JW 145.
Dienstag, den 26. Juni.
1888
—* Die Eröffnung des Reichstags.
@8 war ein ebenso glänzendes al« imposantes Bild, welches sich heute im weißen Saale des Königlichen Rtstdenzschlofles an der Spree ent- saltete. liebet den Thron, ein Sessel mit goldenen, In Löwenköpfe aurlaufenden Armsttitzen und Unter» Gestell, Sitz und Lehne mit purpurfarbenen Sammet überzogen, spannte fich der goldene Kaiserbaldachin mit eingewebten schwarzen Adlern. Den Baldachin umzogen schwarze Flore, ebenso die Wandleuchter. An den Eingängen standen Garde» du Coip», prächtige hohe Gestalten, in Parade - Uniform. Punkt zwölf Uhr öffneten fich die Thüren, und der Kaiser erschien mit großem Gefolge, um fich zum Gottesdienste in der Schloßkapelle zu begeben. Als der Gottesdienst beendet war, paffirte der kaiserliche Zug abermals den Weißen Saal. Darauf erschienen die Mitglieder des Reichstags, um Aufstellung zu nehmen. Außer den Sozialdemokraten waren alle Parteien vertreten. Der Saal war dicht gefüllt. Die Uniform überwog bei Weitem. Al» die Abgeordneten Aufstellung genommen, betraten die Mitglieder de« Bundes« rath« und der bayrische Ministerpräsident Freiherr von Lotz den Saal. Als die Versammlung ge« ordnet war, begab fich der Reichskanzler zu Se. Maj. dem Kaiser, um denselben Anzeige hiervon zu machen. Darauf betrat der kaiserliche Zug unter großem Vortritt den Saal. Der Zug war in der bereit» früher gemeldeten Weise zusammengesetzt. Denselben eröffnete dir Schloß-Garde- Kompagnie mit den historischen Blechmützen. Hinter ihnen folgten die eleganten Gestalten der Hofpagen in rothem Sammetwamm». Hierauf folgten die verschiedenen Hoschargen, sowie die Reichrinstgnien. Die Träger der letzteren schritten bi» an den Thron und legten Krone, Szepter und Reichsapfel auf die hierfür bestimmten rothsammetnen Tabou« ret» nieder; Graf Blumenthal mit dem Reichspanier und General v. Meerscheidt-Hüllesem mit dem Reichsschwert rahmen Aufstellung hinter dem Throne. Se. Majestät der Kaiser trug ebenso wie die übrigen Ritter vom Schwarzen Adler den langwallenden purpursammetnen Ordensmantel über der Uniform. Reben dem Kaiser schritten der Prinzregent Luitpold von Bayern und König Albert von Sachsen. Hierauf folgten die übrigen deutschen Fürsten, sowie die Mitglieder der regierenden deutschen Fürstenhäuser. Al» der Kaiser eintrat,
Deutschen, aber auch in denen, welche sie dem Kaiser und jedem der verbündeten Staaten und deren Landesherren verbürgt, gehört zu den vornehmsten Rechten und Pflichten des Kaisers.
An der Gesetzgebung des Reichs habe Ich nach der Berfaffung mehr in Meiner Eigenschaft als König von Preußen, wie in der des Deutschen Kaisers mitzuwirken; aber in Beiden wird es Mein Bestreben sein, das Werk der Reichsgesetzgebung in dem gleichen Sinne fortzuführen, wie Mein Hochseliger Herr Großvater es begonnen hat. Insbesondere eigne Ich Mir die von ihm am 17. Rov. 1881 erlassene Botschaft ihrem vollen Umfange nach an, und werde im Sinne derselben fortfahren, dahin zu wirken, daß die Reichsgesetzgebung für die arbeitende Bevölkerung auch ferner den Schutz erstrebe, den sie, im Anschluß an die Grundsätze der christlichen Sittenlehre den Schwachen und Bedrängten im Kampfe um das Dasein gewähren kann. Ich hoffe, daß es gelingen werde, auf diesem Wege der Ausgleichung ungesunder gesellschaftlicher Gegensätze näher zu kommen, und hege die Zuversicht, daß Ich zur Pflege unserer inneren Wohlfahrt die einhellige Unterstützung aller treuen Anhänger des Reichs und der verbündeten Regierungen finden werde, ohne Trennung nach gesonderter Parteistellung.
Ebenso aber halte Ich für geboten, unsere staatliche und gesellschaftliche Entwickelung in den Bahnen der Gesetzlichkeit zu erhalten und allen Bestrebungen, welche den Zweck und die Wirkung haben, die staatliche Ordnung zu untergraben, mit Festigkeit entgegenzutreten.
In der auswärtigen Politik bin Ich entschlossen, Frieden zu halten mit Jedermann, soviel an Mir liegt. Meine Liebe zum deutschen Heere und Meine Stellung zu demselben werden Mich niemals in Versuchung führen, dem Lande die Wohlthaten des Friedens zu verkümmern, wenn der Krieg nicht eine, durch den Angriff auf das Reich oder deffen Verbündete, uns aufgedrungene Nothwendigkeit ist. Unser Heer soll uns den Frieden sichern und, wenn er uns dennoch gebrochen wird, im Stande sein, ihn mit Ehren zu erkämpfen. Das wird es mit Gottes Hülfe vermögen nach der Stärke, die es durch das von Ihnen ein» müthig beschlossene jüngste Wehrgesetz erhalten hat. Diese Stärke zu Angriffskriegen zu benutzen, liegt Meinem Herzen fern. Deutschland bedarf weder neuen Kriegsruhmes noch irgend welcher Eroberungen, nachdem es sich die Berechtigung, als einige und unabhängige Nation zu bestehen, endgültig erkämpft hat.
Unser Bündniß mit Oesterreich-Ungarn ist öffentlich bekannt; Ich halte an demselben in deutscher Treue fest, nicht bloß, weil es geschlossen ist, sondern, weil Ich in diesem defensiven Bunde eine Grundlage des europäischen Gleichgewichtes erblicke, sowie ein Vermächtniß der deutschen Geschichte, deffen Inhalt heute von der öffentlichen Meinung des gesammten deutschen Volkes getragen wird, und dem herkömmliche» europäischen Völkerrechte entspricht, wie es bis 1866 in unbestrittener Geltung war. Gleiche geschichtliche Beziehungen und gleiche nationale Bedürfnisse der Gegenwart verbinden uns mit Italien. Beide Länder wollen die Segnungen des Friedens festhalten, um in Ruhe der Befestigung ihrer neu gewonnenen Einheit, der Ausbildung ihrer nationalen Institutionen und der Förderung ihrer Wohlfahrt zu leben.
Unsere mit Oesterreich-Ungarn und Italien bestehenden
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Der Neffe.
Kriminalroman von F. SL
(47. Fortsetzung.)
„Nun, ich nahm den Dolch und ging nach den Zimmern de» alten Rheder». So leise ich aufgetreten war, der alte Diener hatte da» Geräusch doch gehört, er öffnete die Thüre de» Vorzimmer» gerade al» ich zur gegenüberliegenden hereinkam. Ehe er noch Zeit hatte zu schreien, war ich über ihn und traf ihn mit dem spitzen Dolch so gut, daß er mit einem einzigen Laut zusammensank. Dadurch war Schmittchen erwacht, er rief nach Martin. Um ihn am weiteren Schreien zu verhindern, stieß ich ihm den Dolch in die Kehle.
„Tann nahm ich die Schlüffe!, schloß da» Bureau auf und suchte nach dem Gelbe. E» war nicht so viel al» ich gedacht hatte."
„Warum schlugen Sie da» Fenster der Glas« thür ein?"
Johnson lachte grimmig. „Weil ich überklug war, und daran gehe ich zu Grunde; e» sollte aursehen, al» hätte der Architekt den Verdacht von sich adlenken wollen."
„Sie wuschen fich in seinem Zimmer, Sie be«
Architekten den Streich zuzutrauen", antwortete der Alte hämisch; „aber der alberne Kerl, für den ich gearbeitet hatte, war nicht zufrieden, machte mir Vorwürfe und drohte mir sogar, er wolle mich angeben und hat» nun wirklich gethan l"
Der Gedanke, von seinem Gr führten verrathen worden zu sein, versetzte ihn in den wildesten Zorn, durch welchen sein Zustand in hohem Grade verschlimmert ward; heulend und fluchend wand er fich auf seinem Lager, nur abgeriffensiieß er noch einzelne Worte hervor wie:
„Ich sah den Andern — „Er mußte fort — Der Tölpel hat sich faffen laffen!" Immer undeutlicher, immer gräßlicher klangen die Laute, die er hervorstieß; bald raste er im vollsten Delirium und der Arzt erklärte, daß er daraus nicht wieder zum Bewußtsein erwachen werde.
Schaudernd entfernte fich der Richter mit seinen Begleitern. Mochte der Elende heute oder morgen sterben, für die Justiz hatte die» keine Bedeutung mehr; der irdischen Strafe war er entrückt und sein Geständniß hatte volles Licht verbreitet über den Ring von Verbrechen, dtffen Schlußglied der am vergangenen Abend auf den wirklichen Edgar Wanderer verübte Mordanfall bildete.;
brachte Reichrtagspräfident von Wedell - Piesdorf ein dreifache» Hoch auf Se. Majestät den Kaiser und seine erhabenen Bundesgenoffen au», in welche» die Versammlung begeistert einstimmte. Al» der Kaiser dem Throne zuschritt, betrat die Kaiserin die für sie bestimmte Estrade recht« vom Throne. Die hohe Frau war in tiefster Trauer, doch war der Schleier zurückgeschlagen. Sie trug die Kette be« Schwarzen Adlerordens, welchen ihr hoher Gemahl ihr heute verliehen. An ihrer Seite befand sich der kleine Kronprinz Wilhelm. Der Kaiser stieg die drei mit Purpursammet belegten Thronstufen langsamen, festen Schrittes empor. Er trug die gestickte Generals-Uniform unter dem Purpurmantel und um die Schultern schlangen sich die Ketten der Orden vom Schwarzen Adler, der Hohenzollern und vom Rothen Adler. Auf dem Gesichte lag tiefer Ernst. Mit tiefer Verbeugung trat der Reichskanzler vor den Kaiser und überreichte ihm die schwarz umränderte Thronrede, welche Se. Majestät mit kräftiger Stimme und mit scharfer Betonung an verschiedenen Stellen verlas. Die Thronrede lautet:
Geehrt« Herren!
Mit fefet Trauer im Herzen begrüße Ich Sie und weiß, daß Sie mit Mir trauern. Die frische Erinnerung an die schweren Leiden Meines Hochseligen Herrn Vaters, die erschütternde Thatsache, daß Ich drei Monat nach dem Hintritt weiland Sr. Majestät des Kaisers Wilhelm berufen war, den Thron zu besteigen, üben die gleiche Wirkung in den Herzen aller Deutschen, und unser Schmerz hat warme Theilnahme in allen Ländern der Welt gefunden. Unter dem Drucke desselben bitte Ich Gott, Mir Kraft zur Erfüllung der hohen Pflichten zu verleihen, zu denen Sein Wille Mich berufen hat.
Dieser Berufung folgend, habe Ich das Vorbild vor Augen, welches Kaiser Wilhelm, nach schweren Kriegen, in friedliebender Regierung seinen Nachfolgern hinterlassen, und dem auch Meines Hochseligen Herrn Vaters Regierung entsprochen hat, soweit die Bethätigung seiner Absichten nicht durch Krankheit und Tod verhindert worden ist.
Ich habe Sie, geehrte Herren, berufen, um vor Ihnen dem deutschen Volke zu verkünden, daß Ich entschlossen bin, als Kaiser und als König dieselben Weg- zu wandeln, auf denen Mein Hochseliger Herr Großvater das Vertrauen seiner Bundesgenossen, die Liebe des deutschen Volkes und die wohlwollende Anerkennung des Auslandes gewonnen hat. Daß auch Mir dies gelinge, steht bei Gott, erstreben will Ich es in ernster Arbeit.
Die wichtigsten Aufgaben des Deutschen Kaisers liegen auf dem Gebiete der militärischen und politischen Sicherstellung des Reichs nach Außen, und im Innern in der Ueberwachung der Ausführung der Reichsgesetze. Das oberste dieser Gesetze bildet die Reichsverfassung; sie zu wahren und zu schirmen, in allen Rechten, die sie den beiden gesetzgebenden Körpern der Nation und jedem fl ckten sein Handtuch und andere Wäschestücke mit Blut und verbargen sie sammt dem Dolch in dem kleinen Schrank, deffen Schlüffe! Sie über Seite brachten?"
„Es war schlau," grinste der alte Bösewicht, in der Erinnerung an seine alte Heldenthat seine Schmerzen vergessend, „ich nahm auch den Haur- schlüflel, schloß die Thür auf und ging fort; kein Auge hatte mich gesehen."
„Wohin?"
„Nach St. Pauli, wohin geht Unsereins, wenn er nach Hamburg kommt? Ich schlief eine Nacht in dieser Schänke, die nächste in jener, und zuletzt als die Schmerzen in der Hand immer schlimmer wurden, ging ich nach der „Meerkatze", weil ich wußte, Käthe Püttrich ist eine ordentliche Frau, von der man eine Handreichung haben könne."
„Wann sahen Sie Gomelli?"
„Er suchte mich noch denselben Tag, an dem er von Bremen gekommen war, Abend» in St. Paul auf, er wußte ungefähr, wo ich zu finden wäre."
„Und wußte auch, wer den Mord begangen hatte?"
„So dumm war er freilich doch nicht, dem