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JV 144. Montag, dm 25. Juni. IS 88

fuliian W

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- tL Ansprache

Er. «vnadea unseres Hochw. Herrn Bischofs Joseph

von der Kanzel de» Dome» verlesen bei der Ge- dächtnißfeier für Se. Maj. den verstorbenen Kaiser und König Friedrich am 24. Juni 1888

Vormittag« 11 Uhr.

Geliebte Diözesanen!

So ist denn die sterbliche HM« unseres theuern Kaisers und Königs Friedrich in der einsamen Gruft der Friedenskirche zu Potsdam, wie er bestimmt hat, ohne großes Trauergepränge bestattet und das erschütternde Ereigniß, das seit Monden mit banger Ahnung auf dem Herzen des dmtschen Bolles lastete und es zwischen Furcht und Hoffnung schweben ließ, hereingebrochen. Wie ein langgedehnter SchmerzenSruf durchzitterte di« Kund« da­von Deutschland von einem Ende zum anderm und sandte ihr wehmuthsvolleS Echo bis in die fernsten Länder der Erde. „Sott allein ist groß." Mit diesen Wortm begann einst ein gefeierter Prediger die Trauerrede auf dm mächtigsten Monarchm seiner Zeit. Und in der That, nie erscheint di« menschliche Schwachheit und Abhängigkeit erschütternder als in dem Augenblick, da di« Mächtigen der Erde herabsteigen von der Höh« der Throne und dem ärmstm der Sterblichen gleich in einen engen Sarg ge- bettdt werdm, dem blödesten Auge so darthumd, daß auch fi« unter der Hand und der Autorität des Allmächtigm stehen.

Unser geliebter Kaiser ist tobt, erlegen jenem mörde­rischen Leiden, daS langsam seine Manneslrast verzehrte. Tausende erflehten in inbrünstigem Gebete die Genesung d«S thmern Herrschers. Die Vorsehung aber hat es anders gewollt. Anbetmd beugen wir uns vor ihrm Rathschlüfsm, wiffend, daß sie immer voll Weisheit und Liebe find, wenn auch für uns unerforschlich. Indem ich Euch ge­liebte Diözesan en, zu einer Gedächtnißseier für dm hohm lobten berufen habe, will ich bei bersrlbm in kurzen Zügen rühmenb gebenden:

des edeln Charakters unb bet treuen Pflichter­füllung beS Hingeschiedenen Kaisers unb Königs Friebrich;

sowie

seines Stark- unb Helbmmuthes in seinen schweren Seiben, um zu zeigen, wie Schmerz unb Trost sich hier versöhnenb bie Hanb reichen.

Kaiser Friebrich, geboten am 18. Oktober 1831 im neuen Palais bei Potsdam, dem jetzigen Schlöffe Friedrichs- lron, war mit hettlichm Anlagm des Geistes begabt, bie unter trefflichen Lehrern ihre Ausbildung erfuhrm. Sein tiefeS Gemüth begeisterte sich auch frühe schon für bie Kunst unb gab seinem Leben unb Streben eine ibeale Richtung. Im spätem Alter sehm wir ben Hingeschiedenen besonders der altdeutschen Kunst sein Jntereff« und seine liebmolle verständnißinnige Pflege zuwmden. Dem Charakter aber hatte die Vorsehung jene aufrichtige edle Mmschmstmnblichkeit verliehm, welche die Herzm gewinnt. Kein Wunder, nenn das deutsche Boll mit gerechtem Stolze, mit inniger Verehrung und großartigen Hoffnungm ——MB——

Dev Neffe.

Kriminalroman von F. A.

(46. Fortsetzung.)

Er brüllte laut auf, der Schmerz übermannte ihn und der Rach fürchtete, da« Verhör abbrechen zu müssen; der Anfall ging vorüber und der Erstere fuhr dann fort:

„Hütte ich chn gar nicht gebraucht, hätte ich Me« allein machen können, so hätte ich heute mein Geld in der Tasche und läge nicht hier ge-- fangen und krank wie ein Hund; aber e« konnte nur ein junger Mensch den Neffen spielen, und ich hatte keinen Anderen. Ich studirte also dem Tölpel seine Rolle ein, gab ihm die Papiere und auch da« Blatt de« »New-Aork Herald', mit dem er in Liverpool, wohin er mit seinem Schiffe segelte, die Komödie aufführen mußte, al» käme ihm die Geschichte zum ersten Male zu Geficht. Nm keinen Verdacht zu erregen, blieb ich auf der „Möwe" und traf erst in Bremen wieder mit chm zusammen."

„Und was geschah weiter? fragte der Rath, al« Johnson wieder erschöpft schwieg.

„Ich schrieb an Gomelli, sobald wir in Bremer-

auf feinen Kronprinzen Friedrich schaute, wenn es ihm seine tiefstm Sympathieen entgegenbrachte unb in bem treuen und offenen Auge ben künftigen Batet unb Freund des Volkes sich verhieß. Unb niemals hat bieses Seben anbete CharakterzÜge als ebele, milbe, ritterliche schauen laffm. Am 25. Januar 1858 reichte Prinz Friebrich bie Hand zum ehelichen Bunbe bet Prinzeß Royal von Eng- lanb. Wir kennen sie unb haben sie berounbert in ben Tagen des herben Mißgeschicks — wie sie in helben- mürhiger, aufopfernber Ausbauet ihre Gattinpflichten an bet Seite bes gemarterten Gatten erfüllt, nie von seiner Seite gewichen, als nur um einen Augenblick fremder Noth zu dienen, unb bis zum letzten Athernzug den Kelch des Leibens mit ihm getheilt hat.

Soll ich erwähnen, wie Kronprinz Friebrich als Heer­führer unb KriegShelb auf ben Schlachtfeldern Böhmens unb Frankreichs Ruhm erworben unb bet Liebling der Ar­mee gewesen burch seine Herablaffung unb Fürsorge gegen­über bem geringsten btt Soldaten? Mögen weltliche Red­ner ihn darob verherrlichen. Ich habe Befferes und Schöneres zu rühmen. Ich sehe ihn bas leuchtende Vorbild bestreuen, gewiffenhasten Vaters unb Gatten geben, Träger eines reinen unb edeln Familienlebens sein. Unb als bie Tage bes Leidens heteinbrachen, welch' ein Verhältniß zwischen Gatte, Gattin und Kindl Er nur besorgt, seine Leiden zu vergessen, um daS Glück unb bie Freude der ©einigen zu suchen, sie — nur bemüht, bie schmerzlichen trüben Stunben bem Vater zu verkürzen unb zu versüßen! Wer vollenbs könnte ohne Rührung jener letzten ergreifenben Äunbgebung dieses edeln Vaterhetzens gedenken, als eS am Todestage noch, dem Geburtstage der Tochter, den Glückwunsch für sie in di« Zeilen faßte, die es dem schluch- zenden Kinde niederschrieb: „Bleibe fromm unb gut, wie Du bisher gewesen. DaS ist bet letzte Wunsch Deines sterbenden VaterS."

Lange Jahre waren in der Vorbereitung auf ben ge­waltigen unb schweren Beruf, Beherrscher des Deutschen Reiches zu sein, ooräbetgegangen. Da kam, als Kron­prinz Friebrich in San Remo unter bem sonnigen Himmel Italiens zur Heilung seines grausamen Leibens weilte, bie Stunbe, wo an ihn bet Ruf bes Vaterlanbes erging, das vetwaiste Scepter des Reiches zu ergreifen unb ungesäumt eilte er, ben Tob im Herzen, durch Sturm unb Kälte an ben Ort, wohin ihn bie Pflicht rief. Mit welchen idealen Anschauungen aber, mit welch' heiligem Ernst er diese seine Pflicht auffaßte; — jene großartigen Kundgebungen „An mein Volk" und „an den ersten Diener der Krone" verkündigen es laut unb ewig werden sie die ruhmreichste unb benkwürbigst« Gedächtnißrede auf Kaiser unb König Friebrich bllben. Fast erscheint es als Unrecht, nur eins ober baS andere aus diesen herrlichen Worten herauszu­nehmen. Jndeffen gestattet mir, wenigstens folgend« Euch in'S Gebächtniß zu rufen:

„Durchdrungen von bet Größe Meiner Aufgabe", heißt es ba, „wirb es Mein ganzes Bestreben sein, Deutschland zu einem Horte des Friedens zu machen unb in Hebeteinfümmung mit ben verbündeten Regie­rungen, sowie mit ben verfassungsmäßigen Organen bes Reiches wie Preußens, bie Wohlfahrt bes beutschen Landes zu pflegen.

haftn angekommen und bestellte ihn nach Bremen. Er kam; ich hätt'S ihm auch nicht rathen wollen, wegzubleiben, und erzählte mir, e« gehe Alle- gut, der Alte habe ein Testament gemacht und ihn und eine Nichte zu Erben eingesetzt. Ich fragte ihn weiter au« und da kamen nun allerlei Dinge zu Tage, die mir nicht gefielen. Gomelli hatte Neigung zu feiner Coufine, die wollte aber nicht« von ihm wissen, chatte sogar Verdacht, daß er nicht der wirkliche Neffe sei und lach dem Alten, wie Gomelli erhorcht hatte, in den Ohren, noch nähere Eickundigungen nach ihm anzustellen. Dann war da ein Archttät, mit dem mein Bursche auf Kriegsfuß stand; ich sah ein, lange konnte der Tölpel seine Rolle nicht spielen, der Alte mußte bald über Sette geschafft werden, wenn wir die Erbschaft einstreichen wollten. Gomelli war wüthend über da« Geld, da« der Schloßbau kostete und erzählte mir, der Alte hole fich Freitag 500,000 Mark von seinem Banquier, die er am Sonn­abend auf einem Brette auszahlen wolle. Da» merkte ich mir, ward der Alte in der Nacht ab- gethan, so dachte kein Mensch an die Erbschaft, sondern nur an den Raub."

„Sie führten den Mord gemeinschaftlich mit Gomelli au«?" ftagte der Richter.

Meinem getreuen Volke, bas durch eine Jahrhun­derte lange Geschichte in guten wie schweren Tagen zu Meinem Hause gestanden, bringe Ich Mein rückhalts­loses Vertrauen entgegen. Denn Ich bin Überzeugt, baß auf bem Grunde bet untrennbaren Verbindung von Fürst unb Volk, Meine Krone allezeit ebenso sicher ruht, wie bas Gebeihen bes Lanbes, zu beffen Regie­rung Ich nunmehr berufen bin, unb bem Ich gelob«, ein gerechter, unb in Freud' wie Leib ein treuer König zu fein.

Gott wolle mir Seinen Segen unb Kraft zu diesem Werke geben, dem fortan Mein Leben geweiht ifll" Und wieder:

„Ich will, bah bet seit Jahrhunderten in Meinem Hause heilig gehaltene Grundsatz religiöser Duldung auch ferner alle Meine Untetthanen, welcher Religions­gemeinschaft und welchem Bekenntnisse sie auch ange- hören, zum Schutze gereiche. Ein Jeglicher unter ihnen steht Meinem Herzen gleich nahe — haben doch Me gleichmäßig in den Tagen bet Gefahr ihre volle Hin­gebung bewährt."

„Einig mit ben Anschauungen Meines Kaiserlichen Herrn Vaters werbe Ich warm alle Bestrebungen un­terstützen, welch« geeignet sinb, das wirtschaftliche Ge­deihen der verschiedenen Gesellschaftsklassen zu beben, widerstreitende Interessen derselben zu versöhnen und unvermeidliche Mißstände nach Kräften zu mildern, ohne doch die Erwartung hervorzutufen, als ob es möglich sei, durch Eingreifen des Staates allen Nebeln bet Gesellschaft ein Ende zu machen."

„Mit ben sozialen Fragen eng verbunden erachte Ich bie bet Erziehung bet Heranwachsenden Jugend zugewandte Pflege. Muß einerseits eine höhere Bil­dung immer wetteten Kreisen zugänglich gemacht wer­den, so ist doch zu vermeiden, daß durch Halbbildung ernste Gefahren geschaffen, daß Lebensansprüche geweckt werden, denen bie wirthschastlichen Kräfte bet Nation nicht genügen können, ober daß durch eine einseitig« Ersttebung vermehrten Wissens die erziehliche Aufgabe unberücksichtigt bleibe."

„Nur ein auf der gesunden Grundlage von Gottes­furcht und einfacher Sitte aufwachsendes Geschlecht wird Hinreichmd Widerstandskraft besitzen, die Gefahren zu überwinden, welche in einer Zeit rascher wirthschast- licher Bewegung, durch die Beispiele hochgesteigerter Lebmsführung Einzelner, für die Gesammtheit erwach« sm. ES ist Mein Wille, daß keine Selegmheit ver­säumt werde, in dem öffentlichen Dienste dahin einzu- wirkm, daß der Versuchung zu unverhältnihmäßigem Aufwande efttgegengetreten werde."

„Unbekümmert um ben Glanz ruhmbringender Groß» thatm, werde Ich zuftiedm sein, wmn dereinst von Meinet Regierung gesagt werdm kann, sie sei Meinem Volke wohlthätig, Meinem Lande nützlich und dem Reiche ein Segen gewesen."

Welche Hoffnungm tonnte Deutschland auf die Regie- rung eines solchen Herrschers setzm und welche hat es in sie gesetzt I Welche Segnungen erwarten für sich und ganz Europa — und welche hat es erwartet! Aber ach! Der Vorsehung hat es anders gefallen in ihrm unetforschlichen

Die Augen de« alten Verbrecher« nahmen den Ausdruck einer wilden Katze an.

„Hal" stöhnte Johnson, „ja, er hat geholfen, er hat den Alten abgemuckt l"

„Elender I" rief chm der Rath entgegen, „wagst Du e« jetzt noch zu lügen? E« ist bewiesen, daß Gomelli die Nacht, in welcher der Mord geschah, in Bremen zugebracht hat. Wer half Dir bei Ausführung des Doppelmorde«?"

„Wenn Sie e« besser wissen, was fragen Sie mich?" höhnte Johnson.

„Ich will wissen, wer Dein Mitschuldiger war, Gomelli war e« nicht."

„Und allein trauen Sie mir'« nicht zu," stöhnte der Me, bei dem die Verbrecherettelkett erwachte, „ich war nicht immer so ein erbärmlicher Kerl wie ich jetzt bin, allein hab' ich'« gethan, ganz allein."

Der Wunsch, mit seiner Schandthat auch noch zu prahlen, ward so mächtig in ihm, daß er für den Augenblick ben Sieg über die Schmerzen da­vontrug. Nur selten von einem Wehlaut unter­brochen, erzählte er ziehmlich zusammenhängend:

„Ich tippte an» ob mir der Tölpel wohl helfen würde, merfte aber bald, daß darauf nicht zu rechnen sei und daß ich ihm nicht eher von der