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Sonnabend, den 26. Mai.
1888
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Zweites Blatt.
—* Neber Freimaurerei.
VII.
Vor der Aufnahme.
Taxil beschreibt die Vorbereitungen der Loge zu seiner Aufnahme und derjenigen zahlreicher Kollegen so anschaulich, daß wir ihn wörtlich zitiren wollen'
„Ist der durch Ueberredung oder durch politischen Einfluß Angeworbene einmal entschlossen, die Aufnahme zu versuchen — ich sage „versuchen"; denn man erklärt ihm, er bleib« vollkommen frei, wenn ihm die Formalitäten seiner Aufnahme nicht zusagten —, so wird er bei einer Loge in Vorschlag gebracht. Der vorschlagende Bruder füllt ein hiefür bestimmtes Formular aus und legt den Zettel bei der nächsten Sitzung seiner Werkstätte im Beutel nieder, welcher am Ende der Sitzung zirkulirt. Der Zettel enthält Namen, Vornamen, Wohnung, Geburts-Ort, Tag, Monat, Jahr und bürgerliche Eigenschaften des Maurers Kandidaten. Der Ehrwürdige verliest den Zettel, ohne jedoch den Namen der Vorschlagenden zu nennen, und beauftragt insgeheim drei spezielle Kommissäre über den Kandidaten Erkundigungen einzuziehen. Diese Kommissäre müssen in der folgenden Sitzung ihren Bericht erstatten u. s. w. (Allgemeiner Reglement 3. Kapitel.)
Beim Postulanten stellen sich einer schönen Tage» zwei ihm unbekannte Individuen ein, dieselben mustern mit ihren Blicken seine Möbel, erkundigen sich nach seinen Vermögenrverhältnissen — die» ist der wesentliche Punkt — richten an ihn einige Fragen über seine Familie, sein Geschäft oder sein Gewerbe, über die Städte, in welchem er allenfalls früher wohnte u. s. w. Die zwei ersten Kommissäre find nicht sehr zudringlich. Die Kommissäre, welche inö Haus kommen, werden gewöhnlich unter den gutmülhigern Maurern der Loge ausgewählt, damit der Kandidat nicht abgeschreckt werde.
Derjenige, welcher die eigentliche Untersuchung vornimmt ist der dritte Kommissär. Derselbe kommt nicht ins Haus, sondern schickt ihm einen Brief ungefähr folgenden Inhalts zu:
Mein Herr! Hätten Sie nicht die Freundlichkeit, gefälligst an dem und dem Tage zu der und der Stunde bei mir vorzusprechen? Ich habe Ihnen eine Mitheilung zu machen, welche Sie im höchsten Grade interessirt.
Sollte vielleicht Tag und Stunde, welche ich so frei war. Ihnen anzugeben, nicht nach Ihrer Bequemlichkeit sein, so haben Sie die Güte, mich sofort hiervon zu benachrichtigen und einen der hier folgenden Tage zu bestimmen. (Es werden hierauf 2 oder 3 Tage mit Stunden namhaft gemacht, an welchem der unbekannte Briefschreiber zur Verfügung steht.)
Der Schluß des Briefes ist mit ausgesuchter Höflichkeit abgefaßt. Der Briefbogen, welcher diese höfliche Vorladung enthält, trägt unfehlbar die Aufschrift entweder de» Geschäftslokales eine» Arztes oder Advokaten, oder eine» angesehenen Handelshause» oder der Redaktion eine» verbreiteten Blatte» oder einer mit mehreren Dekorationen ausgezeichneten Apotheke oder endlich de» Bureaus eines Anwaltes ober Notars.
Der Postulant denkt bei dieser Einladung nicht im Entferntesten an seine maurerische Kandidatur. Er ftagt fich betroffen, war da» wohl sein möge; er ist erstaunt über da« große Interesse, da» der betreffende Herr an ihm nimmt und so entschließt er fich denn, fich zum angegebenen Rendez-vous einzustellen. Dort findet er in einem gut auSg-- statteten Gemache einen Herrn, so ernsthaft wie eine Nachtmütze. Derselbe überbietet sich in Entschuldigungen, daß er so kühn war, Sie so zu belästigen; er bittet Sie, doch bedeckt zu bleiben ;
er will fich nicht setzen, bevor Sie Platz genommen haben u. s. w. Wenn es ein Notar ist, welcher den Postulanten zu sich gebeten hat, so denkt dieser sicherlich, er müsse wohl eine Erbschaft gemacht haben! Endlich würdigt sich der bedächtige, herablassende und dienstfertige Herr, nachdem er zwei oder dreimal gehustet hat, mit seinen interessanten Mittheilungen herauszurücken. Er beglückwünscht Sie vorerst dazu, daß Sie die glückliche Eingebung hatten, sich zum Eintritt in die Freimaurerei zu entschließen — zum Eintritt in einen so edlen Bund, welcher ... in eine so mächtige Verbindung, welche... in einen so ritterlichen und bewunderungswürdigen Orden, welchem . . . Während er diese» Exordium vorträgt, richtet der Herr seine Augen auf den Plafond. Er gibt fich den Anschein tiefster Ueber- zeugung. Ich fage absichtlich: Er gibt sich den „Anschein".
Der Postulant, welcher gar nicht darauf gefaßt war, daß die so dringende Mittheilung sich auf diesen Gegenstand beziehe, ist wie au» den Wolken gefallen, und stammelt einige Verlegenheitssprachen. Der Herr aber, gerieben wie ein alter Fuchs, benutzt seine Verlegenheit, um aus demselben Alles herauszulocken, was er wissen will, ohne daß dieser es bei seiner Verblüffung hindern könnte. Der Mensch weiß da» geschickt und schmerzlos zu machen! Aber wenn der Postulant au» feinem Gemache tritt, so ist er unfehlbar durch und durch ausgekundschaftet.
Tag» darauf weiß bereit» da» Comit« der Loge, welcher er vorgeschlagen ist und der Groß-Orient, wa» man an ihm hat. Die geheimen Häupter der Werkstätte urtheilen nach diesem Berichte be8 dritten Untersuchungskommiffar«. Der Bericht der zwei Besucher ist reine Formalität.
Mir kamen über solche Maurer-Kandidaten, welche fich von dem dritten Kommissar übertölpeln ließen, konfideniielle Berichte zu Geficht, welche bei ihren Verfassern ein auf's Aeußerste ausgebildetes BeobachtungStalent erkennen ließen. Ich brauche nicht beizufügen, daß die Brüder, welchen diese heikle Funktion anvertraut wird, Maurer der höchsten Grade sind. Beispielsweise mache ich einige der für Pari» aufgestellten hier namhaft.
Für den französischen Ritus: — HH. Louis Amiable, Dr. jur., Publizist, 79 Boulevard St. Michel; Dalsace, Kaufmann, 35 nie du Mail; Fontain«, Advokat, 10 nie de la victorie; Flan- colin, Publizist, nie du Faubourg St. Denis; Masse, Anwalt beim Tribunal erster Instanz im Seine-Bezirk, 12 tue Gaillon; Ferdeuce, Advokat, 11 nie des Saints-Peres; Blanche, 6 bis, rne Fortuny; Hubert, Alt-Präfaktur-Rath, 6 nie du Pont-de-Lodi; Cammas. 17 nie Guessegaud; Dr. Georg Wölker, Arzt, nie de la Michodiere; Manger, Delegirter bei der Armenanstalt, 76 bis, avenue du Ro de; L pelletier, Journalist, 8 rue Drouot; Zypreffelauem, Chef des Rechnung» oesenS, 17 rue de Matte; Hübner, Kaufm., boulevard du Temple; Signier, Publizist, Gemeinderath, 17 quai Voltaire u. f. w.
Für den schottischen Ritus: — Dehanot, Apotheker, 8 rue Mandat; Charlot, Fabrikant, 25 rue St. Ambroise; Nedonchelle, proprietaire, 20 boulevard Barbes; Heude, Schneider, 2 rue M&hul; Mauhain, Inspektor der armen Kinder, 82 rue Claude Bernard; Sapieß, Bureau-Chef für den Export der westlichen Eisenbahnen, 27 rue de F Echiquier; Dulermez, Weinbändler (Maison Dulermez & Bellicard), 7 rue de Lyon; Dr. Gonnard, homöopathischer Arzt, nie de la Boetie u. s. w.
(Wir bringen diese Namen vollständig nur, um zu zeigen, mit welcher Gründlichkeit Taxll die ein-
schläglichen Verhältnisse studirt hat. Wenn die beschriebenen Vorgänge in einigen — freilich unwesentlichen — Punkten von dem Verfahren deutscher Logen etwas abweichen, so ist doch das charakterisirte System auch bei diesen ganz dasselbe. Wir werden auch über deutsche Logenver« hältnifle noch eingehend sprechen).
(Der obengenannte Dr. Wölker war beauftragt, mich auszuforschen. Wie jeder andere Postulant erhielt auch ich den mysteriösen Vorladungsbrief. Jndeß machte mich der deutsche Name de« unbekannten Arztes mißtrauisch. Ich erschien nicht zu diesem grotesken Rendez-vous. Daraufhin schickte man mir einen andern dritten Kommissär, welcher in meinem Stadtviertel wohnte, in'« Haus.) Ist der Bericht de« drttten Kommissär« den Kandidaten ungünstig, so nimmt man sich nicht die Mühe, ihn zu seiner Aufnahme einzuladen — ein Beweis dafür, daß der Bericht desselben allein maßgebend ist. Der Ehrwürdige theilt dann dem Vorschlagenden mit, daß noch ein Bericht über feinen Klienten ausstehe, daß es somit unnütz sei, denselben zu belästigen. Insgeheim läßt man durch verlässige Personen neue Erkundigungen einziehen. Hat man genügende« Material zusammen, um den Kandidaten „schwarzkugeln" zu lassen, so erklärt der Ehrwürdige der Soge, daß endlich die Berichte aller Kommissäre eingegangen seien; e« ist dann 100 gegen 1 zu wetten, daß der Postulant abgewiesen wird. Die« heißt man: den Kandidaten „vertagen".
Macht hingegen der Postulant einen günstigen Eindruck auf den drttten Kommissär, so erhält derselbe einen Einladungsbrief auf eine nächstens statt- findende Sitzung der Loge.
Sein Name wird auf die Zirkulare gefetzt, welche allen Mitgliedern feiner Werkstätte zugestellt und auch in andern Logen des Bezirk» in vielen Exemplaren vertheilt werden. So roerben alle Drei - Punkte - Brüder feine» Departements von feiner demnächstigen Aufnahme in Kenntniß gefetzt und können derselben anwohnen, um fie entweder zu befürworten ober zu bekämpfen.
Bei ber Einladung empfiehlt man dem „Suchenden" (so ist ber technische Ausbruck in deutschen Logen), ja seinen gutgefüllten Geldbeutel nicht zu vergessen. Der charmante Brief, welcher mich zu den Ehren der Aufnahme und gleichzeitig zur Entrichtung der Gebühren einlud, hatte folgenden Wortlaut:
Mein Herr!
In Rücksicht auf das an uns gestellt« Gesuch, betreffend Ihre Aufnahme in unfern Orden, habe ich die Ehre, Sie zu bitten, daß Sie sich nächsten Montag, Schlag 8 Uhr Abends, im Hotel des Groß. Orients von Frankreich, 16 rue Cadet, unfehlbar einfinden wollen. Es wird dann, abgesehen von ganz und gar unvorhergesehenen Fällen, ihre Aufnahme stattfinden können. Ich fühle mich zugleich verpflichtet, Ihnen mitzutheilen, daß Sie für Ihre Aufnahme unferm Schatzmeister folgende Gebühren zu entrichten haben:
Aufnahmegebühr Frcs. 55,— Verschiedenes „ 5,—
Kaffe des Gastmeisters „ 10,— Reservefonds „ 5,—
Beitrag für 1/4 Jahr t „ 8,10
Sa. Frcs. 83,10
Genehmigen Sie, mein Herr, den Ausdruck meiner Hochachtung
Der Ehrwürdige: Lemarre.
Ich batte übligen» keinen Grund, mich zu beklagen.
Die Loge „Temple des Amis de l’Honneur Franjais“ ist im Vergleich zu den meisten andern eine alte und besitzt eine recht blühende Kaffe; deshalb werden auch ihre praktizirenden Mit- gtieber nicht allzusehr geschunden. Bei wettern die meisten Logen Frankreich» verkaufen ihre