Einzelbild herunterladen
 

JV126,

Montag, den 4. Juni.

1888

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 2. Juni.

* Der Kaiser wird nach den bis jetzt ge­troffenen Dispositionen den Monat Juni hindurch in Schloß Friedrichskron bei Potsdam resi- diren. Alsdann gedenkt derselbe sich aus 6 bis 7 Wochen nach Homburg zu begeben und von dort etwa um die Mitte des August nach dem Charlottenburger Schloß zurückzukehren. Letzteres soll allerhöchsten Bestimmungen gemäß bi« zur Rückkehr der Majestäten renovirt werden.

* Es unterliegt keinem Zweifel mehr, daß der Kaiser das Gesetz wegen Verlängerung der Land­tags-Wahlperiode unterzeichnet hat, wenn auch die Veröffentlichung im .Reichsanzeiger' bis jetzt noch aussteht. Daß dem Kaiser die Unterschrift schwer geworden ist, muß man schon aus dem Umstande schließen, daß in dem kaiserlichen Regierungsantritts- Erlaß die bedeutsame Stelle vorkam: Erschütterun­gen der Verfaflung im Reiche und in Preußen seien möglichst zu vermeiden. Die Unterzeichnung der Verlängerung der Reichstags-Wahlperiode ließ sich, nachdem die Zustimmung des Bundesrathes vorlag, kaum vermeiden. Anders lag der Fall bezüglich des preußischen Gesktzes, dem gegenüber dem König ein ausdrückliche» Veto zusteht. Wenn der König nun doch schließlich sauch das letztere Verfaffungsänderungr-Gesetz vollzogen hat, so that er e», wie man sich leicht denken kann, um den bekannten Schwierigkeiten au» dem Wege zu gehen, welche in bem V^rhältniß -***>

freisinnigen Partei begründet find. E» handelt sich um ein Gegenstück zuderOrdensverleihungs- Gefchichte. Die Ordensverleihungen an gewisse freisinnige Persönlichkeiten unterblieben, weil das Ministerium geltend machte, daß dadurch die Par­tei der Letzteren sich gestärkt fühlen könnte; aus demselben Grunde rieth das Ministerium zur Un­terzeichnung des von den Freisinnigen bekämpften Gesetzes. Dem Einfluß des Ministers v. Fried­berg gelang es, den Monarchen zur Unterzeich­nung zu bewegen; der Kaiser hat aber, um die Neuerung ihres Partei - Charakters zu entkleiden, die strengste Achtung der Wahlfreiheit ange­ordnet und diesem seinem Willen in einem Erlaß an den Minister v. Puttkamer besonder» Ausdruck gegeben. In diesem Erlaß erblickt Herr v. Putt-

Der Neffe.

Kriminalroman von F. A.

(28. Fortsetzung.)

„Man sollte meinen, die Gabe der Weiffagung sei Ihnen zu Theil geworden!" rief Meta, deren Augen leuchteten. „Wie danke ich Ihnen! Ich bitte Sie dringend, machen Sie diese Bestimmung geltend."

„Sie trifft auch Sie, Meta."

„Was thut das? Frage ich nach Geld ? Brauche ich es?" wiederholte sie. „Zeit gewonnen, Viel gewonnen."

„Co werde ich morgen Nachmittag um 3 Uhr in meinem Bureau das Testament publiziren und alle Betheiligten benachrichtigen laffen," sagte der Justizrath, indem er sich erhob.

„Roch einen Augenblick," bat Meta. „Sie er­weisen sich mir al» ein so hülfreicher Freund, lei­sten Sie mir noch einen Dienst."

Sie erzählte dem Justizrath von ihrem Zusam- mentrtffen mitBerthaSonnenberg, von demFunde, den da» junge Mädchen im Zimmer de» Ermor­deten gemacht hatte und von der üblen Aufnahme, die ihre Mittheilung bei dem Richter gefunden. Lietzelmann wiegte lächelnd den Kopf. „Rath Schwendler konnte nicht ander» handeln."

kam er eine Kritik seiner Thätigkeit al» Mnister und hat sich in Folge deffen entschlossen, eine Ge­schichte seiner ganzen Verwaltung zu schreiben resp, von seinen Räthen schreiben zu laffen, in derselben Weise, wie ja auch andere Minister, wenn auch au» anderen Anläffen, dergleichen Denkschriften ausarbeiten laffen. Am fruchtbarsten nach dieser Richtung hin ist bekanntlich Herr v. Stephan. Die .Kreuzzeitung' bezweifelt nicht, daß Herr v. Putt­kamer sich glänzend rechtfertigen werde, woran man bei seiner Geschicklichkeit eigentlich gar nicht zwei­feln kann. Es fragt sich nur, welchen Eindruck die Schrift auf den König machen wird. Wie es scheint, hat der König die Veröffentlichung des Gesetzes hinausschieben laffen, bis die Dar­stellung des Herrn v. Puttkamer vorliegt. Man darf gespannt darauf sein, welchen Ausgang die ganze Sache nehmen wird.

* Die .Franks. Ztg.' schreibt in einer Schilde- rung der Abgeordnetenhaussitzung vom 26. d.: Keines Ueberfalls gewärtig standen sie wieder einmal leicht verschanzt in ihrem Lager, die Herren vom Kartell und glaubten schon den ganzen Feldzug beendigt, da wurden sie noch in letzter Stunde fast wehrlos das Opfer einer kühnen und rücksichtslosen Attacke. Diesmal war es nicht der Herr Finanzminister, der wie Ziethen aus dem Busch über sie kam, sondern Richter mit seinem Häuflein, allerdings unterstützt von beifälliger Assistenz des C e n t r u m s. Ein Schlachten w ar's, nicht eine Schlacht zu nennen, die grausam lieber» ans? «

„unanständigen Kerl" schimpften, der ftei von der Leber weg und mit der kräftigen Rückstchtslofig- keit, die reinigend wirkt wie ein Gewitter, ihnen vor aller Welt da» ins Gesicht sagte, was schmun­zelnd geschehen zu laffen und in Privatkonmntikeln zu besprechen, in den letzten Monaten so ange­nehm und wirksam war. So schloß die Legislatur­periode, in der die Konservative« so stark warm wie seit der Landrathrkammer nicht, mit einem Knalle fftkt, der noch lange nachwirken wird, und die Herren vom Kartell find mit einem Abschied nach Hause geschickt worden, der ihnen hoffentlich gut bekommen wird.

* Laut Privattelegramm der ,Frkf. Ztg.' erklärt die .Norddeutsche' offiziös, daß an maßgebender

„Er durste diesen Beweis nicht so wegwerfend bei Seite schieben," sagte Meta unmuthig. „Ich bin entschloffen, die Sache nicht fallen zu laffen und bitte Sie, mir beizustehen."

„Von Herzen gern, liebe Tochter. Wo ist das corpua delicti?"

„Das Bandende? Das hat der Richter behalten."

„So ganz wegwerfend geht er also doch nicht damit um," schmunzelte der Justizrath. „Ich ver- muthe, Sie können e» mir beschreiben."

„Da» wollte ich meinen," war die Antwort, welcher eine sehr genaue Schilderung des Fundes folgte. Der Justizrath machte stch einige Notizen und empfahl sich mit dem Versprechen, schleunigst Nachforschungen anstellen zu wollen, behielt fich aber die Art und Weise derselben noch vor.

Am nächsten Tage trafen Meta und Edgar im Bureau des Justiraths Liktzelmann zusammen, der fie in Gesellschaft eines zu seiner Assistenz herbei­gezogenen Rechtsanwälte» und zweier Protokollfüh­rer empfing. Bald fand stch auch noch eine An­zahl anderer Personen ein, weitläufige Verwandte, frühere Angestellte im Geschäfte de» Verstorbenen, ehemalige und gegenwärtige Diener und Dienerin­nen seine» Hause», die sämmtlich mit Legaten be­dacht und au» diesem Grunde zur Eröffnung de» Testamente» eingeladen waren. Der gute Schmitt-

Stelle von einer Verfügung über die Beschränk­ung der Lehrziele der Volksschulen nichts be- kannt ist, noch an solche gedacht wird. Anscheinend liege eine Verwechselung mit den Vorschriften vor, die vorübergehend für die überfüllten zwei­sprachigen Schulen der Provinz Posen erlassen wurden.

* Zu Windthorst's Jubelhochzeit hat der heil. Vater Leo XIII. den Kardinal - Staats­sekretär Rampolla beauftragt, ein Glückwunsch­schreiben an Dr. Windthorst mit dem Versprechen zu richten, daß er aus seine Kosten in der neuen Marienkirche zu Hannover einen marmornen Altar werde errichten lassen. — Die Feierlichkeiten in Hannover wurden am Donnerstag mit einem Volksfest auf Bella Vista beschlossen, über wel­ches man der ,Germ.' meldet: Hatte das katho­lische Volk am Morgen freudig und lebendig wie noch nie durch sein Erscheinen bei der Frohnleich- namsprozesfion seinen Glauben bekannt, so fehlte es ebenso wenig Nachmittags, wo es galt, den edlen Vorkämpfer für unsere gute Sache zu feiern. Um 4 Uhr begann das Concert, zu dem bi« Mit­tag schon 3000 Karten gelöst waren. Immer neue Schaaren kamen nach Beginn der Festlichkeit herbei, so daß über 5000 Karten für Erwachsene ausgegeben wurden. Die Festlichkeit verlief ganz nach einem prächtig entworfenen Programm. Gegen

6 Uhr erschien Dr. Windthorst, in Begleitung seiner Tochter, mit stürmischem Jubel empfangen. Nachdem er einige Zeit ausgeruht, begrüßte Herr

, dj-. Mivr-Kreellenr'.', in als Anführer des unüberwindlichen Centrums, als unermüdlichen Kämpfer, al» Wohlthäter der Ge­meinde, als Erbauer der Marienkirche. Vieltausend­stimmig wurde das Hoch ausgebracht, zu dem der Redner aufforderte. Alsbald erhob sich der Ju­bilar zu einer längeren glänzenden Rede. (Die­selbe folgt in der morgigen Nr. unsere» Blattes. D. R.) Längere Zeit verweilte Windthorst noch in der Mitte des Volke«, da» nicht müde wurde, ihn immer wieder aufzusuchen und ihm seine Ver­ehrung zu bezeugen. Mehrere Telegramme trafen ein, so von einer polnischen Bauernversammlung, au« Hildesheim, worin die zur Festfeier versam­melten Katholiken Windthorst begrüßten; sogleich sandte Windthorst telegraphisch seinen Dank. Einen

chen hatte Keinen vergessen, der ihm jemals näher gestanden, und auch gemeinnützigen und wohlthä- tigen Anstalten reiche Vermächtnisse zugewendet.

Unter athemloser Spannung wurden die Siegel des Schriftstückes geprüft, unversehrt gefunden und der Umschlag entfernt. Dann räusperte sich der Justizrath und las nach den üblichen Eingangs­formeln zunächst die Namen der Personen, welche Legate empfingen, wie die jedem Einzelnen ausge­setzte Summe vor. ,

Die Mehrzahl der Bedachten hörten mit gefal- tenen Händen und jenem sonderbar wehmüthigen Gesichte, in welchem ein Auge zu meinen und rin« zu lachen scheint, der Vorlesung zu. Es gab kaum eine mißvergnügte Miene, da Niemand seine Er­wartungen getäuscht sah, Viele sie übertroffen san­den, und ein Murmeln der Zufriedenheit ging durch die Versammlung, al» der Justizrath erklärte, daß sämmiliche Legate innerhalb einer Woche zur Aus­zahlung gelangen sollten.

Der Vorleser machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: L _

„Meinen nach Abzug vorgedachter Legate ver­bleibenden Nachlaß, bestehend in der Besitzung und dem Schloß Helldurg, einschließlich der gesummten Einrichtung, sowie in einem in Staatspapieren an­gelegten Baarvermögen von ca. sechs Millionen