JW137.
1888
Sonnabend, den 16. Juni.
FMier
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Zweites Blatt.
effi Ausbeutung der Berficherungs- kasse durch Simulation.*)
Wie alle wohlthätigen Anstalten, so find auch die Einrichtungen zur Versorgung kranker oder von Unfällen betroffener Arbeiter der Gefahr ausgesetzt, Opfer des Betruges zu werden. Bei der Berathung der betreffenden Gesetze hat man stch nicht verhehlt, daß ehrlose Versicherte Krank- heit oder Erwerbsunfähigkeit in Folge eines Unfall« fimuliren (erheucheln) könnten, um sich den Bezug der Krankengelder bei Nichtsthun bezw. durch Uebertreibung der Unfallsfolgen eine übergroße Rente zu sichern. Die von der Gesetzgebung getroffenen Einrichtungen find auch nach dem Gesichtspunkte bemeffen, den Anreiz zu Simulationen nicht zu groß werden zu laffen und eine scharfe Kontrole zu ermöglichen. Aber das liebet besteht doch.
Auf dem Verbandstage der Berufsgenoffen- fchaften, der am 7. Mai zu Köln stattfand, wurde über die Simulation ausführlich verhandelt. Nach dem jetzt vorliegenden amtlichen Protokoll stellt der Referent, Verwaltungsdirektor Simons von der Knappfchasts-Berufsgenoflenschaft, zunächst es al» eine „unerfreuliche That fache" fest, „daß die mißbräuchliche Ausbeutung der Versicherungs- kaflen durch Simulation seitens vieler Arbeiter in einer Besorgniß erregenden Weise statt- findet". Was die Krankenversicherung angeht, so ist von dem Handelskammersekretär Dr. van der Borght zu Aachen ziffermäßig nachge- wiese«, wie sehr die Zahl der „Kranken" mit dem Inkrafttreten des Krankenkaffen-Gesetzes gewachsen ist. Noch schlimmer, meinte der Referent» gestalte sich die Sache bei den auf Grund des Unfallversicherungs-Gesetzes zu zahlenden höheren Einschädigungsbeträgen.
Zur Illustration erzählte Herr Bud ap-Mühle folgenden Fall: Ein Mann, der in Folge eines Unfall» die Fähigkeit des Gehens verloren haben will, weigert sich, den von der Genoffenschafts- Sektion bestimmten Arzt zur Untersuchung zuzu- laffen, weil er sich selbst einen ihm mehr zusagenden Arzt ausgesucht hatte. Um die Untersuchung zu erzwingen, verweigerte die Sektion ihm die Rente, so daß der Arbeiter das Schiedsgericht anrufen muß. Letzteres verordnet die Untersuchung durch einen andern Arzt. Als derselbe kommt, ist der Kranke nicht zu Hause; man schickt nach ihm, und der Mann, der angeblich nur auf Krücken sich fortbewegen kann, kommt an mit zwei Stöcken, wüche er unterwegs sich schnell au» irgend einem Zaun geschnitten hatte. Baumeister Fetisch kon- statirte, daß unter den zahlreichen Rekurssachen, welche die Norddeutsche Baugewerksberufsgenoffenschaft in letzter Zeit vor dem Retchs-Versicherungs- amte beschäftigte, in mindestens einem Viertel der Fälle ärztlich festgestellte Simulation vorgelegen habe. Von Seiten der chemischen Berufsgenoffenschaft war bereits früher die Anregung ausgegangen, sich mittelst besserer gegenseitiger Information gegen die betrügerische Ausnutzung von Bruchschäden zu sichern. Die Bruchschäden werden sehr viel zur Rentenschleicherei benutzt. Wer von Hause aus einen Bruchschaden hatte, gibt nach dem Unfälle eine arge Verschlimmerung dieses Nebels an, wenn es auch gar nicht oder nur unerheblich verschlimmert ist, und erzielt so eine Rente für einen Schaden, der schon vor dem Unfälle da war.
*) Nachdruck nicht gestattet.
In der Knappschafts-Berufsgenossenschaft find die Simulationsfälle recht zahlreich festgestellt worden. Das ist besonders bezeichnend, weil die Knappschaft vorbildlich für die neuen Versicherungs-Einrichtungen gedient hat. Von Seiten der Knappschafts-Kaffen ist auch schon viele Jahre hindurch mancherlei zur Bekämpfung der Simulation versucht worden, aber, wie Herr Simons nach seiner langen Praxis in der Knappschaftsverwaltung gestehen muß, ohne großen Erfolg. Herr Hey mann-Köln bemerkte dazu: Die Leute in der Knappschaft, bei denen die Krankenversicherung schon mehrere Jahrzehnte besteht, hätten gelernt zu simuliren; ja sie hätten die Kunst sogar geerbt zugleich mit dem zumeist erblichen Bergmannsberufe. Wenn das richtig ist, so werden sich die andern Berufsgenoffenschaften darauf gefaßt machen müsien, daß auch bei ihnen im Laufe der Jahre sich die Kunst des Simulirens immer mehr ausbildet.
Was ist nun zu thun zur Abwehr bezw. zur Verminderung dieses Nebels? Der Genossenfchasts- tag konnte noch zu keiner rechten Klarheit kommen weder über die Verbreitung der Simulation in den einzelnen Berufsgenoffenschaften noch über die Heilmittel. Die Knappschafts-Berufsgenoffenschaft soll weitere Ermittelungen anstellen und dem nächsten GenoffsnschaftStage das Material vorfahren. Inzwischen bezeichnete Herr Siman» als die wirksamsten Mittel: scharfe Kontrole, Ueber- weisung der Sichverstellmden in ein Krankenhaus mit strammer Disziplin, energische Verfolgung der Entlarvten wegen Betrugs oder Betrugsversuch». Natürlich will er nur mit Vorsicht zu Werk gegangen wissen, damit nicht der Unschuldige zugleich mit dem Schuldigen in einer empfindlichen und harten Weise belästigt werde.
Es wurde auch die Frage erörtert, ob nicht, zunächst betreff» der Bruchschäden, da« Material für die namentlichen Verzeichnisse aller entschädigten bezw. mit ihrem Ansprüche abgewiesenen Personen allen Berufsgenossenschaften zugestellt werden solle, nach Art des Kartensystems der Privatverficherungrn zur gegenseitigen Mtttheilung der Versicherungen; doch wurde die Frage der Karten - Kontrole noch für verfrüht erachtet.
Unwillkürlich drängt sich der Gedanke auf, daß die Aerzte doch die geborenen Bekämpfer der Simulation seien. Wenn man aber die weiteren Verhandlungen über die ärztlichen Gutachten in Versicherungsangelegenheiten verfolgt, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß recht viele Aerzte den Anforderungen, welche die neuen sozialpolitischen Einrichtungen an sie stellen, nicht gewachsen sind. War soll man z. B. zu einem Arzte sagen, der einen Mann, dem einige Finger der rechten Hand steif geblieben sind, für „völlig erwerbsunfähig" erklärt? Wo die Klienten einer Kaffe eng zusammen wohnen, läßt stch die Untersuchung durch besondere, geschulte und erfahrene Aerzte wohl durchführen. Aber andere Genossenschaften, wie z. B. die der Binnenschifffahrt, find zumeist auf die örtlichen Aerzte angewiesen, und denen fehlt es vielfach an Eifer oder an Verständ- niß. Die „wohlwollende" Behandlung mag in manchen Fällen einer humanen Regung entspringen, indem der Arzt dem Gemeindemitgliede gern etwas Gutes gönnt, ohne sich über die Belastung der Kasse Sorge zu machen.
Vielleicht wird auch in andern Kreisen vielfach die Anschauung verbreitet sein, daß man es mit einer solchen öffentlichen Kaffe nicht so genau zu nehmen brauche, wie mit einer Privatkaffe. Das ist eine gefährliche Verirrung. Die belasteten Arbeitgeber haben auch Menschenrechte, und in die
Krankenkassen fließen direkt, in die Unfall-Kaffen indirekt auch die Groschen der Arbeiter. Die Erschwindelung von Unterstützungsgeldern ist ein Betrug wie jeder andere. Al« erschwerender Umstand kommt noch in Betracht, daß der Simulant eine gemeinnützige Einrichtung schädigt und gefährdet. Denn ein Umsichgreifen der Simulation könnte die Erwägung nahe legen, ob nicht die Carenzzeit verlängert, die Höhe der Unterstützungen vermindert werden müßte. Und auf den Ausbau der Invaliditäts-Versicherungen würde ein Anwachsen der Simulation geradezu lähmend wirken. Darum keine Schonung der Simulanten au« falscher Gut- müthigkeit!
(H Orb (Kreis Gelnhausen).
Die Zahl der Bäder ist „Legion", nicht zu denken der vielen Wasser-, Lust- rc. Heilanstalten mit und ohne hervorragende klimatische Vorzüge.
Jeder Buchstabe im Alphabet eines die Bäder behandelnden Werkes zählt Dutzende; Deutschland allein hat Bäder in hinreichender Zahl für alle Geprüften, es fehlt denselben nur Eines, sie sind nicht immer in Jedermann s Nähe, um geschwind eine Purifikation vorzunehmen und die Jahresringe der Zeit verschwinden zu machen. Jährlich tauchen neue Quellen mit ihren heilsamen Wirkungen auf, manchen ehemals berühmten Bädern muß mit Chemie und Industrie nachgeholfen werden, doch die Zahl der Aerzte wird täglich größer und die der Gottesäcker nicht kleiner. Unter diesen Umständen neue Argumente zu Gunsten einer wenig gekannten Quelle auffinden ju wollen, ist ungemein schwierig, ohne den Verdacht gekaufter Reklame auf sich zu laden.
Orb, dieser Bejamin unter den Bädern, abseits der großen Heerstraße gelegen, in einem Winkel der Natur, recht eigentlich „auf dem Lande", macht keinen Anspruch, Wiesbaden, Karlsbad rc. zu verdrängen. Die jetzigen bescheidenen Einrichtungen verdanken ihr Entstehen der im gewaltigen, meterhohen Sprudel schäumend zu Tage tretenden Soole, die vor grauer Zeit bereits zur Anlegung einer Saline mit Gradierhäusern Veranlassung gab. Bad Orb hat eine muldenförmige Sage, in die von allen Seiten zahlreiche Bäche einmünden, es ist vollständig gegen rauhe Winde gedeckt. Die Soole der Philipps-Quelle ist stark kohlensäurehaltig und möchte wohl als solche einzig in Europa dastehen. Die leichte Verdaulichkeit der Soole, die Eigenthümlichkeit derselben, sich mit allen Alimenten zu vertragen, sowie die ebenfalls durch die große Menge von Kohlensäure bedingte Heilkraft der Bäder, verbunden mit der Möglichkeit, durch obengenannte Eigenschaften der Soole hunderte von anderen Mineralquellen in ihrem Urzustände leicht hier herzustellen, geben den Quellen Orb'« bisher leider ungekannte Vorzüge.
Außer den beiden Soolquellen befinden sich in unmittelbarer Nähe von Orb mehrere Stellen, an denen Kohlensäure aus dem Boden frei ausströmt, welche daS darüber strömende reine Quellwasser derart mit Kohlensäure schwängert, daß dadurch der beste, erfrischendste Säuerling gebildet wird.
Die Bestandtheile der Soolquellen sind analog denen des Meerwaffers in mehr als hundertfacher Verstärkung; was aber dem Meerwasser fehlt, ist der Überaus mächtige Gehalt an Kohlensäure, die in der Philipps-Quelle so reich vertreten ist.
Daß die Quellen ein Überaus mächtiges Agens gegen innere und äußere Krankheiten liefern, und weit und breit keinen Konkurrenten besitzen, ist außer allem Zweifel. Die Zahl der Leiden, die hier bereits gehoben wurden, ist zu mannigfaltig, um Platz in diesen Zeilen finden zu können. Dr. Hufnagel wird gern bereit sein, alljährliche Anleitung zur Benutzung der Quellen zu geben.
Orb, ein kleines, freundliches,, ehemals bayerisches Städtchen von beinahe 4000 Seelen, im Kreise Gelnhausen, am Fuße des Spessart, in lieblicher, wald- und wasserreicher Sage, steht mit feiner Umgebung auf myocenen Ceritien-Schichten, Sandstein in der Tiefe, Thon, Muschelkalk, Kohle und Salz, die in verschiedenen Winkeln gelagert, oder vielmehr in ihrer Lagerung gestört worden find. Der Name „Orb" scheint Wendischen Ursprungs, von Orba (Ackergrund, zum Unterschied von Waldgrund) abzustammen.
Orb hat gute, reine Luft, gesundes Wasser; das Leben ist geräuschlos und billig.
Um nochmals auf die Wirkungen der Bäder zurückzukommen, so haben sich die Quellen von Orb in Fällen von inneren und äußeren Skrophulosis, Hautkrankheiten, Flechte, Blasen- und Seberteiben, sowie in allen Arten von Rheumatismus, ferner Unterleibs- und Nervenleiden allzeit