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* Die Arbeiterwohnungsfrage geräth seit einiger Zeit wieder sehr in Fluß. Es wird einstimmig zugegeben, daß die Wohnverhält- niffe für kleine Leute gerade in Deutschland und Oesterreich sehr im Argen liegen und der Besserung bedürfen. Ein österreichischer Magnat, Graf Atterus zu Leechwald bei Graz, hat auf einer Reise nach Skandinavien in größeren Städten eine Reihe von Einrichtungen getroffen, von denen er nunmehr in einem Flugblatt Kenntniß gibt. Einzelne dieser Einrichtungen find so vorzüglich, daß wir ihrer hier kurz gedenken wollen. In Christiania hat fich eine Gesellschaft zur Beschaffung von Arbeiter­wohnungen gebildet. Dieselbe gab Aktien aus mit der Bestimmung, daß der Gewinn der Aktionäre 4 Prozent nicht übersteigen dürfe. Heute besitzt die Gesellschaft 7 Gebäude mit 464 Wohnungen, welche an 2098 Personen vermierhet sind. Der Preis der Wohnung ist durchschnittlich 14 Mk. und vorausbczahlbar. In Kopenhagen hat sich 1865 ein Bauverein aus Arbeitern gegründet. Die Mitglieder verpflichteten sich, 10 Jahre lang wöchentlich 1 M. 15 Pf. zu zahlen. Der Erfolg ist großartig. Heute besitzt der Verein 562 Häuser mit je 2 Wohnungen und allem Zubehör. In jedem Jahre werden im Verhältniffe zur Mitglieder­zahl Häuser gebaut und an jene Mitglieder ver- loost, welche wenigstens seit einem halben Jahre dem Verein angehört und zwanzig Kronen (schwe­disch) einbezahlt haben. Die Statuten selbst können wir hier nicht aufführen, das würde zu weit führen. Das Mitglied, das ein solches Haus gewinnt, bezahlt jährlich 6V2 Prozent von der Summe, die das Haus gekostet hat und vom Werthe des Grundstückes, sowie Steuern und Abgaben. Zehn Jahre nach der Uebertragung erhält der Besitzer Kaufbrief, nach 24 Jahren ist er schuldenfreier Eigenthümer. Eine Reihe dänischer Städte ist diesem Beispiele gefolgt. In Gothenburg haben reiche Leute ebenfalls eine Gesellschaft gegründet, welche bis jetzt 81 Häuser beschafft hat. Ein Arbeiter­verein ähnlich dem Kopenhagener hat dort 24 Häuser. So sehen wir in Skandinavien Baugesell­schaften und Baugenoffenschasten neben einander in ersprießlicher Thätigkeit. Auch in Deutschland hat sich in Bremen ein gemeinnütziger Bauverein ge­funden, der 52 Baracken baute. Für 10 Mark Monatsmiethe erhalten die Leute zwei Zimmer,

eine Küche und Hosraum. Arbeiterhäuser werden von dem nämlichen Vereine hergestellt. Diese Häuser kosten dem Verein 3700 M. Die Arbeiter können diese Häuser kaufen und zahlen dann jähr­lich 222 M., wovon 1 Prozent als Abzahlung auf den Kaufpreis eingelegt und mit den ersten Einzahlungen, mindestens 185 M. verzinst werden. Auch in Berlin hat sich 1886 eine Baugenoffen- fchaft gebildet. Das Geld, das solche Genoffen- schaften anfänglich brauchen, wäre wohl hauptsäch- lich durch die Sparkaffen zu beschaffen, denen die Spargroschen der Arbeiter in erster Linie zufallen. Wir wissen wohl, daß solche Dinge nicht über Nacht zu machen sind, aber Anregungen nach dieser Richtung müffen täglich gegeben werden, je mehr der Miethwucher in Flor sieht.

Deutsches Reich.

Berlin. 14. Juli.

* Zur Ausführung des Volksschul­lastengesetzes haben die Minister der Finanzen und des Kultus unter dem 22. Juni ausführliche Anweisungen ergehen laffen. Wir heben folgen­den wichtigen Punkt hervor: Das Gesetz bezweckt, den Druck der Volksschullasten, insoweit er durch die Aufbringung der Leistungen für die Lehrerbe­soldung herbeigeführt wird, in umfaffender Weise durch Leistung eines gesetzlich bestimmten Staats- beitrages zu dem Diensteinkommen der Lehrer und Lehrerinnen wirksam zu erleichtern. Ent­sprechend diesem Grundgedanken des Gesetzes liegt es nicht in der Absicht der StaalSregierung, die seither durch den Staatshaushaltsetat unter Ka­pitel 121 Titel 27, 28 und 28b ausgesetzten Staatsfonds zur Gewährung von Unterstützungen und Zuschüssen für da« Schulwesen herabzusetzen und au« der Erleichterung, welche der Schulunter- haltungrpflichtigen bei Aufbringung des Dienst­einkommen« der Lehrer durch die Ausführung des Gesetzes zu Thetl wird, einen Anlaß zu entnehmen, an den gedachten Fonds zu dem Zwecke der Er­zielung eines Gewinnes oder Vortheils für die Staatskaffe Erfparniffs zu machen. Die Fond« der gedachten Etatstitel sollen vielmehr für ihre etatsmäßigen Verwendungszwecke unverkürzt er­halten bleiben. Es liegt auch nicht in der Absicht der Staatsregierung, widerrufliche Staatsbeihilfen, welche aus den vorbezeichneten etatsmäßigen Fonds

oder aus anderen staatlichen oder unter Ver­waltung des Staates stehenden Stiftungs-, Pro­vinzial- und Lokalfonds zu den Lehrerbesoldungen bisher gewährt worden find, allein aus dem Grunde nunmehr zurückzuziehen oder zu kürzen, daß den betreffenden Schulunterhaltungspflichtigen durch die Ausführung des Gesetzes fortan ander­weitig eine entsprechende Erleichterung bei Auf­bringung der Lehrerbesoldungen zu Theil wird. Denn so ansehnlich auch die Steigerung ist, welche die von dem Staate zur Unterstützung für da» Volksschulwesen bereitgestellten Mittel im Laufe der letzten anderthalb Jahrzehnte erfahren haben, so ist der Betrag derselben doch nicht ausreichend gewesen, um hilfsbedürftigen Schulverbäuden bei Aufbringung der Schullasten überall in solchem Umfange wirksam zu Hilfe zu kommen, wie es bei voller Berücksichtigung individueller Bedürftigkeit derselben wünschenswerth gewesen wäre. Es ist vielmehr, um die Entwickelung des Volksschul­wesens in Preußen auf der Höhe der Anforderungen der Gegenwart zu halten, seither unvermeidlich gewesen, die Leistungskräfte der Schulunter- haltungrpflichtigen in vielen Fällen, obwohl in solchen nach dem Maße der verfügbaren Mittel Staatsbeihllfe zu den Lehrerbesoldungen gewährt worden, doch bis zu einem an die Grenzen der nachhaltigen Leistungsfähigkeit hinanreichenden Grade in Anspruch zu nehmen. In Fällen der vorstehend gekennzeichneten Art ist deshalb den betreffenden Schulverbändcn die zur Lehrerbesoldung seither gewährte Staatsbeihtlfe auch noch fernerhin in dem Maße und so lange zu belaflen, als dieselben trotz der Erleichterung, welche ihnen durch den nach dem Gesetze zu leistenden Staatsbeitrag zu Theil wird, bei wohlwollender Prüfung und billiger Beurtheilung des Maßes ihrer individuellen Leistungsfähigkeit doch noch einer weiterreichenden Entlastung bei Aufbringung des Lehrerdienstein­kommens wohl bedürftig erscheinen. Rach diesen allgemeinen leitenden Gesichtspunkten haben die königlichen Regierungen baldigst eine sorg­fältige Revision aller seither au» den Fond» unter Kapitel 121 de» Staatshaushaltsetats zu den Lehrerbesoldungen widerruflich gewährten Staatsbeihilfen zu bewirken, bei Prüfung der in­dividuellen Leistungsfähigkeit jedes Schulverbandes mit wohlwollender Rücksichtnahme auf billige Schonung der Leistungskräfte der Verpflichteten zu

Des Pfarrers Bild.

Novelle von I. v. Dirking.

(2. Fortsetzung.)

„Aha", sagt Mamsell, der Mann versucht sein Heil vor einer anderen Thür!" — Sie athmet sichtlich befreit auf und fährt sich mit dem Schürzenzipfel über die Stirn, wo die Hellen Angst­tropfen perlen.

Verwundert starrt Marie auf das seltsame Ge­bühren der Frau, deren Gleichmuth bisher un­zerstörbar schien. Sie verglich e« in Gedanken mit der Aufregung de» Onkels und seiner schein­bar völlig grundlosen Abwehr gegen das Photo- graphiren, und die Neugierde erwachte in ihr; sie nahm fich vor, der Sache auf den Grund zu kommen, und hofft dabei auf die Redseligkeit der Haushälterin.

„Die Lust ist wundervoll!" ruft fie schmeichelnd, „kommen Sie, Mamsell! wandern wir ein wenig in den Garten hinaus, mein Urlaub ist bald zu Ende und wir haben noch gar kern rechte« Plauder­stündchen gehalten."

Ohne Widerspruch folgt ihr die Frau. Heute ist ihr Alle« gleichgiltig, denn ihr Geist weilt in den Erinnerungen längst vergangener Tage. Mit

dem Anblicke des Fremden ist die ganze böse Ver­gangenheit wieder in ihr lebendig geworden.

Sie laffen sich in der mit wildem Weine be­deckten Laube nieder, die in der buntfarbigen, schwermüthigen Pracht de» Herbstes herüberglänzt. Wie zerrissene Guirlanden schwanken rothe und gelbe Ranken im Luftzuge hin und her, und die welken Blätter, welche der Wind, gleich Schmetter­lingen, durch die Luft fliegen läßt, sammeln fich zu den Füßen der beiden Frauen, hier einen bunten Teppich bildend.

„Sie wollten mir schon immer etwas aus Ihrer Vergangenheit erzählen, Mamsell", mahnte da» junge Mädchen nach einer Weile, während die Augen des alten Fräulein» wie geistesabwesend in die Ferne starren. Ihnen gegenüber schim­merten die weißen Kalkwände einer schloßartigen Gebäudes durch die Laubkronen der Bäume; dort wohnte ein alter Sonderling. — Ach ja, die Umgebung diese» weltentlegenen Pfarrhose» war so recht zu einem Romane angelegt, so schoß e» heute, gegen alle Gewohnheit, durch den Kopf der jungen Dame.

„Glauben Sie an Ahnungen, Fräulein?" ver­setzte Mamsell dumpfen Tone», wie wenn fie nicht gehört hätte, wa» Marie soeben gesagt.

„Mir ist nämlich gerade so zu Muths, wie vor langen Jahren, al» ein Unglück über uns in der Luft schwebte."

„O, bitte, bitte, erzählen Sie", bat da» junge Mädchen lebhaft.

„Ja, die Geschichte ist traurig genug und hat unseren guten Herrn über Nacht in einen Greis verwandelt. Mir aber steht Alle» noch so deut­lich vor Augen, al» wäre e» gestern gewesen. Da» mögen nun schon 30 Jahre her sein", be­ginnt Mamsell, nachdem da» junge Mädchen fie auf'» Neue zum Erzählen angespornt hat. „Unser Pfarrer wirkte noch al» Vikar dn Ostrup und Kläre, seine Schwester lebte bei ihm, von der ich, wie Sie wißen, die Kochkunst erlernte. Da» waren aber dazumal ganz andere Zeiten; ein lustiges Leben war's, denn Kläre war allezeit guter Dinge und konnte das Kopfhängen nicht vertragen. „Ihr wollt durch Euere fauertöpfige Miene die Frömmigkeit wohl gar in Mißkredit bringen", schalt fie oft, oder: „Ist denn der Himmel für die Gänse gemacht, daß Ihr in be­ständiger Angst schwebt, er könne Euch entgehen?" E» waren so ihre Redensarten, mit denen fie uns allesammt zur Heiterkeit erzog und das Tagewerk ging uns bei ihrem Humor flinker als je von der

1888

Montag, den 16. Ju/i.

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