1888
Dienstag, dm 29. Mai.
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ö Zur goldenen Hochzeit des Centrumsführers.
Excellcnz Windthorst, unser allverehrter großer EenttumSführer, begeht heute das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Millionen katholischer deutscher Männer- und Frauenherzen schlagen heute mit freudiger Begeisterung dem Manne entgegen, den mau mit Recht als den populärsten deutschen Ättholiken bezeichnen darf. Heiße Gebete und innige Wünsche begleiten heute in allen deutschen Gauen, wo nur Katholiken wohnen, den gefeierten Cen- trumSführer auf dem schönen Gange zum Altäre, den er vor 50 Jahren an der Seite seiner edlen und hochherzigen Gemahlin zum ersten Male unternahm. Die goldene Hochzeit ist zwar ein Familien- fest, aber fie greift tief in das ganze Leben und Sein des Menschen ein, fie ist so sehr auch ein Lebens- und Berufsjubiläum des Mannes, daß die Theilnahme der Oeffentlichkeit an solcher Feier als etwas ganz Natürliche» erscheint. Um so viel mehr aber ist dies der Fall bei einem Manne, der, wie Windthorst, in seinem öffentlichen Auftreten in Versammlungen und Kongreffen sich stet» mit so ausgeprägter Vorliebe auf den Boden des Familienleben« gestellt, der namentlich auch den katholischen Frauen und ihrer Eigenart jederzeit so sympathische» Jntereffe bewiesen und gleiche» Jnteresie für unsere Sache von ihnen beansprucht hat. Ist doch auch die ganze deutsche Centrumspartei nur eine große Familie, geeint durch die Bande der katholischen Gesinnung und durch die Interessen der katholischen Freiheit und Selbstständigkeit, gefestigt durch die politische Machtstellung!
Freudigen Sinnes und in festlicher Stimmung, gleich als gelte e» ein greises Familienhaupt zu ehren, senden wir daher heute auf Flügeln der Liebe, der Verehrung und der höchsten Sympathie unsere aufrichtigsten und innigsten Glück« und Segenswünsche nach Hannover, wo Exzellenz Windthorst mit seiner Gemahlin in Mer Zurückgezogenheit einen der schönsten Tage seines Lebens verbringt. Keine großartigen rauschenden Festlichkeiten werden heute da« goldene Jubelpaar umgeben, nicht in Glanz und Pomp, in Luxus und Ueberfluß wird der ehemalige hannoversche Staatsminister seine goldene Hochzeit begehen, sondern in dem bescheidensten, engsten Familien- und Freundes-
Der Neffe.
Kriminalroman von F. A.
(24. Fortsetzung.)
Meta seufzte tief auf. „Arme«, arme« Kind, welche schreckliche Stunde hast Du durchlttten", sagte sie, Bertha liebkosend die Wange streichelnd.
„Sie war nicht vergeblich", lächelte Bertha, „ich habe einen wichtigen Fund gemacht."
„Einen Fund?"
„Ja, schau her." Sie zog da« Bandende hervor. „Da* hatte sich zwischen Schreibtisch und Teppich geschoben; wa» ist da«?"
Meta griff hastig danach und betrachtete da« Stückchen Band von allen Setten. Plötz ich ging ein hestige« Zittern durch ihren Körper, ihre Augen bohrten sich förmlich in die beiden Brtth- staben, welche auf dem Bande zu lesen waren.
,,E« ist ein Stück Band von der Mütze eine« Matrosen," sagte fie und ihre Stimme klang heiser.
„So ist ein Matrose im Zimmer gewesen! Ein Matrose hat den Mord au«grführt I" schrie Bertha und sprang auf.
Meta drückte ihr die Hand auf den Mund. „Still, M", flüsterte fie, „laß Niemand etwas davon hören."
kreise. Aber wenn Exzellenz Windthorst auch freier Herr ist über das, was in den vier Wänden seines Haufe« vor fich geht, er wird nicht hindern können, daß Tausende und Abertausende heute, sei e» durch schlichte Karten, Briefe und Depeschen, sei e« durch Adressen, sei e« in Form von Blumenspenden und anderen Geschenken, sei e« in Form von Gaben und Beträgen für Windthorst'- Lieblings - kind, die Marienkirche in Hannover, bei ihm anklopfen und ihre Gratulationen bet ihm anbringen.
Schon ist bekannt geworden, da der hl. Vater Papst Leo XIII. dem verdienten kirchenpolitischen Führer der deutschen und preußischen Katholiken zu seinem heutigen Feste eine hohe Anerkennung zu Theil werden läßt, indem er ihm — in sinnigem Eingehen auf seinen Lieblingswunsch — einen prächtigen Altar für die Marienkirche in Hannover zum Geschenke macht. Die vereinigte Centrumsfraktion des deutschen Reichstages und preußischen Abgeordnetenhauses ehrt die Verdienste ihres tapferen Führers durch Ueberreichung einer goldenen Monstranz von sehr hohem Werthe, die katholische Presse endlich überreicht ihm heute, zum Theil in Wirklichkeit, zum Theil im Geiste und der Intention nach, da» bisherige Erträgniß jener edlen Sammlungen, welche im vorigen Jahre zur Öfter» zeit in einer Zusammenkunft katholischer deutscher Journalisten, Redakteure und Verleger zu Köln am Rhein angeregt und beschlossen wurde. Ohne Zweifel werden gerade in diesen Tagen noch viele, viele wohlthätige Hände sich öffnen, um der Vollendung des herrlichen Windthorst'schen Kirchenbau- Projekts wiederholt ein Scherflein zu opfern und zugleich zu Ehren der allerheiligsten Jungfrau dem Schöpfer de» Werke» für seine unermüdliche Arbeit im Jntereffe der Kirche Dank und Anerkennung zu zollen. Möchten die Spenden noch reichlich fließen, möchte es dem edlen Manne vergönnt sein, wie er diesen schönen Tag erlebt hat, so auch noch den Tag der Vollendung und Einweihung de» schon wett gediehenen herrlichen Gotteshauses und seines noch unausgeführten Thurmes zu erleben. Dann wird die Marienkirche in Hannover als ein hehres Denkmal de» größten katholischen Parlamentariers der Jetztzeit, des unerschrockenen Vertheidiger« der Sache Gotte» und der Kirche dastehen, als ein Monument, wie es ganz und gar des uneigennützigen, selbstlosen Mannes würdig
Das junge Mädchen sah fie mit großen Augen an. „Wie? Niemand soll davon hören? Sollen wir das Band nicht dem Richter geben, damit er nach dem wahren Schuldigen sucht und dann Georg freiläßt?"
„Du hast Recht, wir wollen sogleich zu ihm, ich fahre mit Dir zur Stadt," versetzte Meta, entschlossen aufstehend. Thellte sie auch die naive Zuversicht ihrer weltfremden Freundin nickt, daß der Angeschuldigte durch da» Beweisstück sofort in Freiheit gesetzt werden könne, so legte sie ihm doch ein große» Gewicht bei. Um so bitterer sah fie fich enttäuscht durch die Aufnahme, die er bei dem Untersuchungsrichter fand.
Rath Schwendler ließ die beiden Mädchen sogleich vor und hörte ihre Mitcheiluugen mit großer Aufmerksamkeit an; al« er aber vernahm, roe: Bertha war und auf welche W-ise sie zu b.m Funde gekommen sei, zuckle er lächelnd die Achseln und sagte: „Sie stellen sich einen Kriminalrichter doch gar zu naiv vor, mein liebe« Kind."
Bettha sah ihn mtt großen Augen an und auch Meta wußte sich seine Worte nicht zu deuten.
„Sie, die Schw-ster de» Angeklagten, schleichen fich in da« Zimmer, in welchem oer ihm zur Last gelegte Mord verübt worden ist, Sie lassen fich daselbst einschließen und bringen ein Stückchen
ist, der alle äußeren und materiellen Anerkennungen für seine der Kirche und dem katholischen Volke geleisteten Dienste stet« grundsätzlich verschmäht hat, der selbst seiner Zeit ein Landgut ausschlug, da« seine Freunde und Verehrer ihm al» freundliche« Tuskulum für seine Mußestunden und für die Zeit der Erholung von den parlamentarischen Strapazen schenkweise dargeboten hatten. —
Wie am gestrigen Vorabende, so finden heute und in diesen Tagen allenthalben im katholischen Deutschland größere oder kleinere festliche Zusammenkünfte der Centrumsanhänger statt, bei Mustk, in Reden und Liedern wird der „Perle von Meppen" gedacht, und alle katholischen deutschen Zeitungen bringen in gebundener und ungebundener Form der „kleinen Excellenz" Glückwünsche und Huldigungen dar. Dazu hat es keiner einheitlichen Organisation, ke ne« Drucke« von Oben, keiner offenen oder versteckten Anregung von einer Zentralstelle au» bedurft; freiwillig und au» eigenem Antriebe, dem wirklichen Bedürfnisse de» Herzen» und dem Triebe der Dankbarkeit folgend, hat man allenthalben solche festliche Kundgebungen für etwa» Selbstredendes gehalten.
Es kann nicht der Zweck dieser kurzen Zeilen sein, ein erschöpfende» Bild von dem zu geben, was Windthorst den deutschen und namentlich den preußischen Katholiken war und ist, seine großen Verdienste um die katholische Sache, um die Organisation de» Widerstandes gegen die ungerechte Kulturkampfs- und Unterdrückungs-Gesetzgebung, um die ausdauernde Vertheidigung der katholischen Rechte und um ihre allmälige Wiedereroberung Schritt für Schritt — in erschöpfender Weise und im Einzelnen vorzuführen. Die körperlich kleine, aber geistig riesengroße Gestalt des Centrums- führers lebt in den Herzen und in der Erinnerung aller seiner Parteifreunde und Anhänger, äßotttea wir heute eine Geschichte der Windthorst'schen parlamentarischen und außerparlamentarischen Tyätigkeit im Dienste der katholischen Sache schreiben, so würden wir manchen Punkt, manche Episode zu erwähnen haben, deren Erinnerung an vielen Stellen sehr unangenehme und peinliche Ge- fühle erwecken könnte. Wir unterlassen die«, wollen aber nicht ermangeln, vor aller Welt offen
Band zum Vorschein, da» Sre dort gefunden haben wollen, nachdem meine gewiegtesten Leute es auf das Genaueste durchsucht haben —"
„Herr Rath, Sie glauben ihr nicht 1 Sie können dieses Kind für eine Betrügerin halten?" unterbrach ihn Meta empört.
„Sie ist die Schwester de» Archttekten Sonnenberg," erroieberte Schwendler kalt, „ihr Betrage» ist im hohen Grade verdächtig."
„Wollen Sie fie auch etwa einsperren lassen ?" fragte Meta heftig.
„Wenn ich Veranlassung dazu finde, wird mich selbst Ihr Zorn nicht abhalten, meine Pflicht zu thun, mein Fräulein," antwortete der Untersuchungsrichter mit beißender Ironie. „Für jetzt will ich nur den Rach geben,' fich jedes wetteren Versuches zu enthalten, den Thatbestand verdunkeln zu wollen."
„Herr Rath, ich kann Ihnen schwören," stammelte Bertha.
„Ich dürfte Sie als Schwester de« Angeklagten nicht vereidigen," war die abweisende Antwort.
„Und Sie legen diesem Beweisstück kein Gewicht bei?" fragte Meta.
„Doch, ich werde es zu den Akten nehmen und es bei der Untersuchung nicht außer Acht lasser. Sie müssm e« dem Richter schon verzeihen, Fräu-