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Sonnabend, den 2. Juni.
Lulimr
| Zeitung.
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Erstes Blatt.
Deutsches Reich.
Berlin, 1. Juni.
* Der Kaiser hatte eine recht gute vom Husten wenig gestörte Nacht gehabt. Um 9 Uhr früh erfolgte die übliche ärztliche Konsultation, auf Grund welcher die Uebersiedlung nach Schloß Friedrichskron definitiv beschlossen wurde, obgleich das Wetter zu wünschen übrig ließ. Kurz nach halb 11 Uhr begaben sich die Majestäten nach der Dampf-Dacht „Alexandria", die vor dem Schloßpark ankerte. Die Frau Kronprinzessin begleitete die Majestäten, während der Kronprinz dieselben an Bord des Schiffe» begrüßte und sie sofort nach d-m Kajütenraum begleitete. Auf dem dem Park entgegengesetzten Spreeufer hatte sich ein nach Tausenden zählendes Publikum aufgestellt, welches den Kaiser mit jubelnden Hurrah- und Hochrufen begrüßte und als sich das Schiff langsam in Bewegung setzte, die Preußenhymne anstimmte. In Spandau hatten sich, bevor die Dacht in Sicht kam, die Vereine, Schulen, die städttschen Behörden u. s. w. aufgestellt, um den Kaiser jubelnd zu bewillkommnen. Die Dörfer am Havelufer hatten allenthalben für einen festlichen Empfang Sorge getragen. Mittags 1 Uhr landete die Dacht an der Glienecker Brücke zu Potsdam, von wo sich die Majestäten zu Wagen nach Schloß Friedrichrkron hegeben. Auch hier fand selbstredend enthusiastischer Empfang statt. Potsdam prangte in Flaggenschmuck und vor Schloß Sanssouci war die Schuljugend aufgestellt, die beim Herannahen der hohen Herrschaften patriotische Gesänge anstimmte.
* Ueber die denkwürdige letzte Sitzung de» Abgeordnetenhauses schreibt die »Freis. Ztg/: „Der Abg. Richter hatte sich erst entschloffen, an der Debatte theilzunehmen, als Abg. Friedberg nach seinen Zwischenrufen sich zum Wort meldete und damit weitere Angriffe auf die .greif. Ztg.' ankündigte. Inzwischen hatte Abg. Richter Zeit, sich Nummern der .Freisinnigen Zeitung' mit dem entsprechenden Material zur Charakteristik der Kartellbrüderschaft kommen zu laffen. Abg. Windt- horst trat dem Abg. Richter das Wort in der Reihenfolge der Redner ab. So kam es, daß un- mütelbar nach Friedberg Richter das Wort erhalten mußte. Friedberg selber aber war dies
Der Neffe.
Kriminalroman von F. A.
(27. Fortsetzung.)
Lietzelmann mochte ähnliche Ergießungen schon früher mit angehört und sie mit wenig Erfolg durch sogenannte Vernunftgründe bekämpft haben, omn er erwiderte nicht« darauf, sondern ergriff Meta s Arm, führte sie zu einem Seffel und sagte, indem er für sich einen zweiten herbeizog:
»Setzen Sie sich, liebe Meta, ich habe mit Ihnen zu reden."
«• nahm Platz und blickte ihn erwartnngs-
„Jch muß morgm da« Testament Ihres Onkels eröffnen."
„Morgen?" wiederholte Meta erstaunt. „Wes- halb so früh? Hätte da» nicht noch Wochen nach dem Tode des Onkels Zeit?"
»Er hätte Zeit, wenn keiner der BetheUigten die Eröffnung beantragte. Nach der Bestimmung de» Verstorbenen muß es aber vom Tage nach der Beerdigung ab geschehen, sobald Jemand, von dem A weiß, daß er im Testamente bedacht ist, die Publicirung verlangt."
freilich sehr verdrießlich. Er erhob sich deßhalb bei dem Antrag auf Schluß der Diskussion, um unmittelbar nach seiner Rede im Widerspruch mit allen Regeln des parlamentarischen Anstande» den Gegner mundtodt zu machen. Erst die lebhaften Zwischenrufe von der linken Seite veranlaßten ihn, sich niederzusetzen; aber der große Theil der Nationalliberalen stimmte mit den konservativen Parteien für den Schluß der Diskussion. Nur der Uir stand, daß viele Kartellbrüder voreilig abgereist waren, bewirkte e», daß die Diskussion nicht geschlossen wurde nnd der Abg. Richter noch zum Wort kam. Auch bei dieser Gelegenheit zeigte e« sich wieder, daß die nationalliberale Partei im Abgeordnetenhause völlig führerlos war.
* Posen, 29. Mai. Auch die polnische Pr.sse bringt dem Abg. Dr. Windthorst ihre Glückwünsche dar. Der ,Kmysr Pozn.' sagt, daß er au» vollem Herzen den Glückwünschen der deutschen Katholiken int Namen seiner Leser, sowie weiterer Kreise der polnischen Nation sich anschließe. In der Person des Abg. Windthorst verehre die polnische Nation ihren ehrwürdigen Freund und Vertheidiger, welcher stets bereit sei, im parlamentarischen Kampfe den Polen sowohl auf dem Gebiete der kirchlichen, al» der nationalen Rechte zu Hilfe zu kommen. Aus allen Worten desselben wehe der Geist eines befreundeten Wohlwollens für die Polen und der väterlichen Mahnung, bei Vertheidigung der Rechte der Polen sich stets auf gesetzlichem.Boden zu halten. In ähnlicher Weise spricht auch der »Dztennik Pozn.' sich aus.
* Hamburg, 29. Mai. Der »Kreuzztg.' wird von hier geschrieben: Bei der Feier des Jubiläums des Papstes hielt der Abgeordnete Dr. Windthorst hier in Sagebiel'« Etablissement eine Rede, in welcher er hervorhob, daß Hamburg in absehbarer Zeit der Sitz eines Erzbischofs fein müsse, und daß hier eine große katholische Kirche, welche stella maris beißen müsse, erbaut werden solle. Der Papst^gab den ersten Beitrag zu dieser Kirche in der Höhe von 10,000 M.; unter den in Hamburg lebenden etwa 16,000 Katholiken kamen 40,000 M. zusammen. Der Senat hatte schon ftüher zugesagt, daß der katholischen Gemeinde in St. Georg ein entsprechender Platz zum Kirchenbau überwiesen werden sollte. Jetzt hat aber der Senat seine frühere Zusage zurückgezogen, da man mit einem so kleinen Kapital keine Kirche bauen könne.
„Und da» ist geschehen?"
Ja."
„Durch MN?"
„Durch Ihren Vetter, Edgar Wanderer."
Meta fuhr empor.
„Ec verlangt, kaum daß sich da» Grab über den Onkel geschlossen hat, in den Besitz der Erbschaft zu treten?"
„So scheint es."
„Das ist empörend."
„Wie man e« nimmt," versetzte der Justizrath achselzuckend; „ich kann ihm so ganz Unrecht nicht geben."
„Wann war er bei Ihnen?"
„Vor ein paar Stunden."
„Welche Gründe gab er für seine pietätlose Eile an?"
„Ec mag nicht länger in Hamburg, überhaupt nicht in Europa bleiben —"
„Da haben Sie e«!" rief Meta aufspringend. „Können Sie einen stärkeren Beweis für seine Schuld finden?"
„Die Gründe, die er angab, find stichhaltig. Man versolge ihn hier mit Haß und Mißtrauen,"
* Aus Thüringen, 30. Mai. Sehr charakteristisch für die nationalliberale und konservative Presse in Thüringen, sowie in dem benachbarten Sachsen ist e», daß der Mehrzahl ihrer Blätter der Bericht über die Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 26. Mai, in welcher der Abg. Eugen Richter die Hetze charak- terisirte, welche im Monat April bei Gelegenheit der Kanzlerkrisis von einem Theile jener Presse in Szene gefitzt wurde, verloren gegangen ist! In vielen dieser Blätter sucht man vergeblich nach einem Berichte über jene Sitzung, so daß die Leser gezwungen sind, die» in freisinnigen Zeitungen zu thun. E» ist das ein Beweis dafür, daß sich die Kartellpreffe getroffen fühlt. Andere bringen einen ganz kurzen Bericht über die Annahme de« Volkrschulgeld - Gesetz-», ohne die übrigen Vorgänge auch nur mit einem Worte zu erwähnen.
• München, 1. Juni. Die dritte internationale Kunstausstellung ist heute Vormittag durch den Prinzregenten Luitpold in feierlicher Weife eröffnet worden. Sämmtliche Prinzen und Prinzessinnen wohnten dem Akte bei. Der Präsident der Ausstellung Stieler begrüßte den Regenten, welcher in seiner Erwiderung sagte, er heiße die Vertreter der Kunst von den fremden Nationen willkommen, er begrüße die Ausstellung als Frucht der hundertjährigen Kunstentwicklung Münchens und sehe diesen Resultaten mit Befriedigung wie den früheren entgegen.
* Straßburg, 1. Juni. Bekanntlich wird von gestern ab ein Paß mit dem Visa der deutschen Botschaft zu Paris gefordert für alle Ausländer, welche über die französische Grenze zureisen, sowie für alle französischen Staatsangehörigen, die da» Reichsland über die französische, schweizerische, luxemburgische oder deutsche Grenze betreten und sich im Lande länger al» 24 Stunden aufhalten wollen. Wer einen solchen Paß nicht hat, wird zurückgewiesen. Die näheren Bestimmungen besagen im Wesentlichen:
Vom 31. Mai ab müssen alle über die französische Grenze zureisenden Ausländer, ohne Unterschied, ob sie auf der Durchreise begriffen sind oder im Lande Aufenthalt nehmen wollen, sich im Besitze eines Paffes befinden, sonst werden sie zurückgewiesen. Das Visa darf nicht älter sein als ein Jahr. Gewerbe-Legitimationskarten für ausländische Handlungsreisende ersetzen den erforderlichen Paß nicht. Französische Staatsangehörige, welche mit einem von der deutschen Botschaft in Paris visirten Passe versehen sind, bedürfen vorbehaltlich einer Erlaubniß zum Aufenthalte in Elsaß-Lothringen nicht, sofern der Aufent
sagte er, „und seine liebste Hoffnung sei mit dem Onkel begraben worden."
Meta wurde glühendroth und blickte vor sich nieder.
„Sie wissen, auf welche Hoffnung er anspielt," fuhr der Justizrath, ihre Hand ergreifend, fort: „Meta, ich begreife es, daß Sie diesen Vetter nicht lieben, daß Sie seine Wünsche nicht erhören können; aber ich zweifle nicht daran, daß er Sie liebt mit der ganzen Kraft und Wildheit fernes ungebändigten Naturell«."
Das junge Mädchen schauderte. „O, da« ist entsetzlich, da« vermehrt nur meine Furcht vor ihm. Wie entgehe ich ihm?"
„Sie dürfen besser von ihm denken, er überhebt Sie dieser Furcht; er will nicht nach Hellburg zurückkchren und hat sich für die Zeit, die er noch in Hamburg bleiben muß, in ein Hotel einquartiert."
„Da» böse Gewissen scheucht ihn von hier," flüsterte Meta.
Der Justizrath schüttelte den Kopf. „Sie sind hartnäckig, Kind."
„Und Sie zu vertrauensvoll. — Sie wollen also wirklich morgen da« Testament eröffnen?"
„Ich muß."