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JV135.

Donnerstag, den 14. Juni.

1888

d Zum Rücktritt des Ministers v. Puttkamer.*)

Die CentrumSpresse hat den gezwungenen Rück­tritt des Vizepräsidenten des preußischen Staats­ministeriums mit begreiflicher Genugthuung, aber zugleich mit besonnerer Ruhe, ohne jeden über­schwenglichen Gefühlsausbruch ausgenommen. Zu großem Jubel liegt auch zunächst gar keine Ver­anlassung vor, und selbst die Freisinnigen, denen man ein augenblickliches Ueberwallen der Freude und Befriedigung über die Beseitigung des ver­haßten Ministers nicht verdenken kann, werden bei nüchterner Erwägung einsehen, daß erst die Zu­kunft die wirkliche Bedeutung und Tragweite des sensationellen EreignisieS zeigen muß. Roch steht der „Allgewaltige" an der Spitze der deutschen und preußischen Regierung, an seine Entfernung ist in absehbarer Zeit, namentlich aber während der Krankheitsbehinderung des Kaisers, nicht zu denken. In der gegenwärtigen europäischen Kon­stellation würde der Rücktritt Bismarck's von der Leitung der deutschen auswärtigen Angelegenheiten sogar lebhaft zu beklagen sein. Man kann dies offen aussprechen, ohne deshalb diese auswärtige Politik, deren Schachzüge ja größtentheil» in diplomatisches Geheimniß gehüllt sind, in blanco und ohne Rückhalt gutzuheißen; Thatsache ist aber, daß die Bismarck'sche Politik die gegenwärtige ver- zwickte auswärtige Lage, wenn nicht geradezu ge­schaffen, so doch wesentlich herbeizuführen mitge­holfen hat, und deshalb würde der plötzliche Weg­fall dieses einflußreichen Hauptfaktors der euro­päischen Politik gerade jetzt sehr bedenkliche Folgen haben können. Fürst Bismarck hat die verworrenen Fäden großentheil» angesponnen und gelegt, er hat es fertig gebracht, die politischen Schachzüge der beiden letzten Jahrzehnte zu einer Art „Familien- geheimniß" zu machen; wenn er daher in der auswärtigen Politik zur Zeit in Wahrheit fast un­entbehrlich erscheint, so mag man die Verhältnisse, welche ihm eine solch' eigenthümliche, über das ge­wöhnliche Maß eines Ministers weit hinausgehende Stellung gesichert haben, bedauern, aber man kann sie nicht außer Betracht laffen. Allerdings ist Deutschland» Stärke und Sicherheit nicht auf die zwei Augen eine» geschickten Diplomaten gestellt,

*) Nachdruck nicht gestattet.

sie ruht vielmehr auf feiner Einheit, seiner mili­tärischen Schlagfertigkeit, dem loyalen Opfermuth und der Vaterlandsliebe seiner Bürger. Und wenn einmal die Stunde schlagen sollte, daß Fürst Bis­marck vorzeitig der deutschen und preußischen Poli­tik den Rücken kehrte, so ist ganz gewiß Deutschland noch nicht verloren, es wird noch tüchtige und eisenfeste Männer geben, die das deutsche Staats­schiff durch Klippen und Brandung weitersteuern werden, vielleicht mit weniger Genialität und ge­ringerem Eklat, möglicherweise aber mit um so gröberer Stetigkeit und Ruhe. Aber die Zeit ist noch nicht gekommen, und sie ist um so ferner, je weniger der deutsche Kaiser und König von Preu­ßen int Stande ist, mit ganzer, voller Krast, mit unbeschränkter Initiative und unbehindert durch körperliche Leiden selbstständig und selbstschöpferisch in das Getriebe der großen Politik einzugreifen.

Fürst Bismarck bleibt und wird bleiben. Wer aber daraus schließen wollte, daß deshalb der Rück­tritt seines Intimus und Haupthelfers v.-Putt- kamer keine politische Folgen haben könne, verkennt die Natur des Reichskanzlers und weiß in den bisherigen Zickzack-Gängen seiner inneren Politik nicht genügend Bescheid. Man vergegenwärtige sich nur einen Augenblick die verschiedenen Wandlungen der inneren Politik Preußen-Deutschlands in der langen Aera Bismarck. In der Kirchenpolitik, in der Zoll-, Gewerbe- und Sozialpolitik sahen wir den Kanzler schon an der Spitze entgegengesetzter Strömungen. Früher wurden die mannigfachsten Ministerwechsel von ihm selbst herbeigeführt, um neuem Wechsel in der Politik unbequeme Hinder- niffe zu benehmen, um selbst momentane» Unge­schick eine» Kollegen zu repariren. Heute ist e» allerdings nicht der Kanzler, welcher den Minister­kollegen nach neunjähriger Mitarbeit wieder in der Versenkung verschwinden läßt, heute ist es der Kaiser und König selbst, welcher ohne, ja sogar gegen den Willen Bismarck'» dem Vizepräsidenten des Staatsministeriums den Abschied gibt. Dieser Unterschied zwischen Sonst und Jetzt ist gewiß in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzen, er tst sogar, wenn man will, da» wichtigste Symptom der gegenwärtigen Krisis. Die unter Kaiser Wil­helm vorhanden gewesene vollständige, fast durch kein Stäubchen getrübte Willen»- und Meinungs­harmonie zwischen Kaiser und Kanzler besteht heute

Der Neffe.

Kriminalroman von F. A-

(37. Fortsetzung.)

„Und er hat diese» Versprechen nicht gehalten?" fragte die gespannt lauschende Zuhörerin."

„Nur zum Theil. Der Kapitän pflegte mich, er wachte über mich und der einsame Mann, der nie Weib und Kind gehabt hatte, faßte eine solche Liebe für den elend verlassenen Knaben, deffen Leben er dem Tode abrang, daß er sich nicht entschließen konnte, ihn wieder von sich zu laffen. Der brave ehrenhaste Mann, der nie einen Menschen um nur einen Pfennig übervortheilt, ward zum Lügner und Betrüger um meinetwillen.

„Da» Schiff, welches er führte, gehörte einem Rheder in Valparaiso; dorthin brachte er mich, den immer noch Bewußtlosen an'» Land und nach einer kleinen Wohnung, die er in den kurzen Pausen zwischen seinen Fahrten inne zu haben pflegte.

„An jenem Morgen, den ich Dir geschildert, war ich zum ersten Male wieder zum Bewußtsein erwacht und hatte meinen Pfleger durch den Ruf nach meiner Mutter erschreckt. Er beschwichtigte wich für den Augenblick und erzählte mir später, als er bemerkte, daß außer der Sehnsucht nach

der Mutter fast jede Erinnerung an mein früheres Leben aus meinem Gedächtniß entschwunden war, ein Märchen, an das ich bi» vor Kurzem ge­glaubt habe.

„Er gab mir das Bild meiner Mutter und sagte mir, sie sei todtkrank mit mir bei ihm, ihrem Gatten, angekommen und wenige Tage darauf gestorben; ich gehöre nun ganz allein ihm, er fei mein Vater — und kein leiblicher Vater kann mit solcher Liebe an seinem Sohne hängen, kann so für dessen Wohl bedacht sein, wie es Mr. Littimer sein ganze» Leben lang für mich gewesen ist.

„Er war in den Vereinigten Staaten geboren, und hielt e» für die Wahrung seine» Geheimnisse» bester, dorthin zurückzukehren. Er nahm seinen Wohnsitz in Boston und machte von dort au» viele Jahre hindurch Fahrten durch alle Meere auf dem einem Rheder deutscher Abkunft gehörenden Schiffe „Die Möwe".

„Die Möwe!" schrie Meta.

„Was setzt Dich dabei so in Staunen?" fragte er verwundert.

„Du sollst es später erfahren, jetzt nur weiter, nur weiter," erwiderte sie hastig, und er fuhr fort:

„Mein Pflegevater oder, wie ich glaubte, mem Vater, konnte sich die ersten Jahre gar nicht von

nicht mehr, Kaiser Friedrich hat selbstständige, eigene Regierungs-Grundsätze, welche von den bis­herigen Bismarck's theilweise sehr wesentlich ab­weichen. Und was wir in den letzten Wochen sich abspielen sahen, was heute noch fortdauert und auch in absehbarer Zeit noch fortdauern wird, da» ist der zunächst noch in loyaler und konniventer äußerer Form geführte diplomatische Widerstreit gegen jeden Versuch, die Politik Preußens und Deutschlands in andere Bahnen zu lenken, das bis­her von den Kartellparteien unter der Flagge „kaiserliche Politik" geführte System Bismarck in wesentlichen Punkten abzuändern und zu korrigiren.

Wie das Spiel endigen wird, zu besten Be­gleitung von den „offiziösen" und hochoffiziösen Preßtrabanten theilweise sehr häßliche und miß­tönende Weisen gesungen werden, weiß noch Nie­mand. Die weitere Entwickelung des kaiserlichen Leidens wird ohne Zweifel von größtem Einfluß sein. Wir glauben aber, daß Fürst Bismarck, wenn er einfieht, daß sein königlicher und kaiser­licher Herr sich von der Unübertrefflichkeit der seit­herigen sogenannten „Bismarck'schen" Politik nicht in alleweg überzeugen läßt, auch für etwaige Wandlungen und neue Wege seine Dienste nicht abschlagen wird, wir glauben, daß ein anderes System auch mit Bismarck nicht zu den Unmöglichkeiten gehört. Das Experiment, anderen weit nach links stehenden Männern das Steuer­ruder der Regierung abzutreten, um, wie es jüngst im offiziösen Jargon hieß, ihre totale Unfähigkeit gründlich zu brandmarken, wäre vielleicht doch etwas zu gefährlich-, ~frkbst mrsnn man mit einem baldigen abermaligen Thronwechsel rechnen dürfte, was nach den Erfahrungen der letzten Monate nicht so ohne Weiteres angeht.

Ob aber der politische Wind in Deuschland sich in der That gründlich und nachhaltig drehen wird, so lange Bismarck an der Spitze der Regierung steht, da» ist eine andere Frage. Wir glauben deshalb auch nicht im Mindesten an einen be­vorstehenden völligen Systemwechsel; am allerwenigsten bedeutet der Rücktritt Puttkamer» einen solchen. Nicht das System, sondern die Exzesse dieses Systems haben durch den er­zwungenen Abgang des Wahl-, Beamten- und Polizeiministers eine Verurtheilung erfahren. Diese Exzeffe sind aber keineswegs auf das alleinige

mir trennen und nahm mich auf seinen Reisen mit; dann ward doch da» Gefühl der Verpflich­tung, für meine Erziehung sorgen zu müffen, mächtig in ihm, er gab mich einige Jahre in eine Kostschule und ließ mich ein Kolleg besuchen, und zwar ein solches, wo ebenso viel Deutsch wie Eng­lisch getrieben ward. Erst viel später ist mir der Grund für diese Maßregel klar geworden, es war eine Art von Zugeständniß, das er meinem deut­schen Namen und meiner deutschen Abkunft machte und womit er sein Gewiffen beschwichtigen wollte, da» sich nie ganz einschläfern ließ. Das Bewußt­sein de» Unrecht», dar er begangen hatte, verließ ihn nie; er war nie ruhig im Besitze de» geliebten Sohne», fürchtete stet», derselbe könne ihm ent­rissen werden, da» Geheimniß könne an» Tages­licht kommen.

„Von dieser Angst getrieben, holte er mich ein paarmal .von der Schule und dem Kolleg fort und brachte mich, sich seiner Unbeständigkeit schämend, wieder hin. Kaum glaubte er aber meine Erziehung vollendet, da nahm er mich wieder zu sich auf „Die Möwe', ich sollte und wollte See­mann werden gleich ihm. Jahre lang war ich zu­erst Schiffsjunge, dann Matrose —"

„Wie der falsche Edgar," unterbrach ihn Meta. „Gleich dem faschen Edgar, wie Du ihn nennst,"