Donnexstag, den 5. Juli.
1888
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Deutsches Reich.
Berlin, 4. Juli.
* Da» „Kartell" kracht in allen Fugen, lastet es doch gleich schwer auf den Konservativen von der Richtung der .Kreuzztg.' wie auf den, seinem linken Flügel angehörigen Nationalliberalen. Erstere werden jeden Augenblick, wie die Berathung de» Schuldotationsgesetzes bewiesen hat, gezwungen, das Opfer der besseren Einsicht auf dem Kartell- altare darzubringen, während umgekehrt den Natio- nallibiberalen „der Zügel weiser Zurückhaltung" seitens de» Lenkers des „Kartellbundes" recht empfindlich bemerkbar gemacht wird. Und das Alles pro nihilo! Um nichts dient der Nationalliberalir- mus den Kartellzwecken, denn die Belohnung ihrer Entsagung, welche ihnen nach dem Abgänge des Herrn v. Puttkamer greifbar nahe zu schweben schien, hat sich in eitel Dunst aufgelöst. Der neu ernannte Minister des Innern, Herr Herrfurth, bedeutet die einfache Thatsache, daß in diesem hochwichtigen Ministerium Alle» beim Alten bleibt, wenn auch vielleicht eine etwa» feinere Nummer de» alten Fadens gesponnen wirb. „Mit dem an» der Schttff-l esten" nutr r» nffn für M* liberalen wieder einmal nicht» und e» schemt, sie dürften weit länger noch al» Jakob bei Laban um Rachel — bei Fürst Bismarck um Ministerportefeuiller dienen müßen! Kein Wunder, wenn ein Theil der Nationalliberale« aufmuckt, und vom Kartell nichts mehr Griffen, und nur ein kleinerer Theil, der um die .Köln. Ztg.', vorläufig noch am Kartell festhalten will, wenn auch nicht allgemein für's ganze Land, sondern nur von Fall zu Fall, von Wahlkreis zu Wahlkreis. Die.Kreuz- ztg.' und der .Reichsbote' begrüßen die „Kartell- Müdigkeit" der Nationalliberalen mtt Vergnügen und freuen sich, wieder Ellbogenfreiheit ausüben zu dürfen, um die Nationalliberalen, welche im Osten Eroberungen machen wollen, niederwerfen zu können. Die .Kreuzztg.' befindet sich aus diesem Anlaß mit der nationalliberalen Presse in hitziger Zeitungs-Fehde nnd wie bei den homerischen Helden fällt dabei manch' bitteres Wort, das man in
Der Reffe.
Kriminalroman von F.
(Schluß.)
Weit lauter legte Papa Sonnenberg seine Freude an den Tag, al» chm sein Sohn seine Verlobte zuführte. Da Georg einmal ein Stadtherr war und ein Stadtfräulein heirathen mußte, so konnte er ihm gar keine willkommenere Schwiegertochter bringen al» Meta, die er schon während seine» Aufenthalte» in Hamburg schätzen gelernt und nun wahrhaft lieb gewonnen hatte.
„Hättest nur gleich so gescheit sein sollen, würdest Dir und uns viel Herzeleid erspart haben, wenn Du nicht auf jene Puppe verfallen wärest," raunte er dem Sohne zu.
„Du hast nur zu Recht, Vater," antwortete der Sohn mit einem Händedruck, „aber schweige."
„Ich bin ja schon still," versetzte der Alte, laut fügte er hinzu: „Bertha, Dorette, Heinz, laßt schlachten, wa» da» Zeug hält, backt Kuchen, ich will meinem Sohne ein ordentliches Verlobungsfest anrichten —"
„Das aber nicht ohne meinen Vetter Edgar und meinen Vormund, den Justizrath Lietzelmann, ge-
irgend einem „Buch für gute Lebensart" vergebens suchen wird. So schreibt die ,Kreuzztg.': „Wir sollen die armen nationalliberalen Lämmer so lange geärgert haben, bis ihnen nichts Übrig blieb, als den Kartellstall zu verlassen und sich ein anderer Unterkommen zu suchen I Ein großartiger Standpunkt wahrlich sür eine Partei, die sich bis jetzt stets die Miene gegeben hat, uns und die „Extremen", die wir angeblich allein vertreten, als eine kleine „Koterie" ohne alles Ansehen und alle Bedeutung anzusehen ! Zu allem Ueberfluß aber ist der Vorwand erfunden. Wir haben, wie bei einer aktenmäßigen Vergleichung nachgewiesen werden könnte, die Nationalliberalen nur dann und nur da angegriffen, wo wir von ihnen in der einen oder anderen Weise herausgefordert worden waren." — „Uns greift man fortgesetzt mit allgemein gehaltenen Vorwürfen an", fährt bann die .Kreuzztg.' fort und bezeichnet als solche Blätter: Die.Köln. Ztg.' und die ,Nat. Ztg.', den ,Hann. Cour.' und die.Rhein-Wesif. Ztg.', den,Hamb. Korresp.' und die ,Hamb. Nachr.', so endlich auch das amtliche Organ der ,Nat.-Lib. Korresp.', die sich vor manchen derartigen Blättern nur durch größere Ungeschicklichkeit und Trivialität der Au»- drucksweise hervorthut. — Das ist wenigstens deutlich! So weit wäre also alles zum e n d- giltigenBruche vorbereitet. Es fragt sich nur: wird der „Vater und Lenker des Kartells", Fürst Bismarck, den Bruch sich vollziehen lassen?! Diese neint werden. Doch geht man nicht fehl, anzunehmen, daß bei den Wahlen zum Landtag mit Census und öffentlicher Stimmabgabe dem Herrn Reichskanzler ein aufmerksamer schneidiger Minister de» Innern von größerem Werthe sein dürfte al» ein „Kartell", um so mehr al» die bisherige ohne diese Hilfe erreichte Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses den Herrn Reichskanzler befriedigen konnte. Einstweilen mahnen allerdings .Post' und .Nordd. Allg.Ztg.' zum Frieden unter den Kartellbrüdern, mit welchem Erfolge wird die Folge lehren. Da» Centrum wird sich durch den Streit int Kartell und auch durch die Haltung der Regierung nicht irre machen lassen. Es wird mit außerordentlichem Eifer an die Vorbereitung und den Betrieb der Wahlen gehen müssen, denn die Absicht unserer, wenn auch getrennt rnar- schirenden Gegner, geht dahin, da» Centrum und den Freisinn zu schwächen, wenn möglich zu ver-
feiert werden kann," fiel Meta entschieden ein, während Bertha sich hocherröthend abwandte; „wir wollen sogleich nach der nächsten Station senden und ein Telegramm an sie abgehen lassen."
Am nächsten Tage trafen die beiden Herren ein; lange vor ihrer Ankunft hatte aber Meta ihrem Verlobten schon vertraut, daß man ein Doppelfest feiern werde, Edgar hatte bereit» um Bertha geworben; da» gute aufopfernde Mädchen hatte jedoch nicht glücklich sein wollen, bevor e» nicht auch der Bruder und die Freundin waren.
Und so geschah e«; an Vater Sonnenberg'» festlich gedecktem Tische saßen am Verlobungsabend zwei glückliche Paare, der Glücklichste von Allen schien aber der Alte. So große Verheerungen in seinem Hühnerhofe angerichtet waren, so mannigfaltige Gerichte aufgetragen wurden, ihm war cs immer noch nicht genug, und da überglückliche Menschen, wie er meinte, nun einmal nicht zu essen und zu trinken pflegen, so wandte er seine Aufmerksamkeit besonder« dem Justizrath zu, bis dieser endlich versicherte, an der äußersten Grenze seiner wahrlich nicht geringen Leistungsfähigkeit angekommen zu sein. Wahrhaftig großartig erschien er sich aber, al« er seiner Schwiegertochter gebot, von
Nichten. Unser Schlachtruf muß sein: „Nieder mit dem Kartell!"
* Der Aufenthalt des Kaisers in Petersburg, wohin er sich von Kiel aus auf der Dacht „Hohenzollern" begibt, wird etwa 3 bis 4 Tage dauern. In Begleitung des Kaisers wird sich Staatssekretär Graf Herbert Bismarck befinden. — Der Besuch des Kaisers am österreichischen und italienischen Hofe ist für die zweite Hälfte des Monats August in Aussicht genommen. In Wien erwartet man, daß unser Kaiser mit dem Kaiser von Oesterreich dortselbst und nicht in Gastein zusammen- treffen werbe.
• Ueber die Absperrung der Residenz unsere« Kaisers, da» Marmorpalais bei Potsdam, enthalten die Blätter übertriebene Berichte. An den Parkeingänge« des Palais stehen keine Posten. Das Palais selbst ist in einem Umkreise von ca. 200 Metern in der Weise gegen den starken Andrang von Neugierigen geschützt, daß auf den drei Hauptwegen je ein einfacher Posten steht, während auf den kleineren Wegen nur eine Stange mit der Aufschrift: „Zutritt gesperrt" vorgelegt ist.
* Der langjährige Erzieher des Sohnes de« Prinzen Georg von Sachsen, Major Freiherr Ernst von Oer, ist dem ,Wests. Merk.' zufolge am 1. Juni als Novize in dem Benediktinerkloster zu Beuron eingetreten. Major von Oer war nahezu zwanzig Jahre Erzieher im August" (.Thronfolgerj, ^oyänn Düdrg »No wrax erzogen.
* Der neunzehnte Juristentag findet in den Tagen vom 11. bi» 13. September in Stettin
Breslau, 3. Juli. Die Errichtung eines katholischen Lehrerseminars in Brieg ist nunmehr endgiltig entschieden. Am Dienstag. 26. v. M., traf die Zustimmung des H.rrn Unterrichts- Ministers zu dem zwischen b<r Staatsregierung unb bet Stabt Brieg geschloffenen Miethsvertrage, betnffend die Benutzung des Oberrealschulgebäudes zu Seminarzwecken, daselbst ein. Wie mitgetheilt wird, dürften die sämmtlichen drei Curse nicht gleichzeittg eingerichtet werden. Es ist sehr wahrscheinlich, daß zunächst Zöglinge für bett Unter* unb Mtttelcursus nach Brieg geschickt werden, und mit diesen dar Seminar eröffnet wird.
* Koblenz, 4. Juli. Nach übereinstimmenden den Ueberbleibseln an die Häusler und^Tagelöhner im Dorfe zu vertheilen unb sich bann sogar zu einer Rede erhob. —
Die schmutzig abgegriffene Lebertasche, die er in Hamburg solange auf der Brust getragen, erschien wieder, er entnahm ihr dieselben Werthpapiere, die er in der Widmann'schen Villa auf den Tisch gelegt hatte, und sagte: „Hier, mein Sohn, hast Du die drechunderttausend Mark, die ich Dir al» Heirath«» gut bestimmt habe; wa« ich versprochen habe, da» halte ich auch, und Gott weiß e», ich geb'» Dir heute lieber al» damals," fügte er, der neben ihm fitzenden Meta die Wange streichelnd, hinzu. Ohne dem Sohne die Zeit zu lassen, ihm zu danken, fuhr er fort: m , ,,
„Dieselbe Summe bekommt Bertha an ihrem Hochzeitstage. Heinz ist von heute an Bauer hin; ich gehe in'» Altentheil, und wenn ich emmal sterbe, ist noch für Euch alle Drei genug zum Theileu da.
Der Alte sah fich von allen Setten umringt und mit Danksagungen überhäuft.
„Ich habe in der letzten Zeit doch was gelernt und geb’» Euch lieber mit der warmen Hand al» mit der kalten," gestand er ehrlich.
„Mein guter, theurer Onkel, baß er nicht bei