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Der Neffe.

Kriminalroman von F. A.

(21. Fortsetzung.)

VII.

Bertha hatte sich kaum hinter dem Bette ver­borgen, so ward ihr Bruder schon in dar Zimmer geführt; hätten dessen Begleiter nicht ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Gefangenen gerichtet Akhabt, so würde er ihnen schwerlich ent« gangen sein, daß die Vorhänge noch in leichter Mwegung waren. Das junge Mädchen fürchtete ybe Sekunde, entdeckt und hervorgezogen zu wer­ben; aber die Gefahr ging vorüber, Niemand achtete auf sie und mit angehaltenem Athem und heftig klopfendem Herzen lauschte sie dem qual­vollen Verhör, dar mit ihrem unglücklichen Bruder angestellt ward; er war ihr ein vollgiltiger Beweis fllr feine Unschuld, hätte sie eine« solchen über­haupt noch bedurft.

Endlich verließ die Kommission da» Zimmer, und nun vernahm Bertha» durch die Seelenangst geschärfte» Ohr einen Ton, der ihr da« Blut in den Adern erstarren ließ — der Schlüssel von der Thür des Vorzimmers drehte sich im Schlöffe

reichen Familie seines Sohnes Ludwig in dem nicht sehr ummngreichen ehemaligen Leuchtenberg'schen Palast am Odeonplatz, ist aber zu Anfang des Jahres 1ö87 in das Münchener Königsschloß übergesiedelt, wo Ludwig I. und Maximilian II. beständig restdirt haben, Ludwig H. da­gegen 6I08 zeitweilig auf kurze Zeit. Da der Prinz-R-gent, der mit einer Tochter des vorletzten Großherzogs von Toskana vermählt war, schon seit 23 Jahren Wittwer »st, pflegt seine einzige Tochter, die 38jährige Prinzessin Therese, soweit das für eine unvermählte Dame möglich ist, die Stelle der Mutter zu vertreten. Durch längere Reisen mit den meisten Ländern Europas vertraut, hat sie selbst ein Buch über Rußland geschrieben und zählt zu ihren vertrautesten Freundinnen die in München lebende Schriftstellerin Lady Blennerhasfet geb. Gräfin Leyden. Als vertrautesten Freund des Prinz Regenten kann man den Generaladjutanten und Leiter des Geheimen Sekre­tariats Freiherrn Freischlag v. Freyenstein bezeichnen.

Bon den drei Söhnen des Prinz-Regenten ist der muthmaßliche Thronfolger, Prinz Ludwig, eine mittel­große, untersetzte, breitschultrige Gestalt von, rote es scheint, nicht unbedeutender Körperkraft. In Uniform sieht man ihn seltener als seinen Vater. Seme Ge­mahlin, eine geborene Prinzessin von Oesterreich-Este (Nichte der Herzogin Adelgunde), ist trotz ihrer lebenden zehn Kinder (außer einem gestorbenen) eme stattliche, schöne Erscheinung. Während des Winters pflegt Prinz Ludwig seit Anfang dieses Jahres in dem schönen und geräumigen rothfarbenen Wittelsbacher Palast an der Briennerstraße zu wohnen, den Sommer dagegen auf seiner zwischen München und dem Starnberger-See ge­legenen Besitzung Leutstetten. Obwohl das Perhältmß des Prinz Regenten zu seinem ältesten Sohne rote überhaupt zu seiner ganzen Familie ein sehr gutes und tntttgeS tfl, wird doch behauptet, daß keiner seiner Sühne irgendwelchen politischen Einfluß auf ihn ausübe und daß auch Prinz Ludwig einstweilen an der Leitung der Saatsgeschäfte keinerlei weitern Antheil habe, als seine Stellung tm Reichsrath dies mit sich bringe. In geographischen Drogen wohlerfahren, ist Prinz Ludwig Ehrenpräsident der Mün- äenet Gesellschaften Mr Erdkunde, sowie anderer wissenschaft­lichen Vereine. Aber das Hauptfeld, seiner Thütig reit, em Feld, auf dem er eine der ersten Münchener Autoritäten sem dürfte, ist die Landroirthschaft und alles wasdamttim Zusammenhang steht. Sowohl bei landwrrthschastlrchen Versammlungen als auch 6et den Sitzungen der Gesell­schaft für Erdkunde pflegt Prinz Ludwig fast niemals zu fehlen. Wer jemals Gelegenheit hat, mit dem Prinzen sich zu unterhalten, wird das Bild eines äußerst liebens­würdigen und herablassenden, namentlich m wissenschaft­licher Hinsicht hochgebildeten, dabei klar, ruhig und sicher urtbeilenben Mannes mit sich hinwegnehmen, eines Mannes, von dem man gar nichts anderes annehmen könne als daß er voll und ganz auch in Bezug auf die Gestaltung der politischen Verhältnisse in und nut ferner Zeit lebe. Thatsächlich unterliegt es nicht dem leisesten Zweifel, daß der Prroz schon seit längerer Zeit vollständig auf dem Standpunkt der gegebenen Verhältnisse steht, und zwar bei seinem offenen loyalen Charakter aus vollster innerster Ueberzeugung. Welche Politik der Prinz, wenn er zum Throne gelangt, verfolgen werde, darüber gehen die An­sichten weit auseinander. Obwohl vielfach anderweitige und ward abgezogen; war auch die äußere Thür des Schlafzimmers verschlossen, woran sie kaum zweifeln konnte, so war sie bei den beiden Leichen

So sehnlich fie wünschte, sich über ihre Lage Gewißheit zu verschaffen, wagte sie sich doch eine geraume Zeit nicht aus ihrem Versteck hervor; endlich schlüpfte sie mit abgewandtem Gesichte an den jetzt mit zwei Tüchern verhüllten Leichen vor­über und rüttelte erst an der einen, dann an der anderen Thür; ihre Vermuthuug bestätigte sich, sie waren beide verschlossen — und sie eine Ge­fangene. t .

Einige Minuten lähmten Angst und Entsetzen dem jungen Mädchen die körperlichen wie die geistigen Kräfte; sie kam sich wie eine lebendig Begrabene vor, und alle Schauergeschichten, die sie in Kalendern und Zeitschristen, welche in ihre Hände gelangt waren, mit Begier gelesen hatte, fielen ihr wieder ein. Sie kauerte sich in dem ehemaligen Wohnzimmer des alten Schmittchen in eine Ecke zwischen dem Schreibtische und dem Balkon und meinte sehr bitterlich.

Während fie so dasaß, tasteteten ihre Hande m krampfhafter Bewegung um sich; sie fuhr an

* Das bayerische Königshaus.

Dem Namen nach ist ein von unheilbarer Geistes- fcanfteit Befallener das Haupt des kümAchen Hauses A Wittelsbacher, in Wahrheit aber, obwohl des Titels Maieftät" entbehrend, der Prinz-Regen t Luitpold.

& je? 40jährigen KönigOtto find die ersten Anzeichen geistiger Erkrankung M Anfang d°r siebenzig-r Sabre hervorgetreten. Als sein Zustand sich verschlimmerte, bradite man den Prinzen, der anfänglich »n Nymphenburg bei München gepflegt und behandelt worden war, nach dem zwei Stund?» von München an der Straße nach Starnberg gelegenen, eigens für ihn hergerichteten Schlöffe Fürstenried, dessen Garten und Park nut einer hohen Stauer umschloffen find. Aussicht auf Heilung ist nicht vorhanden; dagegen kann trotz völligster Geistesumnach- iung das Leben des Kranken ein sehr langes sein. Der »tzt 67jährige Prinz-Regent Luitpold, geboren als der dritte Sohn des Königs Ludwig 1, war von Haus aus für die militärische Laufbahn bestimmt und wählte die Artillerie als Spezialwaffe. 1866 befehligte er eine der Mr bayerischen Felddivisionen; es war bei Helmstadt, wo Prinz Ludwig, der damals im lebhaftesten Feuer seine Batterie kommandirte, in der Nähe des Vaters schwer verwundet wurde. 1870 weilte Prinz Luitpold während der Schlachten von Gravelotte und Sedan im Haupt­quartier des Königs Wilhelm, war auch bei der Kaiser­proklamation zu Versailles, sowie beim Siegeseinzug in Berlin zugegen. In den späteren Regierungsjahren des Königs Ludwig II. übernahm Prinz Luitpold, der außer­dem den Vorsitz im Staatsrath führte, fast die ganze repräsentative Seite der königlichen Stellung. In einem scharfen Gegensatz zu den genialen, aber extravaganten und die ernstere Pflichterfüllung erschwerenden Neigungen Ludwigs II, geht durch den ganzen Luitpold'schen Zweig des Königshauses em Grundzug schlichter, bürgerlicher Einfachheit, der bei dem beinahe gänzlichen Mangel aller genialen und nichtgenialen Extravaganzen mit recht viel Herzensgüte und gesundem Menschenverstand gepaart ist. In Bezug auf das starke Hervortreten des Pflichtgefühls, namentlich in Bezug auf die schnelle, fleißige und sach­gemäße Erledigung kann man den Prinz-Regenten mit Kaiser Wilhelm vergleichen. Von schlankem, etwas über Mittelgröße hinausgehendem Wüchse, liebt Prinz Luitpold alle körperlichen Hebungen, und zwar am meisten die Jagd. Er gilt als ein guter Schütze und ausgezeichneter Schwimmer. Jagden von ähnlichem Umfang und ähn­lichem Waldreichtbum besitzt außer dem bayerischen wohl kaum ein anderes deutsches Fürstenhaus. Gemsen, beispiels­weise, die in der Schweiz fast ganz ausgerottet sind, ge­hören im bayerischen Gebirge noch immer zu jenen Wild­arten, die selbst der nicht auf Jagdzüge ausgehende Berg­steiger nicht selten zu Gesicht bekommt. Nächst der Jagd gilt die hervorragendste Neigung des Prinz Regenten die Kunst. Er hat schon zu einer Zeit, als an Thronansprüche seiner Linie nicht zu denken war, nach Maßgabe der ihm damals zur Verfügung stehenden Mittel namentlich jüngere Talente ermuntert, sowie Rathfchläge ertheilt, die von einem feinen Kunstverständniß zeugen. Auch heute noch ist der Prinz-Rezent in den Ateliers der Maler ein oft gesehener Gast. Bis zur Königs-Katastrophe und auch noch einige Zeit nachher lebte der Prinz-Regent nebst der zahl-

Ansichten geäußert werden, möchte ich es als das weitaus wahrscheinlichste anfehen, daß mit seiner Thronbesteigung eine wesentliche Aenderung nicht eintreten werde. Jene nicht sehr großen Verschiedenheiten zwischen Prinz Ludwig und dem Prinz-Regenten, auf die man aufmerksam zu machen pflegt, können unschwer aus der Stellung eines Thronfolgers heraus erklärt werden, ohne daß man an­zunehmen brauchte, Prinz Ludwig werde dereinst als Herrscher wesentlich anders regieren als fern Vater. Gleich feinem Vater ist Prinz Ludwig ein gläubiger Kacholik. Das Familienleben des Prinzen kann sowohl mit Bezug auf die Herzlichkeit des Verkehrs als auch auf bte äußerste Einfachst des Haushalts als ein bürgerliches bezeichnet roe$rini Rupprecht, ber älteste Sohn des Prinzen Ludwig, der voraussichtlich auch einmal König von Bayern sein wird, ist ein schlankgewachsener hübscher junger Mann von 19 Jahren, der sich seinen neuen Pflichten als Se- tonbelieutenant mit voller Inbrunst hmgibt. Bekanntlich bat ihn voriges Jahr sein Vater in Baden-Baden dem Kaiser Wilhelm vorgestellt. Obwohl bereits von einer bevorstehenden Verlobung des Prinzen Rupprecht sowie feiner siebzehnjährigen Schwester Adelgunde ine Rede ge­wesen ist, dürften derartige Angaben einstweilen verfrüht fein. Prinz Leopold, der zweite Sohn des Prinzre­genten und feit einigen Monaten Kommandeur des 1. bayerischen Armeekorps, ist durch und durch Berufssoldat. In Civilkleidung habe ich ihn niemals gesehen. Prinzessin Gisela, seine Gemahlin, eine Tochter des Kaisers von Oesterreich, besitzt die schlanke, zarte Figur eines achtzehn- jährigen Mädchens, hat sich niemals um Politik geküm­mert, liebt es aber, selbst gleich einem frohen Kinde an ben Spielen ihrer Knaben unb Mädchen theilzunehmen. Prinz Arnulf, der 35jährige dritte Sohn des Prinzre- genten, ist mit einer Prinzessin von Liechtenstein vermahlt. Er ist Kommandeur der 1. Münchener Dwision. In seiner frühem militärischen Thätigkett hat sich Prinz Arnuff besonders bemüht, das Jnfanterie-Leibreglment u. A. auch durch Einstellung der größten und schönsten Leute zu einer Elite- und Mustertruppe für das übrige Heer zu machen. Ein dritter Zweig des bayerischen Königshauses ist die von einem verstorbenen Bruder des Königs Max II. und des Prinzregenten aBftammenbe Adalbettinrsche Linie, der die Prinzen Ludwig Ferdinand (nebst Gemahlin und Kindern) und Alfons, sowie die PrinzeMnnen Isabella, Elvira und Klara angehoren. Da die Mutter eine spanische Prinzessin ist und auch der letzt 29jährige Prinz Ludwig Ferdinand eme ©panterro, näm­lich eine Schwester des verstorbenen Königs Mfons ge- heirathet hat, so bestehen seitens dieser Lime l-bhaste Be­ziehungen zur Pyrenäenhalbinsel, während anderseits die Ve?büü>ung der Prinzessin Isabella mit dem Prinzen Thomas, Herzog von Genua, eine Brücke zu den poli­tischen Verhältnissen des heutigen Italiens S^affenjat Prinz Ludwig Ferdinand hat sich in siuhern Zeiten gle ch dem später zu erwähnenden Herzog Karl Theodor viel mit Medizin beschäftigt und u. A. eine Arbeit Über bie Krankheiten der Zunge veröffentlM. Em jüngerer Bruder Prinz Alfons, der zur Zett Rittmeister im 1. schweren Reiterregiment ist, gilt als der Sportsmann des könig­lichen Hauses. Beinahe täglich kann man 'hn mtt ferner Schwester Elvira in einem Gefährt herumkutschwen fehen.

dem gedrehten Fuße des Bureaus entlang und behielt ein kleines Stück Seidenstoff zwischen den Fingern, das zwischen dem Bureau und dem Teppich, welcher sich bei ihrer Berührung etwas verschoben haben mochte, gelegen haben mußte. Gedankenlos hob sie es zu ihrem Auge empor, gedankenlos blickte fie auf da» kleine Ende finger­breiten blauen Bandes, das fie in der Hand hielt; gedankenlos starrte sie auf bte beiden Buch- staben „we", welche in schwarzer Schrift darauf gedruckt standen und das Ende eines Wortes ge­bildet zu haben schienen, das mit bent Bande durchgeriffen war.

Allmählich aber wurden Bertha s graue Augen immer größer, ihre ThrÄnen verflechten, sie richtete sich au» ihre» gebückten Haltung auf, straffer und elastischer ward ihr Körper; fie sprang empor. , . ,n

„Diese» Band hat der Mörder verloren, e» ist ihm abgerissen, während er sich hier an dem Bureau zu schaffen machte; e» hat sich unter den Teppich geschoben und ist unendeckt geblieben. Zch muß da» fehlende Ende zu dem Bande finden, dann ist mein Bruder gerettet! O, mein Gott, mein Gott!" rief sie, die Hände fallend, „Du