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Sonnabend, den 16. Juni.

1888

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—* Kaiser Friedrich gestorben!

Die stolze Hohenzollern-Eiche ist gestürzt. Nicht Wettersturm hat sie gebrochen, nicht ein jäher Blitz hat sie zu Boden geworfen; der Wurm einer tückischen Krankheit hat ihr das Lebensmark ent­zogen. In blutigen Kämpfen stand sein Leben auf dem Spiele; aber es ward ihm nicht be- schieden, den Tod der Helden zu sterben. Die feindlichen Geschofle erreichten seine Brust nicht und unversehrt kehrte er an der Spitze der deut­schen Heere aus Feindeslanden heim, das Haupt mit Lorbeer umkränzt, an der Seite seines großen siegreichen Vaters und von den deutschen Fürsten und Heerführern umringt. Auch ward es ihm nicht befchieden, seinem kaiserlichen Vater gleich, nach einer langen erfolgreichen Regierung in hohem Alter dahin zu scheiden. Er stand in der vollen Reife der Manneskrast, als das tückische Leiden ihn ergriff, das ihn in Jahresfrist dahin siechen ließ. In Jahresfrist — welch' kurzer Zeitraum! Und doch auch wie lang und schier endlos für den Leidenden, der mit dem Tode einen Kampf kämpfte um Monde, Tage und Stunden, einen Kampf, der uns mit Bewunderung erfüllte und dabei das Herz zerriß. Ja, es war eine furchtbare Tragödie, die jetzt zum Abschluß gelangt ist.

Es war eine kurze Regierung und von den edlen Plänen, die in Kaiser Friedrich gereist, konnte in dieser kurzen Zeitspanne keine zur Aus­führung gelangen. Das Programm, welches Kaiser Friedrich bei seiner Thronbesteigung dem deutschen Volke unterbreitete, fand allenthalben frohe Zustimmung, denn e» enthielt die Grund­züge wahrhaft konstitutioneller Regierung, ohne des Charakters der monarchischen Selbstständigkeit zu entbehren. Was er gewollt und erstrebt hat, wird die Geschichte im verklärten Lichte zeigen.

Die Geschichte giebt den Herrschern Beinamen, welche ihre Eigenschaften andeuten. Dem zweiten deutschen Kaiser gebührt das Prädikat der Wohl­wollende. Jede seiner Regierungshandlungen trägt den Zug de» Wohlwollens. Aber dieses Wohlwollen hatte nicht den Charakter des Weich­lichen an fich. Wie wäre das auch möglich ge­wesen, da er mit unvergleichlichen Heldenmuthe die schwersten Leiden ertrug und inmitten unsäglicher

Schmerzen nur die Pflichten seines hohen Königs­amte- im Auge hatte.

Das deutsche Volk weint dem Entschlafenen bittere Thränen nach. Schwer ward es heimge­sucht, daß es in der kurzen Frist weniger Monate zwei solche Kaiser verlieren mußte wie Wilhelm und Friedrich. Aber es ist ein Trost im schweren Leid, daß der Hohenzollernstamm reiche Sproffen trägt. Ein herrliches Blatt ist hingewelkt und zu Boden geweht, aber ein neues Reiß ist dem Hohenzollernstamme entfproffen. Das Augenmerk des deutschen Volkes richtet sich nunmehr auf Kaiser W i l h e l m II., von dem es hofft, daß er das Reich auf den Bahnen weiter führen werde, in die es sein hochseliger Vater und Vor­gänger gelenkt hat, und auf denen die Freiheit, Macht und Größe des Vaterlandes sowie die Fort­erhaltung des Friedens beruhen.

Wir stehen trauernd am Grabe des geliebten Kaisers Friedrich und bitten um Trost für die hartgeprüfte Hinterbliebene Kaiserin und ihr ganzes Haus, sowie um Gottes Segen für den Kaiser und König Wilhelm II., der nun in die Erb­schaft der Hohenzollern eintritt. Der neue Kaiser Friedrich Wilhelm Viktor Albert steht im 30. Lebensjahre. Politische Betrachtungen an den Thronwechsel zu knüpfen, wäre ebenso verfehlt, wie der schon zu Lebzeiten des königlichen Vaters gemachte Versuch, den damaligen Kronprinzen für eine bestimmte Partei in Anspruch zu nehmen. Möge wenigstens jetzt, angesichts der innerhalb weniger Monate zum zwettenmale geöffneten Kai­sergruft, der widerwärtige Streit verstummen, der die letzten Lebenslage Kaiser Friedrich's um» düsterte; mögen wiederum, wie am 9. März, alle vaterlandsliebenden Deutschen sich zusammen finden in dem Rufe:

Gott schütze Kaiser und Reich!

*

Berlin, 15. Juni.

Das Staatsministerium trat heute Vor­mittag halb 12 Uhr unter Vorsitz des Reichskanz­lers Fürsten Bismarck zu einer Sitzung zusammen. In derselben wurde folgende Bekanntmachung fest­gestellt, die bald darauf in einer Extra-Ausgabe des .Reichsanzetgers' erschien und an den Straßen­ecken angeheftet wurde:

„Der Königliche Dulder hat vollendet!

Rach Gottes Rathschluß ist Se. Majestät der Kaiser und König Friedrich, unser Allergnädigster Herr, nach langem, schwerem, mit bewunderungswürdiger Standhaf­tigkeit und Ergebung in den göttlichen Willen getragenem Leiden heute kurz nach 11 Uhr Vormittags zur ewigen Ruhe eingegangen.

Tief betrauern das Königliche Haus und unser in so kurzer Zeit zum zweiten Male verwaistes Volk den allzu frühen Hintrüt des vielgeliebten Herrschers.

Berlin, den 15. Juni 1888.

Das Staats-Ministerium."

Der Reichskanzler war in der Todesstunde nicht in Potsdam anwesend. Ec traf um halb 2 Uhr auf Station Wildpark ein und begab sich nach Friedrichskron.

Ueber die letzten Stunden des verewigten Kaisers wird Folgendes berichtet: Gestern Nach­mittag machte der Kaiser noch viele schriftliche Notizen und beschäftigte fich mit StaatSgeschäften. Auf einem der Zettel äußerte er den Wunsch, den König von Sachsen noch einmal zu sehen. Nach­mittags genoß er auch eine Apfelsine. Große Freude bereitete ihm eine Spende von Wafferrosen. Um diese Zeit pflegte der Kaiser früher in der Havel zu baden. Beim ersten Bade, welches er nahm, fand er seine Badezelle stets mit Waffer­rosen ausgeschmückt. Die Erinnerung daran that ihm wohl. Die Nacht ging ruhig vorüber. Um 1 Uhr hatte die Kaiserin die Familienmitglieder entlassen und war in dem dem Krankenzimmer zu­nächst gelegenen Gemache zur Wacht geblieben. Dr. Hovell wachte. Der Kaiser war bei vollem, klaren Bewußtsein. Gegen 1 Uhr schrieb er Dr. Hovell auf: „Wie steht mein Puls? Wie find Sie damit zufrieden?" Dann schrieb er noch Etwas, das er jedoch behielt. Gegen Morgen verschlim­merte sich der Zustand, es traten Athembeklem- mungen ein, dann kamen wieder Augenblicke der Erleichterung. So kämpfte die letzte Kraft des Körpers gegen den nahenden Tod. Am Morgen gegen 8 Uhr war die gefammte Familie um das Krankenbett versammelt. Von Potsdam wurden Prinz und Prinzessin Heinrich und Prinz Friedrich Leopold gerufen. Der Kaiser erkannte jeden seiner Angehörigen. Später verlor fich das Bewußtsein. Der Tod war Knst und schmerzlos.

Die Lungenentzündung bei Kaiser Fried-

Z«m Tod des Kaisers.

Der die Geschicke der Fürsten und Völker lenkt, Hat Deutschland wieder in Trauer versenkt, Den Kaiser hinweggenommen. — Doch bete in Demuth die Allmacht an, Was Gott thut, das ist wohl gethan. —

Ob auch nach Tagen Dein Herrscheramt zählt. Als Liebling des Volkes warst längst Du erwählt. Du Edler, wie Dich auch das Leben umtobt, Du warst als Held und Dulder erprobt.

Erlösung, die Du schon lange erfleht, Mit der Lieb« des Volkes am Sarge steht: Wie glänzen die Thränen, Dein Todtengeschmeid', Als Krone Dir nun für das große Leid.

Run schlumm're in Frieden, und Gottes Hand Sie führ' Dich hinüber in's ewige Land;

Dir werde die Palme des Sieges zum Lohn Als treuer Kämpfer vom himmlischen Thron.

Dir aber, o König der ganzen Welt, Sei Wünschen und Hoffen anheimgestellt. Du bist ja der König der Herrlichkeit, Der Lenker von Zeit uyd Ewigkeit l

8ulbo, 15. Juni 1888. R. Atzert.

Der Neffe.

Kriminalroman von F. 9L

(39. Fortsetzung.)

„Dank bet ehrfurchtsvollen Scheu, die mich an jenem Tage, wo ich mich des Besitze» der Papiere rühmte, abgehalten halte, da» Bild meiner Mut- ter profanen Augen zu zeigen, hatte Johnson keine Ahnung von dessen Vorhandensein und entdeckte e» auch nicht, al« er mich beraubte, da er nur nach der ihm bekannten Brieftasche suchte. Er ließ mir die Börse und meine Werthsachen absichtlich; fand man sie bei meiner Leiche, so war die« der stärkste Beweis, daß mich ein Unfall betroffen habe und jeder Gedanke an einen Mord beseitigt."

„Dein Verdacht richtete sich außer auf Johnson auch auf Gomelli?" fragte Meta.

„Nein; an Gomelli dachte ich gar nicht und staunte nicht wenig, als er mir auf dem Kirchhofe al» der Neffe de» Verstorbenen bezeichnet ward; ich hätte nicht geglaubt, daß der schlaue Johnson sich diesen Tölpel al» Werkzeug ausersehen würde."

„Gehörte er auch zur Bemannung der „Möwe?"

„Nein, nicht mehr; er war aber häufig in John­son'« Gesellschaft, und auch an jenem letzten Abend erinnere ich mich, ihn gesehen zu haben, er ging aber früher fort."

„Um Dir aufzulauern."

„O nein; der Mordanfall wurde einzig und allein von Johnson aurgeführt. Gomelli hatte, wenn ich mich recht erinnere, Dienste auf einem Schiffe genommen, da« nach Liverpool bestimmt war."

„Das trifft zu!" rief Meta lebhaft. „Er kam von Liverpol zu un«; dort wollte er den Aufruf des Onkel« gelesen haben und dadurch erst wieder an die Papiere erinnert worden sein, die er lange mit fich herumgetragen hatte, ohne ihnen Werth beizulegen; er erzählte un« eine sehr abenteuerliche Geschichte, die in einigen Zügen der Deinigen gleicht."

„Und die ihm Johnson eingelemt hat; Gomelli ist nicht im Stande, dergleichen <zu erfinden. Es mag ihm blutsauer genug geworden sein, die Rolle durchzuführen."

„Der Onkel machte es ihm leicht genug, er war so vertrauensvoll."

„Immerhin hätte er ben alten Johnson nicht als Neffen anerkannt, biefer bedurfte deßhalb eine« Werkzeuges."

„Das er erbärmlich genug gewählt hat", sagte Meta verächtlich. „O, wärest Du gekommen, so lange der Onkel noch lebte!"

„Wäre ich gekommen!" erwiderte Edgar traurig, „vielleicht hätte ich sein Leben gerettet! O, warum