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J\1 104 Sonnabend, den 5- Mai. 1888

Die Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Bonn« und Feiertage ausgenommen. Bierteljährlicher AbonnementSpreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 R. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf. Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Zweites Blatt.

8 Ein Arirhlingswort zum

Vogelschutz. (Nachdr. verb.)

Wieder ist der Frühling da mit seinen Freuden, die das fühlende Herz lauter schlagen lasten. Mit dem lockigen Knaben hielten aber auch eine statt­liche Zahl gefiederten Sänger ihren Einzug in das Land, uns den Sommer über mit ihren Trillern zu erfreuen. Wie wonnetrunken blickt nicht da« kleine Auge zwischen dem Grün der Bäume hin­durch, al» wüßte e», was seine Töne der fühlen­den Menschenbrust gelten!

Aber wie wenig anerkennen mir, was uns die jetzt wiederkehrenden Gäste find! Der Vogel ist der einzige Soldat, den wir gegen die Feinde alle« Grün« in Flur, Garten und Wald, die Insekten, aurschickm können. Er allein verzehrt ihr Fleisch, er allein kann sie mit Erfolg in den Lüften ver­folgen. So ist der Vogel, der Singvogel, in der That der beste Flurwächter. Der ausgediente Soldat mit der abgeblaßten Mütze muß hinter den Singvögeln zurücktreten; denn er kann dem Unberechtigten den Zutritt auf fremdes Gut dann nicht verwehren, wenn der Flurdieb — Flü­gel hat. Oder kehrt sich etwa der gefräßige Mai- käfer daran, wenn ich über der Thüre meines Obst- garten« in weithin sichtbaren Buchstaben die Worte anbringen laste:

„Verbotener Eingang" ?

Wie große Verdienste sich aber die Vogelwelt um die Landwirthfchaft erwirbt, kann sich Jeder ausrechnen, wenn er bedenkt, daß z. B. das Weißkehlchen täglich mindestens 480 Infekten ver­zehrt. 20 Stubenfliegen reichen ihm zu einer Mahl­zeit kaum au», und eine halbe Stunde „nach Tisch" hat das Vögelchen schon wieder Hunger. Die Rech­nung ist leicht zu machen. Setzen wir „das Früh­stück" auf 6 Uhr früh an und „das Nachteffen" auf 6 Uhr Abends, so braucht da« Weißkehlchen täglich 24 Mal die Serviette, macht 24 X 20 Fliegen, also rund 480 Stück!

Doch der Appetit der Segler-Schwalbe ist noch größer. Der Aufgang der Sonne ruft sie zur Ar­beit, und ohne einen Augenblick au«zuruhen, segelt sie in der Lust ihrer Beute nach. E« ist gewiß nicht übertrieben, wenn wir annehmen, daß die Segler-Schwalbe zehn Mal mehr Fliegen verzehrt, al« da« Weißkehlchen, besonders wenn sie Junge

auszuziehen hat. Rechnen wir nun in ein Dorf 200 Schwalben, so steht es fest, daß täglich in dem Dorfe 200 X W X 480 = 960,000 Flie­gen verzehrt werden, abgesehen von den Wespen, Hornisten und anderen Raubinsekten mit giftigem Stachel, die so nebenbei als „Nachtisch" verschna- bulirt werden.

Wie viel Kirschen, Aepfel und Birnen rettet nicht der böse Spatz den Bewohnern Frankreichs! Trotzdem aber fallen schlimme Zungen tagtäglich Über ihn her: tröste er sich in dem Bewußtsein, daß nun eben einmal unter der Sonne die Tugend verkannt wird, daß es aber darum doch nicht die schlechtesten Früchte find, an denen die Wespen nagen! Wohl zählt der Landmann die paar Aehren, die ihm da oder dort so ein hungeriger Schlucker von einem Spatz ausgekörnt hat, oder er entrüstet sich, wenn er auf dem reichgesegneten Kirschbaum einige abgenagte Früchte entdeckt: aber er berech­net in seiner Kurzsichtigkeit und Ungerechtigkeit nicht, daß ihm der Spatz für jedes Körnlein, das er aus Hunger abgepickt, minde­stens 40Aehren vor denJnfekten geret­tet hat! Und fliegt denn die Wohlhabenheit zum Haus hinan«, wenn der arme Spatz in den Win­termonaten einige Körnchen von der Tenne weg- pickl? Ist Dir, Du kurzsichtiges Menschenkind, sein dankbares „Pip, pip" nicht soviel werth, al« ein „Vergelt'« Gott!" au« dem Munde des be­schenkten Armen?

Mancher Spatz, sagen wir es, um der Wahr­heit die Ehre zu geben, stirbt au« Hunger zur frostigen Winterszeit. Run weiß aber Jedermann, daß Einem, der die Dieberei handwerksmäßig betreibt, so etwa» nicht leicht pasfirt; denn ehr­liche Leute verhungern lieber, al« daß sie stehlen; also. . .

Doch auch die Krähe, welche die Liebe de« Laudmanne« sonst nicht eben besitzt, bringt dem Ackerbau jährlich mehr al« eine Million ein. Ihr Gefieder ist zwar nicht reizend, ihre Stimme Alles eher als angenehm, dazu würgt sie manches Weiß­kehlchen, manche Nachtigall, auch Rothkehlchen, Reb­hühner und sogar junge Kaninchen, allein die Sün­den, die sie durch das Abwürgen der genannten Thierchen auf dem Gewissen hat, werden reichlich ausgewogen, wenn man die große Zahl der Mai­käfer und Hirschkäfer bedenkt, welche die Krähe den Sommer über verzehrt. Gehen wir einmal zur Saatzeit auf das Feld. Wir treffen hinter jedem

Pfluge eine Schaar von 8—10 Krähen, wie st eifrig die frisch aufgeworfenen Erdschollen nach allen Seiten behacken, um den Engerling herauszufan­gen. Zutraulich schreitet die Krähe hinter dem Ackersmann einher, ohne sich vor ihm oder dem Gespann, wie sonst, zu fürchten. Was bringt aber dieser schwarze, ausgehungerte Aehrenleser der Land- wirthschaft ein? Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß dieKrähe dem Landmann jedes­mal eine Garbe rettet, wenn sie einen Engerling wegfängt. Ich könnte leicht mehr Beispiele von dem Nutzen der Vögel und besonders der Singvögel anführen. Aber wird mein Bitten um Schutz für die gefiederten Sänger ein geneig­tes Ohr finden? Nehmen nicht da und dort noch ein Jahr wie das andere muthwillige Menschen­kinder den Singvögeln die Nester aus trotz „Vogel­schutz-Verein" ? Und wird nicht heute noch in Ita­lien die nützliche Lerche zu Tausenden weggefangen und gegeffen? Kann man sich da noch wundern, wenn schon im Lenzmonat die Bäume kahl dastehen und ihre entblätterten nackten Arme klagend gen Himmel strecken? Wahrhaftig, manche Gegend und manches Land stände wirthschastlich bester, und nie würde die HungerSnoth mit ihrem bleichen Gespen- stergesichte an die Thüren klopfen, wenn wir die uns nützlichen Vögel bester schonten. Anerkenne daher endlich Jeder, daß, wenn wir fortfah­ren, die Singvögel zu vertilgen, die Insekten ihrerseits so überhand nehmen werden und überhand nehmen müssen, daß sie — uns fressen."

Literarisches.

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Die soeben erschienene zweite Lieferung rechtfertigt die von uns dem Werke beim Erscheinen der ersten Lieferung mit auf den Weg gegebene Empfehlung vollkommen. Eine Durchsicht des Textes, welcher die Völkerschaften Sibiriens, sowie Russisch-Centralasien und dessen Bewohner behandelt, beweist, daß der Autor die neuesten Forschungen verwerthet hat. Was wir an dieser zweiten Lieferung ganz besonders rühmen können, das ist die reiche Ausstattung mit Illu­strationen, die neben dem, daß sie den Text erläutern, bei künstlerischer Ausführung dem Werke zur großen Zierde gereichen. Das Werk, das ein epochemachendes zu werden verspricht, wird einen Ehrenplatz in der Bibliothek des Ge­lehrten wie jeder gebildeten Familie einzunehmen bean­spruchen dürfen und sei darum auf's Neue von uns bestens empfohlen.

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