JV127.
Dienstag, den 5. Juni.
1888
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Roth der Kirche groß ist, die Zusammengehörigkeit der einzelnen Mitglieder am lebendigsten zum Bewußtsein gebracht wird. Die Kirche ist in der ganzen Welt jetzt in emer großen Bedrängniß, und zwar schon seit langer Zeit, und di- natürliche Folge ist, daß die Katholiken der ganzen Welt sich mehr und mehr an einander schließen, mehr und mehr fühlen, wie sie zusammen gehören, wie ihre Interessen gemeinschaftlich sind, die nur in gegenseitiger Unterstützung erstrebt werden können. Und niemals war ein Zeitpunkt, wo die Katholiken so fest um den gemeinsamen h. Vater sich geschaart haben. Gehen sie die Welttheile durch. Sie werden nirgends in der Kirche eine Absplitterung sehen, Sie werden ein festes Zusammentreten, eine starke, lebendige, neue Belebung christlichen Sinnes und katholischen Glaubens finden. Vielleicht hat Gott diese Roth uns geschickt, um uns ein wenig anzuhalten, nachzu- denken, weshalb wir hier sind, uns loszuschälen von den weltlichen Dingen, die sich so vielfach in den Vordergrurck drängen wollen, und uns so für die eigentliche Aufgabe mehr und mehr wieder anzueifern.
Lassen wir die Hoffnung nicht fahren, daß in solcher Weise alles das, was wir geduldet, erhalten bleibe und weiter entwickelt werde, damit der Segen der Kirche, der wir anzugehören das große Glück haben, mehr und mehr sich mehre. Der verehrte Herr Kaplan hat in einer seinem Herzen entspringenden Freundschaft für mich, sich über meine Thätigl-it in einer Wesse geäußert, die weit über meine Verdienste hinweggeht. Wenn ich etwas gethan habe, so war das nichts als daß dem Gemeinsamen diente. Das Gemeinsame, auf welchem wir stehen, war das treibende Element; darin lag die Kraft, die der verehrte Herr mir zuaeschrieben hat. Und je fester wir diesen Boden festhalten, desto mehr wird es denen, die berufen sind, unsere Rechte zu vertheidigen, möglich sein, den Weg weiter zu wandeln, den wir begonnen haben. Zu dieser Einigkeit und Eintracht möchte ich am heutigen Tage vor allem mahnen.
Dann, meine verehrten Festgenossen, haben wie «na auch ein wenig umzusehen nach ven Mitteln, wie wir zu dieser Einigkeit gelangen.
Ich will hier keine Predigt halten. Die gebührt unfern Geistlichen, hier und wo wir sie zu hören das Glück haben. Aber das soll mich doch nicht hindern, vor allen Dingen aufzuforder«, mit mir sich zu vereinigen und sich fest und unauflöslich um den Klerus zu sammeln, der uns vom Bischof von Hildesheim geschickt worden ist. Suchen wir ihnen das schwere Amt leicht zu machen, vermeiden wir alles, was ihnen Sorge bringen könnte, hören wir auf ihre Worte und, was wichtiger ist, handeln wir danach.
Dann, meine Herren, können wir uns nicht genug bemühen, sort und fort uns weiter zu bilden in den Lehren unserer heiligen Kirche. Wie die Dinge sich entwickelt haben, ist es nöthig, daß wir die Grundlehren unserer Kirche uns vergegenwärtigen, daß wir beschlagen sind, damit wir denen, die den Unglauben predigen, zu antworten verstehen.
Sodann haben wir vor allen Dingen dahin zu wirken, daß die äußern Mittel zum Kultus und zur Schule in genügender Weise vorhanden sind. Das ist für die Gemeind» Hannover nicht leicht, denn wir sind gerade nicht mit Reichihum ausgestattet. Aber das bleibt doch bestehen.
DieJrrbelhochzeit vr.Windthorfts.
Hannover, 1. Juni.
Das hs.Frohnleichnamsfest war in diesem Jahre für die Katholiken Hannover'» ein Fest- und Freudentag in des Wortes schönster Bedeutung. Die Betheiligung an der Prozession war eine gewaltige, besonder» die der Männer. Am Nachmittage war große» Volksfest auf Bella Vista. Wie groß die Zahl der Theilnehmer gewesen ist, vermag ich nicht genau anzugeben; jedenfalls find weit über 4000 Karten verkauft worden, Tausende von Kindern nicht gerechnet. Das Programm war rrichhaltig und gewählt. Wir verdanken das Arrangement auch diese» Festes Herrn Mufikdirektor Nhode. Nach dem ersten Theile war die „Huldigungsfeier" angefetzt. Wtndthorst erschien in Begleitung seiner Tochter kurz nach 5 Uhr, mit Hochrufen empfangen, und nahm in einem bekränzten Sessel Platz. Bald sammelten die Tausende fich um ihn und lauschten folgender Ansprache des Herrn Kaplan Schreiber:
Seit 20 Jahren ist es innerhalb unserer katholischen Gemeinde eine Gewohnheit, daß wir am hl. Frohnleich- namsfeste Nachmittags zur gemüthlichen Zusammenkunft uns hier vereinigen. Es ist das ein kleines, manchmal auch ein großes Familienfest. Am heutigen Tage ist die Bereinigung eine außerordentlich große geworden. Der Grund davon ist allgemein bekannt: es gilt, Sr. Excel- lenz dem Herrn Staatsminister Windthorst unsere Verehrung, Dankbarkeit und Liebe auszudrücken. Excellenz Windthorst hat in unserer Mitte seine goldene Hochzeit gefeiert, und das war für die katholischen Gemeinden Hannover und Linden ein außerordentlicher Anlaß, sich zu sammeln zu Glückwünschen für das Jubelpaar. Dieser Gedanke ist es, der auch die heutige Feier zu einer so großartigen gemacht hat. Mit allem Recht haben wir uns hier versammelt; denn wir feiern in Excellenz Windthorst den größten und berühmtesten Vorkämpfer unserer heiligen Sache. Jahrelang — deß sind wir alle Zeuge — ist Excellenz Windthorst der erste, muthigste und beredteste Streiter im Kampfe für die Kirche und ihre Freiheit. Wir waren All- Zeuge. Gar manche Jahre hat der Kampf getobt und viele traurige Ruinen geschaffen. Wir haben es empfunden. Aber inmitten des heißen Streites hat uns stets der Blick auf jene Schaar von muthigen Männern gehoben und getröstet, welche als Vertheidiger unserer Kirche austraten; und an der Spitze dieser Streiter stand Excellenz Windthorst. Der Erste war er, welcher an der Stelle erschien, der Letzte, der vom Plane ging, niemals überwunden, niemals besiegt. Excellenz Windthorst hat in diesem langen Kampfe die Fahne stets hochgehalten, und so ist sein Name allen katholischen Christen so verehrt und beliebt. Da, wo der Name Windthorst unter den Katholiken erklingt, da schlagen die Puls- schneller, da heben sich die Heiden. Ich wünschte mir nicht
Der Neffe.
Kriminalroman von F. A.
(29. Fortsetzung.)
»Herr, wenn ich diese Worte nicht Ihrem Unverstände zu Gute hielte, sollten ste Ihnen theuer zu stehen kommen. Wie können Sie wagen, solche Beleidigungen auszustoßenl" donnerte der Justizrath. „Das Testament ist unter Zuziehung meine» hier gegenwärtigen Kollegen, de» Rechtsanwaltes Heesch aufgesetzt, von Zeugen unterschrieben und rechtskräftig hinterlegt. Die Siegel find geprüft und unversehrt gefunden."
„Est ist Alle» in unangreifbarer Ordnung," nahm der Rechtsanwalt das Wort; e» erübrigt nur noch, daß Sie, Herr Kollege, fich erklären, in welcher Form Ste den Verfügungen de» Erblasser» nachkommen wollen."
„Ich behalte die Verwaltung de» Vermögen» vorläufig noch auf ein Jahr," sagte der Justizrath mit leiser, aber sehr vernehmlicher Stimme, während er seine Blicke zwischen den Erben hin- und herschweifen ließ.
„Ich bin sehr wohl damit zufrieden," verfitzte Meta.
»Aber ich nicht!" schrie Edgar. „Ich lasse mir
nur eine laute Stimm-, daß all' die Tausende, welche hier versammelt sind, mich hörten, sondern auch die Be- redtsamkeit eines Windthorst; denn nur mit solcher Be- redtsamk-it wäre es möglich, di- Verdienste zu schildern, welche Excellenz Windthorst um unsere Sache sich erworben hat.
Berehrte Anwesend-1 So ist Excellenz Windthorst Gemeingut, möchte ich sagen, für Katholiken int deutschen Vaterland geworden, ja Gemeingut der Katholiken auf dem ganzen westen Erdenrund.
Aber wir Hannooer'schen Katholiken nennen ihn besonders den Unserigen. Es ist unser Windthorst, und das macht uns stolz, das hebt unsere Brust, das bewegt unser Herz. Windthorst ist einer der Unserigen. Wir in Hannover sind es, die vor allen Uebrigen das hohe Glück haben, jetzt bei der seltenen Feier ihn bei uns zu haben. Das war in diesen Tagen in gar mancher Zuschrift von Nah und Fern ausgesprochen.
Noch in anderer Richtung sind die Verdienste unseres Windthorst für uns in Hannover von großer Bedeutung. Denn Windthorst ist es, der uns jenes Gotteshaus, die Marienkirche, erbauen hilft. Windthorst's Name wird durch diesen Bau bis in die fernsten Zeiten verkündet werden. Wir haben Windthorst unfern Dank abgestattet vorgestern durch den Fackelzug. Das waren die Männer. Auch die Fraum wollen Antheil nehmen; denn auch bei ihnen glüht di- Verehrung. Darum haben wir uns heute noch einmal zusammengefunden, ihn zu beglückwünschen. Möge Gottes Gnade uns unfern Windthorst noch lange Jahre erhalten, ihn, den beredtesten und thatkräftigsten Vertreter unserer heiligen Sache. Nehmen Sie, Excellenz, von den Tausenden, die hier versammelt sind, die innigsten Glück- und Segenswünsche entgegen; Aller Herzen schlagen warm für Euer- Excellenz. Ich bitte All-, kräftig in den Ruf einstimm-n zu wollen: Excellenz Dr. Windthorst lebe hoch! hoch! hoch!
Mit Freude und Begeisterung kamen die Tausende dieser Aufforderung nach. Sofort erhob fich Windthorst, um zu antworten:
Mein- hochverehrten, meine lieben Gemeindegenoffen! Es ist mir selten b-schi-d-n, an diesem Tage in Hannover zu sein; in den meisten Jahren haben die parlamentarischen Verhandlungen sich bis tief in den Sommer hinein gezogen und es war mir dann nicht möglich, am h. Frohn- l-ichnamsfest hier zu verweilen. Dieses Mal hat ein gutes Geschick eS gefügt, daß ich endlich doch ein Mal ein Frühjahr hier in meiner Heimath zubringen kann, und darin liegt für mich die freudige Gelegenheit, auch an diesem Feste Th-il zu nehmen, das unser verehrter Seelsorger so recht schön ein Familienfest genannt hat.
Ja, meine verehrten Genossen! Wir find hier in unserer Gemeinde eine große vollständige Familie und Jeder von uns gehört dem Andern an mit seinem Gebete, seiner Unterstützung durch Rath und That, in Noth und schweren Stunden, auch die Zwecke der Gemeinde zu fördern, was nöthig ist für unfern Kultus und für die Erziehung der Kinder. Als Gemeinde sollen wir uns fühlen wie eine Familie. So war es auch in den Zeiten der ersten Christen. Und merkwürdig genug ist es, wenn auch psychologisch erklärlich, daß gerade in den Zeiten, wo die
mein Erbe nicht vorenthalten, ich will mein Geld haben, ich will fort von hier."
„Es steht Ihnen nicht» im Wege, lächelte Lützel« mann, „ich bin auch bereit, Ihnen sofort die erste Rate Ihrer Revenue auszuzahlen.
„Fünftausend Mark," tobte Edgar und stieß einen entsetzlichen Fluch aus „damit gedenkt Ihr mich abzuspeisen! Hoho, hoho, Ihr dürftet Euch verrechnet haben! Ich erkläre das Testament für null und nichtig."
„Wer gegen das Testament Einsprache erhebt, ist ausgeschloffen, so steht e« mit klaren Worten darin," versetzte der Justizrath kalt.
„Elender Rechtsverdreher!" schrie Edgar, stürzte auf den schon bejahrten Mann zu und wollte ihn mit ben Händen am Halse würgen. Die beiden Protokollführer packten ihn und riffen ihn zurück; e» bedurfte aber des Beistandes noch einiger Herren, um den baumstarken Menschen, dem die Wuth Riesenkräfte verlieh, zu überwältigen und au» dem Zimmer zu befördern. Unter den furchtbarsten Drohungen und Verwünschungen verschwand er endlich.
Auch die übrigen Geladenen zerstreuten fich, Meta allein blieb noch bei dem Justizrath zurück.
„Sie haben seinen ganzen Zorn auf fich ge
laden," sagte sie bebend. „O, mein Gott, wenn er nun auch Ihnen ein Leid zufügte.
„Seien Sie ohne Sorge," antwortete der Justizrath gelaffen, „ich fürchte ihn nicht. Hätte ich noch einen Zweifel an der Berechtigung meiner Handlungsweise, so würde er durch bett soeben stattgehabten Austritt beseitigt worden sein. Der Besitz eines großen Vermögens giebt eine Macht, die man nicht in die Hände eine» Thoren legen soll."
„Und nicht in die eines schwachen Mädchen," ergänzte Meta. „Ich danke Ihnen von Herzen, daß Sie mir die Last abnehmen."
„Es werden sich hoffentlich bald kräftige Schultern finden, der S.e sie gerne tmfbürden, bis dahin will ich sie Ihnen tragen helfen," erwiderte der Justizrath lächelnd, ließ aber, als er fie schmerzlich zusammenzucken sah, das Gespräch sogleich fallen und fügte hinzu: „Ich bin Ihnen auch noch meinen Bericht über die Nachforschungen betriff» der mysteriösen Buchstaben schuldig."
„Sie haben Sie bereits angestellt!" rief Meta lebhaft.
„Was Du thun willst, das thue bald, ist mein Wahlspruch, und dennoch fürchte ich, zu spät gekommen zu fein."