn die Nothwenbigkeit sozialer Reformen zu einem unanfecht­baren Axiom unb zu einer persönlichen Lieblingsvorstellung. Ein Aufenthalt in Englanb pflegt seine Ueberzeugung von bem hohen Werth einer starken Centralgewalt zu stärken, währenb ein solcher in Rußland ihn eher bte Selbstverwaltung schätzen lehrt. Alle Reisen aber m bie,en Stobern wie in Frankreich unb Italien vermehren sicher sein beutsches Nationalgefühl, welches stets sehr ««S^mn ihm gewesen ist. Das freubige Genießen ber beutschen Dichtung aller Perioben vom Beowulf bis zu Felix Dahn weckte seinen Enthusiasmus für beutsches Leben unbsEmpfinbm allerZeiten, wie an ber anbächtigen Aufnahme ber beutschen Geschichte seine Begeisterung für beutsche Thaten unb Helden entzündete, von Karl dem Großen und Jemen Paladinen hiz »u den Heroengestalten des eigenen Vaters und Groß­vaters. Daß dabei die preußischen Helden und Triumphe einen noch ganz besonders hohen Grad von Wärme unb Stolz erweckten, ist um so weniger ju oerwunbetn, als ein Mal seine Natur, wenn sie nach ihren Fehlern unb Vorzügen unter eine allgemeine Rubrik gebracht werben sollte, sicher als eine eminent preußische bezeichnet werben müßte, während anderseits bte preußische Lanbes- qeschichte für ihn auch noch wesentlich Familiengeschichte ist. Der Schwung, ben feine erregbare Natur burch solches Bewundern erhielt, wurde eme neue Quelle der Kraft und der Erhebung. Daß aber der Phantasie und der Leidenschaft kein ungebührlicher Einfluß auf das Han­deln zufalle, dafür sorgt der überlegene regelnde Verstand, der in der eigentümlichen Mischung semes Wesens ein so bedeutendes Ingrediens bildet. Zorn und Haß so gut wie Liebe und Bewunderung werden stets seine Seele erwärmen zu energischem Vorgehen, schwer­lich sie je erhitzen zu tollkühnem Wagen. Klugheit

wir aber in der neuen Heimath eingerichtet waren, wurde sie von einer tückischen Krankheit ergriffen und starb." _ ,

Er entstand eine längere Pause. Endlich vrach Marie da» Schweigen.

„Und Lina — haben Sie nie wieder etwa» von ihr gehört?"

Mamsell verneinte. „Ihr Name ist in unserem Hause nie mehr genannt worden.

Al» wir nach Herbeck zogen, haben wir mit Fleiß alle Verbindungen in Ostrup fallen lassen, damit wir nicht an da» Vergangene erinnert wür- den. Heute aber trat mir in dem jungen Photc- graphen wieder ein Stück der Vergangenheit leben­dig vor die Augen — denn — sein Anblick machte mich betroffen.

Aber e» kam wohl daher, weil er da» verhang- nißvolle Wort „des Pfarrer» Bild" im Munde führte und mich so um alle Contenance brachte. So, da» ist meine Geschichte, Kind, können Sie e» jetzt begreifen, weshalb unser Herr fich nicht photographiren lassen wfll?" *

Während die beiden Frauen plaudernd im Gar­ten saßen, verweilte Wilhelm hoffnungsselig neben dem Vikar in dessen Tuskulum, da» reich an Kunstschätzen aller Art einem Museum un Klemen