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Sonnabend, den 30. Juni.
1888
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Zweites Blatt.
—* Ueber Freimaurerei.
xin.
Proben und Ceremonull bei der Aufnahme.
(Fortsetzung.)
Der Ehrwürdige fährt fort: — Profaner! Ich bin hier der Repräsentant dieser Verbindung, in welche Sie eintreten wollen. Bevor diese Verbindung zu Ihrer definitiven Zulassung zu den Prüfungen ihre Zustimmung geben kann, muß ich Ihr Herz über die ersten Moralprinzipien erforschen . . . Antworten Sie wieder mit aller Offenheit auf die neuen Fragen, welche ich nun an Sie stelle . . . Vorher noch eine andere Frage; — Auf Wen würden Sie Ihr Vertrauen setzen, wenn Ihnen eine fürchterliche Gefahr drohte?
Antwort de» Suchenden.
Der Ehrwürdige erwidert je nach der Antwort und fügt dann bet: — Wir beginnen nun mit dem Moralexamen. Setzen Sie stch, mein Herr!
Man hat unterdessen einen von Nägeln starrenden Schemel hinter den Suchenden gestellt. Die Spitzen der Nägel stecken im Holz. Der Schemel hat ungleiche Füße. (Das nun folgende Verhör ist dem Französische« Ritus entnommen. Das de» Schottischen Ritus weicht in einigen geringfügigen Punkten von demselben ab. Er ist jedoch nicht der Mühe werth, dasselbe deshalb eigens zum Abdruck zu bringen. — Wir trugen Bedenken, diese» Moralexamen abzudrucken, da dasselbe uns überaus fade und langweilig erschien. Jndeß ist es gut, daß der Leser auch vom „Logenunterricht" einen Begriff erhalte. Jedenfalls wird er zur Anficht kommen, daß es mit demselben nicht weit her ist.)
Der Ehrwürdige. — Was ist die Unwissenheit? Und warum find die Unwissenden eigenfinnig, reizbar und gefährlich?
Antwort de» Suchenoen.
Befriedigt die Antwort de» Suchenden nicht, so fällt der Ehrwürdige berichtigend ein: — Mein Herr I Die Unwissenheit (lateinisch ignorantia von in, dem Prtvativum, und gnarus, wissend) ist der Mangel an Kenntniß oder Wissen. In der Unwissenheit haben alle Laster schon an fich ihren Ursprung. E» gibt drei Arten von Unwissenheit: Nicht» wissen; schlecht wissen, wa» man weiß; andere Dinge wissen, al» man wiffen sollte. Im W.ssen gibt e», wie in der Wissenschaft, zwei Extreme, welche stch berühren. Da« erste ist die natürliche Unwissenheit, mit welcher der Mensch auf die Welt kommt; da» zweite Extrem ist die Unwissenheit der großen Geister, welche, nachdem ste da» ganze dem Menschen zugängliche Wiffenr- gebiet durchlaufen, finden, daß ste im Vergleich zu dem, wa» ste noch zu lernen hätten, nichts wissen und so schließlich ungefähr bei derselben Unwissenheit wieder angelangt find, von welcher ste ausgingen; letzteres ist eine gelehrte, einfichttge Unwissenheit, welche ihrer selbst bewußt ist. Diejenigen, welche zwar au» der ursprünglichen Unwissenheit herausgetreten sind, aber auf ihrem Lebenswege nur einen Anstrich schlecht verstandener Wissenschaft fich angeeignet haben, sind auf ihr Schetnwissen eingebildet und spielen sich als Gebildete auf. Die Religion dieser Unwissenden kann nicht dieselbe sein, wie die der Gelehrten, welche die Toleranz, die Menschenliebe und die Achtung vor sich selbst zum Prinzip hat. Da» ist der Grund, warum die Unwissenden eigensinnig, reizbar und gefährlich sind; sie verwirren und de-
moralisiren die Gesellschaft; um da» Volk in soziale Knechtschaft zu bringen, knechten sie e« intellektuell und enthalten ihm die Kenntniß seiner Rechte vor; denn sie wissen wohl, daß ein unwissende» Volk selbst unter der liberalsten Verfassung immer in Knechtschaft bleibt. Diese Unwissenden müssen demnach, um leichter herrschen zu können, jede Aufklärung zurückweisen, die Finsterniß vermehren, ohne Unterlaß gegen die Wahrheit, gegen da» Gute und gegen Gott kämpfen. (Wenn der Suchende Atheist oder Skeptiker ist, spricht der Ehrwürdige den Namen Gott nicht aus.)
Der Ehrwürdige. — Sagen Sie uns Ihre Ansicht über Fanatismus und Aberglaube!
Antwort des Suchenden.
Der Ehrwürdige. — Der Fanatismus ist ein unsinniger Kult ein verfluchter Jrrthum; es ist eine religiöse Exaltation, welche dis Vernunft trübt und, um Gott zu gefallen, zu vsrdammlichen Handlungen treibt; daher spricht man von der „Wuth des Fanatismus". Der Fanatismus ist eine moralische Verirrung, eine Geisteskrankheit, welche unglücklicherweise ansteckend ist. Hat der Fanatismus in einem Lande einmal Wurzel gefaßt, so nimmt er den Charakter und da» Ansehen eine» Prinzip» an, in dessen Name« seine wüthen- den Anhänger in ihren fluchwürdigen „Autodafes" Tausende von Unschuldigen dem Tode überlieferten. Im übertragenen Sinne nennt man auch das leb- hafte Verlangen, seine Meinung geltend zu machen, oder seine Projekte auszufahren u. s. w., Fanatismus. Die meisten Arten von Fanatismus find nur gefährlich in ihren Ausschreitungen; denn ohne Fanatismus vollbringt der Mensch nichts Großes. Fliehen und bekämpfen müssen wir aber den religiösen Fanatismus... Der Aberglanbe (lateinisch auperatitio von super, über und atare, stehen: UebernatürlicheS) ist ein falscher, übelverstandener Kult, voll eitler Schreckbilder, im Widerspruche mit der Vernunft und den gesunden Ideen (welche wir von Gott haben müssen). Der Aberglaube ist die Religion der Unwissenden, der furchtsamen Seelen und selbst der Gelehrten, welche aus Mangel an kritischem Geist da» Joch der Gewohnheit nicht abzuschütteln wagen. Die Mehrzahl der Religionen ist nicht- anderes, als durch Furcht erzeugter Aberglaube, welcher leicht zu Fanatismus führt; letzterer kann die Seele erheben, Aberglaube erniedrigt sie nur. Beide sind die größten Feinde des Volksglöckes.
Der Ehrwürdige. — Was find Leidenschaften? Sind dieselben dem Menschen nützlich?
Anwort des Suchenden.
Replik de» Ehrwürdigen. — Eine Leidenschaft (lateinisch paaaio öon paaaua, der gelitten hat) ist eine beständige Gemüthsbewegung, ein unwiderstehlicher Hang, ein gewaltsames Begehren, welches durch ein Bedürfniß der Seele erzeugt wird und der Seele so lange „Leiden" bereitet, bis dasselbe befriedigt ist. Leidenschaft ist auch eine ausgesprochene Vorliebe für eine Sache, Kunst oder Wissenschaft u. s. w. Die Leidenschaften find dem Menschen durchaus nothwendig, aber sie müssen durch eine gute Erziehung auf Ziele hingeleitet werden, welche den Menschen selbst und der Gesellschaft nützlich sind. E» gibt keine einzige Leidenschaft, welche nicht auf da« soziale Beste und da« allgemeine Wohl hingelenkt werden könnte. Nicht» ist daher verfehlter, al« gegen die Leidenschaften zu deklamiren, und nichts unsinniger, als dieselben zerstören zu wollen. (Das Ritual polemi- firt hier, wie in allen diesen Unterweisungen, offenbar gegen „vermeintliche" katholische Lehren. Die Freimaurer dokumentiren damit aber nur ihre
Unwissenheit über diese Lehren. Die angesehensten katholischen Gelehrten, z. B. der hl. Thomas, bieten über die Leidenschaften sicherlich unvergleichlich gründlicheren Aufschluß, als e» in diesem Logenunterricht geschieht; aber freilich würde wohl kaum ein Meister vom Stuhl zu finden sein, welcher den hl. Thoma» zu verstehen im Stande wäre. Darum spreizen sich diese Leute mit der seichten Weisheit, wie sie hier zu Markte gebracht wird.) Die Heftigkeit der Leidenschaften dient denselben zur Entschuldigung. Heuchler find nur deshalb so widerwärtig, weil sie ihre Leidenschaften weder unterjocht haben noch von denselben fort- gerissen werden, sondern mit kalter Ueberlegung da« Böse thun. Die Leidenschaften find die Segel de» menschlichen Lebensschiffe« rc. rc.
Der Ehrwürdige. — Wa» versteht man unter Sitten?
Antwort de» Suchenden.
Replik de» Ehrwürdigen. — Sitten find ange- borne oder angeeignete gute oder schlechte Gewohnheiten bezüglich der Art und Weise zu leben und sich zu benehmen. Die Sitten eine» Volke» sind seine Gebräuche und Gewohnheiten. Durch seine Sitten ist der Mensch frei. Man muß den Menschen nicht nach seinem Vermögen, sondern nach seinen Sitten beurtheilen. Da» Vermögen ändert die Sitten nicht, sondern ma«- kirt sie nur. Sitten find stärker, al» Gesetze. Die Männer machen Gesetze, die Frauen machen die Sitten._______________ (Forts, folgt.)
Vermischtes.
* Koblenz, 28. Juni. Vielfach ist auch in der Rhein - gegend unter den Haushühnern eine Krankheit ausgebrochen, welche von Fachleuten als Hühner-Cholera bezeichnet wird und bereits viele Hühner weggerafft hat. Die Krankheit besteht in starker Verschleimung, Anschwellen des Halses und Kopfes, sowie der Augen. Das Thier kann nicht mehr sehen, hat Athemnoth und Beschwerde beim Freffen und Schlucken. Schreiber dieses hat sein« Hühner, welche ebenfalls sämmtlich von der Krankheit befallen waren, da durch vom Verhungern gerettet, daß er Brod oder Weck, sowie abgekochte Gerste in warmer Milch oder auch warmem Wasser aufgelöst und den Hühnern vermittelst Thee- löffel täglich 3—4 mal eingegeben, d. h. satt gefüttert hat. Wenn den Hühnern bei der Krankheit das Futter nicht auf diese oder ähnliche Weis« beigebracht mird, dann müssen sie des Hungers sterben, indem sie zu schwach sind, sich das Futter selbst zu nehmen.
Literarisches.
Frankfurter zeitgemäße Broschüren. Neue Folge, herausgegeben von Dr. I. M. Rasch. Band IX. Heft 7. Die heidnischen Klassiker auf christlichen Gymnasien. Bon Joh. Phil. Schmelzeis. Preis des Jahrgangs (12 Hefte) 3 Mk., des einzelnen Heftes 50 Pfg.
Warum heidnische Klassiker für den Unterricht der christlichen Jugend? Mit vollem Recht, antwortet der Ver- faffer auf diese Frage. In der griechisch-römischen Welt war ein großer Reichthum von irdischen und himmlischen Schätzen durch höhere Fügung niedergelegt, ein Reichthum von irdischer und himmlischer Bildung, bestimmt für alle Zetten und Völker. Diese Schätze wurden gehoben von den Germanen, welche bei den Griechen und Römern in die Schule gingen, bevor sie in den geheimnißvollen Lehren des Christenthums unterrichtet wurden. — Wie es die Vorsehung gehalten hat mit den germanischen Völkerschaften, welche doch an die Spitze der Völker treten sollten an Stelle der Griechen und Römer, ebenso hat man es that- säch ich stets gehalten mit der Erziehung der christlichen Jugend. Man hat sie zunächst unterrichtet in der Bildung der Akten, bannt sie um so leichter und tiefer eindringen könnten in die Lehre des Christenthums. Der Bertaffer führt dazu noch die Aussprüche eines Augustinus, Basilius u. s. w. an, er zeigt, wie auch unter den heutigen Ver- hältnifsen ganz dieselben Gesinde maßgebend seien wie in rüherer Zeit, er beantwortet die Einwände und bespricht zuletzt die Vorsichtsmaßregeln, welche zu treffen sind, damit nicht Bei der Beschäftigung mit den heidnischen Schriftstellern zugleich heidnischer Geist und heidnische Anschauun- gen angenommen werden, wie es thatsächlich die Humanisten der früheren Schule gethan. Die anregend geschriebene Broschüre wird allen Lesern, namentlich denjenigen, die sich mit Erziehung d-r Juge nd befaffen, höchst will- kommen sein; sie schlicht sich würdig ben früheren heften an.