JV 148. Sonnabend, den 30. Juni. 1888
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Erstes Blatt.
Der Dank des Kaisers.
Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht folgenden Dankerlaß Sr. Maj. des Kaisers:
Schwere Tage sind über Mich und Mein Haus gekommen, von Neuem ist Mein kaum beruhigtes Gemüth tief erschüttert. Mit dem Heimgange Sr. Majestät des Kaisers und Königs Friedrich, welcher Meinem theueren Großvater so bald in die Ewigkeit folgen mußte, ist Mir der beste und liebevollste Vater, dem Lande der treueste und edelste Herrscher entrissen worden. Nur auf all' zu kurze Zeit war es Ihm durch ein hartes Geschick vergönnt, zum Heile Seines Volkes, das Er mit voller Liebe umfaßte, zu wirken. Die ganze deutsche Nation in erhabener Einmüthig- keit trauert mit Mir um einen solchen Verlust und fremde Völker nehmen Theil an unserem gemeinsamen Schmerze. Prachtvolle Blumen und Kränze, welche von Nah und Fern dem Hohen Entschlafenen gewidmet worden, zahlreiche Zuschriften und Telegramme, in denen Mir herzliches Beileid ausgedrückt wird, geben Zeugniß von der reichen Liebe und Verehrung, welche der Verewigte Sich im Leben erworben hatte. Gemeinden, Vereine und einzelne Personen aus allen Theilen Deutschlands, insbesondere auch aus Elsaß-Lothringen, Deutsche auf fremdem Boden, selbst in fernen Welttheilen, soweit nur die Trauerkunde drang, haben in solcher Weise ihr warmes Mitgefühl zum Ausdruck gebracht.
Es ist wahrlich rührend für Mich und gewährt Mir erhebenden Trost, Meinen geliebten Vater noch über das Grab hinaus so treu und innig geehrt zu sehen. Aus der Tiefe Meines Herzens sage Ich daher für alle diese Zeichen wahrer Thellnahme, welche Mich in den Tagen der Trübsal aufgerichtet haben, Meinen herzlichsten und aufrichtigsten Dank mit der Versicherung, daß gleich Meinen Vorfahren auch Mein ernstes Bestreben nur darauf gerichtet sein wird, in ungestörter friedlicher Arbeit das Wohl des Landes zu fördern und zu befestigen. Möge Gott Mir Seinen Segen dazu geben!
Ich ersuche Sie, diesen Erlaß zur öffentlichen Kennt- niß zu bringen.
Berlin, den 26. Juni 1888.
Wilhelm.
An den Reichskanzler.
Der Neffe.
Kriminalroman von F. SL
(50. Fortsetzung.)
Wieder verging ein Tag und noch einer, allmählich legte stch die Aschenschicht auch über die Erinnerung; grau in grau verschwamm sein Leben mit dem verinnenden Tage. In seiner Versunken- heit hatte er wenig Acht darauf, daß seine Thür geöffnet ward. Erst als er eine ungewohnte Helle im Zimmer wahrnahm, drehte er stch um. Der Wärter hatte eine brennende Lampe auf den Tisch gestellt und sich entfernt. Gerichtsrath Schwendler trat soeben ein. Er hatte etwa» eigenthümlich Feierliche» in seinen Menen.
,,Wa» wollen Sie von mir?" fuhr Sonnenberg auf. „Ist da» Urtheil gefällt? Soll ich zum Tode geführt werden?"
„Herr Sonnenberg," begann der Rach; aber der Gefangene unterbrach ihn.
„Machen Sie c» kurz; ich bin auf Alle» gefaßt."
„Und doch vielleicht gerade auf da» nicht, wa» ich Ihnen zu sagen habe. Ich komme, Ihnen Ihre Freiheit anzukündigen."
Georg starrte ihn mit weit aufgeriffenen Augen an, al» vermöge er den Inhalt dieser Worte nicht zu fassen.
Deutsche- Reich.
Berlin, 29. Juni.
* Die Thronrede, mit welcher Kaiser und König Wilhelm den preußischen Landtag eröffnete, ist geeignet, bei allen Parteien einen günstigen Eindruck zu machen. Im Gegensatz zu der von gewisser Seite jetzt wieder neu aufgenommenen Hetzerei gegen die Oppositionsparteien betont die Thronrede das „gegenseitige Vertrauen" der Parteien ohne Rücksicht auf die „Verschiedenheit der prinzipiellen Grundanschauungen." Auch in einigen anderen Punkten, namentlich in der scharfen Betonung der nicht nur aus der Eider- pflicht, sondern auch auf seiner Ueberzeugung beruhenden Verfassungstreue, die nicht auf eine Erweiterung der Kronrechte spekulire und die Rechte der Volksvertetung schütze und achte, ferner in dem Passus über die religiöse Freiheit und den kirchlichen Frieden, endlich in der Berufung auf da« Wort Friedrich'» des Großen, daß der „König des Staates erster Diener sei", — tritt uns ein gewiß nicht unabsichtlicher Anklang an die beiden Kundgebungen beim Regierungsantritt de» verstorbenen Kaiser» Friedrich entgegen. Höchst wohlthuend wirkt auch das dem kaiserlichen Vater gespendete hohe Lob, welches alle Jntriguanten- stimmen über dessen „Regierungsunfähtgkett" Lügen straft. Der Passus über die Beziehungen zum Papste, über die neue Kirchengesetzgebung und über den kirchliche« Frieden werden in katholischen Kreisen nur angenehm berühren. Die Katholiken hatten natürlich daran fest, daß nach dem Ausspruch de» Papste» die Kirchengesetzgebung in Preußen noch weiterer Verbesserungen bedarf, aber wir erblicken auch in den bezüglichen Aeußerungen der Thronrede nicht», was einer solchen Auffassung direkt widerspräche. Von einem „Abschluß" der Gesetzgebung, wie etwa gleich hinterher in Bezug auf die Verwaltungsreform, ist hier nicht die Rede. Das Versprechen, auch fernerhin auf die Steuererleichterung der Gemeinden und der ärmeren Klaffen bedacht zu fein, wird einen guten Eindruck im Volke machen. Im Uebrigen ist natürlich an eine Schwenkung der inneren Politik auch in Preußen nicht zu denken. Die Befriedigung über die
„Sie sind entlassen," fuhr der Gerichtsrath, dem es immer unbehaglicher zu Muthe ward, fort, „der Mörder des alten Herrn Schmittchen ist entdeckt."
„Ist entdeckt," wiederholte Sonnenberg nach einer Pause, als habe er sich jetzt erst den Sinn diese» Ausspruches klar gemacht; „ist entdeckt — ist entdeckt —" rief er immer lauter und schneidender. „Ha, ha, ha! Sie sperren mich ein, ich muß, ich soll der Mörder sein, plötzlich gefällt es Ihnen, einen anderen Verbrecher zu finden und Sie sagen: „Gehe Deiner Wege!"
„Herr Sonnenberg!" bat Schwendler, der Gefangene hatte aber auf diese Unterbrechung nicht Acht gegeben und fuhr fort: „Wenn ich nun aber nicht gehen will? Wenn ich sage: Ihr habt mich gegen meinen Willen hierhergebracht, jetzt bleibe ich gegen Euren Willen hier!" Er warf sich auf den Stuhl. „Ihr habt mir das Leben zerstört, habt mir die Erde zur Wüste gemacht, nun wollt Ihr mich wieder hinausstoßen. Rein und abermals nein, ich gehe nicht."
Es ist ein fchwerer Jrrthum begangen worden, ich beklage ihn tief, nein, ich klage mich sogar an, ich bitte Sie um Verzeihung, bedenken Sie, daß Richter auch nur Menschen sind. Wenn sie erfahren, in welcher roffinkten Weise man uns getäuscht hat —"
Finanzlage, die Resultate der Legislaturperiode wird vom Centrum und den Freisinnigen selbstredend nicht in vollem Maße getheilt.
* Der Mackenzie-Hetze widmen national- liberale Blätter längere Artikel, welche mit den rohesten Schimpfereien gegen den Leibarzt des Kaiser» einen lächerlichen Wuthausbruch gegen die „radikale Presse" verbinden, gleich als ob diese in etwaige geheime Pläne Mackenzie'« und der „Kamarilla" eingeweiht gewesen sei. Wir haben uns über die Mackenzie-Hctze bereit« früher geäußert. Für uns war von Anfang an der Gedanke maßgebend, daß der englische Arzt durch das Vertrauen des Kaiser» berufen war; über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der ärztlichen Behandlung und Diagnose haben wir uns nie ein Urtheil zugetraut. Uebrigens zeigt es sich immer klarer, daß auch diesmal die Pfeile nicht so sehr gegen Mackenzie, al« vielmehr gegen eine viel höhere Stelle gerichtet find. War aber die Regentschaftsfrage anbelangt, deren thatsächliche Aufwerfung nunmehr von der ,Rordd. Allg. Ztg.' offen zugegeben wird, so möchten wir die national- liberale Presse ersuchen, in ihren Nummern um einige Monate zurückzublättern; sie wird dann aus eine sehr heftig geführte Polemik mit der ,Nordd. Allg. Ztg? stoßen, welche dama's die von der ,Nat.-Ztg.' und anderen Blättern gebrachten Andeutungen über die Regentschaftsfrage so brüsk als möglich aus der Luft gegriffen bezeichnete. Heute stützt sich die ,Nordd.' auf dieselbe Darstellung, die sie früher als Lüge gebrandmarkt hat. Da die „nationale" Presse „politische" Gründe zu haben scheint, die alte Geschichte ruhen zu lassen, und lieber die damaligen Sottisen auf sich sitzen läßt, als der ,Nordd.' ihre gegenwärtigen Kreise zu stören, so haben wir diese ftühere Regentschafts-Polemik zwischen ,Nordd. Allg. Ztg.' und nationalliberale Blätter nochmals in Erinnerung gebracht. Daß die Glaubwürdigkeit der,Nordd.' durch diese Re- miniscenz eine Verstärkung erfahren hätte, wird man nicht behaupten dürfen.
* Beide Häuser des Landtags nahmen heute einstimmig und ohne Debatte die ihnen von ihren Präsidenten vorgeschlagenen Entwürfe von Adressen an den Kaiser und König an. In den
„Schon gut, schon gut," sagte Sonnenberg nachlässig mit der Hand winkend, „ich verzeihe Ihnen, aber ich bleibe hier."
„Besinnen Sie sich; es ist ja erst eine Woche seit Sie stch hier befinden."
„Eine Woche!" wiederholte Georg zweifelnd, „nein, eine Ewigkeit; ich bin alt darüber geworden, ich —"
„Sie sind noch so jung wie Sie waren, es hat sich nichts für Sie verändert, ihre Angehörigen erwarten Sie."
„Mich?"
„Ihr Vater, Ihre Schwester sind da; Fräulein Meta Schmittchen —"
Die graue Aschendecke zerriß, ein breiter Lichtstrahl fiel hindurch.
„Wo? Wo?" fragte er.
„Hier ganz nahe in einem Zimmer, das ich ihnen anwies."
„So lafien Sie uns gehen," sagte Georg jetzt ebenso plötzlich, wie er vorher sich geweigert hatte, und wandte stch der Thür zu. Nur mit Mühe hielt ihn der Gerichtsrath so lange fest, daß er das Protokoll über feine Freilassung unterschrieb. Dann führte er ihn über Treppe und Gänge, öffnete endlich ein Zimmer, ließ ihn eintreten und folgte ihm, hielt sich aber im Hintergrund.
Sonnenberg fühlte sich umfaßt, er lag in bei