j\g 124. Freitag, den 1. Juni.
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Rede des Abg. Dr. Windthorst gehalten bei der Schlußberathung de» Schullasten- gesetzc» im preuß. Abgeordnetenhause am 25. Mai.
In der gegenwärtigen Session hat keine Abstimmung eine so große und tiefe Bedeutung gehabt wie diejenige, die heute vorgenommen werden soll. Das Herrenhaus hat nach meinem Dafürhalten einen sehr bedenklichen Beschluß gefaßt; mag man ihn annehmen oder ihn verwerfen: in beiden Fällen ist die Sache sehr schlimm. Und wenn ein hervorragendes Mitglied des Herrenhauses (Herr v. Kleist- Retzow) in der Preise aus Parteirückstchten die Annahme dieses Beschlusses empfiehlt, so habe ich Erstaunen darüber empfunden, daß ein Mann, der in seinem ganzen Leben auch die kirchlichen Interessen in Betreff der Schule anerkannt und vertreten hat, jetzt am Abende seines Lebens den Weg beschreitet, der die Schule unwiderbringlich voll und ganz in die Hände des Staates bringt. Was dann die Erklärung des Herrn v. Rauchhaupt betrifft, so gebe ich ja zu, daß man bei längerer Diskussion über eine Aage eine andere Meinung gewinnen kann, wo es sich um Opportunitätsfragen handelt, aber bei Rechtsfragen und Gewiffensfragen, die man nach vorgängiger ernster Erwägung mit Ja beantwortet hat, kann man nach ein paar Wochen nicht Rein sagen, roenn keine neuen Gründe angeführt werden. Darum wird auch der salto mortale der Herren, die heute anders stimmen wollen, im Lande nicht verstanden werden, das Vertrauen zu denen muß sich mit Nothwendigkeit vermindern, die in so kurzer Frist absolut andere Ansichten gewinnen. Man wird sich im Lande sagen: Da sind noch andere Gründe geltend gewesen, als solche, welche man hier vorgebracht hat.
Sind denn diese Männer geeignet, in den schweren Kämpfen der Gegenwart die öffentlichen Interessen zu vertreten? Kann man sich auf dieselben noch verlassen?
I (Sehr gut! im Centrum und links.) Die deutschen Parlamente ohne Ausnahme haben leider nicht viel mehr an * Ansehen zu verlieren; wir sind, wenn wir uns auch für viel besser halten, auf denselben Wgm, die in Frankreich gewandelt werden, roenn diese dort auch schärfer hervortreten.
Um den Herren, die umfallen wollen, zu Hilfe zu kommen, sagt heute der Minister, es seien viele, die bei der ersten Abstimmung ihre eigentliche Ueberzeugung nicht ausgesprochen, sondern in Rücksicht auf Fraktionsgenossen gestimmt hätten. Für mich und meine Freunde lehne ich eine derartige Insinuation entschieden ab. (Lebhaftes Bravo! im Centrum.) Ich hätte erwartet, daß ein starker Protest von allen Seiten sich geltend gemacht haben würde, statt vereinzelter leichter Zustimmungen. Ich bedauere, daß es Volksvertreter gibt, die dem Herrn Minister zu seinen Behauptungen ein Relief zu geben, keinen Anstand gefunden haben. (Sehr gut! int Centrum.) Dann hat es mich befremdet, daß in dieser Berfaffungs- frage der „Geldmann", der Finanzminister selbst die Leitung hat, während die Verfaffungsfrage in erster Linie den Kultusminister und den Justizminister angeht. Der Herr
Der Neffe.
Kriminalroman von F. A.
(26. Fortsetzung.)
g "Unb wer sagt, der Baumeister Georg Sonnenberg sei der Mörder, der spricht eine niederträchtige," fuhr der Alte heraus, „mein Sohn
, "Sie itnb bet Vater bes Angeklagten?" unter- brach ihn bet Frembe. „O, verzeihen Sie, hätte ich bas ahnen können —"
sprach man?" fragte Bertha und ihre m an bcn Lippen bes jungen Manner, mfr” ®ie sich, mein Fräulein, „wenn golJ« Stimme Gottes Stimme ist. so ist Ihr Bruder unschuldig, man spricht ihn frei, man be- zeichnet einen andern als den Mörder."
Bertha nickte. „Ich weiß es", sagte sie leise, l „diese Vermuthung ist aber nicht minder entsetzlich, der eigene Neffe de« Verstorbenen.
„Den er erzogen hat?" fragte der Fremde.
i w "C 5 t doch, er ist erst seit ein paar Monaten yter. Haben Sie den untersetzten jungen Mann
- mit dem schwarzen Haar und den schwarzen Augen Nicht gesehen?"
„Der so furchtbar jammerte und schrie?" „Derselbe; da« ist Edgar Wanderer —" „Edgar Wanderer!" wiederholte der Fremde unwillkürlich.
Kultusminister aber sagt gar nichts (Heiterkeit), nachdem ein Privatkonventikel in seinem Hause das Gesetz mit dem Verfassungsparagraphen redigirt hat. (Hört! Hört! im Centrum.) Er hatte also seinerseits zugestimmt. Daß der Herr Finanzminister hier mit noch größerer Entschiedenheit als im Herrenhause aufgetreten ist, muß ich mir aus dem Depeschenwechsel zwischen Berlin und Barzin erklären (H-iterkeit), aber für unannehmbar mit dem § 7 hat der Minister auch heute das Gesetz nicht erklärt. Und bei einer Verfaffungsfrage darf die Regierung niemals erklären, daß die Ueberzeugung des Hauses für sie unannehmbar sei. (Sehr richtig! im Centrum.) Die Regierung selbst hat ja auch die Verfaffungsfrage keineswegs für unbedenklich gefunden, indem sie in den Motiven ausdrücklich sagt, daß der Staat jetzt in die Reihe der Verpflichteten eingeführt werde, wozu er also nach Artikel 26 der Verfassung nicht gehört. Wenn die Sache so liegt, hätte die Regierung eine Vorlage machen sollen, welche diese Zweifel löst und so ein richtig geordnetes Vorgehen aller Faktoren zuläßt. Ich will dem Gewissen der Regierung keinen Zwang anthun, aber wir bitten auch uns zu respektier n. Aber solche Beeinflussungen und Pressionen zu gebrauchen, um die gewissenhafte Ueberzeugung zu beugen und seinen Willen durchzusetzen, das ist nach meiner Auffassung ein Verbrechen. (Sehr gut! im Centrum.)
Es wäre wohlwollend für alle gewesen, namentlich für die Konservativen, wenn die Regierung bei dem ausgesprochenen Gegensätze zwischen diesem und dem anderen Hause jetzt die Sache ruhen gelassen und in der nächsten Session aus sich heraus die nöthigen Anträge gestellt hätte. Redner weist sodann darauf hin, wie von dem konservativen Abg. Sack und von dem Abg. Reichensperger bei den früheren Debatten unwiderleglich ausge- rührt sei, daß die Vorlage mit Art. 25 der Verfassung in Widerspruch stehe und gibt dann den Konservativen zu erwägen, ob das Centrum, falls die Konservativen bei § 7 umfallen, bei § 1 an den seinerseits gemachten Konzessionen festhalten solle. Wir haben beschlossen, uns ganz und gar auf den Boden der Vorlage des Herrenhauses zu stellen, mit Ausnahme des S 6a, dessen Wiederaufnahme ich mit meinen Freunden beantrage. Dadurch beweisen wir sehr klar, wie ernst es uns ist, das Gesetz zu Stande zu bringen und den Gemeinden die Erleichterung baldmöglichst zu Theil werden zu lassen. Wir thun es zwar ungern, insofern es unfein Auffassungen widerstrebt, den Staat hier so sehr in den Vordergrund zu drängen und möchten lieber einen möglichst hohen Betrag der Grund- unb Gebäudesteuer den Gemeinden überweisen. Auf diese Weise würden die Gemeinden die volle Freiheit in ihren Mitteln.bekommen und im Stande sein, dieselben in richttgster Weise, also auch für die Schulen zu verwenden. Wir hätten ferner gewünscht, es wäre von diesen Geldern bereits jetzt ein erheblicher Theil gegeben worden für die Gehaltsverbesserung der Volksschul, lehrer, aber der schulpolittsche Finanzminister (Heiterkeit) will das nicht, wett er ein enragirter Anhänger der Staatsschulen ist und darau» alle anderen Faktorm verbannen will. Das ist aber nicht konservativ, sondern
„Ja, der Neffe be» alten Herrn Schrntttchen." . „Unb bis schöne junge Dame in ber tiefen Trauerkleibung, bie neben ihm staub?"
„Das war Meta Schmittchen, bie Nichte bes Verstorbenen."
„Sie unb ber Bursche, ber Ebgar, stnb seine einzigen Erben, unb ber Alte hinterläßt einen hübschen Posten, wenn er auch mit bem unsinnigen Schloßbau viel Gelb verschwenbet hat," fiel Sonnenberg ein, ber fich nun von ber Harmlosigkeit seines Begleiter« überzeugt haben mochte unb sich in seiner Weise an ber Unterhaltung beseitigte. Dem Mädel gönne ich'«, aber mit dem schwarzen Gesellen ist'« nicht geheuer."
„Vater, ich kann ihm eine so furchtbare Schlechtigkeit doch nicht zutrauen," sagte Bertha.
„Traust Du sie etwa bem' eigenen Brnber zu? Einer muß e» doch gethan haben?"
„Wenn man so starken Verdacht gegen ben — den Neffen hat, weßhalb läßt man ihn aus freiem Fuß?" fragte der Fremde.
„Weil er schlau war und alle Beweise auf meinen unglücklichen Jungen gewälzt hat. Er war nicht hier, hat sein Alibi, wie sie er nennen, nachgewiesen, nritb sein Geld einsacken und ist eine» schönen Morgen« Heidt!"
„Warum sollte er denn aber den Mord begangen haben?"
radikal ä la Floquet. Sie sind in diesen Dingen auf den radikalsten Wegen der radikalsten Franzosen. (Sehr richtig! im Centrum.) Se. Majestät der regierende Kaiser und König hat in seinem Erlaß an den Reichskanzler für ein gedeihliches Schulwesen seine (stimme in einer Art erhoben, welche ihm die Bewunderung der Nachwelt sichern wird, vielleicht dann am meisten, roenn seine Minister seine Ansichten am wenigsten befolgt haben werden. (Hört, hört! im Centrum.)
Nun haben wir in Blättern gelesen, daß es wesentlich darauf ankomme, die Konservativen zu hindern, mit der Centrumsfraktion zusammen etwas zu machen. Das Cen- trum soll isolirt werden und man denkt dann um so besser agiren und in den Fragen, welche gerade vom Centrum in Beziehung auf Schule und Kirche vertreten werden, sich um so freier bewegen zu können. Es ist höchst erbaulich, wie die Herren am Centrum vorbeizu- passiren suchen und doch alle Augenblicke hängen bleiben. (Sehr gut! im Centrum.) Jsoliren Sie uns, sprechen Sie sehr oft aus, wir seien gefährliche Leute, aber bedenken Sie, daß es eine wirksamere und nachhaltigere Reklame für uns nicht gibt. Meinen Sie, daß Sie die 16 Millionen Katholiken in Deutschland ifotiren können? Dann werden die Katholiken Manns genug sein, sich aus dieser Jsolirung herauszureißen und Ihnen recht gründlich ad ocnlos auf dem Rücken zu zeigen, daß sie da sind. (Heiterkeit.) Wir sind aber einmal in diesem Lande zusammengebracht und müssen zusammen leben. Man glaubt vielleicht, durch eine sog. geschlossene Kartellgesellschaft immer feinen Willen durchsetzen zu können und die Kartellwirthschaft dadurch zu fördern, daß die Konserva- tiven becimirt und die Herren auf der Linken entsprechend verstärkt werden. Der Herr Finanzminister wird ja von diesen Plänen mehr wissen, ich kann nur andeuten, was ich glaube. Redner wiederholt dann zum Schluß seine Bereitwilligkeit, das Gesetz zustande zu bringen; aber wir müssen Halt machen vor dem Berfassungsparagraphen und vor dem Gebot unseres Gewissens. In dieser Zeit, wo nichts mehr festzustehen scheint, müssen wir die Verfassung wenigstens, soweit es irgend möglich ist, aufrecht erhalten, Das ist eine Aufgabe würdig jedes Vertreters des Volkes. (Bravo! im Centrum.)
Deutsches Reich.
Berlin, 31. Mai.
* lieber bie morgige UeberRebelung der kaiserlichen Familie von Schloß Charlottenburg nach Schloß Friedrichskron haben bie kaiserlichen Majestäten definitive Entschließung sich noch vorbehalten. Dieselbe hängt vom Wetter ab. Die vergangene Nacht war für ben Kaiser eine günstige.
* Da» Gesetz über bie Verleihung von Korporationsrechten an Orben wirb im.Staatsanzeiger' publizirt. Es lautet:
„Um bie Erbschaft einzuheimsen," lachte der Alte ingrimmig.
„Ich denke, die war ihm sicher, oder fürchtete er, ber Onkel könne sich anber» besinnen?"
„Das hätte der alte Herr Schmittchen kaum gethan, obgleich ihm der Neffe nicht sonderlich gefiel," entgegnete Bertha, „das hat mir Meta Schmittchen selbst erzählt. Sie müssen wissen, e« hat eine eigene Bewrndtniß mit ihm, er hat fich erst seit Kurzem wiedergefunden."
„Wikdergefunben? Wie meinen Sie bas?"
Bertha erzählte, was ste von Ebgar Wanderer« Geschichte durch Meta Schmittchen erfahren hatte und ber Frembe hörte ihr mit ber größten Aufmerksamkeit zu. „Wessen Sie gewiß, baß er die Papiere gebracht hat?" fragte er, al« sie geendet.
„Ob ich da« gewiß weiß?" wiederholte da« junge Mädchen beinahe beleidigt, „ja wenn er die Papiere nicht gehabt hätte, so hätte er fich doch nicht aurweisen können."
„Bloß auf sein schön Gesicht hin, würde der alte Schmittchen ihn doch wohl nicht auf- und angenommen haben," lachte der Alte, „da könnte Jeder kommen und die Erbschaft schlucken wollen."
„Sie haben Recht, bie Papiere find der einzige Beweis für bie Echtheit," sagte der Fremde mit einem tiefen Seufter. „Haben Sie Dank für Ihre freundliche Auskunft," fügte er, den Hut ziehend,