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JV 156

Dienstag, den 10. Juli.

1888

fnliiier

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* Im Elsaß

hat der jüngste brutale Artikel der «Nordd. Allg. Zig.' große Entrüstung hervorgerufen und stcher nicht blos im Elsaß, sondern überall, wo man eine geistige Wiedergewinnung jenes Landes für Deutsch­land wünscht und mit Staunen steht, wie eine unverbesserlich ungeschickte Hand eS stets v:rhin< beit. Em eingeborener Elsässer, der feit dem Uebergange Eljaß-Lothringeus an Deutschland sei- ner deutschen Gesinnung in Wart und That Aus­druck gegeben und in guten und schlimmen Stun­den treu zu Kaiser und Reich gehalten hat, schreibt der .Straßb. Post' hierüber u. A.:

Ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, daß seit dem Ansgange des großen Krieges in Elsaß- Lothringen keine Kundgebung erfolgt ist, die einen so tiefen, schmerzlichen Eindruck hervorgerufen hat, als jener Artikel, den die „Nordd. Allg. Ztg." über den Paßzwang veröffentlichte und welchen man hier allgemein als eine Kundgebung der Reichsregierung ansteht. Welch eine Verkennung der Verhältniffe! Welch eine Härte der Sprachei Was bedeutet dieser Absagebrief an alle, die sich bisher bemüht haben, an eine Verschmelzung der beiden Lager, an einem Ueberleiten des Elsaß in das deutsche Fahrwasser zu arbeiten? „In den achtzehn Jahren, in welchen die Elsaß-Lothringer dem Reich angehören sind sie uns nicht näher gekommen!" Entspricht das der Wirklichkeit? Wie viele Elsässer haben sich im Lauf dieser achtzehn Jahre für Deutschland ausgesprochen, und zwar mit schweren Opfern, unter dem Spott der französisch Ge­sinnten, mit Aufgabe langjähriger Freundschaften, ja sogar mit Auflösung theurer Familienbande! Wie viele Elsäffer wirken im Staate an hohen und niederen Schulen, in Verwaltungen, Vereinen und Gesellschaften aller Art Hand in Hand mit Altdeutschen, ohne daß ihre politische Stel­lung im geringsten zweifelhaft wäre? Wie viele Elsäffer haben bei den politischen Wahlen hierzulande Schulter an Schulter mit den Eingewanderten für die deutsche Sache gekämpft! Wie viele stehen als. Soldaten, Offiziere und Reservisten treu und fest im deutschen Heere! Zweite Frage: Seit wann wird denn überhaupt bei uns aus deutsche Gesinnung Werth gelegt? Man erwidert: Ja, das war eben die.Verirrung des früheren Statthalters, daß er mit Leuten verkehrte, Leute heranzog, deren fran­zösische Gesinnungen ihm wohlbekannt waren! Mit Nich­ten ! Der Vorgänger des verewigten Statthalters hat es gerade auch so gemacht, und der Unterschied ist nur der, daß der Oberprästdent (Möller) seine Freunde in den liberalen, der erst- Statthalter sie in den konservativen Kreisen suchte. Deutsche Gesinnung forderte keiner von beiden, ja der Fall trat unter dem Oberpräsidenten noch häufiger ein, daß deutsche Gesinnung für die Beförderung hinderlich war ! Haben nicht gerade unter dem Oberpräsi­denten verschiedene Elsäffer, die sich um die deutsche Sache hochverdient gemacht hatten, das Reichsland verlaffen, weil sie daran verzweifelten, daß angesichts der fortwährenden verschämten Protektion der französischen Elemente, die Germaniflrung wirklichen Erfolg haben könne? Ist nicht gerade unter dem Oberpräsidenten, als es sich um die Berufung eines Elsäffers in ein gewisses Amt handelte, die Phrase gefallen: „Den Mann können wir nicht brau­chen, der Mann ist zu deutsch!" Das alles hat man früher gewußt, gut genug gewußt. Aber es gerieth etwas in Vergessenheit, als der Feldmarschall o. Manteuffel hierher kam und den „Kultus der Vergangenheit" förmlich inaugu- rirte. Welche Wirkung konnte und mußte es auf die Elsäffer haben, daß der Feldmarschall, der Vertreter und Statthalter des Kaisers, dem Haupt der französischen Opposilion hier zu Lande die Hand reichte und ihm sagte:

Sie sind mein Mann, denn sie sind ein Charakter!« Mußte nicht mit Raturnothwendigkeit unter den Elsäffern der Gedanke Platz greifen, nach Ansicht des Stellvertreters unseres Kaisers sei der deutschfreundliche Eingeborene eigentlich im Grunde ein ziemlich verdächtiger Kerl, wäh­rend der Franzose, der Französling, der Protestler, der Rörqeler als Leute von vornehmer Gesinnung und rück- fichtswürdiger Haltung betrachtet werden müßten? Ja, so war es, lange, lange Jahre. Es sind ganze drei Jahre, daß es in dieser Beziehung anders geworden ist! Und für dieses Verschulden der deutschen Regierung will man uns Elsässer bestrafen? Welche Ungerechtigkeit? Dritte Frage: „Was ist denn vorgefallen, daß man nun auf einmal diesen Ton gegen uns anschlägt?« Die vorig­jährigen Wahlen! Wie, nach 16 Monaten erst kommt die Strafe? Ist denn in der Zwischenzeit nichts passirt, was der Reichsregierung in Berlm bewiesen hat, daß das Miß- verständniß der Wahlen hier bedauert wurde? Ist die sichtliche und unverkennbare Wiederannäherung der Be­völkerung an Deutschland in Berlin gänzlich unbemerkt geblieben? Wie traurig für uns, daß man unserem Ver­

halten an maßgebender Stelle so wenig Aufmerksamkeit schenkt! Wie traurig! Ja die Landesverrathsprozesse! Wie, sollen wir für Frankreich s Sünden büßen? sitzen da nicht Alldeutsche mit Elsässern auf derselben Anklagebank? „Was bezwecken solch- Kundgebungen?" Glaubt man wirklich bei uns Liebe zu Deutschland zu er­wecken, indem man erklärt, daß dem Reiche an der Liebe der Elsäffer gar nichts liegt? Welcher deutschgesinnte El­säffer wird auf einen solchen Artikel hin noch Lust haben, seine deutsche Gesinnung noch auszusprechen? Und wenn er es thäte, was käme dabei heraus? Anderseits denke man sich das Triumphlied, das auf diesen Artikel hin die Franzosen anstimmen werden! In 18 Jahren hat die deutsche Gesinnung in Elsaß keinen Fortschritt gemacht, ist Elsaß noch so französisch wie am Anfang! O, diese braven Elsäffer, diese armen Elsässer! Wir müssen sie befreien!« Wahrlich, wenn man die Absicht gehabt hätte, in die französischen Revanchegelüste Oel zu gießen, besser hätte man es nicht angreifen können. Als die französischen Berichterstatter im Herbste 1886 hier die Kaisertage er­lebt hatten, da schrieben sie an ihre Blätter: „Das Elsaß ist für Frankreich verloren. Ursprünglich deutsch gewesen, ist es jetzt wieder deutsch geworden!" Und jetzt erklärt irgend ein Mann, der entweder niemals hier gewesen ist, oder, falls er hier war, in unsere Verhältnisse nur ganz oberflächlich hineingesehen hat: „Das Elsaß ist französisch geblieben!“

Deutsches Meich.

Berlin, 9 Juli.

• Hinsichtlich der Stellung der Offiziere zur Freimaurerei schreibt die.Kreuzzeitung': „Daß^ Kaiser Wilhelm II. zum Beitritt in früheren Jahren weder veranlaßt worden, noch selbst bei­zutreten geneigt gewesen ist, ist jedenfalls ein hoch- bedeutsames und sehr erfreuliches Zeichen des Niederganges des LogenthumS. Einem Vereine, dem der Kaiser ablehnend gegenübersteht, pflegt ja doch in Preußen kein Offizier beizutreten: hoffen wir daher, daß die gegenwärtige Situation einen MafsenauStritt von Offizieren, sowie de« Weiteren von allen christlich und national gesinnten Ele­menten aus dem Freimaurerthum zur Folge haben wird." Zu der nämlichen Angelegenheit wird aus Würzburg dem Münchener Fremden« blatt' geschrieben: Nach einem in hiesigen Ofsi- zierskreisen verbreiteten Gerüchte wird ein Be­fehl des Prinz-Regenten stündlich erwartet, wonach der Austritt der Offiziere und Mililär- beamten au« den Freimaurer-Logen gefordert wird.

* Während alsbald nach der jüngsten Zusam­menkunft der deutschen Fürsten anläßlich der feier­lichen Reichstags Eröffnung gemeldet wurde, daß diese Zusammenkunft der Initiative des Großher­zogs von Baden zuzuschreiben fei, will die .Kreuzztg.' wiffen, daß die Initiative von dem Prinzregenten von Bayern, dem Könige von Würt­temberg und dem Könige von Sachsen gleichzeitig ausgegangen ist. Al« demnächst von Berlin aus diese erfreuliche Thatsache den anderen deutschen Fürstenhöfen mitgetheilt wurde, hätten die Bundes­fürsten sofort ihr Erscheinen bekundet.

* Nach der .Post' heißt es, daß der Unter­staatssekretär Studt aus Straßburg den Posten als Unterstaatssekretär im Kultusministerium über« nehmen werde. Derselbe soll nach Straßburg zu- rückgekehrt sein, um seine Geschäfte zu regeln und alsdann hierher zurückzukehren. Als Nachfolger des Herrn Herrfurth al» Unterstaatssekretär im Ministerium des Innern wird noch immer Mi­nisterialdirektor v. Zastrow genannt.

* Hausminister v. SBebell wird fein Reichs­tagsmandat demnächst niederlegen und damit für immer auf jede parlamentarische Thätigkeit verzich­ten. Die Kontroverse, ob die Ernennung zum Hausminister das Erlöschen de» Mandat« zur Folge hat, wird dadurch gegenstandslos werden.

* Au» zuverlässiger Quelle erfährt die ,Nordd. Allgem. Ztg.', daß der Chef de» Militärkabinets,

General der Kavallerie, v. Albedyll, noch im Laufe dieses Sommers oder zum Herbst diese» Jahre» das Kommando eines Armeekorps über­nehmen wird, und daß der Generaiadjutant Gene­rallieutenant v. Hahnke, bisher Kommandeur der 2. Garde-Jnfanterie-Dwision, für das Mili- tärfabinet in Aussicht genommen ist. Letzterer ist seiner jetzigen Funktion bereit» enthoben worden; in seine Stellung tritt Generalmajor v. Kalten­born, der seither die dritte Division führte.

* München, 7. Juli. Die Minister v. Goß- ler und v. Bötticher sind heute Vormittag hier angekommen und würben am Bahnhofe von den Ministern v. Lutz und v. Crailsheim, sowie von dem LegationSrath bei der preußischen Gesandtschaft, Graf zu Eulenburg, empfangen. Die beiden Her­ren nahmen im Hotel zu den vier Jahreszeiten Quartier. Sie sind heute zur Hoftafel beim Prinz­regenten geladen, desgleichen Graf Eulenburg.

* Leipzig, 9. Juli. In dem Landesver- rathsprozeffe gegen Dietz und Genoffen wurde heute das Unheil verkündigt. Dasselbe lautet gegen Dietz wegen LandeSverrathS, Beiseiteschaffun; von Aktenstücken und Diebstahls zu zehn Jahren Zucht­haus und zehn Jahren Ehrverlust, die Ehefrau Dietz wegen Beihilfe zum LandeSverrath zu vier Jrhren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust, dm Färvereibesitzu App.l wegen Beihilfe zum LandeSverrath und Bestechung zu neun Jahren Festung und einem Jahre Gesäng-nß.

Ausland.

* Kronprinz Rudolf von Oesterreich leidet seit der Heimkehr von seiner Rundreise durch die okkupirten Provinzen am Wechselfieber, am soge­nannten „Bosnischen Fieber", besten Keime er während seiner Inspektionsreise durch Bosnien in sich aufnahm. Doch tritt das Fieber in sehr leichtem Grade auf, Besorgniste sind nicht vor­handen. Der Kronprinz hat bisher nicht einmal das Bett gehütet, soll jedoch auf ärztliche An­ordnung jede anstrengende Thätigkeit bis auf Weiteres vermeiden.

• In Boom in Belgien ist es anläßlich der Wahlen zu Unruhen gekommen. Die Gmsdarmerie gab Feuer und es wurden mehrere Personen ver­wundet.

* Boulanger hat auf einem Bankett in Rennes eine große Rede gehalten, in der er die Kammer auf das Heftigste angegriffen und die Nothwendigkeit einer Auflösung derselben und der Revision der Versastung gepredigt hat. E» ist gut, daß Boulanger wieder einmal von sich reden macht; in unserer schnelllebigen Zeit war er schon beinahe wieder in Vergessenheit gekommen.

* In Marseille ist e» zu einer großen Skandalsszene unter den dortigen französischen Arbeitern gekommen. Denselben ist die Konkurrenz der italienischen Arbeiter unangenehm. Sie treten daher zusammen, um über Maßregeln gegen fremde Arbeiter zu berathen. Schon bei der Bureauwahl wurden sie indeß unein»; es kam zu einer großen Prügelei zwischen Nationalisten und Sozialisten, und nur mit Mühe gelang e» der Polizei, den Saal schließlich zu räumen.

• Die neue Orientbahn und ihre Beamten sind manchen Fährlichkeiten ausgesetzt. Dieser Tage umzingelten ca. 150 bulgarische Briganten die Bahnstation Belona in Oftrumelien. Zwei öster­reichische Staatsangehörige, der Agent der Gesell­schaft „Vitalis« und der der Gesellschaft des Baron Hirsch, wurden als Gefangene mit fortgeführt.