^F136.
Freitag, den 15. Juni.
1888
Die.Fuldaer Zeitung'
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* Im Befinden des Kaisers
ist, wie schon erwähnt, seit einigen Tagen eine nicht unbedenkliche Verschlechterung eingetreten. Das am 10. d. M. ausgegebene Bulletin sprach schon von leichten Schlingbeschwerden, dis indessen einen wesentlichen Einfluß auf den allgemeinen Zustand des hohen Patienten nicht ausgeübt hatten. Am folgenden Tage wurde wieder eine stlberne Canüle eingesetzt, die Schlingbeschwerden minderten sich jedoch nicht, sondern nahmen in dem Maße zu, daß am 12. nach dem ärztlichen Bulletin schon die Ernährung eine schwierige geworden war. Trotzvem war der Kaiser noch im Stande, im Ponyfuhrwerk durch den Garten von Friedrichskron spazieren zu fahren. Der Zustand verschlimmerte sich jedoch im Laufe des Tages derartig, daß die Nothwendigkeit eintrat, eine künstliche Ernährung durch einen bis zum Magen geführten Schlauch anzuwenden. Da sich auch wieder hochgradige» Fieber, verbunden mit Athemnoth eingestellt hatte, stieg die Beforgniß um das Leben des Monarchen, und der Geheime Rath Bardeleben blieb während der Nacht im Schlosse, bereit zu einem etwa nöthig werdenden operativen Eingriff. Die Schlingbeschwerden, welche mit einem öfteren „Verschlucken" verbunden waren, bei welchem die genoffenen Flüssigkeiten in die Luftröhre gelangten und starken Hustenreiz bewirkten, kaffen darauf schließen, daß es sich um einen Durchbruch des Grundübels von der Luftröhre nach der Speiseröhre handelt; durch die abnorme Oeffnung gelangen verschluckte Speisetheile in die Luftröhre hinein und können, wenn sie nicht durch Husten au»geworfen werden, leicht eine krankhafte Affektiou der Lungen herbeiführen.
Die dem Kaiser durch die Magensonde zuge- sührten Speisen bestehen aus Milch, Sahne, Fleischbrühe, Wein u. dgl. und find glücklicher Weise so gut ausgenommen worden, daß schon während der Nacht zum 13. d. die Nachtruhe wieder eine verhältnißmäßig gute wurde und leicht von statten ging, so daß das nächste ausgegebene Bulletin eine Besserung des Kräftezustandes melden konnte. So sahen denn die Aerzte, welche jetzt wieder täglich mehrere Konsultationen abhalten, der nächsten Zukunft wieder mit größerem Vertrauen entgegen. Mittelst künstlicher Ernährung ist es wiederholt gelungen, Patienten Wochen, ja Monate lang am Leben zu erhalten, und sie
Der Neffe.
Kriminalroman von F. &
(38. Fortsetzung.)
„Der Erzähler machte hier eine Pause und Meta hütete sich wohl, ihn zu unterbrechen. Er suhr sich mit der Hand über das Gesicht und setzte seine Mittheilungen fort:
„Mein Vater hatte mir nicht sagen können, ob mir noch Verwandte in Europa lebten; aber seine Erzählung hatte eine große Sehnsucht nach den Stätten rege gemacht, wo ich geboren war und meine erste Kindheit verlebt hatte. Da er mich zum Erben seines kleinen Vermögens eingesetzt hatte, so war ich in der Lage, diesen Wünschen nachzugeben. Ich quittirte meinen Steuermann»- posten und beschloß, nach England und nach Deutschland zu reisen, um Nachforschungen anzustellen, da der deutsche Name meiner Eltern und fa englischer Sprache ausgestellten Papiere mich auf beide Länder, die ich übrigens auf meinen Fahrten schon besucht hatte, verwiesen.
„Vor meiner Abreise mußte ich noch Geschäfte in New-York abwickeln. Hier fand ich „Die Möwe" vor Anker liegen, die unter Führung
hofften, daß auch der Kaiser, dem es schon wieder möglich gewesen ist, kurze Zeit hindurch aus der Terrasse zu verweilen und wieder etwas festere Speisen in kleinen Portionen ohne Sonde zu sich zu nehmen, diese Krisis glücklich überstehe. Der hohe Patient konnte gestern den zum Besuch eingetroffenen König von Schweden auf kurze Zeit empfangen. Aber das neueste zur Ausgabe gelangte Bulletin lautet leider wieder höchst betrübend :
Seit gestern ist der Zustand des Kaisers wesentlich verschlimmert und die Kräfte sind int Sinken. Man hatte sich also auf eine nahe bevorstehende Katastrophe gefaßt zu machen.
Die weiteren schlimmen Nachrichten vom heutigen Tage, dem 14. d. lauten:
Sämmtliche Aerzte haben die Hoffnung auf gegeben, so daß man mit einer bevorstehenden Katastrophe rechnen muß. Gestern Abend wurde die Lage von Stunde zu Stunde schwieriger und gefahrdrohender. Was man schon seit Wochen gefürchtet, trat jetzt unzweifelhaft in die Erscheinung: die Lunge war von dem Krankheitsprozesse in Mitleidenschaft gezogen worden, eine akute Entzündung der rechtsseitigen Lunge zehrte, in Verbindung mit dem wieder stärker austretenden Fieber an dem Kräfterest des hohen Patienten in beängstigender Weise, so daß der Kräfteverfall ein rapider zu nennen war. Die Fiebertemperatur stieg bis über 40 Grad. Dazu kam, daß die Athmung wesentlich erschwert war. Die künstliche Ernährung fand zwar noch Anwendung, aber ohne daß die stetig sinkenden Kräfte eine nennenswerthe Hebung erfuhren. Diese gefahrdrohenden Erscheinungen blieben die Nacht über ohne Abschwächung bestehen. Um Hi/, Nachts kam der Kronprinz und verblieb eine volle Stunde am Krankenlager feines hohen Baters, der am späteren Nachmittag von seinem bisherigen Krankenbett nach dem Arbeitszimmer umgebettet worden war. Die hohen Fenster- und Thürflügel waren bis spät in die Nacht weit geöffnet, und Lakaien wehten mit Fächerwedeln die Mückn von dem in apathischen Zustand gesunkenen Monarchen ab. Um 3 Uhr Nachts wurde Sir Morell Mackenzie geweckt und versuchte dem im Zustand großer Schwäche befindlichen Kaiser Nahrungsmittel einzuflößen, die aber abgelehnt wurden. Der kaiserl. Dulder ist die Nacht über bei klarem Bewußtsein geblieben und ist es auch jetzt noch; nur ist die sonst fo rege Theilnahme des hohen Herrn für seine Umgebung schon einer gewiffen Apathie gewichen. Die Aerzte Sir Morell Mackenzie, Hovell und Generalarzt Wegner weilen ununterbrochen am Krankenbette des Kaisers; Profeffor Bardeleben hat das Schloß seit gestern nicht mehr ver- laffen, um für alle Fälle zur Hand zu sein. Die Pro- sefforen Krause, Leyden und Senator sind nach der Morgen-Konsultation nach Berlin zurückgefahren, erschienen aber Nachmittags wieder am kaiserlichen Krankenlager. Der Puls setzte in der Mittagszeit wiederholt längere Zeit aus, zeitweilig war auch das Bewußtsein geschwunden.
ihres neuen Kapitäns nach den ostasiatischen Ge- wöffern und von dort später nach einem deutschen Hafen segeln sollte. Die Mannschaft des Schiffes war zum großen Theile noch dieselbe geblieben und es war natürlich, daß ich öfter mit den Leuten verkehrte, unter denen ich sozusagen ausgewachsen war, wenn sich auch unter dem neuen Kapitän einzelne Personen eingefunden hatten, die mein Vater schwerlich gelitten haben würde. Dazu gehörte namentlich ein älterer Matrose, der sich John Johnson nannte, obgleich Niemand wußte, ob dies fein wahrer Name sei. Man betrachtete ihn mit einer gewiffen Scheu, erzählte sich, er sei unter allen möglichen Flaggen gesegelt und habe in seiner Vergangenheit manche recht düstere Punkte. Trotzdem übte er eine Herrfchast aus, der sich nicht leicht Jemand entziehen konnte; auf den er es abgesehen hatte, besonders befand sich aber damals ein gewisser Gomelli gänzlich in seinen Banden."
„Gomelli!" rief Meta. „So wollte Derjenige früher geheißen haben, der — hier unter dem Namen Edgar Wanderer aufgetreten ist."
„Es ist betfelbe; ein roher, leidenschaftlicher, genußsüchtiger Mensch", fuhr der Erzähler fort,
Die Stadt Potsdam ist schon fett frühem Morgen in lebhafter Bewegung und Aufregung. Reitende Ordonnanzen sprengen durch die Straßen. In der Apotheke, welche die Medikamente für den Kaiser zu liefern hat, werden auf Anordnung der Aerzte Stimulantten bereitet , welche zur Belebung und Erleichterung beim Herannahen einer Katastrophe gegeben zu werden pflegen. Die Kaiserin Augusta, sowie diejenigen Mitglieder der königlichen Familie, welche sich gegenwärtig von Berlin abwesend befinden, sind am heutigen Vormittage telegraphisch von dem Befinden des Monarchen in Kenntniß gesetzt worden.
Deutsches Reich.
Berlin, 14. Juni.
• Se. Majestät der Kaiser und König haben den Ministerpräsidenten gestern durch ein Telegramm beauftragt, wegen lieber naljme des Ministeriums des Innern mit dem Grafen v. Zedlitz, Oberpräsiventen von Posen, in Verhandlungen zu treten.
* Die konservative Gesammtvertretung von Berlin will Herrn v. Puttkamer nicht scheiden laffen, ohne ihm die öffentliche Anerkennung für seine Verdienste sowohl um das Vaterland, als auch um die „reichstreuen" Parteien ausgesprochen zu haben. Es wird demselben eine Adresse überreicht werden, in welcher die konservative Partei ihn in warmen Worten ihres Dankes und ihrer Sympathie auch für die Zukunft versichern wird. — Der Staatssekretär v. Bötticher gibt heute zu Ehren de» aus dem Amte geschiedenen Ministers v. Puttkamer ein Festmahl, zu welchem sämmtliche aktiven Mitglieder des Staatsministeriums geladen sind.
* Die polnische Landtags-Fraktion hatte bekanntlich eine Adresse an den Kaiser gerichtet, deren Wortlaut bis jetzt nur zum Theil, und zwar aus deutschen Zeitungen, bekannt ist, während den polnischen Zeitungen bis jetzt keine Mittheilung über diese Adresse zugegangen ist. Wie nun der .Gonice Wielk.' mittheilt, soll der Kaiser die Adresse selbst nicht beantwortet, sondern dieselbe durch'das Staatsministerium haben beantworten laffen, und zwar soll, wie das genannte Blatt meint, diese Antwort „für ein polnisches Ohr nicht angenehm" fein. Nähere Einzelheiten sind abzuwarten.
* Durch König!. Kabinetsordre vom 24. Mai sind in der Zusammensetzung der 1., 2. und 3. Armee-Inspektion folgende Aenderungen eingetreten: Die 1. Armee-Inspektion soll fortan das
„aber gutmütig und aus eigenem Antriebe weder zu einem Betrüge noch zu einem schweren Verbrechen fähig."
„Du glaubst also nicht —" begann Meta; aber ihr Vetter unterbrach sie. „Höre mich zu Ende und Du sollst selbst urtheilen. Ein paar Tage vor Abgang de» Steamer», in welchem ich Passage nach Europa genommen hatte, war ich noch einmal nach der „Möwe" gegangen, um gewissermaßen Abschied von dem Schiffe zu nehmen, das mir eine Heimath geworden war. Es befanden sich nur wenig Matrosen an Bord, unter ihnen aber John Johnson, der sie Alle in große Aufregung versetzte durch Vorlesung eines Artikels aus dem ,New York Herald'."
„Der Aufruf oes Onkels!" rief Meta dazwischen.
„Der Aufruf! He, Jungens, fügte er hinzu, das wäre fo etwas, der Alte hat Millionen über Millionen, das weiß ich, und nicht Kind noch Kegel, wer den Kvx holen könnte!
Ich fragte, um was es sich handele; er la« mir den Aufruf vor und ich schrie plötzlich laut auf: Der Gesuchte bin ich I
Man lachte und wollte mir nicht glauben, kannte man mich doch al» den Sohn des alten Littimer.