J\g 164.
Donnerstag, den 19. Juli.
1888
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ö Eine katholische Ehrenpflicht.
Mehrfach las man in der letzten Zeit Ausführungen, in denen nachgewiesen wurde, wie sehr der Protestantismus in vor einem Jahrhundert noch ungemischt katholischen Gegenden sich aus- dehne und an Einfluß wachse. Zum Theil hängt diese Erscheinung mit den veränderten Zeitverhalt- Nissen zusammen, indem die Erleichterung des Verkehres die Bewohner verschiedener Gegenden mehr durcheinander wirst, aber zum größten Theile ist sie bedingt durch das von Preußen seit Jahrzehnten praktisch durchgeführte System, protestantische Beamte in katholische Gegenden zu verschicke«, wodurch, wenn auch keine Ver-, so doch eine Durch-Protestantifirung allmählich herbeigesührt wird. Die protestantischen Gemeinden in katholischen Gegendm bestehen fast durchweg in ihrer Mehrzahl aus Beamtenfamilten, und da im preußischen Beamtenstaate der Beamte, wenn eben möglich, den Ton angibt, so ist der Einfluß solcher protestantischer Ansiedelungen in katholischen Gebieten sehr leicht erklärlich. In größeren Städten der Westens mag sich die Bevölkerung gegen das „Ostpreußenthum" sträuben können, in kleineren ist das ost unmöglich, so kommt es, daß wenige Eingewanderte nicht blos das große Wort sühren, sondern sich auch tatsächlich zu den „Tonangebern" machen können. . ,., ,
Es ist demgegenüber auch wahr, daß die katholisch en Beamten mit Vorliebe in protestantische Gegendm verschickt werden, so tritt auch hie und da eine Durchmengung der protestantischen Bevölkerung mit katholischen Elementen ein. Jedoch muß hier auf einen Unterschied aufmerksam gemacht werdm. Erstens gibt es im Verhältmß zur Bevölkerungszahl weit weniger katholische als protestantische Beamte in Preußen; zweitens sind selten, sogar sehr selten, katholische Beamte in höheren Stellungen, drittens sind dieMigen Katholiken, welche sich in höheren Stellungen befinden, vielfach nur Namenskatholiken, solche, welche in gemischter Ehe leben und ihre Kinder protestantisch erziehen lasten. Es geht da so manche» hinter den Culiflen vor, was sich zur öffentlichen Besprechung nicht eignet, wer einige Erfahrung in der Sache hat, wird sich versucht Men, an em mcht ausgesprochene», aber thatsächltch bestehendes System zu glauben.
Gegen das staatliche System, Protestanten in
katholische Gegmden zu verschicken, läßt sich wirksam nichts aurrichten, man muß da den That- fachen ihren frei.» Lauf lasten und stets bedenken, daß die betr. Beamten nichts dafür könnm, daß sie in andersgläubige Gegenden versetzt sind, was diesen vielfach sehr unlieb ist.
Aber ein anderer Umstand verdient wohl einen kurzen Hinweis, nämlich, daß auch in solche Stellungen, welche von katholischer Seite zu vergeben sind, sehr häufig Protestanten berufen werden, während sehr oft katholische Bewerber vorhanden find, die den 'gestellten Anforderungen gleich voll- kommen Genüge leisten. Es ist in der That viel- fach schon so weit gekommm, daß die Katholiken, wenn sie bei Besetzung derartiger Stellen den Wunsch aussprechen, daß dem katholischen Bewerber der Vorzug gegeben werde, sich als unduldsam, Unruhe und Unfrieden stiftend anschreien lasse« wüsten. Wir erinnern an den Preßlärm, der kürzlich entstand, als in Aachen bei Besetzung der Spitalarztstelle die katholische Bevölkerung in höchst gemäßigter Form darum ersuchte, bei gleicher Qualifikation den katholischen Kandidaten zu be- Vorzügen. In Aachen hat nun allerdings, und wie wir glauben, einzig und allein wegen seiner auch von den Gegnern anerkannten ausgezeichneten Befähigung der katholische Kandidat den Vorrang behauptet, den Erfolg seinen eigenen Leistungen zu verdanken, was für ihn höchst ehrenvoll sein muß. Die sachliche Beurtheilung muß unter allen Umständen gewahrt bleiben, es wäre ein Unrecht, einen mangelhaft Befähigten blos seiner Konfession halber In irgend eine verantwortungsvolle Stellung zu berufen; aber wenn man betrachtet, wie es auf gegnerischer Seite sehr ost gemacht wird, so kann man sich des Verdachtes kaum erwehren, daß öfters mehr konfessionelle und politische Motive, als sachliche bei den „Liberalen" den Ausschlag geben. Besonders eigentümliche Gedanken drängen sich auf, wenn man sieht, wie es in „liberalen' Stadtverwaltungen „gemacht wird". Sehr selten merkt man dort etwas von Rücksicht auf die Minorität, im Gegentheil, nur Männer von feiner Parteifarbe läßt der „Liberalismus" aufkommen, von andern gilt: »hi nigri sunt, hus tu, hbera- lia caveto,“ es find Schwarze, die halten wir uns vom Leibe." In dem echt „liberal' verwalteten Osnabrück z. B. wird den Katholiken, die doch mehr als ein Drittel der Bevölkerung bilden, kein einziger Bürgervorsteher (Stadtver-
Des Pfarrers Bild.
Novelle von I. v. Dirking.
(5. Fortsetzung.)
Noch sehe ich Klärens runde, etwa» vor quellende, blaue Augen strahlen, wenn sie einen neuen Ballen selbstgesponnener Leinwand auf den Armen wiegend, daher kam. Keuchend vor Anstrengung gab sie ihre Anweisungen, wie der gediegene Schatz zu verwerthen sei. Sie war von unterst tzter Statur, sehr corpulent und ihr gutes Vollmondsgeficht glühte beständig wie eine Pfingstrose von irgend welcher Aufregung. Jetzt aber erglühten Linas bleiche Wangen oft mit Kläre um die Wette, wenn diese schalkhafte Bemerkungen hinwarf und die verschiedenen Muster der Tafeltücher erklärte. Oft bückte sich das arme Kind gar zu tief auf seine Arbeit, als mühe sie sich, uns ihr Gesicht zu verbergen; sie sah nicht einmal auf, wenn Kläre schwerathmend, mit neuen kostbaren Einkäufen beladen, zu ihr trat, so daß es mir schien, als ob Lina auf den Erwerb dieser Besitzthümer nicht den geringsten Werth lege. Als ich einst eine bezügliche Anspielung wagte, zog Kläre lachend ihre runden Schultern und sagte leichthin; „Ach
das ist nichts als mädchenhafte Scheu und Zurück- Haltung." Aber Lina wurde bleicher und bleicher und um so stiller, je näher der Hochzeitstag heran- rückte. Und einmal — ach ich vergeffe es nie — kam der gute Heldorf gerade in unseren Garten, al» Lina unter dem Fenster stand und an dem Blattwerk de» Weinstockes zupfend, das Köpfchen zu dem Maler erhob, der, im Fensterrahmen lehnend, angelegentlich auf sie einsprach. Zum ersten Male seit langer Zeit erscholl wieder ihr silberhelles Lachen durch den Garten, war sie wieder das fröhliche, junge Menschenkind wie früher, bevor sie, von dem Ernst ihrer unerwünschten Brautzeit verdüstert, schier unliebenswürdig geworden war. Auch Heldorf's Züge heiterten sich zusehends auf, als er aus der Ferne schon ihr munteres Geplauder vernahm, das jedoch bei seiner Annäherung plötzlich verstummte. Ich verweilte damals gerade in der allernächsten Nähe der drei Menschen und konnte unbemerkt die Scene genau beobachten. Im Laubgang der Bohnenreihen war ich auf einen Stuhl gestiegen, weil ich die Früchte der höchsten Region in die Schürze sammeln wollte. Von diesem erhabenen Standpunkte aus konnte ich die Gruppe genau übersehen, der Vorfall bleibt
orbnetet) zugestanden, und als kürzlich in dem ebenfalls von den Liberalen occupirten Wefel bei der Wahl eines neuen dritten oder vierten beigeordneten Bürgermeisters die Katholiken, welche die weitaus überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung bilden, hofften, wenigstens bei dieser Wahl eine günstige Vertretung in die Stadtverwaltung zu erhalten, wurden sie höhnisch abgewiesen, obwohl sie einen Kandidaten in Vorschlag zu bringen hatten, gegen den Niemand da» Geringste einwenden konnte. Da» „System" litt es eben nicht.
Es fällt uns nicht ein, den Rath zu geben, wir sollten in der Beziehung von den Gegnern „lernen"; zu irgend einem Unrecht dürfen wir uns unter keinen Umständen verstehen, aber nur ein wenig mehr „Korpsgeist" könnte uns unseres Erachtens durchaus nicht schaden. Wenn in katholischer Gegend von katholischer Seite eine Stellung zu besetzen ist, so ist es Pflicht, zunächst auf katholische Kandidaten Rücksicht zu nehmen, wenn sie den Anforderungen vollkommen entsprechen, sollten sie den Vorrang haben. Das ist eine Pflicht erstens gegen die eigene Partei, zweitens gegen das katholische Volk, drittens gegen die katholischen Bewerber. Daß für die letztem die Aussichten im Staatsdienste glänzend find, wird Niemand behaupten wollen, wenigstens nicht beweisen können, daß sie an Tüchtigkeit denen anderer Konfession nachstehen, ist ebenso wenig der Fall, deßhalb ist es eine Ehrenpflicht, ihnen in solchen Fällen, wo katholischerseits der Ausschlag gegeben wird, die ent- sprechende Berücksichtigung angedeihen zu laffen.
Deutsches Reich.
Berlin, 18. Juli.
• Da» Cartellgezänk nimmt fortdauernd einen breiten Raum in den Zeitungen ein. Die endlose^ Artikel ermüden sehr. Es wird im All- gemeinen immer dasselbe wiederholt, und Wirkungen haben diese „grundsätzlichen" Erörterungen kaum. Die Hauptsache ist, was die Wähler in den einzelnen Kreisen oder Gegenden beschließen. Und da sind die Nationalliberalen im Westen und im Osten schon kräftig dabei, mehrere Conservative, u. A. Herrn Stöcker, auf die Liste der Gegner zu setzen. Es scheint in der That, als ob ein ernstes Ringen um das Uebergewicht im nächsten Parlament zwischen den Conservativen und den Nattonalliberalen entstehen ewig in meiner Seele haften. — Ach, wenn ich an dem Tage doch gewarnt und gesprochen hätte —
Mit starren Blicken, als sähe sie plötzlich em Gespenst, so stierte Lina auf den ihr bestimmten Mann, der, die ganze Scene nicht begreifend, wie mit Blut übergossen, verwirrt und linkisch dastand und sich nach ein paar stotternden Worten zurück- zog. Niemals vorher war mir der Unterschied zwischen diesen beiden Männern so groß erschienen, als heute. Der Eine dürr, scheu, steif und unbeholfen in jeder Bewegung; der Andere heiter, sprühend und glatt von Manieren — der Abstand war zu grell, selbst Heldorf fühlte, daß er diefem Manne gegenüber eine klägliche Rolle spiele, und zog sich zurück. Und in diesem Augenblick dachte auch ich, daß Lina und der Maler ein passenderes Paar abaebe, als wenn sie mit Heldorf zum Altäre trete. Ich fühlte ein tiefes Mitleid mit dem Magister, der ein braver Mann, aber mcht weit- gewandt war. Er fchlich nahe an mit vorbei. Sonst pflegte er gewöhnlich voll Bewunderung an unseren, von Goldlack und Tulpen strotzenden Beeten zu verwellen, als ob er sich nicht satt daran sehen könne. Und wie manches Sträußlein hatte er nicht mit linkischer Verbeugung seiner Verehrten