Einzelbild herunterladen
 

Meer

Niues

Erstes Blatt.

XIV.

tiefen Schlaf.«

Rath Schwendler ging mit großen Schritten und in noch weit größerer Auftegung in seinem Bureau auf und ab.

Der Direktor der Kriminalpolizei hatte ihn so«

Di« »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Merteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M 75 Pf.

Inserat«: M« einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Der Neffe.

Kriminalroman von F. A<

(45. Fortsetzung.)

Unterdeß hatte Bertha ihrem Vater und Frau Püttrich die Ereignisse der letzten Stunden ge­schildert, nur in wenigen Worten und sehr unzu­länglich, denn da» arme Kind vermochte sich nicht mehr aufrecht zu erhalten, aber doch ausreichend, um Beide mit dem größten Staunen zu erfüllen.

Der alte Sonnenberg wollte immer noch mehr hören, und auch der alte Püttrich, der endlich wieder Einlaß in sein Hau» erhalten hatte, und in die Hinterstube, wo stch seine Frau mit Vater und Tochter befand, gedrungen war, stellte Frage auf Frage, aber Frau Käthe that einen Macht­spruch :

„Itzt ist'» genug; Keiner spricht ein Wort weiter; wollt Ihr sie umbringen?"

Sie nahm Bertha wie ein kleine« Kind auf den Arm, trug fie die Treppe hinauf, entkleidete fie, legte ste in« Bett und verließ fie nicht eher, al» bi« ste ihr eine Sckale warmen Wein, den fie eür fie bereitet, Löffel für Löffel aufgenöthigt hatte.

Nachdem Frau Püttrich fich entfernt hatte, rief

-b- Seid einig!*)

Eine der wirkungsvollsten, eindringlichsten und ergreifendsten dramattschen Szenen ist die Sterbe­szene de« alten, ehrwürdigen Freiherrn v. Atting- hausen in Schiller'« „Wilhelm Tell". Sein sterben­der Mund vermag nur mehr zu lallen, die letzten Worte, mit denen seine Seele stch in die lichten Sphären der Ewigkeit schwingt, bilden die Mah­nung: „Seid einig — einig — einig I"

An diese Szene erinnert un» lebhaft die gegen­wärtige Lage unsere« theuren Vaterlandes. Wir stehen in mancher Beziehung an der Schwelle einer Aera, von der man sagen kann:

„Das Alte stürzt, «s ändert sich die Zeit, Und neues Leben blüht aus den Ruinen."

Das Letztere wollen wir von Herzen hoffen und gern da« Unsrige dazu beitragen, aber dazu be­darf e« de« guten Willen Aller, jene« guten Willen, der nach dem Worte der Engel den Menschen den Frieden verbürgt. Im März haben wir den ehrwürdigen Kaiser Wilhelm, den Einiger Deutschland«, zur Ruhe gebettet, wir hatten alle da« Gefühl, al« ob der Attinghausen von un« genommen würde; im Juni standen wir thränen- erfüllt am Sarge unsere» unvergeßlichen, herzens­guten Kaiser» Friedrich, mit dem wir so große, sehnliche Hoffnungen zu Grabe trugen; wir haben ihn betrauert, wie nie ein Fürst vor ihm betrauert worden ist, wir haben un» aber jauch gelobt, daß seM edler Geist stet» unser Letter sein solle, daß wir unverbrüchlich an den Grundsätzen festhatten wollen, welche er, der Liebling de» ganzen, ge- jammten Volke», er, der leinen Feind hatte, weil seinem edlen Fürstenherzen alle seine Unterthanen gleich nahestanden, un» gelehrt hat und welche er, wenn nach dem Raihschluffe de« Unerforschlichen ihm ein längere« Leben beschieden gewesen wäre, gewiß zur That gemacht hätte. Auf seinen in der Vollkraft de» Alter« stehenden Nachfolger haben wir die Hochachtung übertragen, welche wir seinem Vater und Großvater zollten; freudig werden wir ihm gegenüber unsere Pflicht erfüllen, wir kennen ja seinen guten Willen, seine edlen Abstchten.

Strenge Pflichterfüllung thut un« in der gegen- »artigen Zett vor Allem und dringend noch. Wir

*) Nachdruck nicht gestattet.

Deutsches Reich.

Berlin, 22. Juni.

* Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Victoria । Augusta werden stch im Herbst als König und Königin von Preußen in Königsberg krönen lassen. — Im Monat August wird in der Familie de» Kaiser» einem freudigen Eceigniß entgegenge­sehen. Am Tage, da Kaiser Friedrich verschied, war in Berlin da» Gerücht verbreitet» daß daffelbe schon eingetteten sei. Da am folgenden Tage eine Bestätigung nicht erfolgte, wollte Fama von einem unglücklichen Verlauf wissen. Glücklicher­weise hat fich von den schlimmen Gerüchten, die eben verlassen, nachdem er ihm Rapport über die Vorgänge der letzten Nacht abgestatlet und ihn aufgefordert hatte, nun seinerseits ein Verhör mit dem Verhafteten anzustellen.

Noch war dies nicht geschehen, und dennoch war bereit» sonnenklar bewiesen, daß man jetzt die Hand auf den wirklichen Mörder de» Rentier Schmittchen gelegt hatte und daß der Architekt Sonnenberg unschuldig war.

Nicht nur da» Gespräch zwischen Johnson und dem salschen N.ffen de» Ermordeten, da» Bertha mit angetört, legte dafür Zeugniß ab, e» hatte stch auch unter den Habseligkeiten de» alten Ma­ttosen eine Mütze gefunden, von der ein Band hinunterhing, da» abgerisien war und an dem Ende die Buchstaben „Mö" zeigte. Da» im Zimmer de» Ermordeten gefundene Stück mit den Buchstaben ,,we« paßte ganz genau daran. Ferner war der Alle im Besitze einer sehr bedeutenden Geldsumme gewesen, einer Summe, die mit Hin­zurechnung der dreihunderttausend Mark, die Sonnenberg von Schmittchen al» Darlehn erhalten zu haben behauptete, ungefähr der Summe von fünfhundnttausend Mark entsprach, welche der ehe­malige Rheder bei seiner Ermordung im Schranke gehabt Haven sollte.

I Abstchten theilt und in seinem Vermächtniffe ein heilige» Erbe erblickt, hat fie bewiesen, indem ste bi» auf den letzten Mann in gleicher Trauer im Geiste an der Bahre de» Unvergeßlichen stand. „Seid einig", rief un» der Patriarch Kaiser Wil- Helm zu, „seid einig," rief un» der große Fürst, | Mensch und Dulder Kaiser Friedrich sterbend zu, wohlan denn, halten wir diese Vermächtniffe un­serer Kaiser hoch und hehr!

Wa» die Uneinigkeit, der innere, namentlich der konfessionelle Hader bei den Deutschen zur Folge hat, finden wir mit markigen Worten aur- gedrückt von dem Annodichter, der die trübe Zett des Kultur kampfes unter Kaiser Heinrich IV. sah und schrieb: „Die Deutschen, denen Niemand widerstehen kann, wenn fie in Treue zusammen­gehen, stifteten große Heerfahrt gegen Verwandte und Hausgenossen. Das ganze Reich kehrte seine Waffen gegen sein eigenes Eingeweide, mit steges­froher Hand überwand es sich selbst, so daß die getauften Leichname unbegraben zerstreut lagen, zum Fräße der grauen bellenden Waldhunde."

Und was die Einigkeit zuwege bringt, lehrt un» der Sieg der Eidgenossen bei Murten, welcher gegen eine mehrfache Uebermacht erfochten wurde. Die schöne Inschrift, welche da» Beinhau» bei Murten ziert, in dem die Ueberreste der gefallenen Schweizer ruhen, paßt fo sehr für unsere Zett und unser liebe» deutsche» Vaterland, daß wir un» nicht versagen können, sie zum Schluffe hierher zu setzen. Sie lautet:

„Nicht unserer Ahnen Zahl, nicht künstliches Gewehr, Die Eintracht schlug den Feind, die ihren Arm belebte. Lernt, Brüder, eu’re Kraft, sie steht in eu’ree Treu, Ach, würde fie doch jetzt bei jedem Leser neu I"

find stark, wtt sind mächtig, dafür find wir dem Lenker der Geschicke dankbar, aber e» fehlt un» nicht an Feinden von Außen und Innen. Diesen Feinden werden wir un« im Laufe der Zeit nur gewachsen zeigen, wenn wir e« uns zur strengen Pflicht machen, keine neuen Feindschaften, Zwieträchtig- ketten und Parteiungen aufkommen zu lasten. Aeußere Macht allein ist eine nicht zu verachtende Schutzwehr, aber ohne innere Festigkeit, die in der Einigkeit beruht, hat ste keine Stütze. Die mäch­tigsten Reiche find zerfallen, spurlos verschwunden, aber stets nur wegen inneren Zwiespaltes, ein Reich, welches in fich selbst getheilt ist, kann keinen Bestand haben. Deutschland» Macht und Einfluß wird auch nur so lange dauern, wie seine innere Einheit dauert, wie fich alle Deutsche al» Kinder eine» Vaterlande», wenn auch nicht eine» Staate» fühlen. Ob un» Prüfungen beschieden find und welche, können wir nicht wissen und ahnen, unsere Sache ist es, zu sorgen, daß wir den Prüfungen gewachsen find und auch in schlimmen wie in guten Tagen dem deutschen Namen Ehre machen. Daß die Katholiken treu zu Kaiser und Reich, zu Fürst und Staat halten werden, unter­liegt jedem, der fie in der That und nicht aus den Zerrbildern der Hetzer kennt, keinem Zweifel; nicht minder aber ist e» Thatsache, daß fie sehr ost hinstchtlich ihre» PatriottSmu» verleumdet wor­den und als „Reichsfeinde" verschrieen find.

„Reichsfeinde!" Ein Ausdruck, der uns nicht ohne Betrübniß und Scham über die Lippen kommt. Die Deutschen sollten da» Wort gar nicht kennen, denn fie stellen fich damtt ein Armuths zeugniß au». Je mehr „Reichsfeinde" erwähnt werden, desto schwächer muß unseren auswärtigen Gegnern da» Reich vorkommen, desto mehr setzen wir un» selbst herunter. „Alle meine Unterthanen find meinem Herzen gleich «jener," sprach der hochedle Fürst, dessen sterblichen Reste in der Friedenskirche zu Potsdam ruhen; mit einem Kaiserwort, an dem man nicht deuteln darf, bekräftigte er. daß fie alle ihre Pflicht gethan haben. Wer wagt es fernerhin noch, mit dem Worte „Reichsfeind" das Gegentheil zu behaupten? Den treffe Schmach und Verachtung jede« Ehrenmannes!

Kaiser Friedrich, der Vielgeliebte, der Tiefbe- ttauerte, hat für alle Zukunft gezeigt, auf welche Weise Deutschland» Einigkett und Größe zu wah­ren ist; daß die Nation ihn verstanden hat, seine da» junge Mädchen tijien Vater mit leiser Stimme an ihr Bett.

„Vater", bat fie, „zürne nicht mehr um da«, war ich gethan, ich konnte nicht ander«, ich mußte ihn retten."

„Was ging Dich der fremde Mensch an?" brummte der Alte, wischte fich aber mit dem Rücken der Hand verstohlen da» Auge.

„Er war mir kein Fremder, er hat Meta» Augen und Vater, was man einem Anderen thut, thut man fich selbst: Georg« Unschuld ist nun an den Tag gebracht."

„Du hast ihn gerettet, mein gute« Kind," ver­setzte der Vater so weich wie fie e» noch nie ver­nommen. Sie schlang ihre Arme fester um feinen Hal», zog ihn näher zu fich heran und flüsterte mit einem Anfluge von Schelmerei: „Da» Eng- lischsprechen ist nun doch noch zu etwa» gut ge» wesen."

Dann fiel sie zurück und verfiel in einen tiefen,