JV 151. Mittwoch, den 4. Juli. 1888
Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbrilage Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf. Inserate: Die «inspaüige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
—---- -...... .........
ö Der Gedankengang
in der Encyklika
„lieber die menschliche Freiheit."
III. (Schluß.)
Die weiteren Ausführungen des hl. Vaters beziehen sich darauf, inwiefern ein modus vivendi mit dem Liberalismus möglich und zu gestatten ist.
Der Liberalismus übertreibt die Rechte des Staates, dem er göttliche Befugnisse beilegt, was zur Konsequenz hat, daß e» keine auch noch so gewaltthätige Herrschaft geben kann, der man nicht gehorchen müsse. Die Kirche wünscht und muß wünschen, daß sich Alle ihrer heilsamen Führung unterwerftn, da» ist aber leider in der That nicht der Fall, deßhalb kann sie ihre wohl- thätige Wirksamkeit nicht in voller Kraft ausüben. Wegen der Schwäche der Menschen und weil Gott da» Nebel zuläßt, um mehr Gute» zu erzielen, kann auch da» menschliche Gesetz in gewissem Sinne dem Nebel Duldsamkeft entgegensetzen, aber e« weder wollen, noch billigen. Aber je mehr Nebel dieser Art ertragen wird und den Umständen entsprechend ertragen werden muß, desto weiter ist ein Staat von seinem Ideal entfernt.
Um ihrer Hetlraufgabe auch unter widrigen Verhältnissen nach Möglichkeit zu genügen, bequemt stch die Kirche gewissen „Freiheiten" de« modernen Liberalismus an, nicht aber, weil fie dieselben an sich wollte. In besseren Ze ten würde ste ihre volle Freiheit im wahren Sinne zur Anwendung btingcn.
Was die Duldsamkeit-(Toleranz) betrifft, so find diejenigen wett von ihr entfernt, welche fich zum Liberalismus bekennen. Richt die ungebundene Freiheit ist da» Richtige, weil dieselbe alle» Maß überschreiten würde; denn eine Freiheit de» Menschen, ohne daß derselbe fich dem Willen Gotte» füge, gibt e» nicht. Wer da» Gegemheil behauptet, ist ein Rebell gegen die wahre Freiheit, und darin liegt der Grundfehler de» Liberalismus.
Letzterer hat verschiedene Abstufungen. Es gibt Liberale
1. welche von Gott nichts wissen, 'hn aus Allem vertreiben wollen, und da» find die schlimmsten; ,
2. welche sagen, Gott müsse sein, aber nicht» weiter annehmen wollen, al» wa» angeblich der menschliche Verstand begreift. Diese
Der Neffe.
Kriminalroman von F. A.
(53. Fortsetzung.)
„Wollen Sie damit sagen, daß Sie Ada freigeben ?"
„Ich glaube mich recht deutlich ausgedrückt zu Haden, oder wünschen Sie vielleicht eine schriftliche Verzichtleistung?" .
„Durchaus nicht, durchaus nicht," versicherte der Konsul, sich den Anschein gebend, al» verstehe er den bitteren Hohn in der letzten Bemerkung nicht, „Ihr Wort genügt vollkommen. Gestatten Sie, daß ich Ihnen für die feine Art, in welcher Sie sich in dieser Angelegenheit benommen, meinen Dank aussprechen und Namens der gesummten Familie, Ada an der Sp tze, unsere Freude über die Ihnen zu Theil gewordene Rechtfertigung Ausdruck gebe. Wir hoffen und wünschen, Ihre Zukunft werde sich Ihrem Talent und Verdienst gemäß gestalten.
Georg Sonnenberg hörte diese kleine Slandrede mit an, ohne eine Miene zu verziehen und verbeugte fich, nachdem der Konsul geendet, mit eiskalter Höflichkeit, die er auch beibehielt al» der Herr mit erneuten Freundschasts- und Achtungr- verficherungen fich empfahl. Nachdem die Thür
zerfallen nach ihren Bestrebungen in zwei Klaffen:
a. welche die Trennung der Kirche vom Staate beabfichttgen und bei der Gesetzgebung auf die Kirche keine Rückficht nehmen wollen;
b. welche die Existenz der Kirche nicht vernichten, aber sie nicht selbstständig sein lassen, fie mit dem Staate verschmelzen wollen nnd behaupten, die Kirche müsse fich nach den Zeitverhältnissen richten. In gewissem Grade kann da» geschehen, die Kirche hat da» stet» gethan, aber nur soweit e» mit ihrem heiligen Amte vereinbar ist, niemals in ihrer Lehre.
Au» gewissen Gründen, die oben angedeutet find, kann dieser Liberalismus geduldet werden, aber nie darf er in Zügellostgkeit aurarten; die Freiheiten haben nur insoweit Berechtigung, al« fie nach irgend einer Seite da« Gute fördern. Wo die Herrschaft drückend wird, wo fie den Staat in ungerechtem Zwang hält, die Kirche ihrer Freiheiten beraubt, muß man nach Besserung streben. Auch da» Streben nach Erweiterung der Volksrechte ist nicht ungerecht, aber man muß den Ursprung und da« Recht der öffentlichen Macht im Auge behalten. Die Kirche verwirft keine einzige Staatrform grundsätzlich. Ebenfalls ist es nicht unrecht, nach der Freiheit und Unabhängigkeit eines Volkes zu streben, aber auch diese» Streben muß als Basis die Ge- wttflich," darnach" zu Weti*«m, selbstaeschaffenenGesetzen(parlamentarisch) regiert werden, die Mitwirkung am Staatswesen ist, roenn nicht besondere Umstände e» verbieten, eine erlaubte Sache, die Kirche wünscht, daß der Einzelne nach Kräften zum allgemeinen Wohle
^^Den Schluß der Encyklika bi'det eine Mahnung an die Kirchenfürsten, dafür Sorge zu tragen, daß diese Lehren de» hl. Vater» überall Eingang
^Au» diesem kurzen systematischen Abrisse werden unsere Leser ersehen welch^ eine Fülle von Ge- danken diese« neue Rundschreiben de« Papste«, der hier wiederum, wie bereit» so oft, al» Vöcker- lehrer austritt, in sich birgt. Ueberall wird der Grundsatz klar, kurz und bündig vorangestellt,
fich hinter dem Gast geschlossen hatte, sank er aber in einen Stuhl, schlug die Hande .vor s Gesicht und seufzte tief auf. E» that wehe, in dieser Weise au» einem süßen Traume erwachen zu müssen. Ein heftiger Groll wollte in seiner Seele aufi steigen, fie hatte ihn zu arg getäuscht — plötzlich fragte er fich, wer ihn denn eigentlich getäuscht Ada oder er sich selbst? Sie hatte stch nie ander» gegeben al» da», wa» sie war — da» eigenwillige, vom Augenblick bestimmte Kind; sie hatte gehandelt wie e» von ihrem Charakter zu erwarten war, weßhalb seine Phantasie ihr Eigenschaften gettehen, die sie nicht besaß? Weßhalb hatte er die Phantasie Herrin werden lassen über sein Herz und seine Vernunft? Nur mit der Maulaste war er Ada zugethan, sein Herz hatte Meta gehört; in thörichter Verblendung hatte er da» für geschwisterliche Zuneigung gehalten und feiner Abneigung gegen den vorgeblichen Edgar allerlei Gründe unterlegt, ohne stch einzugestehen, daß die Haup.-
Jetzt fth^klar.^ Auch er hatte eine Schuld gegen Ada und da» stimmte ihn mild und versöhnlich gegen sie; durste er aber auch auf Der- gebnng hoffen bei der, gegen welche er sich einer viel größeren Schuld bewußt war? Die ihn
au« demselben die Folgerung gezogen und dem christlichen Volke im Einzelnen gezeigt, wie e« sich in der Praxis damit abfinden muß. Dem Liberalismus, namentlich dem matten, verwaschenen, kulturkämpferischen, der unter heuchlerischer Marke die schlimmsten Tendenzen birgt, werden die Wotte de» hl. Vater« nicht gefallen, sie werden eine sog. „Entrüstung" wecken, aber allen denjenigen, welche aufrichtig den christlichen Staat, nicht aber den Staat ohne Gott oder mit einem Staatsgott ä la Vitzliputzli wollen, werden sie neuen Antrieb geben, mit den Rechten der Kirche die Rechte de» gottgewollten Staate« zu verfechten und damit die wahre Freiheit, welche da» Völkerglück bedingt, herzustellen.
Deutsches Reich.
Berlin, 3. Juli.
* Es wird jetzt offiziell bestättgt, daß fich der Kaffer Mitte Juli zum Besuch de» Zaren nach Petersburg begeben wird. Unser Kaiser wird stch am 13. d. Mts. in Kiel einschiffen und begleitet von einem Geschwader unter Befehl des Prinzen Heinrich die Fahrt antreten. Die Begegnung der beiden Monarchen findet auf rusfischem Boden statt. Die zu Ehren de» Besuche» in Petersburg vorbereiteten Festlichkeiten werden vorwiegend einen militärischen Charakter tragen.
* Die Ernennung des bisherigen Unterstaatssekretärs Herrfurth zum Minister des Innern klangvollem Namen und ausgeprägtem persönlichen und politischen Charakter übertragen wurde, denn die Persönlichkeit des Ministers des Innern ist maßgebend für einen großen Theil der inneren Verwaltung. Beabsichtigt war auch diesmal die Besetzung des Posten» durch einen solchen Mann. Sie muß aber auf Schwierigkeiten gestoßen fein, die sowohl persönlicher wie politischer Natur gewesen sind. Der einzige Kandidat, mit dem enrst- lich verhandelt worden ist, der Oberpräfident Graf Zedlitz-Tritzschler hat abgelehnt, man ist dann offenbar in Verlegenheit um einen anderen geeigneten Kandidaten gewesen und e» sollte ein Ausweg darin gefunden werden, daß Herr Herrfurth vorläufig weiter die Geschäfte des Ministeriums de» Innern kommissarisch führte. Weshalb er
quälenden Zweifel und Vorwürfe drohten ihn wieder mit Banden zu beschweren, nicht weniger drückend al» die Haft, der er entronnen war, und wieder wurden ste gelöst von der Hand, die feinen Kerker geöffnet hatte. Zwischen Bertha Sonnen- berg und ihrem Bruder entspann stch ein eifriger Briefwechsel, Tag für Tag flogen Briefe zwischen Hamburg und Malente hin »nd her und Georg wußte selbst nicht wie e» kam, daß er die Schwester zur Vertrauten seine« Kummer« machte und die geheimsten Regungen seiner Seele vor ihr enthüllte. 8 Sie Geschäfte, zu deren Abwickelung der Justizrath Lützelmann de« Architekten bedurfte, hatten stch verwickelter und langwieriger gezeigt al» die» anfänglich den Anschein gehabt hatte; e» waren durch den Tod de» Bauherrn und die Gefangenschaft de» Bauführer» mancherlei Verwickelungen mit den verschiedenen Lieferanten herbeigeführt worden, fo daß unzählige Besprechungen und ganze Berae von Schreibereien nöthig wurden. Zuweilen wollte e» Georg freilich scheinen, al» erfinde der alte Sachwalter Hindernisse, um ihn von einem Besuche in Malente fern zu halten. Em paar Mal hatte er mit Edgar Wanderer, mit dem er stch schnell eng befreundete, einen kurzen Aurflug nach feinem heimathlichen Dorfe geplant, aber stet«