1888
Mittwoch, den 30. Mai.
V 123.
Wege« des hl.Frohnleichnams- festes wird die nächste Rümmer unseres Blattes erst am Freitag ansgegeben.
Der Neffe.
Kriminalroman von F. A.
(25. Fortsetzung.)
VIII.
Die sterblichen Ueberreste de» ehemaligen Rheder» Christian Schmittchen wurden auf dem Nckolai- kirchhof zu Hamburg in der Familiengruft bestattet, die er vor Jahren bei dem frühzeitigen Tode seine» Bruders und dessen Frau gekauft, und wo er sich selbst die Ruhestätte bereitet hatte.
Gleichzeitig mit ihm trug man auch den alten Martin zu Grabe, der, getreu bi» in den Tod, bei der Vertheidigung seine» Herrn da» Leben ge- taffen hatte.
Ein unabsehbarer Zug von Leidtragenden folgte den beiden Särgen, der Kirchhof und die angrenzenden Straßen waren dicht besetzt von Schaulustigen und TheUnehmenden.
Schmittchen war eine bekannte und beliebte Persönlichkeit gewesen, sein plötzlicher furchtbarer Tod hatte da» größte Aussehen erregt, in allen Gruppen wurde der Mord lebhaft besprochen, man beschuldigte den der Thar verdächtigen Architekten mit der größten Heftigkeit und nahm ihn mit eben solchem Eifer al» fälschlich angeklagt in Schutz.
Gn Gegenstand der allgemeinsten Neugierde und
Inserate: Die «Mspalttge Zeile oder deren Raum 15 Pi., be, Wiederholungen en.sprechcn.er RabE.
Deutsches Reich.
Berlin, 29. Mai.
* DerKaiser hat gestern den Geheimen Medi- zinalrath Prof. Dr. Virchow empfangen, der in Gegenwart de» Dr. Mackenzie den Hal« de» hohen Patienten untersuchte. Rach der Untersuchung hatte die Kaiserin eine halbstündige Unterredung mit Dr. Virchow über die Ergebnifle der Untersuchung. — Die seiner Zeit stattgefundene Auswechselung der silbernen Kanüle durch eine solche von Aluminium bei dem Kaiser dürfte auf Veranlassung einer Abhandlung erfolgt sein, die seiner Zeit Dr. Zaleski an der Universität zu Dorpat „über Un- zweckmäßigkeit der Silberkanülen nach Tracheotomie" in der.Berliner Klinischen Wochenschrift' veröffent- licht hat. Dem Genannten ist im Auftrage de» Kaiser« vom Hofmarschallamt ein Dankschreiben zugegangen.
* Wie die .Nationalzeitung' erfährt, hat der Kaiser da« Gesetz über die Verlängerung der Legislaturperiode in Preußen vor einigen Tagen unterzeichnet. — Der Kaiser hat bestimmt, daß beim Gardes du Corps-Regiment sowie bei sämmtlichen Kürassier-Regimentern der Küraß für die feldmarschmäßige Ausrüstung in Wegfall kommt und daß diese Regimenter mit dem Karabiner M/71 unter Fortfall de« Revolvers M/79 bewaffnet werden.
• Unter der Spitzmarke „Die Kartellbrüder auf der Anklagebank" schreibt eine Berliner Centrums - Korrespondenz über die Sitzung des preuß. Abgeordnetenhauses vom 26. d. M.:
„Das war heute wieder eine lehrreiche und stürmische Sitzung, die letzte der Session. Zur Berathung standen die Eldinger Wahlbeeinflussungen, im Anschluß daran wurden aber auch die brutalen Angriffe der Kartells resse gegen die Kaiserin gebührend gegeißelt. Der erstere Gegenstand trat sogar gegen den zweiten völlig zurück. Vorher hatte die Kartellmehrheit das Ganze des Schulgesetzes mit 197 gegen 121 Stimmen angenommen. Die Kommission hatte einstimmig die beiden Wahlen in Elbing-Marienburg für ungiltig erklärt, einmal wegen ungesetzlicher Wahlkreisgeometrie, dann aber wegen Geldentschädigung an die Wähler. Auf erstere Thatsach« war das Hauptgewicht gelegt. Die beste Taktik wäre es nun gewesen für die Konservativen, die Ver
nichtung der Wahl einfach zu unterschreiben. S,e wären dann auch alS Vertreter freier Wahlen erschienen. Statt deffen vertheidigten sie die allgemein in der Kommission verurtheilte Wahlgeometrie bis auf einen ganz horrenden Fall, der absolut nicht zu entschuldigen war, sie beriefen sich zur Entschuldigung der landräthlichen Agitatton sogar aus den bekannten königlichen Erlaß, ja Herr v. Rauchhaupt trieb die Sache förmlich auf d,e Spitze, indem er der Volksvertretung sogar das Recht bestritt, an den Herren Landräthen die verdiente Kritik zu üben. Ihn führte der Abg. Bachem heim, der entschieden gegen die Wahlkreisgeometrie auftrat, die lange Verschleppung der Wahlprüfung beklagte, aber auch auf beste Abhilfsmittel dagegen hinwies, nämlich auf Bestellung mehrerer Wahlprüfungskommissionen statt der bisherigen einzigen. Nun kam ein natio"alliberales Schreckenskind, der wegen seiner Kulturkampfsarbeiten be—rühmte Professor Frieberg; der Abg. Richter wurde dadurch geradezu zur Beleuchtung des Respektes der Kartellpresse gegenüber derKaiserin und demlerden- den Kaiser herausgefordert. Eugen Richter wies in einem Tone, der durch das ganze Haus brauste, auf die Angriffe der Kartellpreffe gegen die Kafferm hm, auf die Agitation gegen die freien Entschließungen des Kaisers in Betreff der Beibehaltung des Fürsten Bismarck und Warf schließlich die Frage auf, wie die Verlobungsangelegenheit, die doch nur zwischen dem Kaffer und B,s- marck verhandelt sei, in dieOeffentlichleit gekommen und zwar sogar nach Beilegung derselben? Rechter sprach auch seine Verwunderung darüber aus, daß dieBeleidigungs- artikel der Kartellpreffe nicht von den Staatsanwälten unter Anklage gestellt mord".. s . D^s war wieder der frühere Richter mit ferner rücksichtslosen Schärfe, welche dann das regelmäßige Fernbleiben des Reichskanzlers zur Folge hatte. Anfangs suchten die Kartellabgeordneten Richter durch ihr Gemurmel zu übertönen, doch je lauter dieses wurde, desto mehr hob sich die Stimme des Redners Laute Rufe „zur Sache", ein wahres Gebrüll erhob sich auf den Kartellbänken, als Richter immer schärfer, immer deutlicher wurde und am Schluß darauf hinwies, wie die Minister selbst bei Gnadenerlassen demKarser gegenüber ein Einspruchsrecht ausübten,aber gegen die Kontrolle der Volksvertretung ern Veto ein legten, und den Ausspruch that, es sei ihm selbst das absolute Regiment noch lieber als eine solche Stellung der Minister. Nun spielen die Kartelbrüder dre Entrüsteten. Sie, die vorher sich nicht gescheut, bei ungesetzlicher Wahlagitation den königlichen Erlaß anzuziehen, sie fanden es unverzeihlich, daß der frelstrmlge Redner den König in die Debatte gezoaen habe. Ganz naiv meinte ein Konservativer sogar, Richter habe tote Dinge nicht im Hause, wo er vor dem Staatsanwalt sicher sei, sondern in einer Volksversammlung Vorbringen sollen. Schließlich verstiegen sich alle drei Kartellhäupter dazu, jede Verantwortlichkeit mit dem „Gesindel abzulehnen, das die schamlosen Artikel geschrieben, freilich wurde ihnen aber nachgewiesen, daß lauter national- liberale und konservative Blätter daber bethemgt waren. Ein Vorwurf aber bleibt auf ihnen sitzen, und das ist der Vorwurf, daß sie bis heute gegen jenes Treiben
de» Neides waren ferner die Hinterbliebenen des Verstorbenen, die Erben seines kolossalen Vermögens.
Meta hatte es sich nicht nehmen lassen, dem geliebten Onkel da« Geleite bis zum Grabe zu geben. Todtenbleich, aber still und gefaßt stand sie in ihren schwarzen Gewändern neben dem geöffneten Gewölbe, in welchem bereits ihre Ettern ruhten, und hörte in tiefster Erschütterung die ergreifenden Worte an, die der Pastor Friedrich seinem langjährigen Freunde nachrief.
Mit der würdevoll gehaltenen Trauer des jungen Mädchens kontrastirte Edgars lauter, tobender Schmerz in wunderlicher Weise. Er schrie und schluchzte, ballte, als der Pastor von dem Mörder sprach, die Fäuste, stieß Drohungen und Verwünschungen in spanischer, englischer und deutscher Sprache so vernehmlich aus, daß alle Umstehenden sich betroffen anblickten. Meta mahnte ihn leise, sich zu besinnen, wo er sei und seinem Ungestüm Zügel anzulegen.
„Sind alle diese Kundgebungen lediglich bte Schmerzenräußerungen eines rohen Gemüthes, da» sich nicht zu beherrschen vermag, oder offenbart sich darin Schuldbewußtsein und Reue?" war di Frage, welche sich Meta wieder vorlegte. Unwille kürlich wandte sie sich schaudernd ab, als Edgar
ihrer Blätter öffentlich nicht protestirt. Die Sitzung war vielleicht die stürmischste der ganzen Session. Der Lärm, den die Konservattven verübten, als Richter das Gebühren der Kartellpresse während der Kanzler!risis in wuchtiger Weise geißelte, überstieg das sonst auch bei heftigen Debatten übliche Maß."
* Gne sen, 25. Mai. Dem verstorbenen Weih- bischofKorytkowSki, Titularbischof von Herrno- polis, soll im Gnesener Dom ein Denkmal errichtet werden. Die Geldsammlungen haben bereit» begonnen.
Ausland.
• Bern, 26. Mai. Der hochwürdigste Bischof von Basel, Msgr. Fiala, ist am 24. d. 12 Uhr 15 Min. Nachmittags, nach einem langen und schweren Todeskampfe gestorben.
* B r ü s s e l, 28. Mai. Die offizielle Eröffnung der hiesigen Welt-Ausstellung wird durch den König am 6. Juni stattfinden.
* In Turin wollte ein Redakteur der,Offer- vatore Romano' am Samstag über das neue Strafgesetzbuch einen Vortrag halten. Sein Vorhaben wurde durch Studenten vereitelt, welche in Schaaren zu dem Vortrage sich eingefunden hatten und durch fortwährendes Toben den Redner am Sprechen hinderten. Die Versammlung wurde schließlich durch die Polizei aufgelöst, und die Studenten begaben sich nun, stolz auf ihre That, vor den Palast des Erzbischofes, um dort ebenfalls eine lärmende Kundgebung zu veranstalten.
* Belgrad, 28. Mai. Durch köntgl. Utas sind im ganzen Lande alle liberal und radikal gesinnten Polizeibeamten abgesetzt worden. An deren Stelle wurden fortschrittlich, d. h. regierungsfreundlich gesinnte Beamte ernannt. Orientalische Zustände!
* Von Stanley'« Expedition scheint endlich eine Spur aufgefunden worden zu sein. Der .Times' wird aus Sansibar gemeldet, daß dort Briefe des Majors Bartelot, welcher bekanntlich die Nachhut Stanley's am Arawhimi befehligt, eingetroffen sind. Deserteurs seien am 25. Ott. nach zwanzigtägiger Fahrt in Singatini angelangt. Stanley befinde sich ganz wohl und sei im Besitze reichlicher Nahrungsmittel, nur sei Tippu Tippi's Benehmen unbefriedigend. Details über Stanley's Route sind jedoch in Bartelot's Briefen nicht mitgetheilt.
sich ihr (näherte, um sie nach Beendigung der Leichenfeierlichkeit nach dem ihrer harrenden Wagen zu führen und nahm schnell den Arm des Justizraths Lietzelmann, de» langjährigen Freunde« ihrer Onkels, den dieser zu seinem Testamentsvollstrecker und ihrem Berather bestellt hatte.
Edgar sandte ihr einen zornigen Blick nach und wollte ihr folgen, ward aber von einigen Herren angehalten; als er zu seinem Wagen gelangte, war Meta bereits verschwund-n.
„Sie flieht und verachtet mich." murmelte er; „was soll ich noch hier? Ich will nicht wieder in das verwünschte Schloß, mag sie e» behalten. Heute noch beantrage ich, daß morgen schon da« Testament geöffnet wird, lasse mir meinen Antheil sofort in baarem Gelbe auszahlen und dann fort, fort über den Ozean 1 Der Boden hier brennt mir unter den Füßen!"
Er warf sich in den Wagen und befahl dem Kutscher, nach einem am Alsterbassin belegenen Hotel zu fahren, wo er sich einquartirte.
Die auf dem Kirchhofe versammelt gewesene Menschenmenge verlief sich allmählich. Unter den Letzten, welche sich entfernten, befanden sich der alte Sonnenberg und seine Tochter. Bertha war ganz aufgelöst in Thränen; sie hatte mit Meta einen liebevollen Blick getauscht, sich aber bann