1888
Sonnabend, den 26. Mai.
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Erstes Blatt.
O Boulanger.
ES ist eine Erscheinung, die zu denken gibt, daß in einem alten europäischiN Kulturlande eine heftige politische Bewegung fich an eine Persönlichkeit, wie der General Boulonger ist, knüpfen kann. Er verweigert es entschieden, sein Programm, sowie auch nur seine leitenden Prinzipien zu offenbaren. Er hat bisher nichts Anderes ge- than, als seinen Willen ausgesprochen, die höchste Gewalt an sich zu ziehen, und dieser sein Wille, sowie die Thätigkeit, welche er dafür entwickelt, genügen, um ihm einen rasch in'S Großartige gehenden Anhang zu gewinnen. Seine französischen Gegner und, ihnen nachsprechend, fast die gesammte Tagerpreffe des occidentalen Europa stellen Boulanger al» eine lächerliche Figur hin, deren Velleitäten mit seiner Qualität in einem komischen Kontraste ständen. Aber erinnern wir uns, daß Napoleon III. ganz dasselbe Schicksal hatte, bevor es ihm gelang, die Gewalt an sich zu reißen und daß dennoch, als er die Macht besaß, Frankreich und eigentlich fast der ganze Kontinent ihm zu Füßen lag, daß Krieg und Frieden von seinem Winke abhing, daß seinen Neujahrsansprachen mit Furcht und Zagen entgegengesehen wurde — bis endlich ein Slärkerer über ihn kam. Es ist keineswegs unmöglich, daß Boulanger einen ähnlichen Weg machen wirb, Beiden scheint Eines gemeinsam zu sein, der feste Wille, die Macht zu erlangen. Durch diesen Willen aber kommt Boulanger und kam der Napoleonide einem instinktiv und intensiv empfundenen Bedürfniffe des französischen Volkes entgegen: dem Bedürfnisse, eine Autorität über sich zu wissen. Seit Napoleon I. ist diesem Bedürfniffe nicht Rechnung getragen worden. Da» vor der Revolution elend regierte, vernachlässigte und abgewelkten Autoritäten preisgegebene Volk war in der Revolution seiner Souveränetät satt geworden und fügte sich der eisernen Hand de» Eorsen, ließ die Jugend des Landes maffenhaft auf die Schlachtfelder führen und opferte den Wohlstand unbedenklich dem Kampfe gegen ganz Europa. Ganz anders stellte sich Frankreich der Restauration gegenüber. Der Schwäche folgte die Nichtachtung und dem geringsten Versuche Kraft zu zeigen, die Revolution, die Vertreibung. Louis
Der Neffe.
Kriminalroman von F. A.
(22. Fortsetzung.)
Aber es lag gegen Sogar Wanderer auch nicht der Schatten eines Beweise» vor, der irgend welche» Einschreiten gerechtfertigt hätte. Schmittchen hatte seiner Nichte erzählt, er habe Edgar empfohlen, in Br.men in „Stadt Lübeck" zu wohnen; in Folge deffen ward etwa eine Stunde nach der Entdeckung de» Morde» ein Telegramm dortbin gerichtet. Unverzüglich kam die Antwort: „Ich reise mit dem nächsten Zuge ab", und am Nachmittage traf der junge Mann in Hamburg ein. E» war somit erwiesen, daß er zur Zeit de» Mordes nicht in Hellburg gewesen sein konnte, «nd eine sofort im Hotel zur „Stadt Lübeck" bewirkte diskrete Erkundigung bestätigte, er habe die Nacht dort zugebracht. Zudem zeigte sich Edgar so tief betrübt, ja man kann sagen zerschmettert durch den grauenvollen Tod des Onkels, daß der Untersuchungsrichter an einen solchen Abgrund menschlicher Bosheit und Heuchelei nicht zu Kauben vermochte. Unter Thränen erzählte er dem Beamten in seinem gebrochenen Deutsch seine
Philippe, durch List und durch die Jntriguen der Finanzmänner auf den Thron gelangt, vermochte e» — allerdings unter wiederholten Empörung»- und Mordversuchen — sich achtzehn Jahre auf demselben zu behaupten. Al» mit dem zunehmenden Alter seine Klugheit abnahm und er wähnte sich allein auf das parlamen- torische A^stimmungsipiel verlassen zu können, erfolgte fast ohne Widerstand seine Beseitigung. Napoleon III. gelangte durch den Zufall, den Namen eine» kraftvollen Machthabers zu tragen und duröb seinen fatalistischen Glauben, zur Herr- schäft prädestinirt zu sein, wirklich zur absoluten Macht. Die Herrschaft der parlamentarischen Rhetoren, Ausbeuter und Spekulanten war dem Volke zum E'el geworden; e» hoffte in dem Napoleon wieder einen Volkskaiser zu bekommen, der auch die Geldmächtigen seine Autorität fühlen ließ und die Komödie wiederholter Volksabstimmungen erhob und erhielt den Mann auf dem Thron, der dafür nicht» mitbrachte als einen Namen, ein Programm und seinen festen W llen. Abermals ungefähr achtzehn Jahre dauerte die neue Volkstäuschung, abermals lief sie auf eine Steigerung des Capitalis- mus hinaus und abermals endete sie mit einem kläglichen Fiasko. Die neue Republik brachte die absolute und unverhüllte Herrschaft des Mammonismus; da» letzte ideale Gut des Volkes, die Religion, wurde auf dem Altäre des goldenen Kalbes geopfert. Auch dieses Regime bat sich jetzt ungefähr achtzehn Jahre unter wachsenden Symptomen der Auflösung, der Unzufriedenheit, der inneren und äußeren Schwäche fortgeschleppt. Frankreich scheint die Kraft verloren zu haben, einen Mann aus sich hervorzubringen, der Autorität darstellen oder auch nur nachahmen kann. Es begnügt sich mit Boulanger, der, um die Autorität an sich zu reißen, eben diese Autorität dort zu zerstören sucht, wo sie mit der Existenzmöglichkeit jedes Staate» untrennbar verbunden ist: er will die Autorität aus der allgemeinen Maffe ableiten; er sucht dre Autorität in der Armee zu erschüttern, um sich in den ausschließlich en Besitz derselben zu setzen. Hat dieses Attentat auf die Grundfesten des Staates irgend einen Erfolg, so sind die südamerikanischen Zustände mit ihren ewigen Revolutionen, mit ihren Pco- nunziamentos der Truppen über Spanien aus Südamerika nach Europa verpflanzt und der Kultursturz, in welchem wir uns befinden und
Lebensgeschichte und verwünschte den Mörder, der ihm feinen Onkel geraubt, kaum daß er ihn endlich gefunden hatte. Seine Papiere waren in der besten Ordnung, und unwillkürlich nahm es für ihn ein, daß er sich jeder Anklage gegen Sonnenberg enthielt, obwohl man wußte, daß sie nicht im besten Einvernehmen mit einander gestanden hatten.
Auch Meta konnte keinen Fehler in dem Verhalten des Vetters finden, ja sie mußte zugestehen, daß er fich bester und würdiger benehme als sie ihm zug-traut hatte, und dennoch vermochte sie da» Mißtrauen gegen ihn nicht loszuwerden. Sie entsann sich j tzt. daß er plötzlich eingetreten sei, al« ihr der Onkel versprochen hatte, näher nach feiner Bergangenheit zu forschen; hatte er gelauscht, fürchtete er diese Entdeckung und war er ihr zu- voraekommen?
Sie zürnte fich ob diese« entsetzlichen Verdachte«, konnte sich seiner doch nicht erwehren und beschloß endlich, die Probe zu machen, welche der Richter al« stärksten Druck auf den Angeklagten ausübt: sie wollte Edgar neben der Leiche des Ermordeten sehen.
Nachdem da« Verhör beendet war, übergab der Untersuchungsrichter Edgar und Meta al» den
über den uns einige technische und chemische Erfindungen nicht Hinwegtäuschen dürfen, ist in eine neue höchst bedenkliche Phase getreten._____________
Deutsches Reich.
Berlin, 25. Mai.
* Der Kaiser machte gestern Abend noch eine längere Rundfahrt im Charlottenburger Schloß- park. Die Nacht war ziemlich gut, wenn auch die gestrigen Gemüthserregungen nicht ohne jede Nachwirkungen geblieben sind. Heute früh verweilte der Kaiser länger im Bette al» sonst. Von einer Ausfahrt wurde mit Rücksicht auf die eingetretene kühle Temperatur abgesehen. Doch sollte wieder eine Rundfahrt durch den Park statlfinden. Ein Bullelin wurde heute nicht ausgegeben, doch soll ein solches am nächsten Sonntag erscheinen. Sie Uebersiedlung nach Schloß Friedrtchskron erfolgt nächste Woche, daß der Kaiser im Hoch- sommer sich nach Homburg v. d. H. begeben wird, wird von unterrichteter Serie bestätigt. Die fürstlichen Gäste haben Berlin wieder verkästen. Der Großherzog von Hessen und der Großfürst und die Großfürstin Sergius von Rußland find gestern nach Darmstadt abgereist, der Prinz von Wales hat sich nach Stolp in Pommern begeben zur Besichtigung seines Husaren-Regiments (Blü- cher'sche Husaren). Derselbe wird heute Abend in Berlin wieder zurückerwartet, um morgen Abend die Rückreise nach London anzutreten.
* Das Gesetz, betreffend die Verleihung von Korporationsrechten an Niederlassungen geist- licherOrdenundordensähnlicher Kongregationen der katholischen Kirche, hat unter dem 22. d. M. die Allerhöchste Sanktion erhalten.
* Das .Militärwochenblatt' enthält die Ernennung des Großherzogs von Hessen zum Generaltnspekteur der dritten Armeeinspektion (7., 8. und 11. Armee-Korps) und des Generallieutenants v. Haenisch zum Kommandeur der Kavalleriedivision des 15. Korps. Der bisherige Kommandeur Gottberg ist pensionirt.
* Die goldene Hochzeitsfeier de» Abg. vr. Windthorst findet, wie die ,Gcrm.' erfährt, nicht in Osterkappetn, sondern in Hannover selbst statt. E» bestand allerdings der Wunsch und Wille der Frau Gemahlin de» Abg. Dr. Windthorst, nach Harzburg zu reisen und dort zu feier; der liebe Gott hat e» ander» gefügt, indem Hinterbliebenen de» Verstorbenen den Schlüssel zu dem Zimmer, in welchem die Leichen lagen, und ertheitte ihnen die Erlaubniß, nunmehr für deren Bestattung Sorge zu tragen. Kaum hatte Schwend- ter da» Hau» verlassen, so legte Meta die Hand auf den Arm ihre» Vetters und sagte:
„Komm, Edgar, laß un« zusammen zu unser« armen Onkel gehen."
Edgar fuhr zusammen und machte unwillkürlich mit der Hand eine abwehrende Bewegung.
„Du willst nicht?" fragte Meta, ihn fest und betroffen anblick-nd. '
„Verstehe mut) nicht falsch," antwortete er, fich schnell fassend, „Du weißt nicht, wir Seeleute haben eine Scheu vor Ltichen; aber da» ist schon vorüber Komm, ich folge Dir."
Ec ließ sich von Meta nach dem Sterbezimmer führen. , ,
Bertha hatte so sehnlich nach Erlösung geseufzt, und al» sie j.tzt Tritte vor der Thür vernahm und den Schlüssel fich im Schlosse drehen hörte, erschrak sie doch und eilte, fich wieder hinter dem Bette zu verbergen. Von dort au» sah ste eine junge Dame in Trauerkleidung eintreten, begleitet von einem Herrn, den ste auf den ersten Blick nach