j\g 128. Mittwoch, den 6. Juni.
1888
-rulda-r Bettung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringer^hn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., «Du .Fuldaer Rettung «'^er belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen« in Fulda l M. 70 P?-. -»swarts 1 St 75 Pf.
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., Bet Wiederholungen entsprechender Rabatt.
* Die Katholiken auf den höheren Lehranstalten.
Dieser Tage lief die bedauerliche Thatsache durch die katholische Preffe, daß auf den preußi- iLen höheren Lehranstalten neben 2999 Protestanten und 317 Juden bloß 838 Katholiken die Aboangrprüfung bestanden haben, während deren Anzahl verhältnißmäßig 1279 betragen müßte. Der Köln. Vztg.' schreibt man aus diesem Anlatz aus Nassau: „Bei dieser Sachlage ist es gewiß angebracht, nach Gründen zu forschen. Indem ,ch die angegebenen Gründe sür durchaus zutreffend halte, möchte ich noch darauf Hinweisen, daß seit vielen Jahren in einer ganzen Anzahl von katholischen Zeitungen regelmäßig vor Beginn de» Schuljahres Artikel erscheinen, in denen die Eltern auf da» eindringlichste davor gewarnt werden, ihre Kinder auf das Gymnasium oder in die Realschule zu schicken. Ohne Zweifel sind die Einsender dieser Artikel nur von bestem Willen und wohlmeinender Absicht geleitet, wie ja denn auch nicht geleugnet werden kann, daß in dieser Beziehung Mißstände wirklich bestehen. Aber trotzdem wird man nur sehr selten bemerken, daß nicht katholische Blätter gleiche Kassandrarufe erschallen lassen.
Warum, dar wissen ihre Verfasser sehr wohl. Ist es denn in der That nützlich, daß die kathol. Presse solche Warnungen in die Welt sendet? Besonder« heißt es da immer, der Bauer solle seinen Sohn bei Karst und Pflug, und der Handwerker bei Hobel, Leisten und Nadel lassen. Aber, so frage ich, warum soll nicht der robuste Bauernbub ebenso gut als der bleiche Städterknabe, warum nicht ein Handwerkersohn ebenso gut, als der vielfach noch weniger bemittelte Sohn eines Beamten sich dem Studium widmen? Wer unsere Schul- verhältniffe kennt, wird mich nicht Lügen strafen, wenn ich behaupte, daß der Vergleich der Bean- lagung, sowie der sittlichen Kraft und des Fleißes nicht zu Ungunsten der Bauern- und Handwerkersöhne aussällt. Aber, sagt man, der Gelehrtenstand leidet an Ueberfüllung. An Ueberfüllung von Katholiken gewiß nicht. Ist ferner nicht jeder Stand überfüllt? Die Aecker auf dem Lande werden in Folge der vielen Erbtheile immer kleiner, viele Handwerker sind, wenn nicht ohne jede, so doch ost ohne ausreichende Beschäftigung. Wenn man sodann meint, die Gefahr zu verbummeln sei bei
Der Neffe.
Kriminalroman von F. A.
(30. Fortsetzung.)
X.
Beide Hände auf die Krücke seine» Stockes gestützt, den Hut fest, ja man könnte sagen, trotzig aus den Kopf gedrückt, so stand der alte Sonnenberg in den Schloß Hrllburg umgebenden Gartenanlagen und blickte mit einem verschmitzten Lächeln in dem pergamentartigtn Gesichte zu dem in Form eines länglichen Viereck« in Ziegeln ausgeführten, aber mit röthlichem Sandstein verblendeten Bau empor.
Meta hatte nach ihrer Heimkehr von der Testamentseröffnung Edgar in Hellburg vorgefunden und mit dem wilden leidenschaftlichen Menschen einen höchst peinlichen Auftrtt gehabt. Er war darauf zwar gegangen und hatte sich hoch u»w theurr verschworen, nie wieder einen Fuß nach Hellburg zu setzen, sie fürchtete aber trotzdem die Wiederholung seines Besuche» und hatte beschlossen, ihm au» dem Wege zu gehen. Hellburg sollte verschlossen und der Obhut eine« bewährten Dieuerpaare» anvertraut werden; die übrigen Dienstboten, für welche der letzte Wille ihre»
den Studirenden sehr groß, so ist dieser nicht zu leugnenden Thatsache entgegenzuhalten, daß der junge Handwerker, wenn er in die Fremde zieht, nicht minder seine volle religiöse Kraft bethätigen muß, damit er nicht dem Nichtsthun und der Sittenlosigkeit anheimfällt. Und wenn der junge Bauernsohn in die Kaserne kommt, dann heißt es auch, Gewehr bei Fuß halten, damit er nicht entarte. Ob die 200,000 gewerbsmäßigen Handwerksburschen im Deutschen Reiche wohl al» Muster eines geordneten Lebenswandels anzusehen sind? Es fragt sich, ob in dieser Beziehung die Studirenden oder andere Berufsklassen verhältnißmäßig die meisten Ziffern zeigen. Von den unteren Klassen der Gymnasien muß dabei abgesehen werden, weil, so Manche nur das Einjährigen - Zeugniß und nicht den Gelehrtenstand erstreben. Unsere Hochschulen sind für viele allerdings mehr Lehrstätten des Trinkens als der Wissenschaft. Aber der katholische Jüngling hat doch auch an seiner heil. Religion eine mächtige Schutzwaffe. Er weiß besser, als ein anderer, zu unterscheiden, und ihm ist bekannt, daß zwar dar Schlechte zu Markt gebracht wird und sich öffentlich zeigt, daß daneben aber auch sehr viel Gute» im Verborgenen gewirkt wird. Ein großer Theil der katholischen Studirenden gehört sodann den katholischen Korporationen an. Als Mitglieder derselben erhöhen sie ihre Kraft und ihren Fleiß durch das gegenseitige Beispiel oder durch mündliche Anregung. Ferner kommt man sowohl als Gymnasiast wie auch als Student in regelmäßigen Zwischenräumen in das elterliche Haus und dort kann man sich wieder erftischen und befestigen durch den dort herrschenden guten Geist. Ein vernünftiger Vater ersieht auch aus den Leistungen des Sohnes in den untersten Klassen, ob derselbe für höhere befähigt sei. Dann hat er noch Zeit genug, ihn einem andern Berufe zuzuführen. Wenn er nun aber sich der Hoffnung hingeben darf, sein Sohn könne ein tüchtiger Geistlicher oder Beamter werden und ihn deshalb mit Mühe und Roth studiren läßt, muß man da nicht den Hut vor ihm abziehen und ihm dankbar sein, daß er der Kirche einen Diener oder dem Gemeinwesen einen tüchtigen katholischen Beamten geben will? Ein anderer Punkt ist bei der Sache ebenfalls nicht zu übersehen. Wo soll die Kirche bei dem herrschenden Priestermangel ihre Diener hernehmen? Etwa aus den Reihen der Reichen und höheren
Onkels reichlich gesorgt hatte, wurden entlassen. Meta selbst wollte ihren Aufenthalt in einer befreundeten Familie in Hamburg nehmen, da sie sich, fo lange der Proceß über Sonnenberg schwebte, um keinen Preis der Welt entschlossen haben würde, die Stadt zu verlassen.
Es war der letzte Tag, den sie in Hellburg verlebte, sie hatte deßhalb ihre neue Freundin gebeten, mit ihrem Vater herauszukommen, damit er das Bauwerk seines Sohnes noch in ihrem Geleite in Augenschcin nehme.
Am Fenster ihre» die Straße weit überschauenden Zimmer» fitzend, hatte fie Vater und Tochter kommen gesehen und war ihnen entgegengegangen, um sie al» ihre Gäste in» Hau» zu führen; aber so schnell war der alte Sonnenberg dazu nicht zu bringen.
„Erst will ich mir da» Ding ordentlich von Außen betrachten", sagte er und umging langsam und bedächtig da» Schloß, stand bald an dieser, bald an jener Stelle ftiH, schüttelte den Kopf, lächelte und brummte etwa» in den Bart. Arm in Arm folgten ihm in einiger Entfernung Meta und Bertha; die Erstere erzählte der Freundin und Bundesgenosfin, welche Schritte sie zur Ermittelung Derjenigen gethan, der da» Bandende
Beamten? Leider wenden sich deren Söhne seltener diesem erhabenen Berufe zu. Echt konservative und alte katholische Bauernfamilien und die immer noch sehr zahlreichen religiösen Handwerker - Familien stellen den größten Theil.
Aber abgesehen von Allem: ist es räthlich, die 20 pCt. der katholischen Abiturienten in Preußen noch weiter zu vermindern? Ist cs räthlich, die Zahl der katholischen Universitätsbesucher, die gar nur 12 pCt. beträgt, noch mehr herunterzudrücken? Die Studierten beherrschen nun einmal da» ganze öffentliche Leben. Mit Argusaugen verfolgt der Laie Alles, was der Gebildete in politischer, sozia- ler und religiöser Beziehung thut und läßt. Welch' ein Glück ist es dann, wenn eine Gemeinde einen überzeugungstreuen katholischen Arzt hat, welch' ein Hort und Schirm ist oft ein gut katholischer Philologe für seine Schüler! Bei dieser Sachlage sollte man statt die katholischen Eltern abzuschrecken, sie vielmehrermahnen, ihre beanlagtenSöhne dem Studium sich widmen zu lassen. Die Hochfluth protestantischen Beamtenthums überschwemmt da» ganze Land; sie bedeutet nach meiner Ueberzeugung eine Gefahr für den Katholizismus. Warum sollte man die Gefahr noch vergrößern? Sie zu verringern, das sollte Ziel und Streben der katholischen Presse sein.
Deutsches Reich.
Berlin, 5. Juni.
* Der Kaiser beabsichtigt, künftig täglich einige Stunden auf seinem Gute Bornstedt bei Potsdam zuzubringen. Auch für heute war eine Ausfahrt dorthin in Aussicht genommen. — Der Wiener Maler ProstssorHeinrich von Angeli wird demnächst in Schloß Friedrichrkron erwartet. Derselbe wird den Kaiser im Kiönungsmantel malen.
♦ Der Direktor der Berliner Münze, Conrad, dementirt die Nachricht von einer Einziehung der neuen Doppelkronen mit dem Bildnisse de» Kaisers Friedrich. Die Goldmünzen, von denen jetzt bereit» circa 20 Millionen Mark in Doppelkronen und ein größerer Betrag in einfachen Kronen in Kours gesetzt sind, werden anhaltend fortgeprägt.
• Bezüglich des Projekts einer Südpolar- Expedition schreibt Herr Villard, daß der eigentliche Urheber und Vertreter de» Planes Ge- mit den beiden Buchstaben im Zimmer des Onkels zurückgelassen habe, während Bertha ihr mittheilte, die Untersuchung gegen ihren Bruder solle in den nächsten Tagen geschlossen werden, alsdann habe sie Aussicht, daß ihr und dem Vater eine Unterredung mit ihm gestattet werde.
„Es ist auch die höchste Zeit, denn lange halte ich den Vater hier nicht mehr fest", seufzte fie.
„Glaubst Du, daß man auch mir einen Besuch bei ihm gestatten wird?" fragte Meta.
„Wie, Du wolltest?" rief Bertha freudig überrascht.
„Ich will nicht allein", war die bestimmte Antwott, „sondern ich muß. Es ist meine Pflicht, ihn wissen zu lassen, daß ich, hie Nichte des Ermordeten, an seine Unschuld glaube; ich will ihm gewissermaßen den Zuruf des verklärten Freunde» bringen; ich will ihm, nach Rücksprache mit meinem Freunde, dem Justizrath Lietzelmann, rathen, welchen der hiefigen Juristen er zu seinem 93er» theidiger wählen soll und —"
„Nicht wahr, mein Sohn hat da» Schloß gerade so gebaut, wie» Ihr Onkel hat haben ge» wollt?" unterbrach fie in diesem Augenblicke der alte Sonnenberg in zuversichtlichem Tone. Sie standen wieder vor der Vorderseite, deren Thunn