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JW 146

Mittwoch, den 27. Juni.

1*88

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Deutsches Reich.

Berlin, 26. Juni.

* Die bereits ihrem Wortlaut nach mitaetheilte Thronrede, womit Kaiser Wilhelm II. den deutschen Reichstag eröffnete, entspricht vollau den Erwartungen welche an sie geknünpst worden. Wie Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Friedrich III., so will auch Kaiser Wilhelm II. die Bahnen des Friedens wandeln. Besonders feierlich klingt der Satz, welcher von der auswärtigen Politik handelt und die Betonung wird in Frankreich gewiß ver­standen werden, daß Kaiser Wilhelm, so viel es an ihm liegt, Frieden halten werde. Noch mehr Eindruck macht die Versicherung: „Diese Stärke (des deutschen Heeres) zu Angriffskriegen zu be­nutzen, liegt Meinem Herzen ferne . . ." Wohl- thuend berührt jeden Politiker der Paffus der Thronrede, welcher von unserem engen Bündniß, „welches eine Grundlage des europäischen Gleich­gewichts ist und dem herkömmlichen europäischen Völkerrecht, wie es bis 1866 in unbestreitbarer Geltung war, entspricht", handelt. Ein warmes Gottvertrauen, Liebe und Treue zum Volke und ein ächt königliches Pflichtbewußtsein durchweht die Thronrede, auf welche die Völker Europas mit Spannung gewartet haben. Sie wird sicher all­seitig den besten Eindruck machen und die Kciegs- befürchtungen, welche Verkehr und Handel so schädlich beeinfluffen, zerstreuen. Kaiser Wilhelm verspricht ferner in der Thronrede, „die Reichsveifaffung zu wahren und zu schirmen, in allen Rechten, die sie den beiden gesetzgebenden Körpern der Nation und jedem Deutschen, aber auch in denen, welche sie dem Kaiser und jedem der verbündeten Staaten und deren Landesherrn verbürgt." Die Sozialreformen sollen weiter entwickelt werden, wie uns die Thronrede in dem Paffus der aus­drücklich ausspricht, daß sich Kaiser Wilhelm die Botschaft seines kaiserlichen Großvaters vom 17. Nov. 1881 vollständig zu eigen mache, verkündigt. So befriedigt also auch die Thronrede jeden wahren Vaterlandsfreund und Christen, so weit sie die innere Politik betrifft und die kaiser­liche Regierung wird, wenn sie die vom Kaiser angedeuteten Wege christlicher Sozialreformen wandelt, ganz gewiß die uneigennützigsten Mit­arbeiter im Centrum finden.

* Glänzend war die gestrige Auffahrt für die

Der Neffe.

Kriminalroman von F. A

(48. Fortsetzung.)

XV.

Der Morgen war schon weit vorgeschritten und noch immer lag Bertha Sonnenberg im tiefen, festen Schlafe in ihrem kleinen Zimmer in der „Meerkatze". Das durch die unverhüllten Fenster immer Heller einfallende Tageslicht, denn es war der Sonne gelungen, die Wolkenschichten zu durch­brechen und zu verscheuchen, traf die Augen der Schläferin auf die Länge aber doch nicht erfolg­los. Sie bewegte stch und schien allmähliz in jenen Zustand überzugehen, der das Erwachen vor­bereitet und in welchem Traum und Wirklichkeit verschmilzt. Sie schlug die Augen auf und war gar nicht erstaunt, Meta an ihrem Bette sitzen zu sehen, hatte sie sich doch soeben im Traume mit ihr unterhalten. Erst al» die Freundin ihre Hände ergriff und mit besorgter Stimme fragte, wie sie sich befinde, fühlte sie stch vollständig wach; die Erinnerung an die jüngsten Ereignisse stieg in ihr auf, fie vermochte aber immer noch nicht zu sondern, war fie geträumt hatte und was geschehen war.

katholischen Mitglieder des Reichstages vor der St. Hedwigskirche, in welcher Bischof Aßmann eine Andacht mit Segen abhielt. Die Hedwigskirche hat niemals zuvor eine solche Menge und Pracht der Uniformen gesehen, meisten» stän­dische oder Kammerherren-Uniformen, aber auch viele militärische und Beamten-Uniformen. Windt- horst erschien mit selbem Ordensbande über der Brust, Frhr. zu Franckenstein in der Uniform der bayerischen ReichSräthe, Graf Ballestrem, Fürst Ferdinand Radziwill, Szmula, Fchr. v. Huene und Andere trugen militärische, Graf Hompesch, Frhr. v. Landsberg-Steinfurt, Graf Preystng, Graf Galen, Frhr. v. Wendt, die Grafen Droste zu Vischering und Praschma, Marquis v. Hoenr- broich und Andere ständische oder Kammerherren- Umform. Ferner waren anwesend Peter ReichenS- perger, Regens Dr. Moufang, Perger, Spahn, Hitze, Domkapitular Borowski, Rintelen, Racke, Bock, Metzger und Andere, die Geistlichen theil- weise mit goldenen Ketten und Brustkreuzen, Päpstliche Orden waren stark vertreten. Auch der Herzog v. Ratibor und Frhr. v. Ow sind in der Hedwigskirche anwesend, von den Ministern aber Niemand, auch der Prinz-Regent von Bayern und der König von Sachsen’ fehlten. — Letztere Beiden wohnten dem evangelischen Gottesdienste in der Schloßkapelle an der ©eite des Kaisers bei. Das L-tztere erregte in katholischen Kreisen allgemeines Befremden, und enthält man sich vorläufig noch der besonderen Kritik dieses räthselhaften Vorganges in der Erwartung baldiger Aufklärung.

* Nach dem ,B. ©.' wäre die Ernennung de» ehemaligen Handelsministers, derzeitigen Oberpcä- stdenten Dr. v. Achenbach zum Minister des In­nern vom Kaiser vollzogen worden. Auch der ,Reichsbote' meldet diese Ernennung. Dagegen nennt das .Deutsche Tageblatt' als Kandidaten die Regierungspräsidenten v. Tiedemann-Bromberg und Rasse-Bonn.

* Der Reichstag nahm in seiner heutigen Satzung, welcher der Reichskanzler beiwohnte, die vom Präsidenten von Wedell-Presdorf entworfene Adresse an den Kaiser in Beantwortung der gestrigen Thronrede einstimmig und debattelos an und beauftragte dieselbe dem Kaiser zu überreichen. In der Adresse wird ausgesprochen, daß der deutsche R ichstag der erhabenen Kundgebung des Kaffers vollen Beifall zolle, kein Opfer scheuen

„Bertha, wie ist Dir?" wiederholte Meta, be­unruhigt durch den starren Blick, mit dem die Er­wachende um sich schaute. Fühlst Du Dich krank ?"

„Nein," entgegnete Bertha kopfschüttelnd, „ich fühle mich wohl, aber bin ich vielleicht krank ge­wesen? Habe ich da» Alle» geträumt oder ist e» Wahrheit? Meta, sage mir, ist es Wahrheit?" fügte sie, sich heftig aufrichtend, hinzu, als diese einen Augenblick zögerte, ihre Frage zu beantworten.

„Es ist Wahrheit," antwortete Meta mit beben« )er Stimme und nur mit Mühe ihre Thränen zurückoaltend, „Du hast Großes vollbracht. Aber ei still, mein Herz, rege Dich nicht auf, Du be­darfst der Schonung."

„Weshalb? Ich bin ja gesund l" rief Bertha mit frischer Stimme, „quäle mich nicht, Meta, sage mir, hat er ihn in’« Wasser geworfen? Sage es mir, mein Kopf ist doch noch schwach, ich kann mich nicht besinnen." Sie legte die Hand an die Stirn und blickte angstvoll zu Meta empor, die ich nun beeilte, zu sagen:

„Der falsche Edgar hat den wahren in’« Wasser geworfen, aber Du bist ihm gefolgt und hast ihn auch gerettet!"

„O, j-tzt weiß ich Alle» !" rief Bertha, „jetzt ist e», als reiße der Schleier, der mir die Erinnerung

werde, welches zur Sicherheit des Vaterlandes nöthig ist, aber das Vertrauen hege, daß der Friede des mit feinem Kaiser und den verbündeten Regierungen festgeeinten deutschen Volkes von Niemand werde gestört werden. Hierauf wurde die außerordentliche Session mit einem dreifachen Hoch auf den Kaiser geschlossen. — Der Kaiser wird morgen das Präsidium des Reichstags empfangen.

* Die Adreffe des Reichstag« lautet:

„In bitterem Schmerz trauert mit Eurer Majestät der deutsche Reichstag um den Heimgang des Kaisers Friedrich. Das deutsche Volk lebte der Zuversicht, daß in seiner Hand das Werk, welches der unvergeßliche Kaiser Wilhelm begründet hat, sicher bewahrt, daß unter seiner weisen Leitung Deutschlands Wohl in friedlicher Arbeit zu herr­licher Entwickelung geführt werden würde. Gott hat es anders beschlossen. Nach einer Regierung von wenigen Monaten mußten wir unseren geliebten kaiserlichen Herrn in das Grab sinken sehen. Die schönen Hoffnungen, welche auf ihn gestellt waren, sind dahin; aber sein Andenken wird im Herzen des deutschen Volkes fortleben. Das leuch­tende Vorbild, welches er durch hingebende Pflichttreue in schwerer Zeit, durch seinen Heldenmuth, sein Handeln und Dulden gegeben hat, wird nimmermehr vergeffen werden, wird noch auf kommende Geschlechter eine mächtige Wirkung üben.

Mit hoher Freude und innigem Danke haben wir aus Eurer Mujestät Munde vernommen, daß Allerhöchstdie- selben entschlossen sind, die Wege zu wandeln, auf welchen Seine in Gott ruhende Majestät Wilhelm das Vertrauen der Bundesgenossen, die Liebe des deutschen Volkes, die wohlwollende Anerkennung des Auslandes gewonnen hat. Eure Majestät wollen die Reichsverfaffung unverbrüchlich wahren, die Gesetzgebung zum Wohle Deutschlands, ins­besondere zum Schutze der Schwachen und Bedrängten ausbauen. Recht und Gesetz schirmen und aufrecht er­halten. Der Reichstag ist bereit, Ew. Majestät in der Ausführung dieses Willens mit aller Kraft zu unterstützen, und er hofft, daß der Allmächtige zu seiner Arbeit das Gelingen geben werde.

Eure Majestät sind entschlossen, gestützt auf bewährte Bündnisse und Beziehungen, den Frieden aufrecht zu er­halten, so lange der Krieg nicht eine uns aufgedrungene Nothwendigkeit ist. Um den Frieden zu sichern und, wenn er dennoch gestört werden sollte, ihn mit Ehren zu erkämpfen, wollen Eure Majestät die Schlagfertigkeit unseres Heeres erhalten und pflegen. Der deutsche Reichstag zollt dieser erhabenen Kundgebung Eurer Maje­stät seinen vollen Beifall. Wir werden kein Opfer scheuen, welches zur Sicherung unseres Vaterlandes nöthig ist, wie wir einmüthig bewilligt haben, was unser hochseliger Kaiser Wi Helm von uns forderte, um den Frieden Deutsch­lands zu bewahren. Wir hegen aber das Vertrauen, daß der Friede des mit seinem Kaiser und den verbündeten Regierungen fest geeinten deutschen Volkes von Niemand gestört werden wird.

Möge es Euer Majestät beschieden sein, dem Vaterlande eine lange Zeit ungetrübten Glücks zu bringen! Möge

verhüllte; ja, es sind Leute dazu gekommen, man brachte uns zuerst nach der Polizeiwache, dann fuhr man mich hierher und —"

„Verhaftete den wahren Mörder meine« Onkels," fiel Meta ein. „O, Bertha, Du hast Wort gehal­ten, Du allein bist er, welche die Unschuld Deine« Bruders an den Tag gebracht hat!"

Sie umarmte da» junge Mädchen, ihre Thränen vermischten sich.

„Ist Georg schon frei? Ist er hier?" fragte Bertha.

„O nein, so schnell geht das nicht, man scheint viel weniger Formalitäten zu bedürfen, einen Un­schuldigen zu verhalten, als ihn fceizulaffm. Aber ein Anderer ist hier und möchte Dich leben."

„Wie so, weißt Du das Alles schon?" fragte Bertha, lediglich um ihre Verlegenheit zu verbergen.

„Edgar, ich nenne ihn so, obgleich e« auch noch vieler Formalitäten bedürfen wird, um rhn in seine unbestreitbaren Rechte einzusetzen, ist heule im Mor­gengrauen nach Hellburg gekommen, hat mich mer­ken lassen, mir Alles erzählt und mid) mit zur Stabt genommen. Mit Dir, Langschläferin, habe ich mehr Umstände gemacht," fügte fie scherzend hinzu; „aber nun mache auch zu, daß Du aus den Federn kommst."