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JM 157.

Mittwoch, den 11. Juli.

1888

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□ Die Mackenzie-Hetze,*)

welche ein großer Theil der Leute, in deren erb- pachtlichem Besitze nach ihrer Auffassung das „nationale Gefühl" ist, zu inszeniren für gut und heilsam befunden hat, ist mit dem, was dahinter steckt, alles eher al» eine ehrenvolle That. Wir lehnen es ab, in die Frage einzugehen, ob Mackenzie das beste Verfahren gegenüber der unheilbaren Krankheit angewendet hat, weil wir zu einem Ur- theil darüber ebensowenig berechtigt sind, wie die Tagesschriftsteller der „nationalen" Richtung, welche von Laryngologie ebensoviel verstehen, wie der Laternenpfahl von der Obstkultur. Niemand aber wird leugnen können, daß Mackenzie dreiviertel Jahr lang sich von seiner Familie trennte, die Feier seiner silbernen Hochzeit aufgab, um Tag und Nacht in der nächsten Nähe des hohen Patienten zu sein. Und dennoch: gerade dieser ernste Pflicht­eifer wird dem Arzte zum Vorwurfe gemacht, er soll den Kronprinzen und Kaiser so gehütet haben, daß Niemand zugelassen werden konnte, der ihm nicht genehm gewesen. Erstens widersprechen dem die Thatsachen: Kaiser Friedrich hat, mit Aufge­bot aller ferner schwindenden Kraft, bis zu seinem Lebensende den verschiedensten Personen Audienzen ertheilt, von einer „Abschließung" ließ der Hos- bericht nicht» merken. Und wenn zweitens wirk­lich jemand zurückgewiesen wurde, so war e» Sache des Chefarztes, in Rücksicht auf den Zustand de» Kranken die» zu bestimmen; so ist c» bisher stets in der Welt gehalten worden, Mackenzie hätte ae« wissenlos gehandelt, wenn er anders verfahren wäre, als dem Zustande des hohen Patienten ent­sprechend.

Mackenzie ist Engländer. Auch das ist im „nationalen" Strafgesetzbuchs ein Verbrechen. Wie befähigt Mackenzie ist, können wir nicht entscheiden, unbestreitbar ist es aber, daß er, als von seiner Berufung die Rede war, auch von den Blättern des erfrorenen Kartells als der allerbedeutenste Spezialist für Halskrankheiten gepriesen wurde. Sein Ruf ist seit Jahren ein großer, durch die ganze Welt gehender, auch das ist notorisch. Aber es ist nebensächlich; der Kronprinz und Kaiser hatte das volle Recht, sich seine Aerzte zu wählen, denen er Vertrauen schenkt, sie zu entlassen, wenn das Vertrauen erschüttert wurde. Er hatte zu Mackenzie volle» Vertrauen, da» hat er bi» an sein Leben»- ende bewiesen. Welche Aerzte er nahm, war ganz seine Sache, darüber ist auch lange genug Rath gepflogen, allerdings beging der Hof den unver­zeihlichen Fehler, nicht den „fachmännischen" Rath des Geheimraths Pindter, des „Kölnischen" Schmits, des mosaischen Schweinburg und des hochehren- werthen Richard v. Schlieben einzuholen. Die Herren müssen aber wohl oder Übel sich über diese Unterlassung trösten, auch andere Leute fragen sie nicht stets um ihre Weisheit.

Mackenzie soll sich haben schwer bezahlen lassen. Mag sein, die Herren, welche seinen Namen in „Markenzieher" verhohnübelten, müssen e» wissen. Er hat sich aber nicht angeboten, sondern ist be­rufen worden, er hat nicht gefordert, sondern die betreffende B.zahlung ist ihm ohne eine Eiklärung seinerseits ausgesetzt worden; übrigen» erkennen selbst Reptilorgane an, baß er in England in­mitten seiner Familie nicht weniger zu verdienen pflegt; wa» w,ll man also?

Aber Mackenzie hat nicht früh genug aller Welt verkündet, daß die Krankheit Krebs fei, folglich unheilbar. Jedermann weiß, daß der hochselige Kaiser stets Hoffnung auf Besserung hatte, wäre es nicht grausam gewesen, ihm diese zu rauben? Selbst Professor v. Bergmann, der von den Kar­

*) Nachdruck nicht gestattet.

tellbrüdern so hoch erhobene, sagte einst zu einem Studenten int Operationssaal, nachdem dieser auf Befragen von einem Patienten geringen Standes in dessen Beisein erklärte: „Das ist Krebs!" „Ach was, es ist Carcinom" (fremdsprachlicher Ausdruck für Krebs).

„Jndeß erforderte das Wohl des Reiches dte Konstatirung". Zu welchem Zwecke? Das sagen betr. Herren nicht gerne, aber sie lassen es deut­lich genug durchblicken; damit Kaiser Friedrich nicht zur Regierung käme! Es ist That- sache, daß eine Hofpartei bestanden hat, welche schon zu Lebzeiten Kaiser Wilhelm» I. sich fragte, ob nicht etwa der Thronfolger regierungsunfähig sei. Diese Partei bestand aus Leuten, welche den Thronfolger in seinen Gesinnungen zu gut kannten, um sich nicht zu verhehlen, daß er ein Regiment führen werde, das ihren Wünschen sehr wenig ent­sprechen müßte. Hätte man ihn bewogen, abzu­danken, so kalkulirten diese Leute (wir nehmen an, mit Unrecht), so würde ihnen kein Strich durch die Rechnung gemacht, ihr Weizen würde blühen. Egoismus und Koteriewesen leiteten diese Leute; daß ihre Pläne mißglückten, ärgert sie unendlich. Uebrigens ist nicht anzunehmen, daß auch, wenn die Krankheit amtlich als Krebs erklärt worden wäre, der seiner Geisteskräfte so entschieden mäch­tige Kronprinz abgedankt hätte. Man hätte nun glauben sollen, daß diese Klique, nachdem Kaiser Friedrich so entschieden die Zügel der Regierung in seine Hand nahm, nachdem er aller Welt und fröwn öi.ed-.n «w» ^«6 —

regierungsfähig sei, sich geschämt und mindestens die H tze, welche gegen die Schale gerichtet war und den Kern treffen sollte, nicht vor der Oiffent- lichkeit begonnen hätten. Wenn sie es trotzdem that, so müssen bestimmte, auf keinen Fall lautere Beweggründe vorgelegen haben. Dieselben sind unschwer zu finden.

Es gibt letoer Gotter Kreise, welche meinen, der Herrscher müsse nicht über den Parteien stehen, sondern selbst Parteimann sein, das Volk müsse in zwei Gruppen getheilt werden: „Nationale-, denen alles Mögliche zuzuschustern sei, und „Oppo- filion", die man mit diokletianischer Verfolgung zu bedenken habe. Natürlich bestimmt die „nationale" Gruppe, wer zur Opposition gehört, je mehr, desto besser, dann wird die Supp- für die ersteren um so fetter. Von einem solchen Streben, das wir und alle kerndeutsch Denkenden auf das Schärfste verurtheilen müssen, wollte Kaifer Friedrich nichts wissen; er hielt dafür, daß es besser sei, die Mem- ungen zu versöhnen, als sie zu verhetzen. „Alle meine Unterthanen stehen meinem Herzen gleich nahe," so lautet sein unvergeßlich Wort, das er in der kurzen Zeit seiner Regierung zur Geltung hat kommen lassen, wo er es konnte. Wer jetzt mittelst der Mackenziehetze mittelbar gegen ihn hetzt, sein Andenken schmäht, stellt seinem Charakter damtt ein Z.ugniß aus, um das wir ihn nicht beneiden.

Aber Kaffer Friedrich verfuhr zu felbstänvig. Ein netter Vorwurf im Munde von Leuten, welche sonst das absolute Königthum noch nicht absolut genug finden. Da» alte Wort: „Und der Röntg absolut, wenn er unser» Willen thut," tritt uns hier in seiner vollen Praxi» übersetzt entgegen. Hat Kaffer Friedrich denn irgend einen Staatsakt ausgeübt, der nicht konstitutionell war? War er in der Wahl seiner Räthe nicht frei, wie die Ver­fassung da» stipulirt? Wenn er Pattkamer entliefe, war das nicht ganz seine Sache? Ober hat etwa der fromme .Reichsbote' die Minister anzustellen? Und andererseits: Kaiser Friedrich hat oft genug sehr oft seine Wünsche hinter die des Kabmet« gestellt. Er hatte die Absicht, mehreren Anhängern der bisherigen „Opposition" Auszeichnungen zu­

kommen zu lassen, that es aber nicht, da das Kabinet Schwierigkeiten machte, er liefe es geschehen, dafe die Auszeichnnng v. Forckenbeck's, eines Frei­sinnigen, mit einer sonst ganz ungebräuchlichen unpolitischen Motivirung versehen wurde, er hat in der Battenbergfrage das Glück seiner liebsten Tochter „auf dem Altäre des Vaterlandes geopfert", wie die .Kölnische Zeitung' sagte. Ist das etwa kein Opfer? Unseres Erachten» gehört es zu den größten, welche er bringen konnte, ihm wird sein so zartfühlende» Herz dabei nicht wenig ge­blutet haben. Doch, was sind weitere Ausführungen nöthig? Der Zorn der „Nationalen" erklärt sich fchon allein aus der Thatfache, daß g a n z Deutsch­land um den Liebling des Volkes so tief und innig trauert, daß seine Regierung in den Gemüthern unverwischbare Spuren hinterlassen hat. Al« die Battenbergerfrage gelöst war, erklärte die .Köln. Zeitung', sie wollte jetzt den Kaffer doppelt lieben. Da» Maß ihrer Liebe muß also anfangs ein sehr geringes gewesen sein, später hat sie nämlich durch ihre Artikel bewiesen, daß die „doppelte Liebe" keine große war, dieselbe dürfte sich ruhig verdreifachen, dann wäre sie noch nicht sehr bedeutend.

Der Steiger der Reptilien, welcher sich während der ganzen Regierung des verstorbenen Kaisers kundgab, hat noch einen tieferen Grund. Kaiser Friedrich hatte nämlich — die Thatsache ist unbDreitbar — die feste Abficht, den Reptilienfonds abznfchaffen, indem er Gaul wird unmuthig, wenn man ihm die Krippe verschließt, bei Reptilien ist das noch in höherem Maße der Fall.

Es ist kein angenehmes Thema, was wir hier behandeln mußten, wir sind nicht Schuld daran, daß es behandelt worden ist, die Verantwortung treffe die Hetzer, denen auch die Krone, selbst nicht der Sterbende, ja nicht einmal der hehre Tode heilig zu sein scheint. Wir haben Kaiser Friedrich unsere Treue und Hingebung bewiesen, so gut wir konnten, wir haben diese selbe Treue auf seinen Nachfolger Kaiser Wilhelm II. über­tragen, der mit so großem Eifer sich dem Wohle seines Volkes und des Reiches widmet, unsere Treue w'rd nicht wanken, es möge die Zukunft bringen, was sie will.

Deutsches Reich.

Berlin, 10. Juli.

• Die Bewegung für die in Preußen bevor- stehenden Landtagswahlen scheint sich recht „hübsch" zu entwickeln. Als die Kartellbrüder ihren Antrag auf Verlängerung der Legislatur­perioden zu begründen suchten, wußten sie unter den schwachen Rechtfertigungsgründen keinen stärkeren anzuführen, als daß die ..korrumpirende" Wahl­agitation eingeschränkt werden müsse. Die Ent­gegnung, daß die Wahlagitatton um so heftiger sein werde, je mehr durch die zw verlängernde Legislaturperiode auf dem Spiele stehe, ließen die Kartellbrüder ebenso wenig gelten, wir jeden anderen vernünstigen Einwand gegen die Ver­längerung der Legislaturperioden. Die wirklichen „Gründe" der Kart.llparteien für diese Ver- längerung blieben unausgesprochen, und nur ein junges Mitglied der nationatliberalen Partei, der hannoversche Abg. Tramm, war unvorsichtig genug, die Aeußerung fallen zu lassen, der Legislatur- perioden-Antrag ndjte sich „gegen die Oppositions­parteien; die sollen getroffen werden." Heirerkeit und ein „Sehr gut!" auf der Linken begleiteten diese unbedachte Offenherzigkeit, die der Redner mit wenigem Geschick durch den Satz einzuschränken