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1888

Sonnabend, den 14. Juli.

JV 160.

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Erstes Blatt.

-s. Der Entwurf

über die Jnvaliditäts- und Alters- Verficherung der Arbeiter*)

ist ein so umfangreiches Aktenstück, daß eine Be­sprechung im Rahmen eines einzigen Zeitungsartikel« nur anbahnend und auf einzelne springende Punkte bezüglich sein kann, und wenn wir dieselben in dieser Form versuchen, so erklären wir von vorn herein, daß sie unsere subjektive Meinung dar­stellen soll, ohne dadurch dem Urtheile der bekann­ten maßgebenden Kenner, welches bis jetzt noch aussteht, vorgreifen zu wollen. Die „Grundzüge" als bekannt voraussetzend, werden wir am besten thun, das Zustimmende und Bedenkliche der Reihe nach vorzuführen.

Zunächst hat der Plan im Ganzen unsere volle Zustimmung. Derselbe erfüllt prinzipiell eine alte Forderung des Centrums, von der man sich aber sagen muß, daß sie in der Ausführung ein Werk bleibt, dem stets menschliche Schwächen an- kleden werden. Der Grundsatz ist: das Mög­liche zu erreichen suchen, und zwar so, daß eine Verbesserung im Laufe der Zeit durch die Ergeb- nisie Der Erfahrung nicht ausgeschlossen wird.

Indem der Entwurf zunächst eine Minimal - Rente nach kurzerKarrenzzeitfeststellt, charakteri- sirt er sich wesentlich als Invaliditäts-Ver­sicherung; denn die Alters-Verfichernng tritt erst mit 71 Jahren ein, welche nach dem statisti­schen Material, so weit wir es im Augenblicke vor uns haben, nur 8—9 Prozent der Arbeiter er­reichen dürften.

Auch die Steigerung der Bezüge mit den zunehmenden Versicherungrjahren müsien wir aus mehr als einem Grunde für richtig erklären, schon deshalb, weil die Bezüge als selbstverdientes Gut, nicht als Almosen, zu betrachten sind. Aus demselben Grunde halten wir es für Recht, daß die Beiträge der Arbeiter selbst beibehalten werden; ob die Rate, welche ihnen zufällt, zweck­entsprechend erscheint, ist eine ganz andere Sache. Etwa» muß der Arbeiter selbst thun; wenn der Arbeitgeber, der den größten Theil des Verdienste» des Arbeiters bezieht, auch den größten Theil der Kosten trägt, so ist das einfach „ausgleichende Ge­rechtigkeit", nur müsien noch wohl Vorkehrungen

*) Nachdruck nicht gestattet.

Des Pfarrers Bild.

Novelle von I. v. Dirking.

(1. Fortsetzung.)

Wilhelm zieht seine Karte hervor und richtet, in der Meinung, daß er die Mamsell vor sich habe, seine Empfehlung von der Frau Schulze Dalberg aus.

Das junge Mädchen sinnt ein wenig nach. „Ich bin die Nichte des Herrn Pfarrers und nur zum Besuch hier," sagte sie fteundlich. „Bitte, nehmen Sie Platz!" Ihr Blick überfliegt seine Gestalt, sie scheint zu überlegen. „Ich will nachsehen, ob der Pfarrer zu Hause ist." Mit diesen Worten entfernte sie sich, und Wilhelm behält nun Muße, sich in den Anblick seiner schmucklosen Umgebung zu vertiefen. Ihm gegenüber an der Wand prangt eine braun und rolh gestrichene Statue der Mut­tergottes, mit tem Oellämpchen zu ihren Füßen, in dem ein schwaches Flämmchen mühselig fort­glimmt. Von der braunen hölzernen Wanduhr tönt das monotone „Ticktack, Ticktack" ungestört weiter: sonst kein Laut, kein Hauch, der die Gra­besruhe unterbricht. Wilhelm dünkt es eine Ewig»

getroffen werden, daß die Beiträge nicht auf die Arbeiter wieder abgewälzt werden.

Wenn wir dem System derBerufsgenosfen- schäften auch nicht grundsätzlich abhold sind, so begrüßen wir es dennoch, daß für die Jnvaliditäts- und Altersversicherung davon abgegangen und die Arbeit und Organisation den politischen Ver­bänden zugetheilt ist. Die Berufsgenossenschaften, wie sie sind, arbeiten unstreitig zu theuer, es ist auch keine Aussicht da, sie au» der bureaukratischen Schablone zu befreien. Die politischen Verbände werden auch nicht kostenlos arbeiten können, wenn aber jetzt die freisinnigen Blätter über neue Beam­ten ihre Klage führen, so ist ihnen einfach der wirthschaftliche Grundsatz entgegenzuhalten: „Für nichts gibt's nichts." Eine besiere Methode ist noch nicht erfunden, deshalb müssen wir uns mit der bisher relativ besten wohl oder Übel begnügen, wenn wir die Sache selbst wollen — das ist aber bei den Manchestermännern eben nicht der Fall.

Als recht gut erscheint uns auch die Bestimmung, daß die Zugehörigkeit zu einer privatenJnva- liditäts- undPensionSkasse, welche gleiche oder höhere Beträge verbürgt, mit der staatlichen Versicherung gleichwerthig sein soll. Hierdurch ist Arbeitgebern und Arbeitnehmern ein weites Feld der Thätigkeit eröffnet, das nicht unangebaut blei­ben wird. Bekanntlich haben Arbeitgeber, die es mit ihren Arbeitern redlich meinen, insbesondere katholische, schon längst eine Art Jnvaliditäts- rc. Versicherung eingeführt, solchen Institutionen wird damit nicht da» Wasser abgegraben, ihre wohlthä- tige Wirksamkeit nicht gehemmt. Soviel ist aller­dings sicher, daß die in Rede stehende private Ver­sicherung nur auf Grund des Einverständnisses zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich wird halten laffen.

Jndeffen haben wir gegen den Entwurf Man­ches auszusetzen, ohne damit sagen zu wollen, daß wir im Augenblicke Besseres an die Stelle setzen können.

Gegen das Prämienff ystem, welches wir für unvermeidlich halten, haben wir nur in Bezug auf die Höhe etwas zu erinnern, indem wir glauben, daß bei guter Verwaltung mit Geringerem min­destens Gleiches geleistet werden könne.

Bedenklicher erscheint uns die Gleichmacherei in Bezug auf die Bezüge. Ob Jemand, z. B. in Pofen, wo es verhältnißmäßig sehr billig ist, 120 Mark bezieht, ober in Aachen, der theuerstsn Fabrikstadt des Reiches, ist ein gewaltiger Unter*

leit, feit er hier weilt, und doch ist der plumpe Zeiger auf dem Zifferblatt kaum merklich vorgerückt.

Unterdeß eilt die junge Dame klopfenden Her­zens in das Studirzimmer des Pfarrers, wo sie den rüstigen Greis im hölzernen Lehnstuhl an fei­nem Arbeitstische zu finden hofft.

„Störe ich Dich, Onkel?" fragte ste zaghaft, als er bei ihrem Eintritt ein dickes, abgegriffenes Buch aus der Hand legt.

Statt aller Antwort erhebt er sich; eine hohe, stattliche Gestalt, die in ihrer aufrechten Haltung etwa» Gebietendes hat, und Jeden wie eine eigen­artige Erscheinung berühren muß.

Dieses Eigenartige besteht hauptsächlich in der Kleidung des priesterliches Greise», dis ihn als eine Figur des vorigen Jahrhunderts erscheinen läßt. Während alle seine Studiengenoffen, die mit ihm demselben Stande angehören, sich, was den äußeren Menschen anbelangt, soweit e» mit der priesterlichen Würde vereinbar, der Mode gefügt haben, ist er seinen Kniehosen und Schnallenschuhen treu ge­blieben. An seiner verinnerlichten Natur gleiten Aeußerlichkeiten ab, wie Staub an polirtem Stahl. Heute schien er gut aufgelegt; die rosigen Züge

schied, er beträgt mehr als ein Drittel. Es mag schwer halten, hier vollkommen richtige Absinkungen zu schaffen, aber eine gewisse Berücksichtigung und Abwägung des Ostens gegen den Westen, de» Nor­dens gegen den Süden müßte sich bei gutem Wil­len doch erreichen laffen. Wahrscheinlich wird unser bedeutender Sozialpolitiker, HerrAbg.Dr. Hitze, in seiner Zeitschrift „Arbeiter wohl" demnächst diese» Thema eingehend behandeln, er ist der geeignete Mann dazu, auch von Herrn Droste erwarten wir daraus sich beziehende Ausführungen.

Nicht minder haben wir Bedenken gegen die Gleichmacherei in Bezug auf die Berufsart. Die Löhne in den einzelnen Branchen sind ver­schieden, und wenn man auch das „eherne Lohn­gesetz" Laffalle's nicht in seinem ganzen Umfange anerkennt, so ist doch unbestreitbar, daß nach dem Verdienst sich das Bedürfniß regelt. Was man beim dritten und zweiten Stand al» selbstverständ­lich anerkennt, muß auch beim vierten und fünften prinzipiell anerkannt werden.

Sodann macht uns die Bestimmung Bedenken, daß nur 47 Arbeitswochen al» Jahr im Ver­sicherungssinne betrachtet werden sollen. Krankheit zählt zwar, nicht aber nach dem Entwurf unver­schuldete Arbeitslosigkeit. Es ist das zwar eine sehr schlimme Klippe, aber man muß bedenken, daß es Berufsarten gibt, die für immer auf die Saison angewiesen sind, wir erinnern hier nur an die Ziegelarbeiter, die nur reichlich ein halbes Jahr beschäftigt sein können unb selten Gelegenheit haben, sonst im Distrikt ihre Kräfte zu verwerihen, sodann an die Anstreicher, welche in der Frostzeit ebenfalls zu mehr als zwei Dritteln unbeschäftigt sind, an die Maurer und viele andere Arbeitsflüssen. Solche würden sehr schwer dazu kommen, die 47 Wochen voll zu machen, aber das wäre doch fürwahr nicht ihre Schuld. Hier hat der Entwurf eine Schwäche, die unbedingt beseitigt werden muß.

Daß die Höhe der geplanten Leistungen zu der Höhe der Beiträge in günstigem Verhältnisse stehe, können wir nicht behaupten. Es steht hier freilich Meinung gegen Meinung, wobei nur die Erfahrung da» Richtige beweisen kann. Unsere» Erachten» müßte aber da» Minimum auf 150, das Maximum auf 300 Mark gebracht werden können, sonst sieht es zu almosenmäßig aus.

Der Reichsbeitrag, der über 50 Millionen betragen soll, ist schon oft Gegenstand des An­griffes gewesen, grundsätzlich gefällt er keinem ernsthaften Sozialpolitiker, feit mehr al» einem mit dem kindlichen Ausdruck einer harmlosen Seele strahlten wie in innerer Befriedigung, sie flößten der jungen Dame Muth ein.

„Denke Dir, Onkel, Frau Schulze Dahlberg schickt uns einen Photographen in's HauS," beginnt sie, „es ist also der Wunsch der Gemeinde, daß Du Dich endlich zu einer Sitzung bequemen sollst. Alle Welt läßt sich photographieren. Es ist uns Allen schon oft aufgefallen und wir haben es immer bedauert, daß gar kein Bild von Pir existirt, wie kommt das, Onkel?"

Sie stutzt. Ein Blick in das Gesicht de» Pfarrer» beunruhigt ste. Er ist bleich geworden und hebt plötzlich die Hand mit einer abwehren- den Geberde gegen ste empor. Eine Weile ist e» still zwischen den Beiden, dann nimmt der Pfarrer das Wort. , „ ,

„Dein Anliegen hat löse, längst begrabene Erinnerungen heraufbeschworen — doch fort da­mit! Und ich habe ohnehin ein Vorurtheil gegen das Photographiren, darum verschone mich, Marie I"

„Wie schade, Onkel", entgegnete da» junge Mädchen bedauernd, „der Mann macht einen kläg-