Dienstag, den 22. Mai. 1888
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Deutsches Reich.
Berlin. 21. Mai.
• Das Herrenhaus tritt ebenso wie das Abgeordnetenhaus am nächsten Freitag wieder zusammen. Wahrscheinlich erfolgt schon am Sonn- abend der Schluß der Session.
»Da» Volksschullastengesetz, wel- Lc» im Abgeordnetenhause durch ein Kompromiß »wischen Centrum und Deutschkonservativen gegen die Wünsche der fanatischen Anhänger der Staats- schulen abgeändert und angenommen wurde, hat die Zustimmung de» Herrenhauses nicht gefunden. Minister v. Goßler trat besonder» scharf gegen die durch eine Mehrheit von 107 Stimmen bekräftigte Auffassung auf, daß das Gesetz eine Ver- foffungränderung involvire. Und da» Hau» der Herren fand darin keine Aenderung der Ver- stsiung. Damit hat da» Gesetz eine hochwichtige prinzipielle Bedeutung erlangt. Da jeder Abgeordnete den Eid auf Die Verfassung geleistet, han- delt e» sich bei der vorliegenden Frage um eine Gewiffenrsache sehr ernster Natur. Zu der Mehr- beit de» Abgeordnetenhauses gehörte da« Centrum, alle Deutschkonservativen und Freisinnigen, sowie selbst manche Freikonservativcn und Nationalliberalen. In Gewissenrfragen gibt c» kein Transi- giren und darum kann die gewaltige Mehrheit de» Abgeordnetenhauses ihren Beschluß der Regierung zu Liebe nicht ab ändern. Da» Centrum wird unter diesen Umständen nicht für da» Gesktz zu haben sein und s-st uva™. s» wünscht den Gemeinden von ganzem Herzen die Erleichterungen, aber nicht um den Preis einer Berfasiungsverletzung und unter Preisgabe der Rechte der Gemeinden auf der Schule. Auch der .Kreuzztg/ kommt der Herrenhausbeschluß etwa» rund vor. Sie schreibt: „Das caudinische Joch, durch welches alle Diejenigen hindurch ge- zwungen werden sollten, welche ihren Eid auf die Verfassung nicht unter mittelparteiliche Cartell- rücksichten zu stellen geneigt waren, ist von Herrn v. Scholz den» doch gar zu sichtbar aufgerlchtet. Die .Kreuzztg/ glaubt deshalb nicht, daß die Conservativen im Abgeordnetenhause sich vor den „parteipolitischen" Gründen der Staatsregierung beugen würden. Und auch der ,Freis. Ztg/ gefällt da» Auftreten de» Herrn von Goßler, mit dem sie sonst in der Frage der Verstaatlichung
Der Neffe.
Kriminalroman von F. A.
(18. Fortsetzung.)
„Was thut das, Vater?" In einer Viertelstunde geht der Kurierzug," entgegnete Bertha gleichmüthig, „der überholt den da noch."
„Der Kurierzug!" fuhr der Alte auf, „der Kurierzug, was fällt Dir ein? Meinst Du, ich habe mein Geld auch gestohlen? Mit dem Kurierzug fahren, der halbmal so iheuer ist als der Personenzug und keine dritte Klasie hat, nein, daraus wird nichts."
„Dann mußt Du bi» Nachmittag warten."
„Wenn wir uns nur wenigstens von zu Hause etwa» zu esien mitgenommen hätten," brummte der Alte, während er sich auf eine Bank sitzte, „hier wird Alle» ein Heidengeld kosten."
„Wär'» nicht bester, wir führen so lange nach Hamburg hinein? Hier können wir doch nicht gut bleiben," schlug Bertha vor, „man könnte dann doch auch hören, wa» au» Georg geworden ist."
„Kümmert mich nicht," versetzte der Alte hart. „Kannst'» in der Zeitung zu lesen bekommen, die kommt ja leider auch nach MaleMe."
Ein dumpfer Stöhnen, da» sich bei diesen W):
der Schule ein Herz und ein Sinn ist, nicht. Sie schreibt am Schluffe eine» Leitartikel»: „Lehrreich aber ist e» insofern, al» nunmehr, und zwar gerade gegen Schluß der Wahlperiode zum zweiten Male der Beweis geliefert ist, daß die gegenwärtige Regierung selbst mit einem so durchaus regierungsfrommen Abgeordnetenhause nicht im Einvernehmen bleiben kann, sondern, ehe man sich beffen versteht, in Konflikt geräth."
• Frankfurt a. M., 27. Mai. Da» Komitö für die Errichtung eine» Kaiser Wilhelm Denkmals in hiesiger Stadt hatte auch die Frankfurter katholische Geistlichkeit zur Theilnahme an den diesbezüglichen Sammlungen eingeladen. Dieselbe hat nun eine deutliche und nicht mißzuverstehende Antwort darauf gegeben und sagt: Im Frankfurter Frieden vom 10. Mai 1871 mußten die Franzosen zurückgeben, was sie uns früher genommen hatten. Es ist ein altes Gesetz der höheren, über den Menschen stehenden Gerechtigkeit, daß Unrecht nicht verjährt, und daß die Sache nach ihrem Herrn schreit zum Himmel: „res clamat domino“. Wir wurden an diese ethischen Grund- ges tze erinnert, al» wir die Anfforderung lasen, welche da» Komitü für da» zu errichtende Kaiser Wilhelm Denkmal der hiesigen katholischen Geistlichkeit zusandte, um sie zur Theilnahme an den diesbezüglichen Beiträgen einzuladen. — Noch sind die 16'/, Millionen Mark dem katholischen Cleru» in Preußen nicht zurückgezahlt worden, welche im Kulturkampf ihm durch 12jährige
— auch im Vergessen. Wenn der katholische Cleru» trotz seiner patriotischen und konservativen Gesinnung in vorliegender Angelegenheit sich der bescheidenen Zurückhaltung befleißigt, so möge männiglich erfahren, daß der Cleru» im Herzen und in der Börse noch eine Lücke verspürt, die auszugleichen eine sehr dankbare Aufgabe für die hochverehrten Landtagsabgeordneten der Stadt Frankfurt abgeben würde. Die Schrift sagt: „reddite, quae sunt Caesaris Caesari et quae sunt Dei Deo.“ Und das preußische Königshaus hat die schöne Devise: „suum cuique.“ Wird dieser gerechte Wunsch erfüllt werden, dann wird auch der Cleru» mit seinen Beiträgen nicht zurückbleiben.
»Freiburg, 19. Mai. Dem ,Bad. Beo-
ten seiner Brust entrang, belehrte die Tochter darüber, wie gewaltsam e» in ihm arbeitete und wie nahe ihm da» Schicksal de» Sohne» ging, den er zu verstoßen und zu verleugnen vorgab. Sie that, al» bemerkte sie nicht» davon und sagte, sich neben ihn setzend, in einem gleichgültigen Gesprächstone: „Wie hat Dir eigentlich das Fräulein Widmann gefallen?" MMMM
Der Alte zwinkerte mit den Augen. „Ein Püppchen wie qu» Porzellan, fürchtete wohl, ich würbe sie zerbrechen, wenn sie mir ordentlich die Hand gäbe. Schnitt ein ganz verdammtes Gesicht über den Schwiegervater und die Schwägerin."
„Und Georg hatte ihr doch gesagt, daß er der Sohn eine» Bauern sei," stimmte Bertha eifrig bei; „wie hat die stch Landleute gedacht?"
„Wie auf dem Theater; ich glaube, sie hatte die ganze Geschichte satt, nachdem ste uns Beide gesehen hatte,"
„Hast Du da» auch bemertt ? Es sah gerade au», al» komme ihr ber umersuck>unariichter mit feiner Anklage gan ^legen."
„Sie und die D0rne^mt Sippe, sie waren froh, au» dem H^del herauszukommen," nickte der alte Sonnen^™
„Merkst Du nun, warum Alle so eifrig waren,
bachter' wird von hier geschrieben: Die Abhaltung der Katholiken-Versammlung in Freiburg gewinnt nachgerade den Charakter einer aktuellen Frage. In hiestgen Kreisen hält man den Plan auch in diesem Jahre durchaus nicht für unausführbar, wenn alle verfügbaren Kräfte mit vollem Eifer und mit Hintansetzung aller persönlichen Rück- sichten stch der Sache roibmen. An unb für sich wäre bas nächste Jahr für bie hiesige Katholikenversammlung gewiß zweckmäßiger unb günstiger gewesen, aber ro:nn wir vor bie Alternative gestellt werden, entweder in diesem Jahre ober erst nach mehreren Jahren, so kann bie Wahl nicht schwer fallen.
Ausland.
» Die Oesterreicher haben mit ben in bie Herzegowina übergetretenen Banden aus Montenegro wenig Federlesen» gemacht. Die Banden sind bereit» zerstreut, bezw. über die Grenze zurückgc- worfen. Der Hauptführer, Milutta, wurde getödtet.
»Pari», 18. Mai. Die 17. französische Katholiken-Versammlung ist programmmäßig eröffnet worden. Die erste Sitzung hat in den Räumen der Geographischen Gesellschaft stattgefunden, einem Saale, welcher weitaus nicht so groß ist, wie z. B. die Trierer Festhalle, die im letzten Jahre die Generalversammlung der deutschen Katholiken aufgenommen hatte. Die Sitzung hatte unfern Erzbischof zum Piästdenten. Der AW- W
sichtlichen Eindruck auf die Zuhörer. Alsdann verlas Hr. Jules Bonjean, ein Sohn des Märtyrer» der Kommune von 1871, den Bericht über die eucharistischen Kongreffe, und zuletzt ergriff der Erzbischof da» Wort, um Über die Verdienste de» seligen Lasalle und de» seligen Grignon von Montfort zu sprechen, welche beide Frankreich angehören. Wie verschieden ist doch die Beurtheilung dieser Französischen Katholiken-Versammlung im Vergleich mit Deutschland! Dort kann sich sogar da» offiziöse Preßbureau der Pflicht nicht ent- ziehen, über die Versammlung zu berichten; hier aber enthalten sich, wie jede» Jahr, auch die sog. Boulevardblätter konservativer Richtung jeder Berichterstattung über die Versammlung. Hingegen füllen heute z. B. im Gaulois die Theater-
Georg anzuklagen?" fragte das Mädchen. „Vater, sollen wir auch so an ihm handeln, wie jene Stadtdamen?" , ,, , .,.
Der Alte horchte hoch auf, antwortete aber nicht und Bertha fuhr fort: „Soll sie sagen: ich habe ein Recht, ihn von mir zu stoßen, denn der eigene Vater und die Schwester halten ihn für einen Dub und Mörder! Schon um dem herzlosen Geschöpf nicht den Gefallen zu thun, dürfen wir Georg nicht im Stiche lassen."
Da» wäre nicht so uneben," knurrte der Alte. „Niederträchtig ist'» von ihr; ist er zum Schelm geworden, wer ist daran schuld al» jie ? Aber so sind die Stadtdamen." _
„Beweisen wir ihr, daß wir bester sind, bieiben wir hier." . . , .
„Du hast gut reden, was wird aber aus der
„C bie können Heinz unb seine Frau schon ein Weilchen allein besorgen," lächelte Bertha in dem Gedanken, wie wohl e« dem ältesten Bruder und der Schwägerin thun würde, einmal per Bevormundung de» Vater» überhoben zu sein. „Du wolltest ja so wie so nicht sogleich wieder zurückkehren." „ . „
„Na, ein paar Tage könnte man es allemal!«