1888
Diensiag, den 12. Juni.
JV 133.
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* Die „Freiheit" der Schule.
Im Munde moderner Pädagogen bedeutet dieses in Umlauf gesetzte Stichwort nichts Anderes als vollständige Befreiung der Schule von kirchlicher Aufsicht und kirchlichem Einflüsse. Gewisse pädagogische Vereine geben stch die erdenkliche Mühe, durch Wort und Schrift für diese „Freiheit" zu wirken, vorab durch Gründung konfessionsloser Schulen. Ihre Tendenz geht dahin: die Schule zu entchristlichen, an die Stelle der Religion die falsche Aufklärung zu bringen und eine glaubenslose Generation groß zu ziehen, die den Parteizwecken zum Spielballe dient. Immer kühner treten diese Bestrebungen in der pädagogischen Literatur zu Tage; eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Lehrern wirkt im Sinne dieser „Freiheit"; in den Kammern sind diese Ideen stark vertreten; die nichtkatholische Tagerpresie arbeitet ihnen mächtig in die Hand, auch der Staat hat sich diese Anschauungen angeeignet, um sich auf der Höhe der Zeit zu halten. Katholischerfeits widmet man diesen Vorgängen noch immer zu wenig Aufmerksamkeit, oder gibt stch dem Wahne hin, wegen ihrer Gefährlichkeit würden die erwähnten Bestrebungen weder im Lehrerstande, noch im Volke, noch bei den Regierungen Eingang finden. Das ist eine verhängnißvolle Täuschung. Die Gegner der christlichen Erziehung und des christlichen Unterrichtes schreiten unermüdlich voran und die Erfolge sind nicht klein. Die Eltern aber find nicht genügend aufgeklärt und wissen den Ernst der Sage kaum zu würdigen. Gemeinsam und entschieden müffen daher die beteiligten Faktoren den Kämpf für Recht und Wahrheit in der Schul- frage führen. Vor Allem thut es noth, die Grundsätze der modernen Schulreformatoren, ihre Pläne und Mittel bis in's Einzelne kennen zu lernen, so sehr auch der Einblick in die massenhafte Literatur, welche auf diesem Gebiete erscheint, un» ermüdet, während die vorgebrachten Thorhei- ten, sowie die Gehässigkeiten gegen die Kirche uns mit Widerwillen erfüllen.
Bemerkenswerth ist, daß unsere',Freiheitsschwärmer gelehrige Schüler der Ronsseaus, Basedow und der übrigen Philantropisten sind, daß Alles, was sie vorbringen, meist nur ein Abklatsch der von jenen Meistern vorgetragenen Ideen ist. Die In-
Der Neffe.
Kriminalroman von F. A.
(35. Fortsetzung.)
Meta hatte die Tiefe von Ada's Liebe nach der ihrigen gemessen, ihr Stolz hatte sich aufgebäumt, sie wollte nicht die Verschmähte spielen, sie war ruhig, gelassen gewesen und hatte den Onkel bestimmt, der Brautwerber für Sonnenberg zu sein; aber ihr Herz verblutete an seiner Wunde. Edgar'» Erscheinen, sein ungestümes Werben um sie hatte sie mit neuen Sorgen erfüllt, mit dem Glücke war nun auch der Friede aus dem Hause entwichen, und dennoch blickte sie jetzt auf jene Tage zurück wie auf eine schöne, unwiederbringlich verlorene Vergangenheit. Sie hatte ihren Onkel, sie hatte ein Herz, das sie liebte, sie hatte eine Heimath.
Jetzt war Alles verloren, sie besaß nichts als schnödes Geld. Der Onkel war von Mörderhand getödtet, der Vetter, der ihr eine Stütze hätte sein sollen, flößte ihr eine unüberwindliche Abneigung, "ößte ihr eine Furcht ein, die sie von hinnen trieb, und er, an dem sie mit unerschütterlicher Treue hing, saß unter der furchtbaren Anklage des Mordes im Gefängnisse. Seine Braut hatte sich von chm abgewandt, da» launenhafte Kind hatte da» Spielzeug weggeworfen, das ihr nicht mehr begeh.
genb aber ohne pofitire Religion aufwachsen lassen, wie diese Vertreter der „Freiheit" wollen, heißt nicht» Andere», al» diesem Lebensalter alle Blüthen abstreifen und es in eine Oede und Wüstenei verwandeln. Damit erzielt man nur brauchbare Werkzeuge der Revolution, zufriedene und glückliche Menschen sicherlich nicht. Es ist nicht das erste Mal, daß man im praktischen Leben Versuche anstellt, eine Jugend zu erziehen ohne Beihülfe der Religion. Wie die Versuche ausgefallen sind, lehrt uns das unglückliche Frankreich. Die Greuel bereisten französischen Revolution, sowie die Greuel der Kommune sind die traurigen Früchte dieser gottlosen Prinzipien, mit welchen man unser deutsches Vaterland beglücken möchte. Die Freunde der Jugend sollten beherzigen, daß, wenn man dieselbe Ursache setzt, man auch dieselbe Wirkung zu erwarten habe. In Wort und Schrift, in Versammlungen und Vereinen sollte vor diesem verderblichen Treiben gewarnt werden.
Derrtfches Reich.
Berlin, 11. Juni.
♦ Der .Staatsanzeiger' bringt heute in seinem amtlichen Theile folgende Bekanntmachung: Se. Majestät der König haben Allergnädigst geruht: dem Vize-Präsidenten des Staatsministeriums, Staatsminister und Minister des Innern v. Putt- kam er unter Belassung des Titels und Ranges eines Staats-Minister« die nachgesuchte Dienstentlassung zu ertheilen und demselben gleichzeitig den Stern der Großkomthurn des Königlichen Hausordens von Hohenzollern zu verleihen.
• Ueber den Nachfolger des Herrn v. Putt- ferner scheint noch immer keine Entscheidung getroffen zu sein; falls eine solche bei der gestrigen Konferenz des Kaisers mit dem Reichskanzler getroffen sein sollte, so ist jedenfalls über den Ausfall derselben noch nicht« in die Oeffentlichkeit gelangt. Genannt wird neuerding« auch der Ober- verwaltungs - Gerichtspräsident Persius. Eine andere Version geht dahin, Freiherr v. Rockenbach, badischer Minister a. D. werde als Staatssekretär des Innern in Reichsdienste treten und der jetzige Staatssekretär des Innern v. Bötticher da» preußische Ministerium de» Innern übernehmen. Beim Fürsten Bismarck hat heute ein renswerth erschien, aber für Meta war er deshalb doch verloren.
Nicht weil er angeklagt war, nicht weil nur eine Sekunde ein Verdacht gegen ihn in ihrer Seele aufgekeimt wäre, sondern weil er sie nicht liebte!
Sie wollte ihn retten, sie mußte ihn retten! Es war das die einzige Aufgabe, die ihr noch zu erfüllen oblag, dann wollte sie einen stillen Winkel suchen, um ihr Leben fortzuspinnen. Ach, und sie war noch so jung, das Leben war noch so hoffnungsvoll !
Ganz versenkt in diese Gedanken war Meta trotz des wenig einladenden Wetters au« den Gartenanlagen in den Park getreten und wandelte, die Hände in einander verschränkt, mehrmals den Haupt- gang auf und ab. Plötzlich ergriff sie die Furcht, Edgar könne wiederkommen und fie hier draußen überfallen; nun eilte sie mit beflügelten Schritten wieder dem Schlosse zu. Erschrocken fuhr fie zusammen, als aus dem Nebel eine Gestalt auftauchte und ihr in den Weg trat; sie glaubte, ben Gefürchteten vor sich zu sehen.
„Was wollen Sie von mir?" fragte fie abwehrend.
„Fräulein Schrnittchen," redete fie eine wohllautende Stimme in gutem Deutsch, ober mit fremdländischer Betonung an, „verzeihen Sie dem
Abschiedsdiner zu Ehren des Herrn v. Puttkamer stattgefunden, zu dem alle Mitglieder des Staats- ministeriums Einladungen erhalten hatten.
* Fünfundzwanzig preußische Minister sind jetzt unter dem Fürsten Bismarck aufgebraucht. Es find dies: Lippe, Leonhardt, Mühler, Falk, Puttkamer (Unterricht), Holzbrinck, Selchow, Friedenthal, Jtzenplitz, Maybach (Handel), Eulenburg I., Eulenburg II., von der Heydt, Camphausen, Hobrecht, Bitter, Roon, Kameke, Stosch, Achenbach, Delbrück, Hofmann, Schleinitz, Stolberg-Wernigerode und v. Puttkamer (Inneres).
* Die Straßburger .Landeszeitung für Elsaß- Lothringen' meldet: Der in verschiedenen Blättern enthaltenen Nachricht einer Verletzung der französischen Grenze in der Nähe von Amanweiler durch deutsche Soldaten scheint insofern etwas Thatsächliches zu Grunde zu liegen, als einige Zöglinge der Kriegsschule von Metz die Grenze ans Versehen und Unkenntniß um wenige Meter überschritten haben. Wie wir hören, wird die Angelegenheit von der zuständigen Militärbe- hörde untersucht werden. Sollte stch ein schülerhaftes Verhalten Einzelner Herausstellen, so dürfte eine Bestrafung erfolgen, gleichviel ob der an und für sich unbedeutende Vorfall seitens der französischen Regierung zum Gegenstände einer Reklamation gemacht wird, oder nicht; denn für alle Militärpersonen bestehen gemessene Befehle, welche denselben die Respektirung der französischen Grenze unbedingt zur Pflicht machen.
Ausland.
* Kaiser Franz Joseph hat gestern in Pest die Delegationen empfangen. Die Präsidenten derselben betonten dabei die Bereitwilligkeit der Delegationen die für die Sicherheit und Machtstellung der Monarchie unausweichlich erforderlichen Mittel zu bewilligen. Der Kaiser erwiderte u. A., daß seit der letzten Session eine wesentliche Veränderung der politischen Lage nicht eingetreten sei. Der Hingang Kaiser Wilhelms habe ihn tief betrübt, es erfülle ihn aber mit Beruhigung, daß die nicht minder innigen Beziehungen, die ihn mit Kaiser Friedrich verbinden, dem zwischen den Nachbarreichen bestehenden Freundschafts- und Friedensvunde auf's Vollkommenste entsprechen. „Die Beziehungen der Monarchie", fuhr der
Kühnen. Seit Tagen umkreise ich das Schloß, um mit Ihnen zu reden. Endlich ist mir der Zufall günstig gewesen, ich finde Sie, so hören Sie mich an."
Beim ersten Tone dieser Stimme hatte Meta erstaunt aufgeblickt; fie schaute in ein Gesicht mit sympathischen Zügen, in ein Paar blauer Augen, die mit dem Ausdrucke der innigsten Bitte auf sie gerichtet waren.
„Was wünschen Sie von mir?“ fragte fie, schwankend zwischen der Theilnahrne, welche ihr der sehr bescheiden gekleidete Fremde einflößte, und der Zurückhaltung, die von der Klugheit und den Erfahrungen der jüngsten Zeit geboten war.
„Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen, die eigentlich für da» Ohr Ihre- Onkel» bestimmt war, und die ich, da er nicht mehr am Leben ist, Niemand weiter al» Ihnen anvertrauen kann. Sie find die Einzige, bei der ich hoffen darf, Glauben zu finden."
„Mein Herr, diese Sprache! Wer sind Sie?"
Er neigte sich ganz dicht an ihr Ohr und flüsterte: „Dein Vetter, Edgard Wanderer, dem Schurken seinen Namen und seine Papiere gestohlen haben, der nur wie durch ein Wunder dem Tode entgangen ist."
„Barmherziger Gott!" schrie Meta auf. Sie