J\6 132.
Montag, den 11. Juni.
1888
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(0> Exminister von Puttkamer.*)
Der preußische „Wahlminister", Minister des Innern von Puttkamer ist gestürzt. Da» ist die hochbedeutsame Nachricht, welche der Telc- araph am Sonnabend nach allen Richtungen ttug. Die Publikation de» Wahlperiodengesetzes hat also ein Nachspiel gehabt, welches eine noch weit deutlichere Sprache redet, als etwa ein gleichzeitig erfolgter kaiserlicher Erlaß über die Wahlfreiheit. Zuerst hat die ganze anmaßliche Kartellklique die Welt erfüllt mit dem beißendsten Lohne auf die Niederlagen der freifinnigen Opposition, und jetzt ist der von Eugen Richter so scharf und hartnäckig bekämpfte „Wahlminister" von Puttkamer ohne Sang und Klang verabschiedet. Diese sensationelle Tagesneuigkeit ist geeignet, das kartellparteiliche Freudengeschrei über die Publikation des Wahlperiodengesetzes laut zu übertönen.
Die Sache hat innerhalb 24 Stunden einen sehr schnellen Verlauf genommen. Freitag Abend brachte eine Wolff'sche Depesche die lakonische Nachricht, Minister von Puttkamer habe dem Kaiser sein EntlasiungSgesuch eingereicht, und zwar in Folge eines kaiserlichen Schreibens, welche» ihm am Donnerstag Abend zugegangen sei. Weitere Depeschen stellten fest, daß der Kaiser die Putt- kamer'sche Rechtfertigungsschrift bezüglich der Wahlbeeinflußungen für ungenügend erklärt habe. Freitag Nachmittag fand bereits eine Sitzung des Staatsministeriums statt, welcher Minister von Puttkamer nicht beiwohnte. Und Samstag Morgen meldet eine ofsiziöfe Berliner Depesche mit charakteristischer Kürze:
„Das Abschiedsgesuch des Ministers von Puttkamer wurde vom Kaiser genehmigt unter gleichzeitiger Verleihung des Großkomthurkreuzes des Hohenzollernordens an dm Zurücktretenden.
Mag nun die Vorgeschichte dieser rasch und prompt abgewickelten „Krisis" sich Herausstellen, wie sie wolle, soviel ist sicher, daß mit Herrn von Puttkamer auch das ganze nach ihm benannte Regierungssystem, dieses ausgesprochene polizeiliche und bureaukratische Bevormundungssystem eine eklatante Niederlage erlitten hat. An dieser Nie-
* ) Nachdruck nicht gestattet.
Der Neffe.
Kriminalroman von F. A.
(34. Fortsetzung.)
Doch war jetzt nicht Zeit, den eigenen Gedanken nachzuhängen, sie mußte lauschen— lauschen mit angehaltenem Alhem, denn von dem, was sie hier vernahm, hing das Leben jenes Mannes, der einen so lebhaften Eindruck auf sie gemacht hatte, hing die Freiheit, die Ehre, da» Leben ihres Bruders ab.
„Und wo ist er?" fragte der falsche Edgar mit heiserer Stimme.
„Er wohnt in „Menger s Hotel" am Zeughaus- markt." , .
„Ha, ha, und Du sagtest mir, er läge auf dem Grunde der Hudson."
„Weiß der Satan, wie er da wieder heraur- gekommen ist."
„Elender Stümper, warum hast Du halbe Arbeit gemacht!" .
„Mach Du ganze, mem Sohn, die Elbe und die Alster find tief genug."
E» entstand eine Pause.
Er wird nicht der Narr sein und fich zum zweiten Male ins Wafier werfen lasten," sagte Edgar endlich.
derlage hat aber die leitende Seele der preußischen und Reichrpolitik, Fürst Bismarck, einen guten und redlichen Antheil. Denn alle Sophisten der Welt können die Thatsache nicht aus der Welt reden, daß in Preußen bisher nichts geschah, was den Bismarckßchen Intentionen zuwiderlief. Haben doch eben erst nationalliberale Blätter darauf hingewiesen, daß das Ministerium Bismarck durchaus solidarisch sei, daß „wegen der eigenartigen Persönlichkeit Bismarck'»" ein einseitiges individuelles Vorgehen eines Einzelministers auf die Dauer gar nicht denkbar gewesen sei, die Politik des Ministeriums sei eine durchaus homogene, einheitliche gewesen, so zwar, daß Fürst Bismarck alle wichtigen Maßnahmen Puttkamer'«, namentlich in Wahlsachen, mit seiner vollen Verantwortlichkeit gedeckt habe. So ist es thatsächlich, und wenn jetzt nachträglich Dieser oder Jener behaupten sollte, Fürst Bismarck werde von dem Rücktritt seines Schwager« nicht berührt, so sucht er nur dem am Ruder verbleibenden Ministerpräsidenten den Rücken zu decken. Ueber die Frage, wer der Nachfolger de« Ministers werden könnte, wollen wir uns den Kopf noch nicht zerbrechen. Von einem „gemäßigten Liberalen" versprechen wir uns eigentlich nicht viel mehr, als von Herrn v. Puttkamer, welcher doch wenigstens das, was er wollte und für richtig hielt, frei und offen, ja oft mit einer erstaunlichen Naivetät (wir erinnern nur an die Polizeispitzel- und „Gentlemen"-Affaire) vertrat. Von unberechenbarem Werthe für den weiteren Gang der inneren Politik und für die nächsten Wahlen ist vor allem die Thatsache, daß der Kaiser die bisherige Wahlbeeinflussung der Regierung mißbilligt, denn diese war e« ja in erster Linie, der die Kartellparteien ihre „Siege" verdanken. Ueberhaupt kann e» jetzt keinem Zweifel mehr unterliegen, daß Kaiser Friedrich den ernsten Willen hat, den Grundsätzen, welche er in seinem bekannten Erlaße an den Fürsten Bismarck entwickelt hat, und welche von der bisherigen Politik der Bismarck'schen Regierung in vielen Punkten wesentlich abweichen, allmählich Geltung zu verschaffen. Ein wichtiger Faktor hierbei ist allerdings seine Gesundheit, ein Faktor, der leider auch bei den Aktionen der Anhänger des bisherigen Systems eine nicht unbedeutende Rolle spielt.
„Das kommt Alles auf die Art an", entgegnete der Andere; „könnte ich mich mit der verdammten Hand bewegen, ich wartete nicht auf Dich, Memme; so mußt Du es thun, und heute noch."
„Heute noch?"
„Ja, heute noch muß er über Bord. Willst Du warten, bis der Kerl Alles gegen Dich aufgewiegelt hat?"
„Wär's da nicht beffer, ich ginge und ließe die Erbschaft im Stiche
„Und mich mit?" fiel der Alte ein. „Hoho, Brüderchen, so haben wir denn doch nicht gewettet. Weißt Du, war die nächste Folge ist, wenn Du fortgehst? Unsichtbar kannst Du Dich nicht machen, man telegraphirt nach allen Häfen, die ganze Welt ist ja jetzt nur eine Stadt, verhaftet Dich und bringt Dich hierher."
„Ich habe den Alten nicht umgebracht."
„Willst Du mich etwa verrathen?"
„Wer denkt daran?"
„Du. Ich sehe es Dir an; aber hüte Dich, Du hast genug auf dem Kerbholz. Wer hat fich für den Neffen ausgegeben, Du oder ich? Man wird mir'» glauben, wenn ich'» beschwöre, daß Du den wirklichen Erben ins Waffer geworfen und den Alten abmurkfen geholfen hast. Muß ich ‘ zum Teufel, so gehst Du voran.
Deutsches Reich.
Berlin, 9. Juni.
* Die Kaiserin, die gestern Abend' mit der Prinzessin Viktoria nach dem westpreußischen Ueber- schwemmungsgebiete abreiste, ist an allen Orten, welche sie berührte, von der Bevölkerung festlich empfangen worden.
* Zum Sturz des Minister» v. Puttkamer schreibt die .Germania' sehr treffend:
Puttkamer ist gefallen, und damit fällt ein Stein vom Herzen der großen Mehrheit unseres Volkes. ES kann wieder frei aufathmen, nachdem der Druck von seiner Brust genommen, es weiß, daß sein Kaiser den freien Wettkampf der Kräfte will, und nicht, daß der Geist wie eine Maschine behandelt und durch Druck in beliebiger Richtung dirigirt werde. Der Kaiser will das, weil er Vertrauen hat zu seinem Volke und nicht an die Lehre des Philosophen des Absolutismus sich hält, der die Völker wie wilde Stiere an dem Ring durch die Nase geführt wissen wollte. Kaiser Friedrich hat eine freundlichere menschlichere Ueberzeugung gewonnen, er traut dem deutschen und preußischen Volke in seiner immensen Mehrheit sowohl Einsicht wie guten Willen zu: Vertrauen gegen Vertrauen ist jetzt die Losung! Nicht mehr aber soll sogleich „Reichsfeind" und „Staatsfeind" sein und der gesellschaftlichen und publizistischen und parlamentarischen Proskription und Tortur verfallen und mit äußeren Nachtheilen bedroht werden, wer einmal aus bester Ueberzeugung einer Aktion der augenblicklichen Regierung widerstrebt. Freie Wahlen find die Losung, und der Kaiser wird mit dieser Losung keine Täuschung erleben. Ein Regierungsprogramm mit reifen und guten Grundsätzen und Zielen findet im deutschen und preußischen Volke die Unterstützung der Mehrheit, und auch gegen die Uebernahme der nothwen- digen Lasten sträubt diese Mehrheit sich nicht. Aufhören aber kann das krampfhäste, die Geister immer mehr verbitternde oder stumpf machende und die Charaktere niederdrückende oder direkt entsittlichende Hetzen und Treiben zur Erzielung künstlich erzwungener Mehrheiten.....
Die jetzige Ministerentlafsung ist seit langen Jahren die erste, die wieder auf die Initiative des Kaisers zurück- zusühren ist, während in den letzten Lustren der Regierung des Kaisers Wilhelm die Entlaffung der Minister und die Auswahl neuer Minister thatsächlich aus der Initiative des Fürsten Bismarck erfolgte, deren Ergebniß Kaiser Wilhelm ratificirte.....Die Kartellbrüder machen jetzt
gute Miene zum bösen Spiele und suchen den Anschluß. .....Wir unsererseits freuen uns ehrlich des ersten Bruches in das System des Druckes, und dieser Bruch liegt in der EntlaffungPuttkamer's vor. Das Weitere findet sich!
* Für eine gewiße Fortdauer der Minister- Kris i s spricht die Nachricht, daß noch ein z w e i t e r Minister heute seine Demijsion eingereicht habe. Wer e» ist, weiß man nicht, und Vermuthungen
Der Jüngere wurde eingeschüchtert. „Wie Du nur so reden kannst," sagte er, „sind wir nicht Kameraden? Aber ich bleibe dabei, e» war eine unverzeihliche Dummheit, daß Du den Alten umbrachtest."
„Konnte ich wißen, was er noch für eine dumme Bestimmung in sein Testament gebracht hat? Ohne die könnte die Sache so glatt abgelaufen sein. Aber es ist auch jetzt noch nichts verloren."
„Wieso?"
„Halte Dich nur ein paar Wochen hier ruhig. Der Richter hat alle Hände voll zu thun mit der Untersuchung gegen den Baumeister; mögen sie munkeln, war sie wollen, es kann Dir Keiner was anhaben."
„Aber das Geld?"
„Thu' als ob Du zufrieden wärst, laß Dir von dem Justizrath Deine Zinsen auszahlen und spiele den trauernden Neffen. Ich weiß einen sicheren Mann, der Dir gegen gute Provision die Erbschaft abkaust und Dir das daare Geld gibt. Mit dem in der Tasche gehst Du auf Reisen, wir theilen, und wenn das Jahr um ist, streicht unser Mann die Erbschaft ein, Du aber bist verschwunden. E» bleiben ein paar hunderttausend Mark dabei hängen, aber es geht nicht anders."