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Der Neffe.

Kriminalroman von F. A.

(36. Fortsetzung.)

Mit einem Sprunge war Meta an seiner Seite, ergriff mit Ungestüm seine Hand und fragte mit vor Aufregung bebender Stimme:

„Sie erkennen dieser Bild?"

„Er würde in meinem Herzen leben, hätte ein guter Geschick mir nicht auch ein Portrait der Theuren bewahrt," sagte der junge Mann in tiefster Bewegung.

„Name, Vaterland, Sprache konnte man mich vergessen machen, dar Andenken an meine Mutter ist unauslöschlich in mir geblieben."

Er hatte, während er die» sprach, ein Me­daillon , dar er an einer feinen Schnur um den Hals trug, hervorgezogen, öffnete es durch einen leichten Druck der Hand, hielt da» darin befind­liche Miniaturportrait Meta vor die Augen und fuhr fort:

„An der Aehnlichkeit mit diesem Bilde würde ich Sie als meine Verwandte erkannt haben, in welchem Theile der Erde ich Ihnen auch begegnet wäre."

jys 134.

Mittwoch, den 13. Juni.

1888

er die von ihm als Minister bethätigte Freund- I schäft für das Kartell als Parteiführer noch mehr zur Geltung bringen werde."

» Neber den Nachfolger des Herrn von Puttkamer steht noch nichts fest. Die Nennung aller Namen, welche in der Luft schwirren, beruht auf Vermuthungen. Auch die Nachricht von der Einreichung de» EntlaffungSgesuches eine» Wetten Ministers, als welcher Finanzminister v. Scholz genannt wird, ist bis jetzt ohne jede Bestätigung. Von anderer Seite heißt es, der Kriegsmimster General Bronfart v. Schellendorff wünsche seinen Ministerposten mit einem Korpskommando zu ver­tauschen.

• Die auf den Berliner Dombau bezüg­lichen Fragen sind noch in der Schwebe. Daß der Gedanke, eine neue Konkurrenz auszuschreiben (me erste Konkurrenz vollzog sich 1867) wieder zur Sprache gekommen ist, wird der ,Voff. Zig- be­stätigt. Wiederholt, so 1869, dann nach 1870 wurde die Erneuerung der Konkurrenz in Erwägung gezogen; man sah aber davon ab, weil die Sache dadurch ad calendas graecas hinausgeschoben wurde, ferner weil die Konkurrenz zu viel Kosten verursache, sodann weil keine Aussicht vorhanden, durch eine neue Konkurrenz das Werk zu fördern, und endlich weil für eine neue Konkurrenz keme kompetente Jury zu finden sein werde. Es wür­den selbstverständlich die besten Kräfte fich an der Konkurrenz selbst betheiligen wollen, also nur Mit­telmäßigkeiten für die Jury übrig bleiben. Es wäre möglich, daß man sich jetzt hinsichtlich dieser Frage auf einen andern Standpunkt stellt, da man anscheinend auf die Ergebniffe der Konkurrenz von 1867 zurückzugreifen denkt.

* Die für 1889 projektirte deutsche allgemeine Ausstellung für Unfallverhütung in Berlin soll alle Gegenstände umfaffen, welche in irgend einer Beziehung zur Unfallverhütung oder zum Arbeiterschutze stehen. Sie zerfällt rn 16 Gruppen, von denen wir nennen: Verhütung von Unfällen an bewegten Maschinentheilen im Allge­meinen; Schutzvorrichtungen an Transmissions- wellen, Zahnrädern, Riemenzügen, Ausrück-, Brems- und Schneide-Vorrichtungen re.; Schutz­maßnahmen beim Betriebe von Fahrstühlen, Auf­zügen , Krahnen und Hsbezeugen, an Motoren, beim Betriebe von Dampfkesseln und sonstigen Apparaten unter Druck, Vorbeugungsmittel gegen und Rettungsmittel bei Feuersgefahr, Verhütung

„Und an der Aehnlichkeit mit ihr erkenne ich auch Dich!" rief Meta, die erst jetzt bei vollem Kerzenlichte das Gesicht de» jungen Mannes ge­nauer betrachtete; sie hatte dabei die seltsame Empfindung, als schauten ihre eigenen Augen sie aus dem Antlitze eines Anderen an. „Für mich bedarf es keines weiteren Beweises, ich weiß jetzt, daß Du mein Vetter, der Sohn meiner verstor­benen Tante bist, wie ich vom ersten Augenblicke an wußte, daß jener Andere, der sich so nannte, es nicht war."

„Und der Onkel?"

„Männer richten nach Gründen!" cittrte Meta mit wehmüthigem Lächeln. „Edgar — verzeihe, daß ich ihn so nenne — brachte die Beweise für seine Herkunft, der Onkel empfand ein grenzenloses Mitleid mit dem Sohns seiner Schwester, der in Verwahrlosung und Verlaffenheit ausgewachsen, er liebte ihn au» Pflichtgefühl, sympathisch war er ihm nie, das weiß ich, und lebte er noch, er würde gleich mir sofort den rechten Neffen er­kennen und anerkennen."

„Lebte er noch," wiederholte der wirkliche Edgar Wanderer schmerzlich, „so wäre es vielleicht mög­lich, daß ich zu meinem Rechte gelängte, jetzt —

Deutsches Reich.

Berlin, 12. Juni.

• Leider gibt das Befinden des Kaiser» wieder zu ernstenBesorgnissen Veranlaffung. Die Schlingbeschwerden, die in den letzten Tagen bestanden und auf einen mangelhaften Verschluß des Kehlkopfdeckels beruhten, in Folge dessen Theile der flüssigen Nahrung in den Kehlkopf und in die Luftröhre geriethen, sind durch mechanische Vorkehrungen zum Theil beseitigt. Es entstehen aber jetzt Ernährungsstörungen, deren Grund in der Speiseröhre zu suchen ist. Es gilt nicht für unwahrscheinlich, daß das Grund­leiden von der Luftröhre aus nach der Speise­röhre übergegriffen hat. Der Kaiser, der in Folge der Schlingbeschwerden in den letzten Tagen wenig Neigung zum Effen hatte, zeigt einen Widerwillen gegen die Nahrungsaufnahme, die mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden ist. Darunter leidet be­greiflicher Weise der Kräftezustand, und e» ist dringend zu wünschen und nothwendig, daß die Ernährung fich bald wieder leichter gestaltet, weil sonst die Mattigkeit, zu der auch noch leichtes Fieber hinzukommt, einen bedenklichen Grad er­reichen könnte. Schmerzen hat der Kaiser nicht, er fühlt sich sogar, ton der Schwäche abgesehen, ziemlich wohl und sieht selbst seinen Zustand weniger bedenklich an, als die Aerzte. Er be­schäftigt sich fortgesetzt mit Regierungsangelegen­heiten, wenn er sich darin auch einige Einschränk­ungen gefallen lassen muß. Sämmtliche an der Behandlung betheiligten Aerzte erscheinen jetzt täg­lich zweimal, Vormittags und Abend« und ihre Konsultationen dehnen sich ziemlich lange au».

« Herr v. Puttkamer beabsichtigt bereits in den nächsten Tagen Berlin zu verlaffen und seinen Aufenthalt auswärts zu nehmen, zunächst, wie es heißt, in der Provinz Sachsen.

* Als Parteiführer der Konservativen wird Herr v. Puttkamer nach seiner Verabschiedung auftreten. Der gemeinsame Berliner Korrespon­dent der .Schles. Ztg.' und des ,Hamb. Korr.' schreibt nämlich: „Die konservative Partei steht in Herrn v. Puttkamer ihren besten Redner und hofft, daß er nach Beendigung seiner Ministerlaufbahn an ihre Spitze treten wird; dabei ist es bezeich- nend, daß solche Hoffnungen hauptsächlich von dem Gros der Partei, und nicht von dem extremen Flügel gehegt werden, zumal man annimmt, daß

von Unfällen durch giftige und ätzende Stoffe, durch schädliche Gase rc. Auch das Ausland, be­sonders Amerika, hat schon vielfach Gegenstände angemeldet. Während der Ausstellung wird in Berlin der Berufsgenoflenschaftstag stattfinden. Außerdem werden fast alle Berufsgenossenschaften und wirthschaftlichen Verbände zu derselben Zeit ihre Versammlungen in Berlin abhalten. Da» Unternehmen ist von dem „Verein Versuchs- und Lehr-Anstalt für Brauerei" in'» Leben gerufen worden. Die oberste Leitung liegt in den Händen des Vorsitzenden diese» Verein«, Herrn Richard Roesicks, Berlin W., Wilhelmstraße 55, der zu jeder Auskunft bereit ist. Für die Ertheilung sachgemäßen Bescheides auf jede Anfrage ist ein besonderes Centralbureau errichtet, an welches man sich unter der Adresse des Schriftführers der Ausstellung, Herrn Direktor Max Schlesinger, Berlin SW., Kochstraße 3II., wenden wolle. Von ebendemselben sind auch die Anmelde- Formulare (Anmeldung bis 1. Juli er.) zu beziehen. Für die einzelnen Gewerbe sind besondere eingehende Programme ausgearbeitet, welche Jedermann auf Verlangen unentgeltlich zugesandt werden. Die Ausstellung findet in dem Landes-Ausstellungs« palast und Park am Lehrter Bahnhof in Berlin vom April bis Juli 1889 bestimmt statt.

* Dem Erbgroßherzog Ernst Ludwig und dem Prinzen Wilhelm von Hessen ist der Schwarze Adlerorden verliehen worden.

• In einer Landesversammlung der deutsch- freisinnigen Partei, welche am Sonntag in Dresden stattfand und der etwa 800 Per­sonen beiwohnten, sprachen die Abgeordneten Dr. Alexander Meyer über die Ziele der deutsch« freisinnigen Partei und Munckel über politische Zeitfragen unter lebhaftem Beifalle der An­wesenden.

* Die Konferenz des bayerischen Episkopats hat am 11. ds. in der alten Bischofs-Residenz Freising ihren Anfang genommen. Es haben sich dort der Erzbischof von München- Freising, die Bischöfe von Augsburg, Eichstätt, Regensburg, Würzburg, Speier, und je ein Ver­treter des erkrankten Erzbischof» von Bamberg und des erkrankten Bischofs von Passau einge­funden, um in gemeinsamer Konferenz, deren Ao- Haltung dem Episkopat durch die päpstliche Nun­tiatur in München nahegeegt worden ist, Kund­gebungen an den Papst und an die bayerische

„Wird und muß e» auch durchgesetzt werden!" rief Meta mit blitzenden Augen. „O, wie segne ich jetzt den Gedanken meines Freundes Lietzelmann, die Vollziehung des Testamentes zu verzögern. Der Betrüger kann das Vermögen nicht antasten.

Es ist nicht da» Vermögen, das er mir ge­stohlen, sondern der Name, die Existenz, er hat mich aurgestrichen aus der Reihe der Lebendigen.

„Er muß Dir Alles wiedererstatten."

'Kann er das?" Auch das Leben, auch die Liebe des Onkels, um die er mich gebracht ?

Das nicht, da» ist unwiederbringlich verloren, versetzte Meta, während große Thränen an ihren Wangen herabliefen; „aber alles Andere muß Dir werden, und noch eins: Du wixst die Genugthuung haben, den Tod des Onkels zu rächen und seinen Mörder der gerechten Strafe zu überliefern. „Du sagst, Du kennst ihn."

„Ich glaube ihn zu kennen."

O so nenne ihn, nenne ihn dem Richter, da­mit" ein Unschuldiger, der jetzt unter einem ent« ehrenden Verdachte, der so grausamer Kerkerhaft schmachtet, befreit, dem Leben und seinem Berufe wiedergegeben werde. Weißt Du, daß man den Erbauer diefes Schlosses für den Mörder hält?