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Mittwoch, den 23. Mai.

M117.

1888

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Jnserate^Die etnfpaltige Zeil« oder deren Raum 15 Ps, der Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Der Neffe.

Kriminalroman von F. A.

(19. Fortsetzung.)

So ging es noch verschiedene Male, Lauf­burschen, Dienstmädchen, Lastträger, Hökerinnen wurden angerusen; die Fragenden erhielten ent­weder gar keine Antwort oder wurden mit eurem mehr oder minder derben Scherzworte abgefertigt. Bertha saßte sich endlich ein H-rz und wandte sich an einen gutaekleideten älteren Herrn, der denn auch stehen blieb und ihr zwar nicht den Blauen Affen" nachweisen konnte, aber doch den Weg nach St. Pauli beschrieb, wo er zu finden sein sollte.

Der Weg war weit, die Septembersonne ent­sandte noch einmal glühende Strahlen, Bertha erlag säst unter der Last der schweren Taschen und auch dem alten rüstigen Bauer ward es nach- aerade der Anstrengung zu viel. Zu der Müdig­keit gesellte sich bei ihm auch noch der Hunger; et hatte erwartet, bei dem Schwiegervater feine« Sohnes zum Verlobungsmahle geladen zu werden und deshalb nicht gefrühstückt.

Dennoch schleppte er sich und ,rme Begleiterin Straße aus, Straße ab, bis sie endlich die zwischen Hamburg und Altona am Elbuser eingeschobene

Deutsches Reich.

Berlin, 22. Mai.

• lieber das Besinden des Kaisers ist heute Morgen 9 Uhr folgendes Bulletin ausgegeben worden: Das Befinden Sr. Majestät des Kaisers hat in den letzten Tagen erfreuliche Fortschritte gemacht. Husten und Auswurf sind mäßig, Fie­ber ist nicht vorhanden. Seine Majestät find viel im Freien und machen fast täglich Ausfahrten. Mackenzie, v. Wegner. Krause. Hovell. Leyden. Senator.

• Der .Reichs-Anzeiger' veröffentlicht einen Kaiserlichen Erlaß, mittelst deflen die Sr. Majestät vom Reichskanzler unterbreiteten Be­kanntmachungen zur Ausführung des § 66 des Reichs-Militärgefetzes rücksichtlich der im Mobil- machungsfallMm Militärdienst einberufenen Reichs­beamten genehmigt werden.

* Der Korrespondent des .Daily Telegraph' meldet angeblich authentisch, daß die Veröffent­lichung der Verlobung des Prinzen Alexander von Battenberg mit der Prinzessin Viktoria gelegentlich der Hochzeit am Donnerstag stattfin­den werde. ~ ,

• Anläßlich des Schicksals der Posener Damen-Adresse, welche zwei Mal zurückkam mit dem Vermerk: „Annahme verweigert", ohne daß die Kaiserin etwas davon wußte, machen die Konstanzer Nachrichten folgende Bemerkung: Be- kanntlich geschah vor zirka 20 Jahren in Baden etwas Aehnliches. Damals hatte das badische katholische Volk sich in Maffenpetitionen an den Großherzog gewendet mit Beschwerden gegen das nationalliberale Ministerium Jolly. Aber ein sehr großer Theil dieser Petitionen war abhanden ge­kommen und so gar nicht zur Kenntniß des Groß- herzoas gelangt. Die Sache kam aber später doch an den Tag. und als Thäter entpuppte sich der Chef des großberzoglichen Civik-CabinetS, ein National-Liberaler vom reinsten Waffer. der dann sehr ungnädig vom Großherzog entlaßen wurde.

• Die zuständigen Bundesrathsausfchüffe treten am Freitag wieder zusammen, um die Berathung des Gesetzentwurss betr. die Alters- und In- validenversorgung der Arbeiter fortzu-

* Der diesjährige Deutsche Juristentag

tritt am 11 September in Stettin zusammen. Auf der Tagesordnung stehen u. A. Fragen, dis sich auf das neue bürgerliche Gesetzbuch beziehen.

• Wiesbaden, 21. Mai. In allen Kreisen der katholischen Bevölkerung ist man ungehalten darüber und hält es für eine Härte, daß den Mädchen, die int Auslands bei Schwestern und nicht in einer staatlichen Anstalt ihre Studien ge­macht haben, trotz dem in Preußen bestandenen Examen die Anstellung int öffentlichen Schuldienste versagt bleibt, und zwar unter Berufung auf eine Weisung der Kultusministers. Selbst der „Ver­such" einet provisorischen Aushilfe wurde rück­gängig gemacht. Diese vollständige Abweisung ist für viele Eltern um so härter, als bei uns ein staatliches Lehrerinnenseminar nicht existirt. Wäre früher amtlich und öffentlich die Sachlage bekannt- gegeben worden, dann hätten die Eltern danach ihre Maßnahmen treffen können; aber das ist nicht geschehen. Um so weniger gerechtfertigt muß jene „Weisung" erscheinen. Viele wollen darin erkennen, daß auf indirektem Wege trotz der „Wiederzulaffung" einer Anzahl von Ordensge- nofienschaften der „Klosterktieg" sortgeführt wird.

AnSlarrd.

* Die Luxemburger Thronfolger frage kann bei der Kränklichkeit und dem hohen Alter des kinderlosen Königs der Niederlande jeden Augenblick die Tagesfrage werden. Geheimrath Hermann Schulze in Heidelberg führt in der ,All. Zkg.' Die Erbvertrage unv die vtesvezugltqen Hausgesetze sehr übersichtlich auf und sagt schließ­lich: Mit dem Tode König Wilhelms EL ist die Kronprinzessin Wilhelmine Königin der Nieder- lande, während im Großherz-gthum Luxemburg der einzig noch übrig gebliebene Zweig der Wal- ramischen Linie, das Haus Naflan-Weilburg oder die herzoglich naflanische Linie von Rechtswegen den Thron zu besteigen hat. Dieselbe ist vertreten durch den Herzog Adolf, geboren den 14.. Juli 1817, und beffett Sohn, den Erbprinzen Wilhelm, geboren 1852. Außerdem ist in dem Hanse noch ein Agnat, Prinz Nicolaus, geboren 1832. vor­handen. Mit dem Tode König Wilhelms III. würde daher augenblicklich die Personalunion zwischen dem Königreich und dem Großherzogthum Luxemburg aufhören und eindeuischesFürsten-

Vorstadt St. Pauli erreichten. Er hatte sich nun einmal darauf gesteift, int „Blauen Affen" einzu­kehren, und ging in seinem Eigensinne nicht eher davon ab, als bis ihm von einem Matrosen lachend der Bescheid gegeben war, der „Blaue Affe" existire schon feit zehn Jahren nicht mehr. „Gehen Sie nach der „Meerkatze', fügte Jener hinzu, „roenn’s denn nun einmal partout ein Affen­thier sein muß."

Jetzt blieb dem Alten nichts übrig, als in einem der Wirthshäuser niederen Ranges, an denen in St. Pauli kein Mangel ist, ein Unterkommen zu suchen; es ergab sich dabei aber auch eine ganze Reihe von Schwierigkeiten. Die Herbergen waren zumeist für Seeleute eingerichtet und nahmm nicht gerne andere Gäste auf; aus ein paar Häusern entwich Bertha voll Entsetzen beim An­blick der rohen Gesellen, welche dort die Gaststube füllten; in anderen, wo sie allenfalls geblieben wären, konnte der Vater mit dem Wirths über den Preis nicht einig werden.

Endlich traten sie in die ihnen von dem Ma­trosen bezeichnete Herberge, über deren Thür ein Schild befestigt war, auf welchem ein Künstler, welcher nicht sparte, die Farben handhoch aufzu­tragen, eine braunschwarze langgeschwänzte Meer­katze auf himmelblauem Grunde abgebildet hatte.

haus den Thron von Luxemburg besteigen, welcher ihm nach dem Ecbverein von 1783 und den Bestimmungen der Wiener Kongreßakte, wie der luxemburgischen Verfassung unzweifelhaft ge­bührt. Luxemburg hat 213 000 Einwohner und ist durch den Londoner Vertrag vom 11. Mai 1867 ein neutraler Staat unter dem Schutze der Groß­mächte, Hollands und Belgiens. Doch ist es beim Zollverband geblieben, wie es auch vor 1866 dem deutschen Zollverband angehörte. Militär hat Luxemburg seit 1868 keines mehr.

* Paris, 21. Mai. Die Bonapartisten zeigen sich neuerdings recht rührig. Wie es heißt, soll eine Versöhnung des Prinzen Victor mit seinem Vater Jerome bevorstehen. Prinz Victor hat die Bildung eines großen RomiteS genehmigt, welches sich ausschließlich mit der Agitation für die Auf­lösung der Kammer und die Verfassungsrevisiou beschäftigen soll. Ein förmlicher Agitationsplan ist ausgearbeitet. — Die 14 größten Dampfer der französischen Gesellschaft „Messagerios" und „Transatlantique" sollen derart umgestaltet werden, daß sie im Kriegsfälle als Kreuzer verwendet werden können.

* R o m, 21. Mai. Die Encyclica an die brasilianischen Bischöfe enthält zunächst den Aus­druck der Genugthuung des Papstes über die ge­legentlich des Jubiläums erfolgte Abschaffung der Sklaverei, gibt sodann eine historische Ueberstcht über die Sklaverei im Alterthum, sowie über die Umwandlung der Gesellschaft durch das Christen- vijum uno oiapumuiU uen uuaj Qifiueuuen Menschenhandel und die Sklaverei in Sansibar, in Sudan, in Aethiopien und Egypten. Der Papst verlangt die Abschaffung der Sklaverei, in- dem er besonders die Regierungen auffordert, die Missionärs zum Wohle der Freiheit der Sklaven zu unterstützen.

* Am Montag hat die feierliche Eröffnung der Weltausstellung zu B a r c e l o n a durch die Königin- Regentin von Spanien in Gegenwart des Herzogs und der Herzogin von Edinburg, des Herzogs von Genua und des Prinzen Rupprecht von Bayern stattgefunden. Beim Rundgange wurde die Königin Namens des deutschen Gentialcomltes durch den spanischen Generalkonsul in Berlin Eugen Landau begrüßt. Di« Königin sagte eingehende Besichtigung der Ausstellung der deutschen Sektion zu.

Das schmale vierstöckige Haus sah auch nicht eben einladend aus; in der zur ebenen Erde belegenen Gaststube zechten, rauchten und spielten Matrosen, aber Bertha war mit ihrer Kraft am Ende. Noch ehe der Wirth aus seinem Verschlage hervorgetreten war und nach dem Begehren der neuen Ankömm­linge gefragte hatte, sank sie auf eine dicht neben der Thür stehende Bank und ließ die Tasche aus den Händen gleiten.

Der alte Sonnenberg fragte nach Quartier, aber der Wirth zuckte die Achseln. „Alles besetzt ; es kommen jetzt zum Herbste gar viele Schiffe in den Hafen und die Meerkatze —"

„Kann auch einmal ein sauberes Dirndl' be­herbergen, man biegt bei Euch so niemals ein Weibergesicht zu sehen, das des Anblickens werth wäre," mischte sich ein Matrose ins Gespräch.

Erschrocken sprang Bertha auf, ergriff ihren Vater am Arme und wollte ihn unter dem lauten Gelächter der Umfltzenden wieder hinausziehen; aber eine kräftige, sauber gekleidete Frau mit derben gutmütigen Zügen und einem sehr resoluten Gesichtsausdrucke, legte ihr die breite rothe Hand auf die Schulter und drückte sie wieder auf die Bank nieder.

„Bleiben Sie nur hier, Jungfer", sagte sie im Hamburger Plattdeutsch, „in der „Meerkatze"