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1888

Freitag, den 6. Juli.

Ntag.

JV 153.

Mhser

Die ,Fulda« Zeitung' «scheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit d« belletristischen Wochenbeilage Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf.,auswätts IM 75 Pf.

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♦ Ein deutliches Wort an die Elsaß-Lothringer

hat dieser Tage in halbamtlicher Weise da» Kanz­lerblatt, die .Nordd. Allgem. Ztg.', ergehen lasten. Die nationall. Corr, hatte darauf hingkwiesen, daß die Paßsperre de» Reichrlande» den Zweck, die Spione und Hetzer abzuhalten, doch nicht erreiche, dagegen den Verkehr stark schädige und die Stim­mung im Reichslande gegen Deutschland verbittere. Dasselbe hatte soeben auch die .Straßb. Post' ge­sagt, indem ste die Wirkungslosigkeit des Paßzwan- ge», soweit er gegen die Hetze französischer Auf­wiegler gerichtet ist, noch durch ein Beispiel klar machte. Darauf erwiderte die .Nordd. Allg. Ztg.':

Wir haben uns Elsaß-Lothringen seiner Zeit nicht an­geeignet, um ein H«zensbedürfniß zu befriedigen, sondern auf Grund ein« nücht«nen militärischen Berechnung. Nicht die Liebe zu den Bewohnern der Reichslande und auch nicht die Belebung des Grenzverkehrs waren bestimmende Motive, sondern die strategische Erwägung, daß der ein­springende Winkel bei Weißenburg gedeckt werden und in den Festungen Metz unb Straßburg ein starker Schutz gegen französische Invasionen geschaffen werden müsse. Bis 1870 war es den Franzosen ein Leichtes, über uns herzufallen, sie hatten den Schlüffe! zu unseren Thoren in ihren Taschen. Indem wir Elsaß-Lothringen Deutsch­land einverleibten, wurden wir lediglich von dem Gedanken geleitet, diesen Schlüssel in unsere Hände zu bekommen und den Franzosen die nächste Invasion zu «schweren; können wir daneben in unseren verwälschten Landsleuten wieder das Ehrgefühl wecken, daß sie Deutsche sind, die lange unt« einer sie geringschätzenden und verhöhnenden Fremd­herrschaft gelebt haben, so soll es uns lieb sein; sehr schnell wird das aber nicht gehen und das Liebeswerben der früheren Statthalterschaft hat ans darin nicht geför­dert. Es ist dabei die Aufgabe außer Acht gelassen wor­den, zunächst die aus der früheren Zugehörigkeit zu Frank­reich überkommenen Beziehungen zu lösen oder doch abzu­schwächen und dem Lande das Bewußtsein zu geben, daß di« Grenze nicht mehr am Rhein, sondern wieder auf dm Vogesen geht und dazu muß der Eindruck der Grenze ver­tieft, ihre Wirkung verschärft werden. Der Verkehr Elsaß- Lothringens mit Deutschland wird sich in dem Maße be­leben, in dem der mit Frankreich abstirbt. In der Rich­tung wirkt der Preßzwang, wenn auch noch nicht aus­reichend. WeitereMaßregeln werden folgen und müssen folgen, wenn die Loslösung Elsaß- Lothrigens von Frankreich systematisch er­strebt werden soll. In den 18Jahren, in welchen die Elsaß-Lothringer dem Reiche angehörten, sind sie uns nicht näher getreten, sie haben nichts gethan, um un­sere Liebe zu erwerben, und sich gegen uns« Be­mühen um die ihrige kühl verhalten. Von einer Wahl (Petri in Straßburg) abgesehen, hat Elsaß-Lothringen sich nur durch erklärte Gegner des Reiches vertretm laffm. Das deutsch Reich richtet seine Vertheidigungsstellung gegen

ö Aus Beethoven s Jugendzeit.

Auf dem Marktplatze in Bonn, der ein äußerst charak­teristisches Gepräge trägt, treffen wir eine Wirthfchaft an, welche seit undenklichen Zeiten den Namen „Im Zehr­garten" führt. Ueber der Thür des Hauses ist dieser Name in einen Stein gehauen, und auf blauem Grunde lmchten uns die goldenen Buchstaben lockend entgegen. Zur Zeit der letzten Kurfürsten Max Friedrich und Max Franz war dieser „Zehrgarten" der Sammelpunkt aller berühmten Männer Bonn's, d. h. der Unive-sitäts-Pro- fessoren, der kurfürstlichen Hofräthe, der Mitglieder der kurfürstlichen Hofkapelle rc. Die vordere Stube war sür's „Volk" bestimmt; hier konnte Gevatter Schuster und Schneider seinen Schoppen trinken, raisonniren, politistren und mit dem Kopfe und Zopfe wackeln; das Hintere Stübchen dagegen, das heute noch den Namen „Klassischer Boden" füh>t, war für die Berühmiheiten der Stadt reservirt, und weh. dem Fremdling und Eindringling, der es gewagt hätte, sich in dieses Allerheiligste zu verirren und zwischen den gelehrten Koryphäen der Kunst und Wiffenschaft seine Flasche zu trinken: Ungnädiges Nasen­rümpfen würde diese Anmaßung nach Gebühr bestraft haben. Hier hat manch' berühmter Mann gesessen, gegessen' und getrunken, und heute noch zieren in pietätvoll«, dankbarer Erinnerung die Bilder jen« Männer die Wände der Stube.

Der Besitzer des „Zehrgartens", zur Zett der beiden letzten Kurfürsten, als Ludwig van Beethoven's Genie hell aufzuleuchten begann, hieß Koch, und dieser Koch machte seinem Namen alle Ehre, denn er verzapfte nicht nur einen reinen, guten, unverfälschten Tropfen,

Frankreich so ein, wie es den Jntereffen der Gesammthett entspricht. Die Reichsregi«ung hat nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, Frankreich gegenüber kein« and«« Rücksicht zu nehmen, als die auf di« Sicherheit des Reiches. Man hat in Elsaß-Lothringen nichts gethan, um unsere Zuneigung zu gewinnen, wohl aber vieles, um uns abzustoßen. Dieses V«halten hat auf die Dau« noth- wendig einen Einfluß auf di« Wege und Ziele d« deut­schen Regierung ausüben müssen. Das Reich kann den Elsaß-Lothringern nicht nachlaufen und um ihre Gunst w«ben. Seine Politik hat sich darauf zu beschränken, die Maßregeln zu «greifen, welche zum Schutze unserer Grenze gegen französische Einfälle erforderlich sind, ohne Ansehung der daraus sich noch ergebenden Fol­gen. Darüber herrscht denn auch unseres Wisseus völ­liges Einverständniß zwischen dem Statthal­ter und dem Reichskanzler. Wenn die elsaß-lothrin­gisch: Bevölk«ung uns entgegenkommen will, so kann sie sicher sein, offene Arme zu finden, ab« bis dahin sind wir befugt und verbunden, auf Elsaß Lothringen keine an­dere Rücksicht zu nehmen, als die, welche uns der Egois­mus der Selbsterhaltung diktirt.

Mit dürren Worten ist hier gesagt: „Elsaß- Lothringen ist für uns zunächst das Festungs-Glacis, das wir Deutsche zu schützen haben. Wir werden künftig zwischen ihm und Frankreich die Grenze nach russischem Muster als Sperre einrichten („weitere Maßregeln müssen folgen") und wenn die Elsässer uns nicht wollen, so mögen sie es bleiben lassen."

Wir bedauern diese Sprache und müssen auch bestreiten, daß die Wiedergewinnung des jetzigen Reichslandes nicht Herzensbedürfniß gewesen sei. Neben dieser strategischen Seite, welche wesentlich nur für Baden, Württemberg und die Pfalz Geltung hat, trat der allgemeine Wunsch aller Deutschen, die geraubten Brudersiämm« wieuct in» Mutter- hau» zurückzuführen. Wenn da» bisher geistig noch nicht gelungen ist, so trägt daran in erster Linie die preußische Art — da» sagt sich off.n und geheim der ganze Süden und Westen Deutsch­lands — eine große Schuld. Man versieht dort ein Land militärisch zu erobern und zu halten, man versteht es auch zu verwalten, man versteht es aber nicht, das Land „moralisch zu erobern". Zu diesem Gegensatz zwischen der ganzen Art der neuen Herrschaft und der Bevölkerung des Reichs­landes kamen noch sachliche andere Schwierigkeiten, zu denen der Charakter der Elsaß-Lothringer nicht am wenigsten zu zählen ist. Hiezu kamen noch manche andere Schwierigkeiten, die man sich ohne jede Roth schuf und zu denen in erster Linie die „Culturkampf-"Stimmung gehört, welch: die Mehr­

sondern er verstand es auch die Speisen schmackhaft zu be­reiten und die Gäste für die Geheimnisse seiner Küche zu begeistern, — kein Wunder, daß die hohen Beamten und Würdenträger d« kurfürstlichen Residenz in seinem Hause gern des Magens Bedürfnisse befriedigten, nachdem der Geist in den hohen Regionen der Kunst, der Philosophie und des Idealismus geschwelgt hatte. Auch die gelehrten Professoren und Künstler müssen essen, unb trotz ihres idealen Strebens ziehen die meisten von ihnen ein gutes Gericht einem schlechten vor. So war's zur Zeit des Lucullus, so war's im vorigen Jahrhundert, so ist's heute und so wird's bleiben, so lange es Menschen gibt. Unser Koch hatte nicht blos gute Weine und gute Speisen, son­dern auch eine brave, gute, liebenswürdige und wunder­schöne Tochter, die Babette hieß und allgemein die „Blume des Zehrgartens" genannt wurde. Ein alter Küster in Bonn, d« das seltene Alter von 100 Jahren hatte, behauptete, die Babette Koch sei das schönste Mädchen ge­wesen, das er je gesehen, und die hohen Herren seien auch deßhalb in den „Zehrgarten" gegangen, um diese s-lten- Blume zu sehen und zu bewund«n. Auch der Louis (er meinte Beethoven), mit dem « oft gespielt, sei von der Babette, obschon sie einige Jahre äl>er wie er war, ganz entzückt gewesen. Babette wurde später die Gattin des Grafen Beld erbusch in Bonn; doch entfernten die Enkel später das Bild der Großmutter, „weil sie nicht von vornehmer adeliger Geburt war", aus dem Ahnen­saal und wiesen ihm einen Platz im Korridor des Schlosses an, wo es heute noch hängt.

Es war an einem Dezemberabend 1783. Im Hintern Stübchen des Zehrgartens s tzen mehrere Professoren, der kurfürstliche Hofrath von Breuning, der Kapellmeister

heit der elsaß-lothringischen Bevölkerung von vorne herein der Confesfion wegen verdächttg und abstoßend behandelte. Wir fürchten, daß die neue Methode der Behandlungsweise in moralischer Beziehung noch weniger ausrichten wird, al» die bisherigen zusammen genommen und würden von Herzen wünschen, daß wir uns täuschten.

Deutsches Reich.

Berlin, 5. Juli.

* Dem Londoner .Standard' wird au» Peters­burg gemeldet: Es wird hier viel von einer be­vorstehenden Verbindung einer Schwester des deutschen Kaisers mit dem Groß­fürsten Thronfolger gesprochen. Der Kaiser von Rußland hätte seine Zustimmung zu dem Plane erthetlt. Der .Standard' fügt hinzu, Fürst Bismarck sei immer einem solchen Plane geneigt gewesen. Das war sein Hauptgrund gegen den Battenberger Heirathsplan, der die Verbindung einer Schwester der Prinzessin Victoria mit dem Großfürsten Thronfolger unmöglich gemacht haben würde.

* Dar gesammte Staatsministerium wurde gestern Nachmittag um 1 Uhr 40 Min. von der Kaiserin Mutter Victoria in Schloß Friedrichskron in besonderer Audienz empfan­gen und verblieb bis um 3 Uhr bei Allerhöchst- derselben. Alsdann erfolgte die Rückkehr der Minister nach Berlin von Station Wildpark aus.

* Eine internationale Konferen z der cva«gatuschen Allianz findet vom 25.-27. September d. I. in Berlin statt. ES werven (jo kündigen evangelische Blätter an) Vertreter des amerikanischen, englischen, schweizerischen und nieder­ländischen Zweiges anwesend sein, und über „An- legenheiten der Toleranz und Religionsfreiheit" verhandeln. Diese Andeutung ist etwas dunkel.

* Der bekannte protestantische Pfarrer Kalt- Hoff isi von der Martini-Gemeinde zu Bremen zum Gastlichen gewählt worden. Kalthoff hat f. Z. bekanntlich die Gottheit Christi geleugnet; j tzt soll er, wie die .Nat.-Ztg.' schreibt, von seiner radikalen Stellung „so wett wie wünschenswerth" zu ückgekommen fein.

* Wie die .Freie Stimme' erzählt, äußerte der h. Vater einem Priester, der beim letzten Pilger­zug in Rom war und Audienz bei Sr. Heiligkeit Andreas Luchesi, ber Concertmeister Santano Mattioli, sowie ber Hofgeiger unb Sänger Christoph Brandt, dessen Tochter die Frau des berühmten Karl Maria von Weber geworden ist. Man plauderte von den Zeitläufen, von dem hohen Rheinwaffer, von „Werther's Leiden" unb ähnlichen Dingen, als bie Thür sich öffnete unb ber erste Violinist ber kurfürstlichen Kapelle Franz .Ries, ber Vater des berühmten F«dinand Ries, eintrat; ihm folgten zwei Knaben: Stephan, der Sohn des Hofrathes von Breu- nwg unb Ludwig van Beethoven. Stephan, auch „Steffen" gerufen, trug ein Spitzenjabot mit breitem Halskragen, auf den das lange, altdeutsch freiwallende Haar herabfiel. Auch ber junge B.-ethooen trug bie neu- modische Kleidung jener Zeit, aber er hatte noch Puder unb Zöpfchen. Aus feinem sechzehnten Lebensjahre be­sitzen wir eine Silhouette Ludwigs, bie iHv als Zopfträger barstellt; aus ber frühesten Jugend dagegen haben wir fein Bild von ihm. Nach den Aussagen von Franz Ries und Nikolaus Simrock war Ludwig als Knabe kräftig, von festem, plumpen Körperbau. So stand er nun schüch­tern und linkisch vor den hohen Herren, die ihn kaum eines Blickes würdigten und dem Franz Ries zürnten, daß er die Knaben in ihren Kreis geführt. Ludwig hatte stark markirte Züge; die breite Stirn und unter ihr bie tiefliegenben, seltsam leuchtenden Augen machten einen packenden Eindruck und kündeten schon damals eiserne Willenskraft und eine Fülle ber Leidenschaft an, bie ben Jahren wett vorausgeeilt waren.

„Rümpft nicht bie Nase meine Herren," sagte Ries, „ich möchte Euch einen musikalischen Genuß bereiten. Hi« biefen beiben Knaben ertheile ich Violinunterricht; bet eine ist ber Sohn unseres Tenoristen van Beethoven, Orgel-