141.
Donnerstag, den 21. Juni.
1888
Fulimer
Leitung.
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Deutsches Reich.
Berlin, 20. Juni.
* Der Kaiser wird, wie mehrfach berichtet wird, aus dem Marmorpalais in Potsdam nach dem Berliner Refidenzfchlofse überfiedeln und hier diejenigen Räume bewohnen, welche König Friedrich Wilhelm IV. während seiner Regierung inne hatte.
* Der Kaiser empfing gestern Nachmittag die Besuche des Großfürsten Wladimir von Rußland, des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin und des Prinzen Leopold von Bayern. Der Großfürst Wladimir von Rußland hat fich heute von den kaiserlichen Majestäten verabschiedet und verläßt morgen Berlin. Der Großherzog von Sachsen- Weimar ist heute Vormittag, der Herzog von Sach- sen-Koburg und Prinz Leopold von Bayern bereit» gestern abgereist. Der Prinz und die Prinzesstn von Wales werden erst morgen die Rückreise nach England antreten.
* Zur offiziellen Anzeige der Thronbesteigung begeben fich General von Olvenr- leben nach Frankreich, General von Frolmann nach Spanien und Portugal, Generallieutenant von Hahnke nach Schweden, Generaladjutant von Mschke nach England. An Stelle de» Generals von Schlotheim begiebt fich Fürst von Pleß nach Italien.
* Der Kaiserin und Königin Viktoria find durch letztwillige Verfügung des Kaisers Friedrich das Schloß in Charlottenburg und das sogen. Kronprinzen-Palai» in Berlin als Witt wen sitz überwiesen. Außerdem ist es selbstverständlich, daß Ihrer Majestät auf ausgesprochenen Wunsch eines der unbewohnten Schlösser im Befitze des König!. Kron-Fideikommiß zur Verfügung gestellt wird. Da die Kaiserin Viktoria die Abstcht geäußert hat, zunächst in den Rheinlanden Aufenthalt zu nehmen, so hat es sich nur um die Wahl unter den dortigen König!. Schlössern gehandelt. Nach der .Kreuzzeitung' ist noch keine definitive Entscheidung getroffen; doch gilt es als wahrscheinlich, daß Homburg zur Aufnahme der Kaiserin ge- wcchlt wird, da dies allen zu stellenden Anforderungen entspricht. Hierbei handelt es fich stets nur um Urberweisung der Schlösser zur Benutz-
Der Neffe.
Kriminalroman von F. SL
(43. Fortsetzung.)
Bertha sah sich nach einem Versteck um und da» Glück war ihr günstig, ste besand fich dicht bei einer Bude, unter welcher während des Tages Obst, Pfefferkuchen, geräucherte Fische und andere Delikatessen feilgehalten wurden und deren Stand die umsichtige Verkäuferin so gewählt hatte, daß sie von dort aus den ganzen Platz und die Einmündung der Nebenstraßen überschauen konnte. Jetzt stand die Bude leer und diente der hinein- kriechenden Bertha als Zuflucht und Beobachtungsposten.
Es verging wohl eine Viertelstunde, während der harrende Matrose auf- und abschritt und Bertha mit heftig klopfmden Pulsen spähte; endlich iah fie die Gestalt de» jungen Mannes, die sich ihr unauslöschlich eingeprägt hatte, au» der Mühlenstraße Herkommen. Er war ihr näher al» dem Anderen, fie hatte ihn auch früher erblickt, es dünkte fie ein Leichte», ihm entgegenzutreten und ihn mit fich in eine andere Straße zu ziehen. Sie richtete sich hastig auf, da verdunkelte ein Schatten den Eingang zur Bude, ihr Verfolger von vorher stand wieder vor ihr und rief mit höhnischem Lachen:
ung, da selbstverständlich ein Besitzübergang aus dem Kron-Fideikommiß nicht eintreten kann.
* Ein Erlaß des Kaisers genehmigte, daß am 24. Juni eine Trauerfeier für den Kaiser Friedrich in allen Kirchen stattfindet.
* Der Kaiser hat den Prinzregenten von Braunschweig, Prinzen Albrecht von Preußen, zum Generalfeldmarschall ernannt. Die Ernennung des Prinzregenten zum General-Inspekteur gilt als bevorstehend.
* Graf v. Zedlitz-Trützschler hat der .Post' zufolge abgelehnt, das Ministerium des Innern zu übernehme». Das Gewicht der von ihm hierfür entwickelten Gründe habe Billigung gefunden.
* Das Herzogthum Oels, welches dem jeweiligen Kronprinzen zufällt, ist nach der Thronbesteigung Kaiser Wilhelms in den Besitz des jugendlichen Kronprinzen Wilhelm übergegangen.
* Die Strafkammer zu Bochum hat den Pfarrer THümmel aus Remscheid wegen Beleidigung der Duisburger Staatsanwaltschaft zu 300 Mark Geldstrafe verurtheilt. Pfarrer Thümmel hatte in einer Rede, die er im vorigen September in Weimar hielt, von staatsanwaltschaftlicher Feigheit gesprochen.
Ausland.
* Alle Meldungen von Veränderungen in poli- ttschen Beziehungen Deutschlands tragen von vornherein den Stempel der Unwahrscheinlichkeit. Einige russische Blätter fabeln von dem bevorstehenden Abschluß eines deutsch -russischen Bündnisses. Von einem solchen könnte nur auf Kosten unserer Beziehungen zu Oesterreich die Rede sein. In hiesigen Regierungskreisen ist davon auch gar nichts bekannt. Erzherzog Albrecht von Oesterreich hat dieser Tage in dem mährischen Orte Frain dem dortigen Bürgermeister die beruhigende Versicherung abgegeben, daß der Friede erhalten bleiben werde. Eine solche Versicherung würde schwerlich abgegeben werden, wenn eine Aenderung in Bezug aus das centraleuropäische Bündniß bevorstände.
♦ Die gestern in Belgien stattgefundenen Stichwahlen für Senat und Kammer haben die Niederlage der Liberalen vergrößert. Für den Senat
„Habe ich Dich wieder? Ich wußte er ja, Du konntest nicht weit fein."
Sie wollte um HÜfe schreien, er drückte ihr aber die Hand so fest auf ben Mund, daß ihr der Athem verging und schleppte ste mit sich in eine Seitenstraße. Noch einmal gelang es ihr, fich von ihm loszureißen, aber nun begann eine wilde Jagd. Sie flog vor ihm her, er blieb ihr dicht auf den Fersen, und so ging es durch Straßen und Gassen, über Plätze und Brücken, kreuz und quer. Als Bertha endlich auf ihren Hllferuf durch de» Weges kommende Leute von ihrem Verfolger befreit worden war, hatte ste völlig die Richtung verloren und mußte fich sagen, daß die kostbare Zeit unwiederbringlich verstrichen war.
Dennoch wollte fie ihr Rettungswerk nicht aufgeben, sie suchte fich zurechtzufinden und von Neuem den Zeughausmarkt zu erreichen; nach mehreren vergeblichen Versuchen glaubte fie ihn gefunden zu haben; ste befand fich auf einem freien Platze, aber es war nicht der, welchem fie zustrebte. Düster, umheimlich, schweigend lag er vor ihr da, die Umrisse einer Kirche erhoben fich undeutlich, in Nebel verschwimmmd vor ihr.
Rathlos, unschlüssig, wohin fie fich nun wenden sollte, stand fie da. Jetzt vernahm fie die Fußtritte zweier Mämer, ihr Herz, mehr als ihre Sinne, sagte ihr, daß die» die Gesuchten seien;
brachten fie keinen einzigen Kandidaten durch, für die Kammer nur einen, den Bürgermeister Suis. Dieses Ergebniß ist großentheils auf die Haltung der Radikalen zurückzuführen, die sich entweder der Abstimmung enthielten, oder direkt für die Katholiken stimmten. Der belqische Senat setzt sich nun aus 50 Katholiken und 19 Liberalen, die Kammer aus 97 Katholiken und 41 Liberalen zusammen. Die Liberalen sind nunmehr ohne jeden Einfluß.
* Rom, 18. Juni. Die Encyclica über die Freiheit wird, wie der ,Observ. Fr.' meldet, durch den Tod des Kaisers Friedrich keine Verzögerung erfahren. Die Publikation ist bevorstehend und wird von Tag zu Tag erwartet. Man versichert, daß der Papst an derselben schon seit drei Jahren arbeite. Die Encyclica, ein Werk von großem Zuge, wird von hoher theologischer, politischer und religiöser Bedeutung sein. Der Papst prüft das Wesen der wahren und falschen Freiheit. Er geht in alle Einzelheiten ein und zieht die praktischen Nutzanweisungen. Der Papst unterscheidet sehr strenge, um den Katholiken keinen Anlaß zu Zweifeln, Streitigkeiten und Ungewißheiten zu geben. Der h. Vater erwartet von seinem Schriftstücke viel Gutes. — Die Proklamation des Kaifers Wllhelm wird von der vattkanischen Presse sympathisch aufqenommen.
Aus Stadt, Provinz rmd Nachdargebiet.
Fulda, 21. Juni.
* Die Kaiserin Augusta passirt von Berlin kommend mit dem Großherzog und der Großherzogin von Baden mittelst Extrazug in der Nacht von heute (Donnerstag) auf morgen die hiesige Bahnstation. Der Fahrplan de» Extra- zuge« ist in biefem Augenblicke noch nicht bestimmt unb wird den einzelnen Stationen noch telegraphisch mitgetheilt werden. Das Reiseziel Sämmtlicher ist Baden-Baden.
* Auf Veranlassung Sr. Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm haben Seine Gnaden der Hochwürdigste Herr Bischof, wie das .Kirchliche Amtsblatt' meldet, die Gedächtnißfeier für Kaiser Friedrich für die ganze Diözese auf Sonntag, den 24. ds. M., Vormittags 11 Uhr an
in demselben Augenblicke machte auch der Mond seine erfolglose Anstrengung, die Wolken zu durchbrechen und bei dem schwachen Scheine erkannte fie den Henker und sein Opfer.
Sie stieß einen Schrei au».
Littimer schien darauf zu hören und einen Augenblick zu stutzen, aber sein Begleiter zog ihn weiter; e» wurde von Neuem ganz dunkel, nur in schwachen Umrissen sah fie die beiden Gestalten vor fich; ihre Kleider trieften von Nässe unb hinderten fie am Fortkommen, ihre Kräfte drohten ste zu verlassen, aber der Wille hielt ste aufrecht fie folgte ihnen.
xin.
Der eigentliche Kern der Altstadt in Hamburg mit feinen vielen und krummen Gassen wird von gewundenen Wafferkanälen zwischen Alster und der Elbe, den sogen. Fleeten durchzogen. E» find die» träge, schwärzliche ober schlammfarbige Wasserarme, beten fließenbe Bewegung kaum in etwa» Anberem besteht, al» baß fie mit Fluth unb Ebbe bes Elbstrome» steigen unb fallen. Hohe düstere Speicher erheben fich zu beiden Seiten dieser Kanäle und ttefbelastete breftbauchige platte Fahrzeuge, Schuten genannt, bewegen fich langsam darauf fort, um die Kaufmannsgüter in Ballen, Tonnen, Fässern den Speichern zuzuführen ober von ihnen abzuholen.