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JV 111.

Dienstag, den 15. Mai.

1888

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Inserat!: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. ___________

Deutsche- Reich.

Berlin, 14. Mai.

• Die Besserung in dem Befinden des Kaisers schreitet in erfreulicher Weise fort. Zwar bestehen, wie der ,N. A. Z.' von ärztlicher Seite berichtet wird, seit wenigen Tagen leichte Schlingbeschwerden, wie dieselben im Verlaufe der Krankheit schon öfter vorübergehend vorhanden waren. Indessen kann das Fieber al» beseitigt gelten, da die geringen Erhöhungen der Abend- temperatur kaum über die Norm hinausgehen. Der Schlaf ist in den letzten Nächten, besonders nach­dem auch die Eiterabsonderung sich wieder ver­ringert hat, wenig unterbrochen und stärkend. Die Nahrungsaufnahme ist ausreichend und geht nicht ohne Appetit vor sich. Daß Letzterer nicht so be­trächtlich ist, wie bei der Entfieberung und der Zunahme der Kräfte erwartet werden könnte, er­klärt fich leicht aus dem in den letzten Wochen zur Anwendung gekommenen Systeme relativer Ueber- ernährung. Der hohe Patient fühlt sich so ge­kräftigt, daß die Bewegungen rm Zimmer seit Sonnabend ohne jede Unterstützung mit großer Leichtigkeit ausgesührt werden. Der gehobene Kräftezustand gestattet auch wieder eine etwas um- fangreichere geistige Beschäftigung, welche indeflen bei der immerhin auch jetzt noch gebotenen großen Vorsicht nur schrittweise sich ausdehnend wieder ausgenommen werden darf. Bei Eintritt günstigen Wetters dürfte in nächster Zeit ein Aufenthalt int Freien möglich sein.

• Die Kaiserin empfing gestern Profeffor Dr. Virchow nach seiner Rückkehr aus Aegypten. — Virchow wird dem Vernehmen nach mikroskopische Untersuchungen der Eiterabsonderungen des Kaiser- vornehmen.

* Zu dem gestrigen Diner bei Sr. K. K. H. dem Kronprinzen war u. A. auch Profeffor Dr. von Bergmann mit einer Einladung beehrt worden.

* Da» Abgeordnetenhaus nahm heute in zweiter Abstimmung da» Volkrschullastengesetz un­verändert nach den früheren Beschlüssen an. Abg. v. Rauchhaupt erklärte, daß die Konservativen ihre weitere Stellungnahme von den Beschlüffen des Herrenhauses abhängig machten. Die Vorlage, betreff, die Verbefferung der Oder und der Spree wurde nach kurzer Debatte mit den Anträgen

Der Neffe.

Kriminalroman von F. A.

(13. Fortsetzung.)

„Gute kleine Schwester", murmelte er, „Dein Zutrauen thut wohl, aber wa» vermagst Du?"

Plötzlich erschien neben dem Köpfchen seiner Schwester ein anderer Kopf mit reichen hellblonden Flechten, mit einer weißen klaren Stirn, blauen Augen voll Güte und Klugheit und einem schön gerundeten und doch energischen Kinn.

„Meta, Meta Schmittchen", flüsterte er, „meine holde Freundin, mein guter Kamerad, hält sie mich auch für den Mörder ihres Onkels?"

Mit grausiger Deutlichkeit sah er jetzt den alten Mann, dem er gestern lebend noch freundschaftlich die Hand gedrückt, in seinem Blute liegen, den ehrlichen Martin sich im Tode-kanipfe winden, und wie von Furien gejagt, sprang er auf und rannte von Neuem auf und ab, bi» er erschöpft zusammenbrach.

Nach Stunden, welche dem Gefangenen eine Ewigkeit bäuchten, holte der Aufseher ihn endlich zum Verhör ab. Der Untersuchungsrichter hatte ihn absichtlich warten laffen und auch verboten, ihn vor dem Verhör den Wunsch nach anderer

Schorlemer wegen Erleichterung der Adjacenten des Dortmund-Emshafenkanals hinsichtlich der Grund­erwerbskosten in zweiter Lesung angenommen. Ein Antrag der Rechnungskommission bezüglich der ver­späteten Ausgaben fortan von einer nachträglich zu ertheilenden Genehmigung Abstand zu nehmen, wurde mit 135 gegen 132 Stimmen an die Kom­mission zurückverwiesen. An der Debatte bethei- ligte sich u. A. Abg. Virchow, dem seine Freunde zu seiner Rückkehr aus Egypten einen Blumenstrauß auf den Platz gelegt hatten. Präsident v. Köller, der heute wieder zum ersten Male prästdirte, wur­den durch den Abg. Berger die Glückwünsche des Hauses zu seiner Wiedergenesung unter allseitigem lebhaften Beifall ausgesprochen. Morgen 10 Uhr: 3. Berathung der Oder-Spree-Vorlage.

* Die jüngsten Konferenzen zwischen dem Kron­prinzen und dem Reichskanzler sollen der Frage der schleunigsten und billigsten Beschaffung der Geldmittel gegolten haben, welche zu Vorschüssen und Unterstützungen an dieUeberschwemmungs- beschädigten erforderlich sind. Die Gelder würden, wie verlautet, zunächst vorschußweise aus Reichsfonds — Reichs-Jnvalidenfonds, Festungs- baufonds rc. — entnommen.

• Nach längerer Krankheit ist heute der Weih­bischof Dr. Korytkow»ki in Gnesen gestorben.

Ausland.

• Wien, 13. Mai. In Gegenwart des öster­reichischen Kaiserpaare» sowie de» ganzen Hofe» hat heute die feierliche Enthüllung des Maria« Theosia-Denkmalstattgefunden. — Hr. v. Schönerer hat gegen da« Urtheil in seinem Prozesse wegen der Ruhestörungen vor der Redaktion des .Neuen Wiener Tagebl.' Revision eingelegt. Am Sonn­abend fand in der Kaiserstadt an der Donau eine große Schönerer-Demonstration statt. Viertausend Menschen durchzogen die Straßen, brachten Schönerer Ovationen, sangen die Wacht am Rhein und das deutsche Lied u. s. w. Einige Verhaftungen wur­den vorgenommen. Zu militärischem Einschreiten war keine Veranlassung.

• Der bulgarische Geschäftsträger in Bel­grad hat die Aufmerksamkeit der serbischen Re­gierung auf das Treiben von Banden an der serbisch-bulgarischen Grenze gelenkt. Seitens der serbischen Regierung wurden entsprechende Maß­nahmen zugesetzt. Der König von Serbien ist Kleidung zu erfüllen; er war Seelenkenner genug, um zu verstehen, welche Pein dem Angeschuldigten dieser Festanzug sein müsse und er hielt die An­wendung eine» solchen kleinen seelischen Tortur­mittels für erlaubt, da die allzu humane neue Gesetzgebung jede» körperliche Zwangsmittel dem Richter aus den Händen genommen.

Rath Schwindler begann sein Verhör mit kühler Geschäftsmäßigkeit durch die Generalfragen und erkundigte fich dann nach Sonnenberg'» Erziehung und Bildungsgang, indem er die Frage stellte, wie e« komme, daß er als der Sohn eines Land- manneS das Baufach studirt habe.

Sonnenberg lächelte bitter und entgegnete: „Finden Sie auch darin einen Verdachtsgrund, Herr Rath? Meinen Sie, ich fei lediglich in der Abficht Architekt geworden, um einmal einen reichen Bauherrn zu erschlagen?"

Der Untersuchungsrichter warf dem jungen Mann unter seinen Brillengläsern hervor einen strengen kalten Blick zu und sagte schärft „Ver­gessen Sie keinen Augenblick, wo Sie sind und weßhalb Sie sich hier befinden, es könnte Ihnen da» sehr übel bekommen."

„Ich bin bereit, jede Frage zu beantworten, bte zur Sache gehört, nur begreife ich nicht —"

nach Wien gereist. Die Regentschaft führt wäh­rend seiner Abwesenheit der Ministerrath.

* Auch in Lille hat Boulanger eine enthu­siastische Aufnahme gefunden, doch fehlte e» hier auch nicht an Gegendemonstration, infolge deren es blutige Köpfe gab. Bei einem Bankett hielt der Exgeneral eine große Rede, in der er die gegen ihn gerichteten Vorwürfe als eine Insur­rektion der Kammer gegen die Wähler bezeichnete. Nach dem Bankett gab es wieder Schlägerei. In Valeneienms verwehrte sich Boulanger dagegen, daß er nach der Diktatur strebe und einen An­griffskrieg wünsche. Uebrigens sind die Re­publikaner mit der Reise Boulanger'S zufrieden. Die Thatsache, daß auf die Kundgebungen für Boulanger allenthalben Gegenkundgebungen statt­finden, wirtt beruhigend. Bei der Wahl im De­partement Jsöre ist der Radikale Gaillard ge­wählt worden. Der Opportunist Girard erhielt 37,673 Stimmen; auf Boulanger entfielen nur 14,223.

* Das Befinden des in Mailand weilenden Kaisers von Brasilien veranlaßt zur Zeit keine Besorgnisse mehr. Seine Tochter, die Prinzessin- Regentin von Brasilien erhielt anläßlich der Ab­schaffung der Sclaverei vom Papste die goldene Rose.

* In Barcelona findet heute die Eröffnung der internationalen Ausstellung statt. Die Königin- Regentin von Spanien wird die Eröffnung per­sönlich vollziehen; dieselbe ist vorgestern von Madrid nach Barcelona abgereist.

* Rom, 12. Mai. Der Papst empfing schon heute Abend die erste Hälfte der deutschen Pilger, etwa 200 an der Zahl, um morgen nicht zu müde zu werden. Sein Aussehen war sehr gut; er sprach mit Allen in gütigster Weise. Die Pilger wurden einzeln zu ihm geführt. Heute früh las Kardinal Melchers in der Peterskirche für die Pilger eine hl. Messe, wobei General-Kommunion stattfand. Hierauf folgte noch eine Ansprache.

* Rom, 13. Mai. Heute wohnten die deutschen Pilger in der fixtinischen Kapelle der Messe des hl. Vaters in Gemeinschaft mit den Pilgern au» Mexiko bei. Bei der Audienz waren Abends etwa 300 Pilger anwesend. Der Papst wurde im Trag- fessel an allen vorbeigetragen. Am Schluffe dankte Fürst von Löwenstein für die Güte des Papste» gegen die deutschen Pilger. Der Papst antwortete,

„Zu beurteilen, was zur Sache gehört, steht mir zu, nicht Ihnen", unterbrach ihn der Rath. „Sie haben lediglich zu antworten."

„Oder auch zu schweigen, denn so viel verstehe ich von der Rechtspflege, daß Niemand gezwungen werden kann, sich selbst zu bezichtigen, indeß will ich antworten, denn ich habe nichts zu verschweigen, und so mögen Sie denn auch erfahren, wie e» gekommen, daß ich nicht das Land bebaue, sondern Häuser erbaue. Ich bin der jüngere Sohn, mein Bruder erbt das Gut; meine Mutter wollte gern einen Pastor aus mir machen urib so würbe ich nach Kiel auf bie Schule geschickt; ich hatte aber keine Lust zum geistlichen Stande unb setzte es bei meinen Eltern durch, daß ich nach Berlin auf die Bauakademie gehen unb nachher noch ein paar Jahre reifen bürste."

„Ihr Vater ist aber al» geizig bekannt."

„Das ist er", bestätigte Georg, „er hält jeben Pfennig zu Rathe unb lebt noch ganz so wie e» feine Voreltern gethan, damals lebte aber meine Mutter noch unb bie wußte ihm abzubringen, was sie zum Wohle ihrer Kinder für durchaus not­wendig hielt. Außerdem kann er, wenn sein Stolz geweckt wird, plötzlich freigebig werden, ich