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1888

Montag, den 14. Mai.

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* Auswanderung nach Amerika.

Da die Auswanderung nach Amerika durch allerlei Mittel seitens der Jntereflenten gefördert wird, so halten wir es für unsere Pflicht, einem Aufsätze, welcher der .Köln. Volksztg.' dieser Tage au» New-Aork von kundiger Seite eingesandt worden ist und die Dinge im großen Ganzen richtig schildert, an dieser Stelle weitere Verbrei­tung zu geben. Es heißt dort:

„Wer drüben irgend sein Auskommen hat, und wem nicht schwerste Heimsuchungen das Weilen in der alten Heimath bis zur Unerträglichkeit vergällten, der bleibe im Lande! Hier in Amerika harren seiner gar bittere Enttäuschungen; eine schwere „Lehrzeit" steht ihm bevor, und in verhältnißmäßig seltenen Fällen findet er hier das geträumte oder ihm vorgespiegelte Glück. Wer in der alten Heimath arbeiten will, wie er in der neuen Heimath es muß, wer drüben ungenirt zugreifen will und sich vor keiner Art ehrlichen Erwerbes scheut, wie er es hüben thun muh, der wird auch dort, und wohl leichter und bester, finden, was er hier suchen möchte. Standes­dünkel findet er auch hier; die gewähnte Gleichstellung der Klaffen ist längst schon zur Sage geworden. Schlimm.r noch ist es aber um den Rechtsschutz bestellt. Unsere Ge­richtspflege ist ein Hohn auf alle Rechtsbegriffe. Unsere Richterwillkür hat in der alten Welt nicht ihres Gleichen. Sei im Besitze und du bist im Recht 1 das ist der Grund­ton zahlloser richterlichen Entscheidungen von niedrigster bi» zur höchsten Instanz. Weigert z. B. ein Arbeitgeber die Ausbezahlung des ausbedungenen Lohnes, so ist der­selbe auf gerichtlichem Wege in nur wenigen Fällen ein­zutreiben, wenn der oder die Betrogene überhaupt sich zu helfen weiß, und wird schließlich das Facit gezogen, so bleibt, nach Abzug der Unkosten, für di« klagende Partei meistens blutwenig übrig. Bei Beträgen unter 15 Dollars muß der gewinnende Kläger gar oft noch daraufzahlen. Dienstboten beiderlei Geschlechts hängen thatsächlich hin­sichtlich der Lohnzahlung fast gänzlich von dem guten Willen ihrer Brodherrschast ab. Tagelöhner sind nicht besser gestellt, und selbst Handwerker, welche unter gewissen Be­dingungen und weitaus nicht in allen Fällen für sich ein besonderes Gesetz (lien law) geltend machen können, müffen froh sein, wenn sie nach langwierigen, kostspieligen und zeitraubenden Scheerereien zu ihrem Gelde kommen. Deßhalb klagen auch die wenigsten der also um ihren sauer verdienten Lohn Betrogenen, deren Zahl Legion ist. „Grüne", das sind noch nicht mit den hiesigen Berhält- niffen vertraute und hier heimisch gewordene Eingewan­derte, sind solchen Schwindlern gegenüber, wenn nicht er­fahrene Freunde sich ihrer annehmen, gänzlich hilflos...

„Wie in Amerika die Großindustrie den Hand­werkerstand sich schier bedingungslos dienstpflichtig gemacht hat, so droht der in erschreckender Weise anwachsende Großgrundbesitz unsern kernigen Bauernstand zu er­drücken. Unsere Ungeheuern Bundesländereien sind durch die Kongresse der letzten 25 Jahre in frechster Weise ver­schenkt, verschleudert worden. Areale, welche an Größe gar manchem deutschen Fürstenthume gleichkommen, sind durch schamlosesten Schwindel in die Hände von Speku­lanten gelangt, reiche Ausländer, vorzüglich Briten, haben

Der Neffe.

Kriminalroman von F. A.

(12. Fortsetzung.)

Nunmehr kehrte Schwendler nach Hellburg zurück, ließ einen der Unterbeamten zur Aufsicht dort, traf seine Verfügungen über die Aufhebung und vorläufige Verwahrung der Leichen und fuhr dann in Begleitung zweier Polizisten nach Buchen­berg, um, wenn Sonnenberg sich wirklich dort be­finden sollte, das heikle Geschäft auszuführen, ihn von der Seite seiner Braut hinweg ins Gesängniß zu führen.

Er kam just zur rechten Zeit, um die Vorlesung des Ehekontraktcs und die Erklärung des alten Sonnenberg mit anzuhören.

Der unbedachte Ausruf des Architekten, als er ihm feine Verhaftung ankündigte: „Sie können mich nicht für Herrn Schmittchen's Mörder halten I" kam einem Eingeständnisse gleich; am allcrschwersten fiel jedoch die Anklage de» eigenen Vaters und das Verhalten der Braut in's Ge­wicht, da Schwendler keine Ahnung von den eigentlichen Motiven der jungen Dame haben konnte.

enorme Landstrecken aufgekaust, kurzum, was noch an öffentlichen Ländereien vorhanden, das ist für den ein­fachen Landmann kaum begehrenswsrth. Mit kleinen Mitteln läßt sich der Ackerbau hier zu Lande überhaupt nicht mehr lohnend betreiben. Wer nicht Tausende von Dollars für Farmland ausgeben und noch weitere Tausende in Maschinen und Vieh anlegen kann, der findet nicht mehr seine Rechnung auf der Farm. Er kann fich glück­lich schätzen, wenn er mit sauerer Arbeit und unter schweren Entbehrungen für sich und die Seinen des Leibes Roth- durft zu beschaffen und sich schuldenfrei zu erhalten ver­mag. Wer aber gar mit Schulden anfängt, dem wird es bei allem Fleiß und aller Tüchtigkeit kaum möglich sein, sich aus denselben herauszuarbeiten. In den Hypotheken­büchern ist der Farmbestand massenhaft vertreten. Auch ein Pachtsystem, um das uns di« Landbarone in Irland beneiden können, haben wir seit einigen Jahren. So hat ein Großgrundbesitzer, der in Europa wohnt und nicht an's Auswandern denkt, sehr große Grundstücke in Iowa, Illinois, Kansas und Nebraska an sich gebracht, und läßt dieselben von Pächtern bewirthschaften, welche kontrakt­gemäß jede auf ihr Pachtland entfallende Steuerumlage aus eigener Tasche bestreiten und obendrein pünktlich den vollen Pachtzins entrichten müssen. Zahlen sie aber nicht prompt, dann erlischt ihr Kontrakt, und sie müssen mit ihrer armseligen fahrenden Habe abziehen ohne für das, was sie auf der gepachteten Farm Neues geschaffen, auch nur einen Cent Entschädigung beanspruchen zu können. Der Grundbesitzer läßt auf seinem Grund und Boden weder Gebäude errichten, noch Reparaturen vornehmen, noch irgendwelche Verbesserungen, wie Drainirung rc., an­legen. Für alles derartige haben seine Pächter zu sorgen, und lassen dieselben die Verbesserung der Grundstücke sich angelegen sein, erhöhen sie mit ihrem Gelds und mit ihrer Arbeit deren Werth und Ertragsfähigkeit, dann müssen sie gewärtig sein, daß der „Lord" ihnen den Pachtzins erhöht. Die Pächter sind fast sämmtlich Deutsche, untermischt mit Allerdings könnten die

Legislaturen der genannten Staaten gegen dieses schänd­liche, aus Irland importirte Pachtsystem einschreiten; ob sie es aber mit der nöthigen Energie thun werden, das steht sehr in Frage. Wer kein Handwerk versteht, und auch durch grobe Arbeit als Knecht, Tagelöhner oder Handlanger nicht sein Brod verdienen kann, der denke erst recht nicht an's Auswandern nach den Vereinigten Staa­ten und nehme in der alten Heimath selbst mit der be­scheidensten Stellung fürlieb.....

„Allerdings klingen die hiesigen Lohnsätze und Ge­halte, aus Dollars in Mark oder Gulden übertragen, recht verlockend; denn in einem Dollars stecken 4 Mark 35 Pfg. oder 2 Gulden 57 Kreuzer österreichischer Wäh­rung; aber die Kaufkraft des Geldes ist hier vollauf um die Hälfte geringer als drüben, wozu noch kommt, daß viele der unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse theils durch unsern in den wesentlichsten Punkten unsinnig hohen Zoll­tarif, theils durch Produzenten-Bündniffe (Trusts und Rings) und gesetzlich beschützte und privilegirte Monopole vertheuert werden, so z. B. Kohlen, Petroleum, alle wol­lenen Gewebe, Eisen- und Stahlwaaren rc. Ferner ist der Miethzins sehr hoch. Summiren wir nun auf, so ergibt sich folgendes Resultat; Der Lebensunterhalt kommt hier sehr hoch zu stehen, Arbeit ist rar, der Verdienst gering und so ungewiß, daß verhältnißmäßig nur wenige Arbei-

Georg Sonnenberg hatte ihr nicht verhehlt, daß er der Sohn eine» Landmannes sei, und weit entfernt, daran Anstoß zu nehmen, hatte Ada diese Herkunft ihres Erwählten sehr poetisch gefunden, sich viel von seiner holsteinischen Heimath erzählen lassen und eine Idylle geträumt, welche die ihr in Gestalt de» alten Bauern und seiner schüchternen, unbeholfenen Tochter entgegentretende Wirklichkeit sehr unsanft zerstörte. Sie fühlte ihren Stolz empfindlich gedemüthigt. Georg, der stolze liebenswürdige Mann, den sie zu lieben ge­glaubt , ohne den nicht leben zu können sie be­hauptet hatte, erschien ihr neben dem plumpen Vater und der einfachen Schwester lange nicht mehr so begehrenswerth.

Als ihr Vater das Wort nahm, um die Ver­lobung zu verkünden, machte sie unwillkürlich eine Bewegung, ihn daran zu verhindern und wohl einfehend, daß dies unausführbar fei, kam sie sich wie ein Opfer vor und grollte Georg, um dessent- willen sie es bringen mußte.

Die Unterbrechung war ihr wie eine Befreiung gekommen und sie redete sich mit der ihr eigenen geistigen Beweglichkeit sofort ein, daß sie an Sonnenbergs Schuld glaube, hatte sie doch da-

ter, selbst geschickte Handwerker nicht ausgenommen, das ganze Jahr hindurch Verdienst haben. Wer im Jahre nur zwei oder drei Monate feiern muß, der kann noch von Glück sagen. , ... Mit den Schilderungen der mei­sten Deutsch-Amerikaner, welche,'in bequemen Ver­hältnissen lebend, gelegentlich der alten Heimath einen Be­such abstatten, stimmt meine Darlegung der Verhältnisse allerdings wohl nicht überein; denn „übi bene ibi patria“, und wenn Jemand drüben Acker- oder Hausknecht gewesen, und hier zu Geld und Gut, und damit auch zu Ansehen gekommen ist, so kann man es ihm wahrlich nicht ver­argen, wenn er die neue Heimath über den Schellenkönig lobt. Ferner ist zu bedenken, daß diese Leute zu einer Zeit einwanderten, in welcher die Sachen hier noch weit besser standen, als heutzutage, und zuletzt ist noch in Be­tracht zu ziehen, daß solche amerikafrohe Menschen den Satz beherzigt haben: „Wandernder Baum schlägt nicht Wurzel", und deshalb wenig von den Vereinigten Staa­ten gesehen und noch weniger sich darum gekümmert haben, die hiesigen Zustände eingehend kennen zu lernen, sofern sie deffen nicht benöthigten, um Dollar auf Dollar häufen zu können. Das Studium von Land und Leuten ist hier eben kein Brodstudium. Ebenso unzuverlässig sind die Mittheilungen in den meisten aus Amerika in die alte Heimath gesandten Privatbriefen, und je rosiger die­selben gefärbt sind, desto vorsichtiger sollten sie drüben ausgenommen werden. Abgesehen davon, daß verhältniß­mäßig sehr wenige Eingewanderte, gleichviel wie manches Jahr sie schon im Lande sein mögen, über die allgemeinen Zustände in ihrer neuen Heimath genügend unterrichtet sind, um dieselben richtig darstellen und beurtheilen zu können — abgesehen von dieser gewiß erklärlichen und entschuldbaren Unwissenheit der genannten Briefschreiber, sind dieselben selten geneigt, ihren Freunden und Ver­wandten drüben die ungeschminkte Wahrheit kund zu thun. Sie bemänteln vielmehr das erduldete Ungemach und über­treiben die ihnen zu Theil gewordene Glücksgunst. Nicht selten senden sogar gerade Diejenigen, welche hüben küm­merlich ihr Leben fristen müssen mit- ungewohnter Arbeit­glänzende Berichte über ihr Wohlergehen nach drüben, weil sie sich der Wahrheit schämen. Diese eiteln Prahlhänse richten mit ihrem Großihun, allerdings wohl unwillentlich und unwissentlich, viel Unheil an, indem sie Andere zum Verlassen der alten Heimath verleiten. Jungen arbeits­fähigen und arbeitsamen Personen, welche drüben nichts zu verlieren und deshalb auch ihre Sache auf nichts gestellt haben, möchte ich nicht vom Auswandern nach unseren Küsten abrathen. Alle klebrigen aber han­deln sehr in ihrem Jntereff-, wenn sie meinem wohlge­meinten Rathe folgen und sehr reiflich überlegen, ehe sie ihre Auswanderungsgelüste zur That werden lassen. Sie mögen den alten'Spruch beherzigen: Ein Sperling in der Hand ist besser als eine Taube auf d-m Dache.

Deutsches Reich.

Berlin, 12. Mai.

* lieber eine Ueversiedlung des Kaisers nach Potsdam bezw. später Wiesbaden gehen noch immer allerlei Nachrichten durch die Press?. Neuer­dings will man u. A. wissen, im Falle andauernde durch vor sich selbst die triftigste Entschuldigung, sich kalt und hart von ihm adzuwenden.

Hatte Rath Schwendler wider Willen doch noch Zweifel an der Schuld des jungen Archit-kten ge­habt, als er nach der „Schmalzburg" aufgebrochen war, so verließ er sie mit der Usberzeugung, daß es der Justiz gelungen sei, wenige Stunden nach der Verübung des Verbrechens schon den Thäter aufzusinden und dingfest zu machen.

Im Gesellschaftsanzuge, im Frack, weißer Weste und weißer Binde ward Georg Sonnenberg in da» Kciminalgefängwß zu Hamburg eingeliefert, kaum daß man ihm Zeit gelassen hatte, den im Vor­zimmer abgelegten Paletot überzuziehen. Da» erste Wort, welches er an den ihn in Empfang nehmen­den und durchsuchenden Gefängnißaufseher richtete, war denn auch die Forderung, man solle nach Hellburg schicken und anders Kleidungsstücke für ihn holen lassen.

„Ich hoffe, mich zwar nicht lange hier aufzu- halten," fügte er hinzu, „aber ich kann mich auch nicht eine Stunde länger in diesem Anzuge sehen; der Kontrast ist zu bitter."

„Wird sich Alles finden," erwiderte der Auf­seher trocken, indem er seinem Gefangenen die