JV 160.
Sonnabend, den 14. Juli.
1888
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Zweites Blatt.
—* Ueber Freimaurerei, xx.
Proben und Ceremoniell bei der Ausnahme. (Schluß.)
Endlich kommt man noch zu einem andern Experimente; bei dieser letzten Probe, bei welcher es sich um das liebe Geld handelt, ist zwar der)Vor- wand, unter welchem man dem Suchenden das Geld aus der Tasche lockt, eine schamlose Lüge, die Gelderpreffung selbst aber findet in sehr reeller Weise statt.
Der Ehrwürdige. — Mein Herr! Der Augenblick, die zweite Pflicht eines Freimaurers auszuüben, ist gekommen. Die Wtttwe eines unserer Brüver hat von Ihrer Aufnahme am heutigen Tage gehört und bittet schon seit heute morgen um Ihre Unterstützung für sich selbst und ihre in das größte Elend versunkenen Meinen. Ich schicke jetzt das mit der Vertheilung der Almosen betraute Mitglied unserer Loge zu Ihnen, damit Sie ihm mit leiser Stimme niittheilen, welche Summe Sie zum Besten dieser unglücklichen Familie bestimmen. Mein Herr! Ich sage: mit leiser Stimme; denn die Wohlthätigkeitsakte eines Freimaurers dürfen niemals Akte von Osten- tation oder Eitelkeit sein; dieselben müssen vielmehr für ihn die Erfüllung einer Pflicht sein und in Geheimniß gehüllt bleiben. Ziehen Sie zugleich mit Ihrem Herzen auch Ihre Mittel zu Rathe, damit das Almosen, welches Sie dieser Wittwe und ihren Kindern bestimmen, Ihre Hilfsquellen nicht übersteige. Wir verlangen hier nicht mehr von Ihnen, als eine angemeflene Gabe Ihrer Nächstenliebe für Ihresgleichen. — Zögert der Suchende, sagt das Ritual des Groß-Orients von Frankreich, so muß ihn der Ehrwürdige auf folgende Weise zu einem bestimmten Entschluffe zu bringen suchen:
Der Ehrw. — Mein Herr! Die von Ihnen verlangte Liebesgabe würde aufhören, eine Tugend zu sein, wenn andere heiligere und dringlichere Pflichten darunter leiden müßten. Solche Pflichten sind z.B. die Erfüllung bürgerlicher Verpflichtungen, der Unterhalt der Familie, die Erziehung der Rin- bet, die Unterstützung unvermöglicher Verwandten. Das sind die ersten Gläubiger eines jeden Menschen, welcher sein Verhalten nach den Grundsätzen der Billigkeit regelt. Was würden Sie von Jemanden denken, der Almosen geben wollte, bevor er diese Pflichten erfüllt hätte? . . . Nach dieser Aufklärung über die allen Menschen gemeinsamen Pflichten, komme ich wieder auf meine ursprüngliche Frage zurück: Können Sw, ohne irgend eine dieser Pflichten zu verletzen, zum Besten der armen Leute, um welche es sich handelt, das Geld und dis Kostbarkeiten, welche man Ihnen abgenommen hat, ganz oder zum Theile opfern?
Nachdem der Ehrwürdige den Suchenden also vorbereitet hat, gibt er seine Befehle.
Der Ehrw. — Bruder GastmeisterI Begeben Sie sich zum Suchenden, um zu erfahren, was er für den von mir bezeichneten guten Zweck geben will!
Der Bruder Gastmeister begibt sich zum Suchenden, welcher ihm leise seine Absichten zu erkennen gibt. Dieser berichtet darüber gleichfalls leise dem Ehrwürdigen.
Der Ehrw. — Mein Herr! Die Achtbare Loge nimmt Ihre Gabe m>t lebhafter Erkenntlichkeit an. Zählen Sie auf die Dankbarkeit der unglücklichen Wittwe und die naiven und rührenden Segenswünsche ihrer Kinder.
Taxil bemerkt hierzu:
| Die Freimaurerei möge es mir nicht übel nehmen, wenn ich ihr sage, daß dieses erzwungene Almosen des Suchenden, um mich nach profaner Art auszudrücken, ganz.einfach eine Prellerei ist. Schon einmal hat man ja den Profanen in der Einladungsanzeige um 10 Fr. beschwindelt. Und am Tage der Aufnahme selbst existirt jene unglückliche Wittwe mit ihren Waisen ebenso wenig, als es eine solche im Serail des Großtürken gibt. Der klare Beweis hiefür ist, daß die Rede, welche bei dieser Gaunerei als Köder dient, in den Ritualen ein und für alle Male gedruckt ist, und unabänderlich bei jeder Aufnahme vorgetragen wird. (Werden mehrere Kandidaten in derselben Sitzung ausgenommen, so übergeht man die Proben, welche die verwickeltsten Apparate oder die meiste Zeit erfordern. Aus diesem Grunde glückte es auch mir, an der Einführung in die Höhle, an dem lmaurerischen Siegel, am Aderlaffe und der endlosen Leiter vorbeizukommen. Auch das Schauspiel des enthaupteten Verräthers vor dem Eintritt in den Tempel blieb mir erspart. Dagegen habe ich Grund, anzunehmen, daß man bei einem meiner Mit-Suchenden, Hrn. Konstantin Velitich- koff, nichts übergangen hatte; denn derselbe war schon vor der ersten Reise sehr erregt und während der Proben wurde ihm sogar zweimal übel. Ist der Maurer-Kandidat bei der Aufnahme allein, so muß er, wenn er nicht eine wirklich achtunggebietende Persönlichkeit ist, unerbittlich all' die üblen Späße mit sich machen lassen, welche ich eben erzählte. Es gibt selbst Logen, die mit den reglementsmäßigen Proben noch nicht zufrieden, zum Ritual Hinzuthun. Bei der ersten Reise läßt man z. B. den Profanen, um ihm die Schwierigkeiten, Kämpfe und Enttäuschungen dieses Lebens noch mehr zum Bewußtsein zu bringen, mit dem Kopfe gegen einen Balken rennen; man gießt ihm einen Strahl eiskalten Wassers in den Nacken, während man zu gleicher Zeit sein rechtes entblößtes Knie mit heißem Wasser begießt u. f. w. Um ihm die von der Freimaurerei geforderte Verschwiegenheit anschaulich zu machen, mystifizirt man ihn in folgender Weise: „Da wir sicher sein müssen, daß sie nichts ausschwätzen, schneiden wir Ihnen jetzt ihre Zunge ab. Sind Sie einverstanden?" Der Profane, sicher, seine Zunge ebenso gut zu behalten, wie alle andern Maurer, die er kennt, antwortet unbedenklich mit „Ja". Man befiehlt ihm hierauf, seine Zunge heran?zustrecken; er streckt sie heraus, soweit er nur kann. Man schneidet sie ihm nun freilich nicht ab, aber man klemmt sie in ein Instrument, das au» zwei Holzleisten besteht, welche durch eine besondere Vorrichtung stark gegen einander gepreßt werden; diese Probe ist sehr schmerzlich, so daß der Profane wirklich etwa für eine Viertelstunde nicht mehr sprechen kann.)
Man beendigt die Proben damit, daß man den Anwesenden gestattet, etwaige Fragen an den Suchenden zu stellen. Da kann man alle möglichen Fragen stellen, auch die indiskretesten, unpassendsten und unsinnigsten. Sind diese mehr oder minder albernen Fragen verstummt, so sagt
Der Ehrw. zum Schluffe. — Mein Herr! Wir sind geneigt, Ihr Vertrauen zu uns und Ihre in den Proben bewiesene Standhaftigkeit zu belohnen. Wir müffen indeß noch Ihre zukünftigen Brüder hierüber befragen, um zu erfahren, ob dieselben gegen Ihre Aufnahme keinen Einspruch erhoben haben.
Doch wir wollen den Leser nicht w-iter ermüden mit dem wörtlichen Abdruck der noch folgenden läppischen Hin- und Herreden. Ec wird mit dem bis jetzt veröffentlichten schon ziemlich gekürzten
Ceremoniell mehr als genug haben. Der Suchende wird gelehrt, die Schritte des Lehrlingsgrades zu machen und muß den nach den verschiedenen ihm vorgesprochenen Eid leisten, in welchem er zu- stimmt, daß man ihm die Kehle abschneide, wenn er jemals s einen Eid nicht halten solle und die „Geheimnisse" verrathen würde. Er erhält ferner das „Licht" mit der bekannten Lampe, wird mit dem „flammenden Degen" ^um Lehrling geschlagen und erhält vom Ehrwürdigen den dreifachen Bruderkuß, eine kleine Schürze von weißem Leder, ein Paar Herren- und ein Paar Fcauen-Handschuhe, man lehrt ihn die geheimen Zeichen, das „heilige Wort", das „Paß- wort". (In einem besonderen Kapitel werden wir die „Geheimnisse" ausführlich behandeln!) Es folgen noch dreifache Batterien, Houssas und eine längere Ansprache, in welcher Erde, Luft, Wasser und Feuer mit großer „Wissenschaftlichkeit" herhalten müffen. Der Ehrwürdige, welcher diese hohe Weisheit zum Besten gibt, kennt gewöhnlich nicht einmal die ersten Anfangsgründe der Naturwissenschaft. Ec liest jene hochtrabende Rede einfach aus einem in großen Lettern gedruckten Hefte ab, welches die Brüder aber wegen des erhöhten Pultes nicht bemerken können. Wenn der Neu- aufgenommene selbst keine Bildung besitzt, glaubt er einen Gelehrten ersten Ranges vor sich zu haben. Der Einfaltspinsel wird in die rechte Stimmung versetzt, um alle die falschen Lehren gierig zu verschlingen, welche die Fortsetzung feine» maurerischen Unterrichts bilden. Zum Schluß streckt der Ehrw. seine Hände aus wie der Priester beim „Dominus vobiscum“ und richtet ein bombastisches Gebet an den „Weltenbaumelster". Es folgen noch allerhand Fragen und Antworten. Zum Schluffe sagt der Ehrw.: „Schwören wir, über unsere Arbeiten vom heutigen Tage Stillschweigen zu beobachten und gehen wir in Frieden!" Jeder streckt, ohne irgend Etwas zu sagen, seine Hand aus; darauf geht man auseinander. Da» ist der höchst einfältige Schluß einer Aufnahme« sitzuna-
Eingesandt.
Seit längerer Zeit schon beschäftigt sich die öffentliche Meinung mit dem Projekte einer Verbindung der Löhersund Molkereistraße und seit Kurzem hört man auch von Bestrebungen für Herstellung einer „sogenannten" Verbindung der obigen beiden Straßen durch eine neu anzulegende, welche ihren Ausgangspunkt an der Frankfurter Chaussee in der Nähe der Gasfabrik haben und über den Hirtsrain in die zu verlängernde Molkereistraß- einmünden und also die Löhersgaffe völlig umgehen soll.
Da sich beide Projekte schnurstracks gegenüber stehen, so dürfte es angezeigt erscheinen, eine öffentliche Besprechung darüber zu veranlassen, um der interessirten Bevölkerung Gelegenheit zu geben, den Werth und die Vortheile beider Projekte gegeneinander abwägen zu können.
Wenn man eine Verbindung zweier Straßen plant, so hat man die Absicht, den Verkehr zwischen beiden zu erleichtern, indem man die Entfernung zwischen ihnen verringert.
In unserem Falle wird es sich also darum handeln, die Wegestrecks zwischen Molkereistraße,- Florengaffe und Hirtsrain rc. einerseits und der Johannis-, Löhers-, Schleifers- und Königsstraße anderseits zu verringern. Daß diese Berkehrserleichterung nicht durch die Anlage einer neuen Straße, welche von der Gasfabrik über den Hirtsrain nach der Molkereistraße führt, geschaffen wird, liegt auf der Hand.
In solchem Falle haben die Bewohner der oben genannten Straßen (Löhers-, Königs-, Schleifers-, Johannis - straße, Wäffergraben rc.) um mit einander zu verkehren entweder den alten Umweg durch die Karlsstraße, oder den neuen, noch viel größeren, durch die Frankfurterstraße über den Hirtsrain zu machen.
Daß eine solche Verbindung zweier gleich oder auseinander laufenden Straßen an ihren beiden wenigstens Va Kilometer von einander entfernten Endpunkten geradezu widersinnig ist, liegt klar, denn man braucht nur noch em wenig zu übertreiben und die Straße anstatt bei der Gassabrik am Bäoegarten oder auf dem Verbindungsweg zwischen der Edelzeller und Kohlhäuser Chauffee aus-