JV 118.
Donnerstag, den 24. Mai.
1888
* Das soziale Leben der Gegenwart.
Bei Betrachtung de» sozialen Leben« der Gegen- Mart fällt jedem unbefangenen Beurtheiler sofort ein eigentümlicher Zwiespalt in seinen Erscheinung-- formen und Aeußerungen in's Auge. Da vernehmen wir einerseits die Klage über schlechte Zeiten, die für den aufmerksamen Beobachter eines ihatsächlichen Hintergrundes nicht entbehrt, anderer- seit» aber äußert sich in Gewohnheit und Bedürf- Nissen des menschlichen Lebens der Gegenwart ein Luxus, der bei Hoch und Nieder keine Schranken mehr zu kennen scheint, und die fortlaufende Reihe prunkvoller Feste und rauschender Vergnügungen steht in argem Gegensatz zu jenem Nothschrei, der sich zeitweise in Arbeitseinstellungen und Störungen der öffentlichen Ruhe da und dort stärkeren Ausdruck verschafft.
Die Ursachen dieser betrübenden Zerterschemung find wohl ihrer Hauptsache nach innere, im menschlichen Wesen vorhandene und durch die Zeit- und sozialen Verhältnisse der Gegenwart großgezogene Lharakterfehler; es find die zwei Modethorheiten der Gegenwart: Eitelkeit und Genußsucht. Und diese von kaltem Egoismus geleiteten Angewöhnungen kämpfen mit Erfolg an gegen die Tugenden, die ein Volk wahrhaft groß und glücklich machen, gegen den nüchternen, sparsamen, wohlthätigen, gemeinnützigen Sinn. Sie drohen unser Volksleben immer mehr zu vergiften, wenn nicht mit Macht von allen wahren Volksfreunden dagegen eingeschritten wird. Allein der Geist der Einfachheit, Sparsamkeit, Mäßigkeit und dabei doch einem in gemeinnützigem Streben wetteifernden Sin- ncS kann, wenn er zur Schranke gegen das eitle und auf Genußsucht abzielende Treiben der jetzigen Menschheit werden soll, nicht auf dem GesetzeSweg unserem Volke anbefohlen werden, er muß als freie That aus dem Volke selbst herausgeboren werden, wie sich sein Gegentheil im Laufe der Zeit heraus gebildet hat.
Diese moralische Wiedergeburt unsere» Volkslebens muß von den Besten und Edelsten unseres Volkes angeregt, in „lebendigem Bilde" den unteren Volksschichten dargestellt und gezeigt werden, dann wird die jetzt so überhandnehmende, in Kleidung, Nahrung, Wohnung, Lebensgewohnheit und Lebensfitte zum Ausdruck kommende Eitelkeit und Genußsucht, dieser Krebsschaden der Gegenwart, seinen Gegner und sein Ziel finden. Wie eitle» und
Der Neffe.
Kriminalroman von F. A.
(20. Fortsetzung.)
Einer der Arbeiter, welcher am Morgen beim Ausfinden der Leichen zugegen gewesen war, erzählte seinen aufhorchenden Kameraden die grausige Begebenheit in allen ihren Einzelheiten.
Mein Lebtag hätte ich dem Baumeister Sonnenberg da» nicht zugetraut," fügte er hinzu, „war er ein Mensch wie die gute Stunde selbst. Viel eher wäre ich darauf gekommen, der Andere wäre e» gewesen."
Der Andere? Welcher Andere?" fragten die Kameraden, während Bertha hoch aufhorchte.
Der Nrffe, der Brasilianer, der Matrose," antwortete der Erzähler noch leiser, indem er sich vorsichtig umschaute. „Es fitzen an allen Tischen Mairien, sagt man was auf einen Kameraden, kann'» Keile setzen," erläuterte er sein Benehmen, W müßt wissen, es war da ein hergelaufener Mensch, ein Matrose, der sich den Neffen des alten Schmittchen nennt."
Ist er'» denn nicht?
^Muß e» doch wohl sein, denn der alte Herr
genußsüchtige» Wesen von den Vornehmen und Reichen den mittleren und unteren Volksschichten vorgelebt und — namentlich durch die in neuer Zeit so üppig sich entwickelnden Vereine und Gesellschaften auch in diese Volksklassen überge- fühlt wurde, so muß einfaches, mäßiges, gemem- nütziges Streben und Leben dem Volke in natura wieder vorgelebt werden, und auch unsere Vereine und Gesellschaften haben die Aufgabe, gegen die Vergnügunge- und Genußsucht, gegen Eitelkeit und Prahlerei anzukämpfen u. auf Wiedererzeugung emes sparsamen und gemeinnützigen Sinne» hinzuwirken. Aber wie können sie da» bewerkstelligen? Nun, jeder Verein veranstaltet doch in immer rascherer Wiederkehr seine Feste, Ausflüge, Bälle oder be- theiligt sich an solchen. Diese Gelegenheiten haben meist mit dem Hauptzweck der betreffenden Vereine ganz wenig zu thun, veranlassen aber doch die Gesellschaft sowohl, wie die einzelnen Mitglieder zu außerordentlichen Ausgaben. Wie nun, wenn diese Anlässe einmal um die Hälfte nur vermindert würden und wenn wiederum die Hälfte de» Geldes, das an solch' einem nicht verlebten, „vergnügten Tag" verjubelt worden wäre, dazu verwendet würde, unverschuldeter wirklicher Armuth zu steuern, und die andere Hälfte al» Unterstützungsgelder für die Mitglieder bei vorkommenden Un- glücksfällm zinstragend anzulegen, so wäre durch ein solche« Verfahren wohl allen Betheiligten geholfen. Und wie viel Roth und Elend findet sich doch in jeder Gemeinde? Wie könnte oft durch die in Genuß und Eitelkeit vergeudeten Mittel so manche Famllie, so mancher Mensch vor physischem, geistigem ober moralischem Untergang bewahrt werden! Und die sozialen Aufgaben der Gegenwart sind nicht klein, sie steigern sich von Tag zu Tag, und herz- und gefühllos muß der Mensch sein, der in Genuß und eitler Selbstsucht sein höchste« Lebensziel erblickt und da» Elend gewisser Stände nicht sehen will und nicht sieht.
Deutsches Reich.
Berlin, 23. Mai.
* Der Kaiser hatte eine gute nur wenig durch Husten und Auswurf gestörte Nacht. Vormittags unternahm der Kaiser mehrfache Rundfahrten im Park, empfing die zu den Vermählung«- seierlichkeiten eingetroffenen Fürstlichkeiten und erledigte Regierungsgeschäfte. In den späteren hat ihm Alle« vermacht. Dem Kerl mit seinen schwarzen Zigeuneraugen traue ich nicht über den Weg."
„Und Du meinst, er habe - nachgeholfen, um eher zu der Erbschaft zu gelangen?" fragte der eine der Zuhörer und machte eine sehr bezeichnende Geberde. _
„Kein Gedanke daran! Der Herr Edgar Wanderer ist schon seit ein paar Tagen in Bremen; nein, der Baumeister ist's gewesen, die Sache ist sonnenklar."
Er erzählte nun, welche Beweise man rn Sonnenbergs Zimmer gefunden, und die arme Bertha erfuhr ßtzt zum ersten Male, wie erdrückend der Verdacht auf ihrem Bruder lastete. Das muthige Herz ward ihr centnerfchwer, längst schon hatte fie Messer und Gabel au» der Hand gelegt.
„Hat er'» denn eingestanden?" hieß es an dem nebenstehenden Tische. ,
„Rein, er leugnet, aber das wird,hm nichts helfen: morgen um neun Uhr sind mit Alle wieder nach Hellburg bestellt. Rath Schwendler ist höllisch hinterher, er will draußen mit uns Allen noch ein Verhör anstellen, und Sonnen
Nachmittagsstunden kam der Kaiser nach Berlin, um der Kaiserin Augusta einen Besuch akzustattten. — Im Zimmer Mackenzie'» verweilte der Kaiser am Freitag zum ersten Mal seit der Anwesenheit in Charlottenburg. An den Wänden des Zimmers sind verschiedene Karrikaturen, mit welchen deutsche und ausländische Witzblätter den kaiserlichen Leibarzt beehrt haben, aufgehängt. Der Kaiser sah alle diese Bilder mit dem regsten Interesse an und gab wiederholt seinem Vergnügen darüber scherzenden Ausdruck. — Die Ueberste dlung des Kaisers und der Kaiserin nach Schloß Friedrichskron bei Potsdam erfolgt, wie verlautet, bereits am Sonntag.
* Die Prinzessin Irene ist in Begleitung ihre» Vaters, de» Großherzogs von Hessen, und de» Erbgroßherzogs heute Vormittag 11 Uhr in Marburg eingetroffen, woselbst sie von dem Hofstaat und den zum Ehrendienst kommandirten Herren feierlich empfangen wurde. Deputationen von Damen und Landmädchen überreichten der hohen Braut Blumen. Das Publikum begrüßte dieselbe enthusiastisch. — Die Nachricht, die Prinzessin Irene sei von ihrer Großmutter, der Königin von England, ausgestattet worden, ist unzutreffend. Die Ausstattung ist durch den Großherzog von Hessen erfolgt. Allerdings hat die Königin Viktoria ihrer Enkelin kostbare Geschenke verehrt. — Der Kaiser wird bei der morgen stattfindenden Gala- tafel anläßlich der Vermählung des Prinzen Heinrich durch den Kronprinzen vertreten sein.
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leihung des Rothen Adlerordens zweiter Klosse mit dem Sterne und Eichenlaub an den Geheimen Medizinalrath Professor Dr. Rudolf Virchow.
* Der Landtagsabgeordnete Mund (Centrum) ist im Alter von 72 Jahren an der Lungenentzündung gestorben. Er vertrat den Wahlkreis Köln II. „
* Aus Westfalen sollen, wie dem.Wielkopo- lanin' von Paderborn geschrieben wird, 5 0 Leh r e r in den Provinzen Posen und W^stpreu- ßen eintreffen und schon zum 1. Juni d. I. in die für sie bestimmten Lehrerstellen eintreten. Sre sind sämmtlich kathol,scher Konfession, sprechen aber nicht polnisch. c ,
* Die Grundsteinlegung für da» Huttendenk- mal auf der Ebernburg hat am Dienstag stattgefunden, begleitet von einer Festrede Gneist'S.
berg wird auch aus dem Kriminalgefängnisse hinausgebracht. Neben der Leiche wird er wohl gestehen."
In diesem Augenblicke kam Stine mit der Meldung, die Stuben oben wären in Ordnung, und die resolute Käthe Püttrich trat hinzu und rüttelte den Bauer, der beide Arme aus den Tisch gestemmt , den Kopf darauf gelegt hatte und ein lautes Schnarchen hören ließ.
„Wacht auf, wacht auf!" schrie sie: ihm in» Ohr, „Euer Bett ist in Ordnung, Ihr könnt Euch hineinlegen. Vater — wie heißt er doch?"
„Vater Lebrecht aus Brunskoppel," sagte Bertha mit großer Geistesgegenwart, den Vornamen ihres Vater» und ein benachbarte» Dorf, in dem er ebenfalls ein Gut besau, nennend, da sie emsah, der Name Sonnenberg müsse fie schnell zum Gegenstände der Neugierde machen.
Vater Sonnenberg ermunterte sich und stieg in Begleitung der Mithin und feiner Tochter die schmale Holzstiege hinauf. E» wurden ihnen zwei mäßig große aneinanderstoßende Zimmer angc- wiesen, von denen da« eine nach der Straße und das andere nach dem Hofe ging, und die jedes I ein mit blaukarrirten Ueberjügen bezogenes Bett,
Inserate: Die einspaltig« Zeile oder deren Raum IS Pf., be, Wiederholungen entsperrender Stabatt.