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1888

Montag, den 8. Juli.

| Zeitung.

falbatr

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Deutsches Reich.

Berlin. 7. Juli.

* Der Kaiser trifft am 14. Juli in Kiel ein, von wo aus die Reise zu Schiff nach Ruß­land angetreten wird. Der Kaiser hat bestimmt, daß das Gefolge dahin ein nicht zu großes sein soll; daher werden auch nur vier Adjutanten den Kaiser begleiten. Richt das gesammte Gefolge fährt aber von Kiel aus mit der Flotte, sondern ein Theil desselben soll auf der Eisenbahn von hier nach Petersburg befördert werden.

• Von einer Hetze gegen die Freimaurerei wird in verschiedenen Blättern gesprochen, weil mehrere Blätter mit Freuden konstatirt haben, daß Kaiser WilhelmII. dem Freimaurerorden nicht angehöre. Die ,Freis. Ztg.' citirt sogar die Worte, welche der verstorbene Kaiser Wilhelm am 25. November 1853 an den verstorbenen Kaiser Friedrich richtete, als der Letztere feierlich in den Bund der Freimaurer ausgenommen wurde. Bei dieser Gelegenheit richtete der damalige Prinz von Preußen folgende bedeutsame Worte an den Sohn: „Du hast seit Jahr und Tag den Wunsch aus­gesprochen, in den Bund der Freimaurer ausge­nommen zu werden. Dein Wunsch ist erfüllt wor­den. Die Aufnahme hat in der Weise stattgefunden, in welcher ich dem Orden zugeführt wurde, und wie ich sie für Dich gewünscht habe. Sie wird, wenngleich sie in ihren Erklärungen nur allgemein und aphoristisch gehalten wurde, Dir bewiesen haben, daß das Werk, des Ordens ein sehr ernstes, daß es ein heiliges und erhabenes ist. Es gibt nur einen Ausgangs- und Endpunkt für das Leben des Menschen, der das Höchste lebhaft und unge­trübt erkannt hat — zu dem richtigen Verständniß dieses einen Nothwendigen wird der Orden Dich führen, wenn es Dein stetes Bemühen fein und bleiben wird, die heiligen Lehren in Dich aufzu­nehmen, wenn Du sie zur Thal und Wahrheit wirst werden laffen." Wir wollen diese Worte noch ergänzen durch das Urtheil des Kaisers Friedrich selbst. Am 1. März 1874 legte der damalige Kronprinz Friedrich Wilhelm sein Amt als Großmeister im Freimaurer-Bund nieder, weil es ihm klar wurde, daß er „durch die Loge in Verbindungen komme, die der Gerechtigkeit eines regierenden Fürsten hindernd in den Weg treten könnten." So schrieb Kaiser Friedrich nach einer freimaurerischen Quelle. Dieses treffende Urtheil dürfte geeignet sein, den liberalen Blättern ihre Redensarten über die Freimaurerei einzustecken.

* Die konservativen Blätter fahren fort, das Andenken des Kaisers Friedrich zu ver­unglimpfen. Der Gedanke, daß ein preußischer König und deutscher Kaiser liberale Gesinnungen gehegt habe, ist ihnen so ungeheuerlich, daß sie All«s versuchen, diesen Gedanken als absurd er­scheinen zu laffen. Ihr Bestreben geht darum dahin, den Kaffer als ein willenloses Werkzeug in den Händen der Opposttion hinzustellen; da aber jeder des Lesen» kundige Reichsbürger diese Albernheit verlachen wird, tischt diese Presse allerlei geheimnißoolle Märlein über die Umtriebe der reichsfeindlichen „Camarilla" auf. Dahin gehört auch die dunkle Geschichte des ,Reich»doten' von der „Handschriftenvergleichung", welche besagen soll, daß der Brief des Kaisers an den Minister Puttkamer eine ganz etgenthümliche Entstehung gehabt habe. Solches Treiben reizt bei aller Verächtlichkeit doch zum Lachen. Niemand zweifelt daran, daß, falls der Kaiser gesund gewesen wäre, Herr v. Puttkamer noch früher verabschiedet sein würde. Wozu also der Hokus-Pokus? Wir werden uns, falls das so weitergeht, nicht zu verwundern brauchen, wenn nächstens ein Stöckerblättlein mit

der nagelneuen Entdeckung kommt, die Proklamation Friedrichs III. „An mein Volk" und der Erlaß an den Reichskanzler seien von Eugen Richter verfaßt und von Mackenzie dem kranken Kaiser abgezwungen worden. Die Verblödung gewiffer Leute ist so weit gediehen, daß sie auch solche Gesch.chten als baare Münze nehmen würden.

* Prinz Georg vonSachsen, kommandiren- der General des 12. (königl. sächs.) Armeekorps, ist zum Generalfeldmarschall und Inspekteur der 1. Armee-Inspektion, welche nunmehr aus dem 5., 6. und 12. Armeekorps bestehen wird, ernannt worden. Derselbe begibt sich in den nächsten Tagen nach Berlin, um dem Kaiser seinen Dank persön­lich abzustatten.

* Wittenberg, 7. Juli. Die Strafkammer verurtheilte den Redakteur des früheren Kreis­blattes wegen Abdruck des berüchtigten Artikels „Keine Frauenzimmerpolttik" zu einem Monat Festungshaft. Der Antrag auf Vernehmung des Fürsten Bismarck wurde abgelehnt. Der Staats­anwalt beantragte 6 Monate.

* Vom Rhein wird der .Köln. Vztg.' ge­schrieben; Durch Ministerial-Eclaß vom 13. Mai v. I. ist bekanntlich die bisherige Schulgeld­freiheit von Lshrersöhnen an höheren staatlichen Lehranstalten aufgehoben worden. Neuerdings hat nun der Herr Minister verfügt, daß den etats­mäßigen Anstaltsbeamten und Unterbeamten (Ren­danten, Schuldienern re.) die frühere Befreiung wieder bewilligt werden dürfe, und zwar mit Rück­sicht auf die meist geringe Besoldung dieser Beamten. Bekanntlich hat der vorigjährige Erlaß in den be- theiligten Lchrerkreisen nicht geringe Aufregung verursacht, und noch vor nicht langer Zeit wurde in dieser Zeitung ein ausführlicher Aufsatz über die Angelegenheit veröffentlicht. Jetzt ist von der prinzipiellen Aufhebung der Schulgeld • Befreiung wieder Abstand genommen.

Ausland.

• Die Reise des deutschen Kaisers nach Ruß­land wird in Frankreich mit scheelen Augen angesehen. Das ist sehr erklärlich; denn durch diese Thatsache schwinden die Hoffnungen auf ein baldiges russisches Bündniß immer mehr. Dieses Bündniß aber war nun schon zu lange der Gegen­stand stiller Hoffnungen für die Einen und lauter Kundgebungen für die Andern, als daß der Ver­zicht auf seine baldige Verwirklichung der politi- sirenden Masse ein Leichtes wäre. Auch sieht man die Nothwendigkeit einer solchen V-rzichlleistung nicht ein, sondern glaubt nach wie vor Den Schrift- gelehrten von dem Werthe eines Dscou 6oe oder einer Frau Edmond Aoam, welche dem Volke vor« schwatzen, was die Kaiser da unter sich verab- redeten, habe weiter nichts zu bedeuten, so lange das russische Heer und das russische Volk Deutsch­land verabscheuen und Frankreich lieben. Diese Gesinnung wird von der Mehrheit der Presse sorglich gepflegt und ihr neue Nahrung zugeführt. Uebereinst'mmend orakeln große Zeitschriften über die verwandte Begabung, die verwandten Ziele, die innige Zusammengehörigkeit der Franzosen und Moskowiter. Von manchen Seiten wird auch die republikanische Staatsform dafür verantwortlich gemacht, daß das Schutz- und Trutz-Bündniß zwischen den zwei maßgebenden Nachbaren Demsch- lands nicht schon längst geschloffen und in Kraft getreten ist. Gegen eine so ausgesprochene Neigung, da» zu glauben, wa» man wünscht , vermögen beffer unterrichtete Organe nicht viel, um so weniger, al» sie gezwungen sind, mit der größten Schonung der herrschenden Vorurtheile zu ver­fahren. Ein einflußreiche» Blatt zu finden, da»

entschieden und beharrlich vor dem Pochen auf die rusfische Freundschaft gewarnt hätte, da» ist sehr schwer. Selten erhebt sich eine ernste, war­nende Stimme, wie dieser Tage im ,Tempi', wo auf die Verschiedenheit fast aller Lebensbedingungen und politischen Anschauungen beider Völker ver­wiesen wird, welche ein wirkliches Bündniß ver­eiteln. Der betreffende Artikel de» ,Temp»' schließt: „Es fehlt in Frankreich auch nicht an Politikern, welche gegen Oesterreich einfältige, veraltete Vorurtheile bewahren. Frankreich hat ein Interesse ersten Ranges daran, daß Oester­reich nicht von der Karte Europa'» verschwindet. Daher wäre e» eine sonderbar leichtsinnige Poli­tik, in den leider möglichen Konflikten zwischen Rußland und Oesterreich leichthin Partei für da» eine gegen das andere zu ergreifen." Derartige ernste Betrachtungen helfen aber bei der Mehrzahl der französischen Leser wenig. Sie gehören eben zu den Thoren, welche sich nicht belehren laffen wollen und auch durch Schaden nicht klug werden dürften.

* Rom, 7. Juli. Es heißt, der Papst bereite eine Encyklika über die Trennung der Kirche vom Staate vor.

—* Ueber Freimaurerei, xv.

Proben und Zeremoniell bei der Aufnahme.

(Fortsetzung.)

Der Ehrw. — Dann will ich Ihnen mitthei­len, unter welchen Bedingungen Sie die Einweihung in unsere Geheimmffe erhalten, vorausgesetzt, daß Sie siegreich aus den Prüfungen heroorgeheu, wel­chen Sie sich noch unterziehen müffen .... Mein Herr! Jede Verbindung hat ihre Gesetze, und alle ihre Mitglieder haben gegen einander Pflichten zu erfüllen; da es unklug wäre, Pflichten zu über­nehmen, deren Tragweite man nicht kennt, geziemt es der Weisheit dieses Achtbaren Vereines, Ihnen mitzutheilen, welches im Falle Ihrer Zulassung Ihre Pflichten sind. Die erste dieser Pflichten ist absolutes Stillschweigen über Alles, was Sie bei uns hören und entdecken könnten. Die zweite, die süßesten und gemeinnützlichsten Tugenden zu üben, Ihren Brüdern beizuspringen, deren Bedürfniffen zuvorzukommen, sie in ihrem Unglück auszurichten, ihnen mit Ihrem Rathe, Ihren Kenntniffen und Ihrem Kredite zur Seite zu stehen. Diese Tugenden, welche in der profanen Welt als seltene Vorzüge gepriesen werden, sind unter Freimaurern nur die Erfüllung einer alltäglichen Pflicht. Ihre dritte Pflicht wird es fein, sich den allgemeinen Statuten der Freimaurerei zu fügen, den beson­deren Gesetzen dieser Loge und den Vorschriften des in derselben befolgten Ritus zu unterwerfen und Alles auszuführen, was Ihnen im Namen der Mehrheit dieser achtbaren Versammlung vorge­schrieben wird. Ich habe Ihnen nun die Haupt- pflichten eines Freimaurers mitgetheilt. Beharren Sie noch bei Ihrem Vorhaben und hgben Sie den festen Entschluß, die weiteren Prüfungen zu bestehen ?

(B-jahende) Antwort des Suchenden.

Der Ehrw. — Bevor wir foctfahren, muß ich von Ihnen einen Eid auf Ihre Ehre fordern; die­ser Eid muß aber auf einen geweihten Becher ge­leistet werden. Wenn Sie die Wahrheit sprechen, können Sie den Becher ruhig leeren; wenn hin­gegen Falschheit im Grunde Ihre» Herzens ist, so schwören Sie nicht, weisen Sie diesen Kelch so rasch als möglich von sich, fürchten Sie die schnelle und schreckliche Wirkung des Trankes, welchen er enthält! (Wie nimmt sich dieser Passus von dem bezauberten Becher neben der unbedingten Ver- urtheilung des Aberglaubens aus, welche wir so-